Eine Reise durch Myanmar

Myanmar bietet seinen Besuchern viel und verlangt wenig. Eine Reise durch eines der beeindruckendsten Länder Südostasiens.

Kein Massentourismus, herzliche Gastfreundschaft sowie bildschöne Landschaften und Pagoden

Schon bei der Ankunft am internationalen Flughafen in Yangon werden wir mit einer Eigenheit des Landes konfrontiert. Der Taxifahrer, der uns in die Innenstadt bringt, kaut ständig auf uns unbekanntem Grünzeug. Ein Kaugummi ist es nicht. Zwischendurch öffnet er die Fahrertür und spuckt eine rote Sosse auf das Strassenpflaster. Betelpalme heisst die Pflanze, aus dieser die klein gehackten Stückchen der Nuss mit Kräutern in grüne mit einer weissen Paste bestrichenen Betelblätter gewickelt und gekaut werden. Das Kauen ist genauso eine Sitte wie eine Sucht des Landes, wie wir später erfahren. Vor allem Taxifahrer tun es, um sich wachzuhalten. Kein Wunder also, zieren etliche rote Flecken, die wie Blut aussehen, die Strassen Myanmars.

Die mit fast sechs Millionen Einwohnern grösste Stadt des Landes deckt sich nicht mit unseren eher tiefen Erwartungen an ein armes Land. Die Strassen sind erstaunlich gut und sauber, der Verkehr für asiatische Verhältnisse gesittet. «Das liegt daran, dass Motorräder in Yangon verbannt wurden», erklärt unser Taxifahrer. Tatsächlich sind die sonst meist sehr lauten und gefährlich kurvenden Gefährte weit und breit nicht zu sehen. Auch die Gebäude wirken moderner, als man es beispielsweise aus dem Nachbarland Indien kennt.

Ein Lehrer als Privatguide

Die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt, die Shwedagon Pagode, heben wir uns am nächsten Tag für den Abend auf, da deren Schönheit in der Dämmerung angeblich am schönsten sein soll. Weil uns ein vom Hotel organisierter Fahrer eher als teuer erscheint, klappern wir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten erstmals auf eigene Faust ab. Der Bogyohe-Aung-Son-Markt ist eher touristisch und an diesem Sonntagmorgen ziemlich unbelebt. Also werfen wir einen Blick auf die nahegelegene Sule Paya, eine hübsche goldene Pagode, die mitten in einem Kreisel steht. Vor dem Tempel treffen wir auf Ko, ein Lehrer aus dem Norden des Landes, der während seinem Aufenthalt in Yangon in einem buddhistischen Kloster lebt. Wie fast alle burmesischen Männer trägt auch er statt einer Hose einen knöchellangen, karierten Rock. «Dieser sogenannte Longyi ist das überwiegend getragene Kleidungsstück Myanmars, sowohl für Männer als auch für Frauen», erklärt er uns. So amüsant es für den europäischen Touristen am Anfang aussehen mag, so schnell gewöhnt man sich an den Anblick. Weil Ko ein Fan der ihm noch unbekannten Schweiz ist, interessiert er sich genauso für unsere Kultur, wie wir uns für seine. Von unserem geplanten Ausflug ins benachbarte Dorf Dala rät er ab, bietet uns stattdessen an, sein Kloster und die umliegenden Sehenswürdigkeiten persönlich zu zeigen, da er hin und wieder auch Führungen für Journalisten durchführt.

Per Bus fahren wir mit unserem neuen Spontan-Guide zum Tempel Kyaik Than Lan Paya und dem liegenden Buddha, wo sich auch das buddhistische Zentrum mit rund 220 Mönchen befindet. Ko zeigt uns, wo er schläft, arbeitet und betet. Das Mönchtum lebt er aber jeweils nur temporär, während er in Yangon ist. Endlich erfahren wir auch, was es mit der hellen Paste auf sich hat, die vor allem Frauen und Kinder im Gesicht tragen und auch im Kloster nicht fehlt. «Die Creme entsteht aus der zerriebenen Rinde und dem Mark des Thanaka-Baumes und wird mit Wasser vermischt», demonstriert Ko den Vorgang. Die Paste soll dann als Sonnenschutz sowie Schminke dienen und für schöne Haut sorgen.

