Heilendes Mineralwasser, urtümliche Hausmalereien und jahrhundertealtes Trockenfleisch-Handwerk: In Scuol sind Schweizer Traditionen und Brauchtümer noch gut erhalten. Wir haben uns auf Entdeckungsreise ins Unterengadin gemacht.

Exotisch: eine Reise nach Scuol

Anfang Juni sind die Grenzen noch geschlossen, doch die Schweiz selbst hat bezüglich Tourismus genauso viel zu bieten wie das Ausland – das wissen wir zwar eigentlich alle, und doch kennen zumindest ich und meine Freundinnen noch längst nicht jede Region unseres Landes. Eine gute Gelegenheit also, mehr über die Geschichte, über die Traditionen und Brauchtümer der Heimat zu lernen. Und das Graubünden, insbesondere das abgelegene Unterengadin am südöstlichsten Ende der Schweiz, eingebettet im Dreiländereck mit Italien und Österreich, hat ja auch etwas Exotisches. Auf nach Scuol!

Sprudelnde Lebensfreude

Vom Architekten Peter Langenegger werden wir herzlich begrüsst. Er wird uns die schönsten Plätze Scuols zeigen und eine Einführung in die Geschichte und Kultur des Dorfes geben. Herzlich ist übrigens nicht übertrieben: «Allegra», so erklärt er uns, heisst nicht einfach Hallo auf Rätoromanisch, sondern «Freue dich» und ist somit Ausdruck der Lebensfreude im Engadin.

So abgelegen das Unterengadin auch scheinen mag, international bekannt ist die Region schon lange. Grund dafür sind die über 20 natürlichen Mineralquellen mit heilender Wirkung. Selbst der russische Zar Nikolaus II. und die niederländische Königin Wilhelmina sollen sich zur Kur ins Unterengadin begeben haben.

Wusch man sich 1878 im ersten Badehaus noch in hölzernen Badezubern, so gibt es Mineralbäder und Massagen im Badehaus von Scuol seit 1956. Die etwas luxuriöse Variante entstand 1993, mit der Eröffnung des Badehauses Bogn Engiadina, eines der modernsten Bäder der Alpen und das als erstes Mineralbad der Schweiz auch noch über ein Römisch-Irisches Bad verfügte. Seit dem 25. Juni ist das Badehaus nun wieder geöffnet; wegen der Corona-bedingten temporären Schliessung genossen wir während unseres Aufenthalts stattdessen den Wellnessbereich unseres Hotels, dem sympathischen 3-Sterne-Hotel Bellaval mit seiner über 100-jährigen Geschichte.

Das Mineralwasser blieb uns dennoch nicht verwehrt: An verschiedenen Brunnen im Dorf kann man von diesem Wasser trinken. Gut zu wissen: Von den drei Hähnen fliesst in der Mitte sowie rechts normales Trinkwasser; das Mineralwasser sprudelt jeweils aus dem linken Hahn. Und tatsächlich: Das leicht prickelnde Wasser hat einen ungewohnten Geschmack. Je nach Brunnen ist es mit Natrium, Magnesium oder Kalzium angereichert, das das Wasser auf seinem Weg durch die uralten Gesteinsschichten aufgenommen hat.

Sgraffito: Der Vorgänger der Graffiti

Bekannt ist Scuol aber auch für seine traditionellen Engadinerhäuser mit ihren typischen «Sgraffito»-Verzierungen. Geometrische Ornamente, aber auch Abbildungen von Fischen, Sonnen oder Steinböcke zieren die Fassaden der ehemaligen Bauernhäuser. Diese wurden allerdings nicht etwa auf das Haus aufgemalt, erklärt uns Architekt Peter Langenegger, sondern vom noch frischen Putz – einem Sand-Kalk-Gemisch – weggekratzt. Daher kommt auch der Name Sgraffito, vom italienischen Verb sgraffiare: ritzen, kratzen. Die Blütezeit der Sgraffito-Kunst geht auf die Mitte des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts zurück und wurde oft von Künstlern aus dem nahen Nachbarsland Italien ausgeführt.

