Staycation in den Bündner Bergen – unterwegs auf der Senda Sursilvana

Im Oktober 2015, bei tropischen Temperaturen und einem kühlen Singapore Sling an der Bar des Raffles Hotels in Singapur, lernte ich ein neues Wort kennen: Staycation. Mir gegenüber sass ein junges Paar, das wie ich im Raffles die Tage genoss. Im Unterschied, dass ich um die halbe Welt flog, sie mir auf die Frage, woher sie seien, antworteten: «Wir sind aus Singapore – wir verbringen im Raffles unsere Staycation.» Staycation steht für ein Phänomen, das speziell in Grossstädten zelebriert wird. Man verbringt seine Ferien Zuhause – aber nicht unbedingt auf Balkonien, sondern in einem schicken Hotel oder sonst auf eine spezielle Art und Weise. Aber was denn der Reiz davon sei, wollte ich wissen. «Man lernt sein Zuhause, seine eigene Stadt aus der Perspektive eines Touristen kennen.» Man entdecke seine Heimat neu – erspähe Orte, denen man nie Aufmerksamkeit geschenkt habe. Wenige Jahre später beschliessen wir, dass wir unsere kurzen Ferien doch auch mal bei uns in der Region verbringen könnten. Aber auf Zuhause rumsitzen haben wir wenig Lust. Da kommt ein Gedanke: Staycation. Wieso nicht mal unsere Region zu Fuss, auf einer Fernwanderung, erkunden? So planen wir eine mehrtägige Wanderung durch die Surselva und begeben uns im Spätsommer auf die Weitwanderung Senda Sursilvana.

Senda Sursilvana: die Route und einzelnen Etappen

Die Senda Sursilvana führt, wie es der Name sagt, durch die Surselva, die westliche Ecke des Kantons Graubünden. Im Osten liegt die Grenze bei Laax, im Südosten auf den Bergketten zwischen dem Safiental und dem Domleschg. Im Westen bildet der Oberalppass die Grenze der Surselva, gleichzeitig die Kantonsgrenze zu Uri. Die komplette Fernwanderung, die Senda Sursilvana, beginnt in Andermatt und endet in Chur. Somit erwandert man die Surselva am ersten Tag von Andermatt aus, durchquert sie während drei Tagen und verlässt sie am letzen Wandertag, der von Laax nach Chur führt. Dazwischen begeistert die Region als Wandergebiet vor allem aus einem Grund: Die Surselva ist herrlich unaufgeregt. Eine Zahl macht dies deutlich: die Bevölkerungsdichte. Während beispielsweise im Kanton Zürich jeder Quadratkilometer mit durchschnittlich 870 Personen bevölkert ist, leben in der Surselva weniger als 16 Personen auf einem Quadratkilometer.

Etappe 1: Von Andermatt nach Sedrun

Der erste Wandertag fordert die Wädli. Von Andermatt gehts hoch durch die Wälder. Doch schon bald ist die Waldgrenze erreicht und ein Wandertag im hochalpinen Gebirge beginnt – oberhalb der Waldgrenze oder wie es auf romanisch heisst: Surselva. Höhepunkte sind der Oberalppass, einsame Pfade und rauschende Bergbäche (Mutige ziehen die Badekleidung an und springen ins frische, kühle Wasser.) Eine Erfrischung gönnen wir uns im Alpbeizli Tegia Las Palas auf der Sonnenterrasse Milez und füllen am nebenangelegenen Brunnen die Wasserflasche nochmals mit frischem Bergwasser für den letzten Teil der Etappe auf.

ANDERMATT – SEDRUN
Strecke: 27,1 km
Dauer: 11 Stunden
Aufstieg: 1’534 hm
Abstieg: 1’521 hm

Übernachtungstipp: Das Hotel Krüzli verfügt über urchige, charmante Zimmer, ein feines Restaurant mit Terrasse, einen äusserst freundlichen Service und engagierten Hoteldirektor. kruezli.com

Alternativroute: Anreise mit dem Zug auf den Oberalppass – dadurch erspart man sich den Anstieg, geniesst dennoch einen ausgedehnten, genussreichen Wandertag.