Die Schönheit der bekanntesten Stupa erleben

Während wir durch die danebenliegenden Tempelanlagen vorbei an Buddha-Statuen schlendern, erzählt uns Ko viel über deren Bedeutung und die prägende Historie des Landes. Das alles erfahren wir nur durch seine guten Englischsprachkenntnisse. Er ist der erste Einheimische, den wir treffen, der sich in der Weltsprache wirklich verständigen kann. «In den Schulen gehört Englisch leider noch immer nicht zu den Pflichtfächern», sagt Ko. Nur wer an der Universität studiere oder im Tourismusbereich arbeiten wolle, lerne Englisch. Doch der Weg an die mehr oder weniger einzige wirklich angesehene Uni von Yangon sei nicht leicht. Vor allem, von da, wo er herkomme. «Mein Dorf ist immer wieder betroffen von religiösen Unruhen und Gewalt. Es gibt nur wenig Strom, kaum Internet oder Smartphones.» Seit das Land aber 2011 für Touristen geöffnet wurde, sind die touristischen Gebiete, die auch wir bereisen möchten, mittlerweile sicher.

Nach einem vegetarischen Lunch in einem einheimischen Lokal, das Ko kennt, geniessen wir den Sonnenuntergang am Kandawgy-Lake, einem kleinen See mitten in der Stadt. Ko verlässt uns nun, ohne auch nur ein einziges Mal nach Geld gefragt zu haben. Sein Lächeln, seine Herzlichkeit und sein Wille, uns einen authentischen Eindruck dieser Stadt zu ermöglichen, waren noch imponierender als alles Gesehene. Erst als es dunkelt, bestaunen wir auch noch die goldene Shwedagon-Pagode. Sie gilt als der wichtigste Sakralbau der Stadt und Wahrzeichen des Landes. Während der dunkelblaue Himmel über Yangon langsam zum nächtlichen schwarz übergeht, erstrahlt die beleuchtete Pagode in ihren goldenen Farben (Shwe steht übrigens für Gold). Hunderte Kerzen und Räucherstäbchen, betende Mönche und der von der Hitze noch immer aufgewärmte Boden sorgen für eine ganz spezielle Atmosphäre, wenn man vor der mit Blattgold überzogenen Pagode niederkniet. Deshalb also, sollte man einer der bekanntesten Stupas der Welt nicht tagsüber besuchen. Auch um diese nächtliche Zeit kann man sich übrigens in Myanmars Städten gut frei bewegen. Das Land gilt als eines der sichersten Länder Asiens. Die Burmesen sind viel zu höflich und ehrlich und die Strafen zu hoch, als dass sich Überfälle, Diebstähle oder Gewaltdelikte ereignen würden. Somit eignet sich das Land auch gut für alleinreisende Frauen.

Eine Strandanlage für sich

Am nächsten Tag geht es weiter nach Ngwe-Saung. Neben dem noch etwas besser erschlossenen Ngapali Beach ist es einer der wenigen Badeorte in Myanmar. Von Yangon dauert die Fahrt gute fünf Stunden mit dem Privatauto. Vorbei an kleinen Dörfern mit Pfahlbauten führt am Schluss eine einzige holprige Schotterstrasse zum kleinen Ort, wo sich eine Handvoll Hotels und Apartments aneinander reihen. Da es bereits Ende April und die Hauptsaison schon fast vorbei ist, sind wir praktisch die einzigen Gäste im riesigen Resort und auch die wenigen umliegenden Restaurants und Läden sind fast leer und schliessen früh. Umso mehr kümmern sich die Angestellten um uns. Das stetige Lächeln, die Höflichkeit und ehrliche Gastfreundschaft der Burmesen fasziniert uns seit dem ersten Tag. Es ist der Dank dafür, dass auch wir Touristen uns anpassen und die kulturellen wie auch religiösen Gepflogenheiten respektieren. Am idyllischen Sandstrand vergisst man nun alles um sich herum und es lässt sich hier wunderbar ein paar Tage faulenzen.