Nicht nur die Verzierungen, auch die Bauweise der Häuser ist eigentümlich: Unregelmässig angeordnete Trichterfenster, dicke Mauern und spezielle Türen, bei denen man verschiedene Teile öffnen und gar einen ganzen Heuwagen durchfahren lassen kann – die Führung mit Peter Langenegger stellt sich als spannende, interaktive Schweizer Geschichtslektion heraus. Übrigens liess sich selbst der bekannte Schweizer Architekt Le Corbusier von den Unterengadiner Häusern inspirieren; dies zeigt seine Kapelle Notre Dame du Haut von Ronchamp, eine der Jungfrau Maria geweihte katholische Wallfahrtskirche in Frankreich.

Auch von innen lernen wir die Häuser kennen, denn als Präsident des Regionalmuseums des Unterengadins zeigt uns Peter Langenegger im von aussen täuschend klein aussehenden Museum, wie so ein Bauernhaus früher aufgebaut war. In einer originalen Engadinerstube erhalten wir zum Abschluss noch ein Apéro – natürlich mit Bündnerfleisch und Alpkäse, aber auch mit Wein aus dem Nachbarsland. Wenn auch Peter Langenegger, sowie der Rest der Region, den Verlust des Veltlins 1797 an Italien noch immer nicht ganz verkraftet hat…

Alpines Trockenfleisch und alpine Wanderung

Dem jahrhundertealten alpinen Trockenfleisch-Handwerk gehen wir am nächsten Tag genauer auf den Grund: Mit einer Besichtigung und Degustation beim berühmten Metzgermeister Ludwig Hatecke. Sein Grossvater war es, der sich nach einer Metzgerlehre Anfang des 20. Jahrhunderts selbständig machte und die Grundsteine für ein Geschäft aufbaute, das Fleisch-Produkte von höchster Qualität anbietet, wie Salsiz vom Wild, Bünder- und Hirschentrockenfleisch, aber auch Frischfleisch und andere Spezialitäten. 2017 hat die Familie Hatecke sogar in Zürich am Löwenplatz eine Filiale eröffnet. Das Geschäft läuft gut – kein Wunder, auch uns schmeckt das Trockenfleisch vorzüglich!

Für uns darf natürlich auch ein Besuch des schweizerischen Nationalparks, dem grössten Naturschutzgebiet der Schweiz, nicht fehlen. Wir entschieden uns für die relativ lockere, 8 Kilometer lange respektive zweieinhalbstündige Wanderung auf den Margunet auf 2328 Metern über Meer. Das Auto kann man praktisch beim Parkplatz 8 parkieren, von da an führt der Wanderweg durch die Ofenpasswäldern auf die Alp Stabelchod, wo man sogar Murmeltiere beobachten kann. Von den hochalpinen Matten eröffnet sich eine herrliche Rundsicht über den halben Nationalpark. Durch die Val dal Botsch gelangt man vorbei an eindrucksvollen Geröllhalden sowie Felsformationen, und, nach Überquerung des Fuornbaches, zurück zur Passstrasse.

Entspannen können wir uns anschliessend bei einem Fünfgang-Menü im Hotel Bellaval. Dieses gemütliche und sympathische Hotel mit dem sehr zuvorkommenden Pächter Thomas Schulze, der das Hotel seit 12 Jahren führt, ist ein perfekter Ausgansort für Ausflüge in die Region. Unmittelbar unterhalb der Talstation Motta Naluns gelegen (während unseres Aufenthalts allerdings Corona-bedingt noch geschlossen), aber auch mit gutem Anschluss an die Rhätische Bahn oder Postautos, profitieren Hotelgäste übrigens von einer kostenlosen Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel. Im Übernachtungspreis inbegriffen ist auch ein Lunchpaket, so dass man sich unterwegs keine Gedanken um Verpflegung machen muss. Wir sagen «grazia fitg!» und freuen uns aufs nächste Mal!

Dieser Ausflug fand auf Einladung von Tourismus Engadin Scuol Samnaun Val Müstair AG statt.