Reisen mal anders oder: So erfährt ihr bei der nächsten Reise mehr Tiefgang

Eine Ferienregion bekommt eine besondere Bedeutung, wenn man mit Berufsleuten in Kontakt kommt. So lernt man eine Gegend, aber auch faszinierende Menschen mit Begeisterung für ihren Beruf kennen. Die meisten Menschen erzählen gern von ihrem Berufsleben.

Von einer gleichen Reise erzählen die Menschen unterschiedliche Erlebnisse und Eindrücke. Wie man reist, hat mit der Persönlichkeit und den Interessen zu tun. Bei der Wahrnehmung hat man eine Art Brille auf oder einen Filter bei der Wahrnehmung. Was will man sehen? Manche konzentrieren sich auf das Essen, andere auf sportliche Aktivitäten oder touristische Angebote, und weitere auf kulturelle Höhepunkte. Eine Ferienregion bekommt eine ganz besondere Note, wenn man Berufsleute anspricht und von ihren Tätigkeiten, aber auch Träumen, Freuden und Sorgen erfährt.

Ursula Latus, die Bootsbauerin

Bootsbaumeisterin Ursula Latus verhilft in ihrer Bootswerft in Peenemünde am nordwestlichen Zipfel der Insel Usedom einem alten Handwerk zu neuem Leben. In Ihrer Werkhalle in Peenemünde in der Nähe des Meeres fertigt sie im Werftbetrieb Holzboote in traditioneller, aber auch in moderner Holzbauweise an.
Mehrmals jährlich bietet sie Kurse an. In rund zwei Wochen kann man ein Kajak, ein «Optimist» oder ein Segeldinghi bauen – und sich so kostengünstig den Traum vom eigenen Boot verwirklichen.
Ursula Latus hat Chemieingenieurwesen studiert und nach ein paar Jahren Tätigkeit in der Chemieindustrie eine Lehre als Bootsbauerin absolviert. Heute hat sie den eigenen Betrieb mit Angestellten und ist rundum zufrieden, einerseits Boote bauen und reparieren, anderseits Menschen ihr Wissen weitergeben zu können.

Holger Labahn, der Reetdachdecker

Holger Labahn ist ein gutes Beispiel für Menschen, die als Ostdeutsche die Wiedervereinigung Deutschlands genutzt und ein florierendes Unternehmen aufgebaut haben. Als Holger Labahn 1991 seine Lehre als Kfz Schlosser abschloss, war es fast unmöglich, eine Arbeitsstelle zu finden. Deshalb ging er 1992 aufs Dach. Die Rohrdach- oder Reetdachdeckerei hatte ihn schon vorher interessiert, in Zusammenhang mit Erfahrungen beim Decken des Dachs des Elternhauses. Ab 2001 hatte er seine eigene Firma.

Schilf ist eine erstaunliche Pflanze, die wegen ihrer besonderen Eigenschaften seit Jahrhunderten von Menschen genutzt wird. An der Ostsee wächst Schilfrohr hinter den Dünen, trotz Salzwasser. Leider reicht die Menge nicht aus für den Bedarf an der Ostseeküste, wo Rohrdächer langjährige Tradition haben. Reetdachdeckerei ist reine Handarbeit mit einfachen Werkzeugen. Holger Labahn verschweigt auch nicht die Nachteile seines Berufes: „Alles, was wir anfassen, ist schwer.“ Die Gelenke leiden.
Ewig wird er seine Arbeit nicht ausüben können. Er hat aber vorgesorgt. Er renoviert alte Häuser und vermietet sie als Ferienhäuser. Lachend meint er: „Ferienhäuser mit Reetdach vermieten sich besser!“

Rika Harder, die Zeesenbootskipperin

Rika Harder ist ein freiheits- und naturliebender Mensch. Sie hat sich ihr Leben so eingerichtet, dass es für sie stimmt. Sie segelt mit einem alten, liebevoll restaurierten Zeesenboot mit Touristen auf den Gewässern um Usedom.

Die Zeese ist ein Grundschleppnetz, daher der Name des Schiffes. Die bis zu 25 Meter langen Netze wurden durch die weit über Bug und Heck herausragenden Driftbäumen offengehalten und über den Grund gezogen. Dazu wurden unten Lochsteine befestigt, oben wurden Schwimmkörper, damals aus Kork, angebracht. Die Fischer liessen das Zeesenboot bei gesetztem Segel quer vor dem Wind treiben.
Typisch sind die braunen Segel. Der Segelstoff wurde mit einem Gemisch aus Eichenrinde, Ockererde, Rindertalg und Leinöl imprägniert.

Rika Harder wagte 1998 den Sprung in die Selbständigkeit und begann mit ihrem Boot „Romantik“ touristische Segeltouren anzubieten. Segeln gelernt hatte sie bereits als Kind von ihrem Vater.
Heute kämpft sie hart, um einen passenden, kostengünstigen Liegeplatz für ihr Boot zu bekommen. Offenbar haben die Behörden nicht begriffen, dass Rikas einzigartiges Angebot für den Tourismus auf Usedom ein Gewinn ist. Aber eben, Rika nimmt kein Blatt vor den Mund – und wie überall auf der Welt, gibt es politisch geprägten Filz.