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Etappe 2: Von Sedrun nach Sumvitg

Das erste Highlight des Tages ist das Benediktiner Kloster in Disentis. Ein Bau der seit 1’400 Jahren inmitten von Disentis steht und im Rahmen einer Klosterführung besichtigt werden kann. Führungen können telefonisch (+41 81 929 69 00) oder per E-Mail (museum@kloster-disentis.ch) gebucht werden. Eine Klosterführung dauert ca. 1 Stunde, mit Museumsbesuch ca. 1.5 Stunden. Hat man Disentis verlassen, gehts runter an den Rhein und hier entdeckt man die Surselva von der lieblichen Seite, von einer, die man bei einer Autofahrt durch die Surselva kaum zu Gesicht kriegt. Nach Cumpadials gehts hoch nach Sumvitg, dem eigentlichen Etappenziel. Doch wir empfehlen noch ein Dorf weiterzuwandern, nach Rabius. Denn hier im Hotel Greina schmeckt das Essen besonders gut. In der Küche steht der Besitzer selbst, Andreas Baselgia-Dermon. Mit seiner bodenständigen, lokalen Kost, die er mit Finesse zubereitet und serviert, erlangte er in der Region einen ausgezeichneten Ruf. Das Hotel und Restaurant führt er in der vierten Generation, zusammen mit seiner Frau Barbara Baselgia-Dermon. Sie modernisierten das Haus und prägen es mit ihrer aufgestellten, freundlichen Art.

SEDRUN – SUMVITG
Strecke: 17,5 km
Dauer: 5:15 Stunden
Aufstieg: 310 hm
Abstieg: 720 hm

Alternativroute & Übernachtungstipp: Von Sumvitg noch weiter nach Rabius wandern. Übernachtung im Hotel Greina in Rabius – weil das Essen da so gut ist. hotelgreina.ch

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Etappe 3: Von Sumvitg nach Breil/Brigels

Am heutigen Tag kommen zwei Dinge nicht zu kurz: Gastfreundschaft und feine Leckereien. Dafür verantwortlich sind drei Lokalitäten. Auf die erste treffen wir bereits kurz nach dem Start des dritten Wandertages. Oberhalb von Trun, auf der Terrasse Acladira, erblicken wir einen kleinen Weiler, der von der Wallfahrtskirche Nossadunna dalla Glisch überragt wird. Wir sind neugierig, verlassen den Wanderweg und schauen uns die Häuseransammlung an. Dabei treffen wir auf das Hospezi von Ursula und Christian Weber. Die beiden wohnen und arbeiten seit 20 Jahren in ihrem Chalet, pflanzen rund 150 Pro Specie Rara Gemüsesorten an. Die Erhaltung der Arten- und Sortenvielfalt einheimischer Nutztierrassen und Kulturpflanzen ist ihnen ein grosses Anliegen. Sie schaffen es hier im Berggebiet auf rund 1000 m ü. M. als Selbstversorger zu leben, gleichzeitig Gästen in ihrem Hotel und Restaurant mit frischen Zutaten aus ihrem Garten leckere Mehrgänger zu servieren.

Am frühen Nachmittag gehen wir durch die Ortschaft Schlans. Unser Picknick haben wir bereits verspiesen und doch meldet sich wieder ein kleiner Hunger. So passieren wir im richtigen Moment das Chispàcius, eine Ustria da curtgin, was auf gut Deutsch eine Gartenbeiz ist. Annamaria Pfister-Casanova verkocht den Mangold, der gleich hier im Garten wächst zu würzigen Capuns. Aber auch eine währschafte Gerstensuppe und sonstige lokale Köstlichkeiten stehen zur Auswahl. Die Atmosphäre ist äusserst gemütlich.

Vom Rumsitzen etwas faul geworden, müssen wir uns nochmals motivieren um den Weg nach Brigels in Angriff zu nehmen. Wüssten wir zu diesem Zeitpunkt, in welch herrlichem Hotel wir heute übernachten werden und welch feines Abendessen auf uns wartet, wären wir die letzten Berge noch hoch und runter gerannt wie junge Rehe. Schliesslich gehen wir los, befolgen dabei den Ratschlag von Annamarias Mann – der gute Geist, Gesprächspartner und Gastgeber im Hause der Pfister-Casanovas – und nehmen einen kurzen Umweg über Pradas, vorbei an Alphütten und saftig grüne Wiesen. Und erreichen schliesslich Breil/Brigels.

