Ein Wochenende im Engadin: Murmeltiere, Gletscher und Sicht bis (fast) nach Milano

Für GlobeSession ist Bernerin Eva Hirschi bis ins Graubünden gefahren und hat im Engadin unabsichtlich 450 Höhenmeter erwandert, mit fremden Menschen in Bademänteln geplaudert und erfahren, warum im Hotel Walther eine Zeitlang Schweizer Soldaten die einzigen Gäste waren.

Zugegeben, etwas müde sind wir nach der langen Anreise schon, denn ganze viereinhalb Stunden dauert die Fahrt ab Bern – mit Umsteigen in Zürich, Chur und Samedan – bis wir im bündnerischen Pontresina ankommen. Umso froher sind wir, dass am Bahnhof auch schon der Chauffeur bereitsteht, der uns in unser Hotel bringt. Ein Wochenendausflug, der sich aber allemal lohnt, wie sich schon bald zeigt.

Nun, eigentlich war bereits die Anfahrt – typisch Graubünden – ein Erlebnis. Insbesondere, als dass wir von Chur bis Samedan mit der Rhätischen Bahn unterwegs waren. Diese steht übrigens auf der Strecke von Thusis nach Tirano unter UNESCO-Welterbe. An verschiedenen Stellen scheint die dazu aufgenommene Lautsprecherdurchsage dies bestätigen zu wollen und gibt Informationen über die Viadukte oder die Tunnel zum Besten.

Ein Hotel mit Geschichte

In Pontresina übernachten wir im bekannten Hotel Walther, einem der traditionsreichsten Hotels Graubündens. Von aussen fast einem kleinen Schloss ähnelnd, beeindrucken im Innern des Jugendstil-Hauses sogleich die Belle-Époque-Elemente, die sich mit modernem Design vermischen. Mit einem Besuch im Hotel Walther wird man unweigerlich auch ein bisschen Zeuge der Geschichte: Das 111-jährige Bestehen des Grand Hotel widerspiegelt sich in verschiedenen Facetten.

In unserer Suite liegt das Buch von Christian Walther auf, der das Hotel von 1963 bis 1997 geführt hatte: „Im Turm war niemals eine Suite“. Darin hat er die hundertjährige Geschichte des Hotels aufgearbeitet. Es handelt sich dabei nicht einfach um eine Chronologie, sondern um ein historisches Dokument, das mit alten schwarz-weiss Fotografien, Originaldokumenten aus dem Ende des 19. Jahrhundert und viel Wissen aber auch amüsanten Anekdoten angereichert ist. So soll zum Beispiel Lenin hier ein Pilsner-Bier getrunken und laut Überlieferung im Gästebuch die Widmung „Le monde sera, mais il sera d’une autre façon“ hinterlassen haben.

Während den Boom-Zeiten 1910/11 beherbergt das Hotel im Schnitt 140 Hotelgäste täglich. Der Erfolgsgeschichte wird allerdings mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs ein abruptes (wenn auch zumindest temporäres) Ende verschafft. Das Hotel geht in den Besitz der Bündner Kantonalbank über und zeitweilen nutzen sogar Schweizer Soldaten das Grand Hotel als Schlafstätte. 1945 werden dann Hans und Mary Walther mit dem Wiederaufbau des Hotels beauftragt und werden später dessen Eigentümer. 1963 übernehmen Sohn Christian und seine Frau Barbara das Hotel und investieren in dessen Umbau. Seit 1997 führen nun Thomas Walther und seine Frau Anne-Rose das Hotel und haben es letztes Jahr zu grossen Teilen neugestaltet. Heute erstrahlt das Hotel in neuem Glanz und bietet nicht mehr Tagelöhnern, sondern Gutbetuchten ein Bett.