Dirk Mund, der Strandkorbflechter

Auf Usedom sind die traditionellen Seebäder bekannt. Man fuhr über viele Jahrzehnte von Berlin nach Usedom zur Sommerfrische – die Insel nannte man scherzhaft „die Badewanne Berlins“.

Die Ostsee ist nicht die Südsee, hier kann schon mal eine steife Brise wehen. Bereits im 19. Jahrhundert begann man sich vor Wind und zu starker Sonnenbestrahlung mittels Strandkorb zu schützen.

Dirk Mund ist Geschäftsführer der Strandkorbmanufaktur Korbwerk in Heringsdorf. Er setzt auf Qualität – für eine optimale Lebensdauer von Strandkörben unabdingbar, aber nicht auf den ersten Blick sichtbar. Um gegen die Konkurrenz von Billigprodukten bestehen zu können, liess er sich einiges einfallen. Am G-8-Gipfel in Heiligendamm nahmen Angela Merkel und die anderen Regierungschefs Platz in einem sechs Meter langen XXL-Strandkorb aus dem „Korbwerk“.

Der weltgrösste Strandkorb steht in Heringsdorf. In 1000 Arbeitsstunden entstand hier aus 3.5 Kubikmeter Holz, 85 Quadratmeter Stoff und drei Kilometer Flechtband ein Strandkorb, in dem rund 90 Sommergäste locker Platz finden. Im innovativen Unternehmen von Dirk Mund werden unterschiedlichste Strandstühle hergestellt. Luxusmodelle verfügen über Extras wie Sitzheizung, Beleuchtung, Massagefunktion, Kühlschrank, Sektkühler, Bluetooth und Musikanlage.

Der Brückenzöllner

Sogar einen Brückenzöllner findet man auf Usedom. Die Wasserschlossanlage Mellenthin aus dem Jahre 1575 liegt mitten im Naturpark Insel Usedom. Das Wort „Mellenthin“ stammt aus dem slawischen und bedeutet „Mittelpunkt“. Dort, im Mittelpunkt der Insel Usedom, befindet sich das Wasserschloss Mellenthin. Der rund 20 Meter breite Wassergraben ist durch Mauern gesichert. Um zum Schloss zu gelangen, muss man bei einem uniformierten Brückenzöllner zwei Euro bezahlen, die man bei einer Konsumation im Restaurant anrechnen lassen kann. Brückenzöllner ist ein Vollzeitjob. Im Schloss findet man auch eine Bierbrauerei.

Hannes Albers, der Galerist

Hannes Albers und seine Frau Hannelore Stamm hatten sich damals gegen den Strom bewegt. Nach der Wende zogen die Galeristen von Westen in den nordöstlichsten Teil Deutschlands. Unterdessen ist das Kunst-Kabinett Usedom neben der Feiniger-Kirche Sankt Petri in Benz der Treffpunkt von Bauhaus-Interessierten, insbesondere von Bewunderern des amerikanischen Künstlers Lyonel Feininger.

Hannes Albers nimmt sich Zeit für seine Galeriebesucher und weiss mit seinen über 70 Jahren viel aus der Welt der Kunstschaffenden und -vermittler zu erzählen. Auffallend ist der Blumenschmuck in der Galerie – auch dafür nimmt sich Hannes Albers Zeit.

In der Galerie findet sich auch ein Fahrrad der Marke „Cleveland Ohio, 1897“ mit Holzfelgen, luftbereift. Mit einem solchen Fahrrad radelte Feiniger rund 10‘000 Kilometer im Jahr – oft auch auf Usedom. Das Radeln auf Usedom kann man auch heute noch empfehlen – keine steilen Alpenpässe und meist in der Nähe von Wasser.

Andreas Gurdzel, der Surflehrer

Andreas Gurdzel ist ein Surflehrer wie aus dem Bilderbuch. Viele Jahre hat er an tropischen Stränden Wassersport vermittelt. Nun ist er mit seiner Familie sesshaft und betreibt die Surfbox Usedom am Sportstrand des Ostseebades Trassenheide. Usedom geniesst den Ruf, ein Rentnerparadies zu sein. Dem will Andreas Gurdzel entgegenwirken. Er liess Container an den Strand transportieren – kein leichte Unterfangen im weichen Sand. Daraus baute er ein Lager für Wassersportgeräte, ein „Büro“, einen Shop und eine Bar. Nun sieht es am Ostseestrand beinahe so aus wie an der Südsee.

Er bietet Kurse an: Schnupper- und Mehrtageskurse beispeilsweise für Grundtechniken beim Windsurfen, Wellenreiten und Stand up Paddeling. Er vermietet auch Sportmaterial und organisiert kostenlose Sportmöglichkeiten, beispielsweise Beach Volleyball. Zudem verkauft er im Surf-Shop alles, was man zum Surfen braucht. Nicht nur junge Menschen geniessen die abendliche Atmosphäre bei einem Drink und den Strahlen der untergehenden Sonne. Im Winter werden die Container wieder entfernt, eine Vorgabe des Umweltschutzes, und Andreas Gurdzel verdient sein Geld anderswie – um im Frühling wieder sein kleines Surf-Dorf aufzubauen.