Tempel und Pagoden, so weit das Auge reicht

Via Yangon reisen wir nun in die historische Königsstadt Bagan, die mit über 2000 Sakralgebäuden gesäumt ist. Viele dieser Tempel wurden aber beim grossen Erdbeben im August 2016 in Mitleidenschaft gezogen und werden zurzeit restauriert. Die UNESCO will die Tempelstadt sogar als Weltkulturerbstätte aufnehmen, sieht jedoch die bereits begonnenen Wiederaufbauarbeiten aus denkmalpflegerischer Sicht kritisch an. Auch wenn viele Pagoden von Baugerüsten umgeben waren, ist der Anblick und die Weite des rund 36 km2 grossen Gebiets atemberaubend. Kein Reisender sollte diesen Ort auslassen, so touristisch er auch wirken mag. Die Stadt ist durch einen neuen und alten Teil geprägt. Einwohner Alt-Bagans, um das sich die meisten Tempel befinden, wurden im Jahr 1990 zwangsumgesiedelt und leben nun im vier Kilometer weiter südlich gelegenen Neu-Bagan. Dort befindet sich das touristische Zentrum mit einigen Hotels, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten. Überlaufen ist es aber auch hier keinesfalls und die Anlagen sind sehr authentisch und gemütlich gehalten. Im April sieht man zudem auch hier kaum andere Touristen. Die Tempel besichtigt man am besten mit einem E-Bike, ein mit Strom betriebener Roller, der überall günstig gemietet werden kann. Auch ein Taxi oder Privatfahrer, wie wir ihn gebucht haben, bringt einem zu den bekanntesten Tempeln, ist aber die etwas teurere Variante.

Der Klassiker hier ist eine Ballonfahrt über das Tempelfeld, die jedoch nur bis März möglich und mit rund 300 Dollar auch ziemlich überteuert ist. Eine Sonnenuntergangsfahrt mit dem Boot auf dem Irrawaddy Fluss stellt da eine gemütliche und erschwingliche Alternative dar. In den umliegenden Orten Nyaung U befinden sich zudem ein authentischer Markt und in Myinkaba verschiedene Lackwerkstätten sowie andere Kunsthandwerksbetriebe, welche einem die Fabrikation ihrer Produkte näher bringen. Die Region ist auch für ihre Wandergebiete bekannt oder das buddhistische Mönchskloster, welches auf den 737 Meter hohen Vulkankegel Mount Popa gebaut wurde. Beim Halt bei einer Palmzuckerfabrik demonstriert uns ein burmesischer Bauer zudem, wie er aus dem Palmblättersaft Bier, Schnaps oder Bisquits herstellt. Ganz unser Geschmack sind die klebrig-süssen Produkte aber nicht.
Auch sonst überzeugt uns Myanmar kulinarisch nicht so sehr. Typisch burmesische Gerichte sind etwa die Fisch-Nudelsuppe Mohinga, der Teeblatt-Salat Lahpet Thoke oder das getrocknete und mit Kräutern abgeschmeckte Seegras. Zudem finden sich auf den Speisekarten verschiedene Currys mit Fisch, Fleisch, Meeresfrüchten oder Gemüse. Die angepriesenen Currys waren aber meist etwas trocken und nicht mit jenem aus Indien oder Thailand vergleichbar. Jedoch gibt es auch viele Streetfood-Stände oder bekannte leckere Gerichte aus der thailändischen, chinesischen und indischen Küche zu bestellen. Auch Reis, Nudeln und Suppen finden sich meist auf der Karte. Unbedingt probieren sollte man das Myanmar Bier, das überall angeboten wird und extrem süffig und erfrischend ist. Je nach Stadt werden auch wenige lokale Biere, wie das Mandalay Bier angeboten.

In den Fängen einer Grossstadt

Diese ehemalige königliche Hauptstadt im Norden Myanmars ist auch gerade unser nächster Stopp und erreichen wir nach einer fünfstündigen Busfahrt von Bagan aus. Mit 1.6 Millionen Einwohnern ist Mandalay die zweitgrösste Stadt des Landes und beherbergt neben vielen historischen Pagoden, Märkten und buddhistischen Klöstern auch eine Rekonstruktion eines Königspalasts. Vom Mandalay-Hügel betrachten wir den Sonnenuntergang, bevor wir die vielen Sehenswürdigkeiten am nächsten Tag mit gemieteten Fahrrädern abfahren. Und das gestaltet sich nicht immer einfach. Was uns aber an diesem Land so fasziniert, ist, dass man kaum eine Karte aufklappen muss, und schon eilen Einheimische herbei, um zu helfen. Trotz Sprachbarrieren und ganz ohne finanzielle Absichten. Und das, obwohl sich gerade auf den Strassen Mandalays auch die Armut des Landes wiederspiegelt. Familien mit Kindern leben neben Abfallbergen, haben kaum Besitz. Betteln sieht man sie dennoch kaum, Lächeln dafür schon. Und genau dieses ist in diesem Land so ansteckend. Eindrucksvoll beweisen hier die Menschen, auch mit wenig zufrieden zu sein. Ein Lachen auf dem Gesicht scheint mächtiger als jegliches Vermögen. Also tun wir es auch. Und zweifeln keine Sekunde mehr: Die burmesische Herzlichkeit ist echt.