Gespräche statt Smalltalk

Auch wenn man sich in einem Viersternehotel befindet, welches seit 1993 zur Hotelvereinigung Relais & Château gehört, so ist die Stimmung dennoch ausgesprochen familiär. Herr und Frau Walther sind sehr präsent, plaudern und scherzen mit allen Gästen, kümmern sich um deren Wohlbefinden. Und auch die Angestellten – von welchen einige schon über zwanzig oder gar dreissig Jahre bei den Walthers arbeiten – sind aufgeschlossen, freundlich, herzlich. Der Kellner Daniele etwa verrät uns, wie er im Sommer Steinpilze suchen geht und oft einen Teil seiner Ausbeute den Walthers oder den Gästen verschenkt, die Rezeptionistin Annalena erzählt, wie sie das ganze Jahr in ihrem Wohnwagen auf dem Campingplatz von Morteratsch wohnt, von Sabrina am Empfang sollen wir der Wirtin Pia des Gasthauses Paradis auf der Alp Languard einen Gruss ausrichten und Herr Walther macht mit uns Scherze über die Deutschen, die gerade einen WM-Match gegen Schweden gewonnen haben.

Diese lockere Stimmung ist ansteckend, und so tauscht man auch selber ein paar Worte mit dem lediglich in Bademantel gekleideten älteren Ehepaar im Lift und stellt ihnen Fragen zum Wellnessbereich, statt verlegen auf den Boden zu schauen, oder man winkt den anderen Hotelgästen zu, die bei der Haltestelle auf der gegenüberliegenden Strassenseite auf den Bus warten. Dies alles trägt dazu bei, dass man sich rasch als Teil der Institution Walther fühlt – kein Wunder besitzt das Hotel sehr viele Stammgäste aus nah und fern. Nicht nur aus verschiedenen Kantonen der Schweiz reisen die Besucher an, auch aus Italien, Deutschland oder Frankreich pilgern sie jedes Jahr ins Hotel Walther.

Pelzige Begleiter auf dem Weg ins Paradies

Auch wenn man locker den ganzen Tag im gemütlichen Hotel Walther verbringen könnte, so zieht es uns doch in die Berge. Praktisch: Das Hotel stellt sogar einen Wanderrucksack zur Verfügung. Wir packen Wasser, Sonnencrème und Windjacke ein und lassen uns an der Réception ein paar Ratschläge für Wanderungen geben. Wenige Minuten später sitzen wir auch schon auf dem Sessellift, der uns auf die Alp Languard bringt. Von dort aus machen wir zuerst die Wanderung ins „Paradis“, beziehungsweise zur Hütte mit dessen Namen, die hier auf 2540 m.ü.M. am Piz Albris liegt.

Unterwegs hören wir auf einmal einen Pfiff, zuerst sind wir uns nicht sicher, ob es vielleicht nicht doch ein Vogel gewesen war. Und dann sehen wir etwas Braunes, Flauschiges durch das Gras laufen. Nein, keine Katze – es ist tatsächlich ein Murmeltier! Und dann sehen wir noch eins. Und noch eins. Zum ersten Mal in unserem Leben sehen wir diese Tiere, wir freuen uns wie kleine Kinder. Nachdem wir sie eine Weile beobachtet haben, gehen wir weiter, überqueren einen Bach und nehmen den letzten, etwas steileren Abschnitt in Angriff und erreichen bald das Gasthaus. Wie versprochen richten wir die Grüsse aus und bestaunen die wunderschöne Sicht auf das Viertausender-Massiv des Bernina. Nach einer Stunde Wanderung benötigen wir aber noch keine Pause und so gehen wir weiter, bis der zweistündige Rundweg wieder bei der Sesselliftstation endet.

Heisses Wasser und Ricola

Im Hotel hatte man uns von dort den Panoramaweg nach Muottas Muragl empfohlen, wir entscheiden uns kurzerhand um und nehmen aus purem Bauchgefühl den etwas höher gelegenen Klimaweg, der ebenfalls bis nach Muottas Muragl führen soll. Genau gelesen hatten wir die kleine Wanderkarte aber nicht und so finden wir uns ahnungslos auf einer doch etwas anspruchsvolleren Wanderung wieder, auf welcher wir 450 Höhenmeter (statt 160) und 3,5 Stunden (statt 2,5) zurücklegen – uns gefällt’s! Diese Richtung hat den Vorteil, dass man sich die Aussicht über die Oberengadiner Seenplatte erarbeiten muss und nicht bereits nach der Standseilbahnfahrt geschenkt kriegt: Zuerst sieht man den St. Moritzer See mit dem bekannten Ferienort, dann den Champferersee, den Silvaplanersee und schliesslich den Silsersee in der Ferne glitzern. Der Klimaweg heisst übrigens so, weil Thementafeln über den Klimawandel aufklären und die bereits sichtbaren Veränderungen im empfindlichen Alpenraum aufzeigen. Trockenmauer, Dämme und weitere Verbauungsmassnahmen sieht man auf der Strecke immer wieder – sie schützen das Dorf vor Felssturz wegen der steigenden Permafrostgrenze.

