Alvaro Borghi ist seit zwei Jahren stellvertretender Botschafter in Georgiens Hauptstadt Tiflis. Mit GlobeSession hat er über die spezielle Vermittlerfunktion der Schweiz zwischen Russland und Georgien gesprochen, über georgisches Khinkali-Wettessen, und warum er in diesem eigentlich sicheren Land jeden Tag Todesangst erlebt.

Eva Hirschi: Wie sehen die Beziehungen zwischen der Schweiz und Georgien aus?

Alvaro Borghi: Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind sehr gut und eng. In den letzten zwei Jahren hatten wir zwei hochrangige Gäste aus der Schweiz zu Besuch; Frau Christa Markwalder, damalige Nationalratspräsidentin, und Frau Doris Leuthard, damalige Bundespräsidentin. Zudem ist es ein Zeichen des Vertrauens vonseiten Georgiens, dass die Schweiz die Interessenvertretung zwischen Moskau und Tiflis sicherstellen darf. Seit dem Krieg von 2008 gibt es ja keine diplomatischen Beziehungen mehr zwischen Russland und Georgien. Was speziell ist: Die ehemalige russische Botschaft, heute Russian Federation Interests Section genannt, ist jetzt eine Sektion der Schweizer Botschaft. Es gibt zwar immer noch ausschliesslich russisches Personal dort, doch das kümmert sich nur um konsularische Fragen, also nicht um diplomatische. Der offizielle Kommunikationsweg verläuft durch unsere Botschaft. Ein Beispiel: Wenn ein Russe in Georgien verhaftet wird, dann informiert das georgische Departement für Aussenbeziehungen unsere Botschaft, und wir informieren anschliessend unsere russischen Kollegen, damit sie die inhaftierte Person im Gefängnis besuchen können.

Was für Projekte verfolgt die Schweiz in Georgien?

Die DEZA hat zwei Schwerpunkte: Die Förderung des Privatsektors im landwirtschaftlichen Bereich, sowie Programme zum Kapazitätsaufbau in den lokalen Behörden. Zudem verfolgt sie ein Kunst- und Kulturprogramm, mit welchem sie lokale Künstler unterstützt. Zur Förderung des Privatsektors gehört insbesondere die Unterstützung des Prozesses der Revitalisierung der Berufsbildung. Ungefähr 75 Prozent der georgischen Bevölkerung besucht die Universität und nur 25 Prozent macht eine Berufsausbildung. Wenn man die Bedürfnisse der Wirtschaft anschaut, sollte es aber genau umgekehrt sein. Wir versuchen mit verschiedenen Aktionen nicht nur die Berufsbildung, sondern auch deren Bild zu verbessern.

Vor was für Herausforderungen steht Georgien denn im wirtschaftlichen Bereich?

Georgiens Wirtschaft leidet unter zwei grossen Mängeln: Auf der einen Seite die limitierte Ausbildung von Fachkräften und die zu hohe Zahl an Universitätsabgänger, was darin resultiert, dass sie keine Arbeit finden oder aber in einem Bereich arbeiten, der nicht dem Studium entspricht. Auf der anderen Seite liegt das Problem aber auch darin, dass die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitet, dies aber nur 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Das ist extrem ineffizient. Im Bereich der Wirtschaftsförderung haben wir nun bezüglich der Beziehungen zwischen der Schweiz und Georgien gute Rahmenbedingungen geschaffen; insbesondere ist dieses Jahr das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) und Georgien für die Beziehungen Schweiz-Georgien in Kraft getreten. Zum Beispiel im Bereich der georgischen Weinproduktion sehen wir gute Chancen für Exportmöglichkeiten.

Was für ein Bild haben die Georgier von der Schweiz?

Für sie ist die Schweiz ein Traumland! Dies auf allen Ebenen; was das Lebensniveau angeht, die schönen Landschaften, die gute Bildung, den regen Tourismus. Seit letztem Jahr können Georgier visumsfrei in den Schengenraum einreisen, es besuchen also auch mehr Georgier die Schweiz und sie kehren immer schwärmend zurück. Aber was ich sehr schade finde: Umgekehrt kennen sehr wenige Schweizer Georgien. Manche wissen nicht einmal, wo genau dieses Land überhaupt liegt. Ich lade deshalb alle Schweizerinnen und Schweizer herzlich ein, Georgien zu besuchen – es ist ein wunderschönes Land! Und es gibt auch viele Ähnlichkeiten zwischen der Schweiz und Georgien: Die Berge, die Landschaften oder gewisse Traditionen wie zum Beispiel das Schwingen oder die Käseherstellung. Es gibt hier sogar so etwas wie Fondue!

Was ist Ihr Lieblingsort in Georgien?

Vardzia, im Süden des Landes. Diese in den Fels gehauene Stadt sieht aus wie von einem anderen Planeten. Einfach beeindruckend! Es ist schwer vorstellbar, wie in diesen Höhlen früher Menschen gewohnt haben.

Und was ist Ihr Lieblingsgericht?

Ich mag fast alles, die georgische Küche ist sehr reich. Ich mag den Wein aber auch Khinkali, die mit Fleisch gefüllten Teigtaschen.

Dann lautet die grosse Frage: Wie viele Khinkali können Sie auf einmal essen? Georgier lieben ja Khinkali-Wettessen.

Ich schaffe 13, wenn ich wirklich Hunger habe. (lacht)

Was für kulturelle Unterschiede gibt es zwischen der Schweiz und Georgien?

Eigentlich kaum welche, Georgien ist sehr europäisch. Deshalb war es für mich einfach, mich hier einzuleben. Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich und man merkt, dass das nicht oberflächlich ist, sondern wirklich von Herzen kommt. Womit ich allerdings grosse Mühe habe, ist die Verkehrssicherheit. Jeden Tag leide ich Todesangst auf der Strasse. Ich komme mit dem Auto zur Arbeit – zum Glück habe ich einen Fahrer! Alleine würde ich den Arbeitsweg nicht überleben! (lacht)

Wie sieht die aktuelle Sicherheitslage für Reisende aus?

Ich rate Schweizer Touristinnen und Touristen, die Reisehinweise des EDA zu konsultieren. Von Reisen in die Regionen Südossetien und Abchasien raten wir ab. Ansonsten ist Georgien aber ein sehr sicheres Land. Dies war auch der Grund, warum ich mich für Georgien entschieden habe; ich habe eine Familie und wollte deshalb an einen gefahrlosen Ort.

Was vermissen Sie aus der Schweiz?

Eigentlich nur die Verkehrssicherheit. Verstösse gegen die Verkehrsordnung sind üblich und von der Polizei toleriert. Ausserdem sagt man, in Georgien sei die Hälfte aller Autos über 20 Jahre alt… Aber nebst Familie und Freunden vermisse ich sonst eigentlich nichts, hier findet man alles.