Trotzdem der Verkehr hier aufgrund vieler Motorräder an andere asiatische Grossstädte wie Bangkok oder Hanoi erinnert, kurven die Burmesen stets mit einem rücksichtsvollen Auge durch die dicht befahrenen Strassen. Wer schon in solchen Städten war, kennt die Regeln: Nicht zögern, einfach gehen oder fahren. Nur so können die vielen Motorräder, Rikschas und Autos einem galant umkurven. Und wenn dann abends ein Gewitter mit Windböen von noch nie erlebten Stärken einsetzt, kommt sogar der Fahrer unseres doppelsitzigen Seitenwagen-Motorrads nicht mehr vorwärts. Der ganze Verkehr bleibt dann für kurze Zeit stehen, der aufwirbelnde Dreck und einsetzende Starkregen verhindert die Weiterfahrt gänzlich. Doch die Region im Norden ist bekannt für ihre Gewitter, die meist nach wenigen Stunden vorbei sind. Bekannt ist die Umgebung ausserhalb Mandalays aber auch für ihre Handwerkskunst. Den Arbeitern kann man überall in den Betrieben über die Schultern schauen. Die ästhetischen Figuren und Möbel werden allesamt aus Teak-Holz von Hand über Monate angefertigt. Am liebsten würde ich sie alle kaufen.

Vom nahegelegenen historischen Tempel erhaschen wir dann ein malerisches Panorama über die Region. Wie schon so oft auf unserer Myanmar-Reise, dürfen wir auch hier mal wieder Fotomodell stehen. Dutzende Schüler einer Uni zücken ihre Smartphones und Selfie-Sticks und belagern uns wie Filmstars. Es sind aber auch Familien, andere Reisegruppen oder Pärchen, die von unserem für sie ungewohnt westlichen Teint beeindruckt sind und uns stets höflich um ein gemeinsames Foto bitten. Weiter geht es ins Mahagandayon Kloster, wo lauter junge Nonnen gerade zum Gebet und anschliessenden Mittagessen schreiten. Nach einer Besichtigung der Ruinen von Inwa schreiten wir über die prachtvolle U-Bein-Brücke, die mit ihren 1.2 Kilometern die längste Teak-Holz-Brücke der Welt ist.

Ein Leben auf dem See

Mit dem kleinen Propellerflugzeug der inländischen Air KBZ fliegen wir zu guter Letzt noch nach Nyaung Shwe. Auf dem dort gelegenen Inle-Lake gibt es schwimmende Gärten und 17 Pfahlbaudörfer, in denen etwa 70‘000 Menschen wohnen. Auch Stupas, Klöster und Märkte sind auf dem Seegebiet verteilt. Während man mit dem Kanu durch die teils schmalen Wasserstrassen tuckert, kann man auch hin und wieder die für Myanmar typischen Einbeinruderer erblicken. Während diese teils beide Hände zum Fischen benötigen, klemmen sie das Ruder mit einem Bein ein, um sich so rudernd fortzubewegen. Meist setzen sie für ihre Arbeit handgefertigte Netze ein.
Im dazugehörigen Ort Nyaung Shwe gibt es weitere Pagoden, einen Markt sowie Restaurants und Hotels. Die Region ist auch ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen und Velotouren. Das Klima ist etwas kühler als in Bagan, Mandalay und Yangon und Niederschläge häufiger. Es stellt den perfekten Abschluss einer atemberaubenden Reise dar. Myanmar hat uns mit seinem freundlichen, herzlichen Volk, den prächtigen Landschaften, seiner spannenden Geschichte, der Unberührtheit sowie seiner authentischen Kultur in seinen Bann gezogen. Das Land ist einer der wenigen in Südostasien, das noch viel seines ursprünglichen Charmes beibehalten hat. Deshalb ist ein Besuch empfehlenswert, bevor der stetig wachsende Tourismus diese Authentizität verändern wird.