Nach der fünfstündigen Wanderung sind wir doch einigermassen erschöpft und kehren zurück ins Hotel. Für die müden Muskeln tut das sprudelnde Wasser des Jacuzzi und das nach Ricola (dessen Kräutergarten man in Pontresina übrigens ebenfalls anschauen kann) riechende Kräuterdampfbad gut. Der moderne Wellnessbereich Aqua Viva ist des Hotels grosser Stolz; mit Hallenbad, Whirlpool, Solarium, Sauna und Wasserdampfbad. So wie zuvor das ältere Ehepaar im Lift schmeissen auch wir uns in die Bademäntel und geniessen die erfrischende Entspannung.

Sicht bis Österreich und Italien

Am nächsten Tag überwinden wir noch mehr Höhenmeter – allerdings nur mit der Bahn. Dies jedoch nicht aus Kraftmangel, denn zu unserer Überraschung verspüren wir nämlich keinen Muskelkater, vielleicht dank dem entspannenden Spa und dem komfortablen Bett im Hotel Walther. Aber wir haben weniger Zeit zur Verfügung und wollen die Bergfahrtenkarte nutzen, die uns das Hotel für diese zwei Tage geschenkt hat – unser GA wäre auf der Diavolezza-Bahn nicht gültig und auf der Corvatsch-Bahn nur zum halben Preis.

„Bei klarem Wetter sieht man von dort oben das Berner Oberland und – wenn man Glück hat – sogar fast den Dom in Milano“, lachte Herr Walther am Morgen, als wir ihm von unseren Plänen erzählten. Wir haben zwar nach einem strahlendblauen Samstag einen relativ bewölkten Sonntag erwischt, doch dennoch lassen sich von der höchstgelegenen Bergstation der Ostalpen auf 3‘303 m.ü.M. zahlreiche Bergspitzen ausmachen. Im installierten Fernglas (welches übrigens kostenlos ist, was wir nur dank ausserordentlich begeisterten Touristen aus China bemerken) werden beim Blick durch das Objektiv die berühmten Gipfelnamen gleichzeitig über die realen Berge projiziert. Wir schauen in die Richtung, wo man den Eiger, das Matterhorn oder den Säntis sehen sollte und stellen uns vor, wie in einer Entfernung von einigen Kilometern Luftlinie Milan und Paris liegen. Von der Aussichtsplattform Diavolezza auf 2978 m.ü.M. bestaunen wir den Gletscher (oder dessen Rest…) sowie den 4040 Meter hohen Piz Beninan und den 3900 Meter hohen Piz Palü.

Zwei Nächte Minimum!

Nicht nur das Hotel Walther schenkt übrigens den Gästen bei einem Mindestaufenthalt von zwei Tagen das Bergbahnticket, in insgesamt 100 teilnehmenden Hotels der Region sind ab zwei aufeinanderfolgenden Übernachtungen während der Sommersaison die 13 Bergbahnen in Engadin St. Moritz inklusive. Doch nicht nur deshalb lohnt es sich, zwei Nächte im Engadin zu verbringen – schnell merkt man, dass eigentlich auch zwei Nächte viel zu kurz sind, so gross ist die Vielfalt an Aktivitäten in dieser Region. Für meinen nächsten Besuch steht mein Plan bereits fest: den Klettersteig am Piz Trovat ausprobieren, auf dem Silvaplanersee kitesurfen und den Jacuzzi auf der Diavolezza mit Blick auf den Gletschter geniessen …