Eine Auseinandersetzung in drei Akten

Der erste Akt: Ein Sommer im Frühling und ein grosses Fragezeichen

Im Frühjahr, die Skisaison in den Schweizer Alpen war kaum um, besuchte ich das Tessin. Stieg dabei im Hotel Eden Roc in Ascona ab. Direkt am Lago Maggiore gelegen, mehrfach ausgezeichnet, kürzlich einmal mehr von der Sonntagszeitung zum besten Ferienhotel der Schweiz. Die Vorfreude war gross. Der Aufenthalt erlebnisreich – inklusive Ausflug an die Mailänder Designmesse. Das Wetter sommerlich. Und eigentlich hätte ich, dank aufmerksamem Service, reichhaltigem Frühstücksbuffet und einer schlicht grossartigen Gartenanlage am See, leicht ein Fazit ziehen können. Hätte. Und doch gelang es mir nicht. Es gab da eine Sache. Sie liess mich nicht los. Das Interieur des Hauses: ein buntes Durcheinander von Farben und Materialien. Nicht, dass es ein Unwohlsein ausgelöst hätte. Aber ich verstand es nicht. Immer wieder kam der Gedanke: Wie kann man nur? Und dann, es war inzwischen August, wusste ich, was zu tun ist. Ich musste genau diese Frage dem Mann stellen, der dafür verantwortlich ist: dem Desiger Carlo Rampazzi.

Der zweite Akt: In die Ferien fahren, um sich Zuhause zu fühlen?

Im Oktober finden wir schliesslich einen Termin. Noch immer scheint die Sonne, die Temperaturen bewegen sich bei knapp 25 Grad. Das Tessin eben. Die Sonnenstube. Ich flaniere durch Ascona und betrete schliesslich das Selvaggio, Rampazzis Wirkungsstätte. Um zu seinem Büro zu gelangen, durchqueren wir zuerst seinen kleinen, feinen Shop voller bunter Dekorationsgegenstände. Alle von Rampazzi persönlich auf seinen Reisen ausgesucht, wie er mir versichert.

Carlo Rampazzi selber zelebriert sich im gleichen Stil, wie er Räume einrichtet. Extravagant und unkonventionell. Ein Eindruck, der sich während des Gesprächs verfestigt: Carlo Rampazzi schert sich nicht um Konventionen. Schon gar nicht rechtfertigt er sich für seine Kunst. Der Mann hat ein starkes Selbstbewusstsein. Er sagt dann auch: «Nur wer sich selbst liebt, kriegt die Liebe der anderen.» Zudem möge er individuelle Menschen. Mit der Masse tut er sich schwer, obwohl diese einfach zu verstehen sei: «Sie geht immer nur von A nach B. Pasta.»

Rampazzi aber suchte in seinem Schaffen stets das Unerwartete. Selbst sein Bentley ist froschgrün. Grau und Beige nennt er schmutzige Farben. Er glaubt, die meisten Menschen hätten Angst. Angst davor Fehler zu machen. Deshalb würden sie ihre Räume in Beige- und Grautönen einrichten. «Aber genau das ist der Fehler», sagt er mit Nachdruck. Und fragt rhetorisch, ob Touristen wohl zwei Stunden vor der Sixtinischen Kappelle in Rom anstehen würden, würde man darin nur beige und graue Malereien vorfinden. Er ist überzeugt, dass Farben für uns wichtig sind. Dass sie Menschen prägen und verändern. Und Menschen stehen bei seinem Schaffen stehts im Zentrum. Er überlege sich jeweils, was er einem Raum hinzufügen kann, damit sich die Bewohner gut fühlen. «Ich möchte, dass sie freier werden.»

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt er bei der Gestaltung der Räume des Hotel Eden Roc in Ascona. «Die Leute reisen von Norden nach Süden. Das sollen sie spüren.» Auch die Blumen, die im Süden wachsen, seien andere als die im Norden. Und da sei diese Lichtgrenze zwischen dem Norden und dem Süden. Das Licht im Tessin sei wärmer. «Sie können hier mit spanischen Stoffen arbeiten. In Zürich wirken dieselben anders, passen nicht.»

Das klingt alles wunderbar. Spanische Stoffe, warmes Licht, Individualität und so. Trotzdem, wie ist das nun mit diesem Durcheinander von Materialien und Farben, das meine Augen nie zur Ruhe kommen lässt? Carlo Rampazzi lächelt und fragt mich, ob ich denn in den Ferien die gleiche Einrichtung wie Zuhause wünsche. Und fügt an: «Dann können Sie gleich Zuhause bleiben.»

Ich überlege, beginne zu verstehen. Carlo Rampazzi schafft Räume, die inspirieren sollen, zum Denken anregen. Er sagt dann auch: «Mein Denken blieb immer jung. Ich fühle mich heute noch als 25-Jähriger.» Es gefalle ihm das Leben zu verschlingen. Nicht einfach zu leben. Dabei sei er stets offen für neues. «Das Leben ist ein Unikat. Ich bin ein Unikat.» Das Leben müsse man leben. Und dabei möchte er den Menschen Positives vermitteln, mit Hilfe der Kunst. Und so, das verstehe ich nun, sollte man ein Eden Roc betrachten: als Kunstwerk. Hier geht es nicht mehr um Einrichtung – denn Einrichtung, da mögen seine Kritiker recht haben, sollte eine gewisse Harmonie, ein Wohlfühlerlebnis vermitteln. Aber Kunst nicht. Kunst kreiert einen Dialog. Kunst weckt den matten Geist. Kunst sendet Impulse. Kunst stimuliert. Dazu passt, was er am Schluss des Gesprächs sagt: «Wenn wir uns als Menschen nicht mehr getrauen uns stark auszudrücken, haben wir etwas Wertvolles verloren.»

Dritter Akt: Die Rückkehr ins Hotel Eden Roc

Zwei Wochen nach dem Gespräch zieht es mich wieder in Richtung Süden. In den Bergen liegt bereits der erste Schnee. Im Tessin, wen wunderts, flaniere ich wieder im T-Shirt dem See entlang. Und bin gespannt, wie das Hotel Eden Roc, nach dem erfrischenden Gespräch mit Carlo Rampazzi auf mich wirkt. Ich betrachte das Hotel nun mehr als Kunstwerk, als riesiges Kunstwerk von Carlo Rampazzi. Die Annäherung mit dieser neuen, auch spannenden Sichtweise funktioniert. Das Hotel beginnt zu leben, ich betrachte einzelne Elemente genauer – sehe Details, die ich vorher gar nicht wahrgenommen habe. Aber einige Elemente, beispielsweise die grünen Wände im Frühstücksraum, gefallen mir noch immer nicht. Müssen sie auch nicht. Denn Kunst polarisiert. Sie ist selten glatt und stimmig.
So geht Rampazzi weiterhin seinen Weg. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht, denn: «Das Schönste ist, was man noch nie gemacht hat.»