Was für ein Luxus, geht uns durch den Kopf, als wir mit unseren verschwitzten T-Shirts im neusten Hotel von Breil/Brigels, dem Hotel Mischun, einchecken. Im Untergeschoss wartet eine kleine, feine Wellnessanlage, die Zimmer sind stilvoll und hell eingerichtet und die Reception mit Lounge ein schicker Ort für einen Apéro-Drink. «Wir haben euch einen Tisch im Restaurant Vincenz reserviert», sagt Hansjörg Schiess, der uns persönlich begrüsst. Der Neo-Hotelier und frühere Unternehmer verbrachte seine Ferien seit den 1980-er Jahren in der Surselva. Nun schenkte er Breil/Brigels mit seinem Hotel eine kleine Perle. Ruhe und Genuss stehen im Vordergrund. Am Konzept sympathisch erscheint, dass er kein eigenes Restaurant im Hotel führt, sondern den Gästen die Menükarten der umliegenden Restaurants zur Ansicht vorlegt und danach gleich die Reservationen vornimmt. Die Gastrounternehmer in der Nachbarschafts freuts. Wir spazieren rüber ins Vincenz’s, stossen mit einem guten Tropfen an und geniessen lokale Spezialitäten, mitunter ein Hirsch-Carpaccio frisch von der Jagd und eine Kürbiscrèmesuppe, voll im Geschmack, herb, aber fein und elegant präsentiert.

SUMVITG – BREIL/BRIGELS
Strecke: 14,9 km
Dauer: 6:15 Stunden
Aufstieg: 874 hm
Abstieg: 610 hm

Restauranttipps unterwegs: Hospezi oberhalb Trun, hospezi.ch. Chispàcius, Gartenbeiz in Schlans, schlans.ch.

Übernachtungstipp: Das Inhabergeführte Hotel Mischun in Breil/Brigels ist für Gäste die Stil, Ruhe und Genuss suchen eine alpine Oase – mischun.ch.

Alternativroute: In Schlans im Chispàcius nach der Route über Pradas nach Breil/Brigels fragen.

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Etappe 4: Von Breil/Brigels nach Laax

Der heutige Wandertag wird uns ins Tourismusgebiet Flims-Laax-Falera führen. Es ist der vielleicht schönste Wandertag. Gleich nach Brigels wandern wir über Wiesen in Richtung Waltensburg. Hier bei der Talstation der hiesigen Bergbahnen befindet sich das Hotel Ucliva – ideal gelegen um sich nach knapp einer Stunde wandern eine Kaffeepause zu gönnen. Danach gehts bergwärts in Richtung Lag da Pigniu oder auf Deutsch zum Panixer-Stausee. Auf dem Weg zum See wandert man an einem Picknickplatz vorbei und gönnt sich eine Pause. Der Stausee liegt unterhalb des Panixerpasses, der einst General Suworow mit seiner Armee zum Verhängnis wurde. Man schrieb das Jahr 1799, als die Grossmächte England, Russland und Österreich einen Teil der Kämpfe gegen Frankreich in die Schweiz verlagerten. Ohne geeignete Kleidung und Ausrüstung, die meisten hatten nicht mal mehr Schuhe, sondern liefen barfuss, begingen die Truppen den Pass. Dabei erfroren und stürzten rund 2’000 Soldaten zu Tode. Gleichzeitig überlebten gerademal 70 von 2’000 Lasttieren. Während Suworows Truppen nach der Passüberquerung halb verhungert das kleine Dorf Pigniu überfielen und niederbrannten, löschen wir hier in der Ustria Alpina unseren Durst und geniessen den herrlichen Sommertag. Frisch gestärkt gehts weiter nach Siat und über Ladir und Falera nach Laax. Ein ziemlich happiger Wandertag. Deshalb raten wir in Ladir in der Lazy Mountain Lodge abzusteigen und den Wandertag dadurch um gut eine Stunde zu verkürzen. Ausserdem bietet die Pension ein leckeres Abendessen und von der Sonnenterrasse aus eine grandiose Aussicht auf die Signina-Gruppe und den Piz Mundaun.

BREIL/BRIGELS – LAAX
Strecke: 31,6 km
Dauer: 10:30 Stunden
Aufstieg: 898 hm
Abstieg: 1101 hm

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Alternativroute & Übernachtungstipp: Den Wandertag etwas verkürzen und in Ladir in der Lazy Mountain Lodge übernachten. lazy-mountain.ch

Etappe 5: Von Laax nach Chur

Beim letzten Tag einer Fernwanderung schwingt meist etwas Wehmut mit. Doch die Route entlang des Caumasees und der Ausblick von Conn auf den «Swiss Grand Canyon», die Rheinschlucht, tröstet ungemein. Faszinierend ist auch der Flimser Wald – wie ein Zauberwald aus einem Märchen präsentiert er sich. Genauso ist das Ziel der Fernwanderung nochmals ein Höhepunkt der fünftägigen Wanderung: die Alpenstadt Chur. In der Altstadt kann man auf das Geleistete anstossen und das südliche Flair, das hier im Südosten der Schweiz bereits vorherrscht, geniessen.

LAAX – CHUR
Strecke: 25,1 km
Dauer: 8 Stunden
Aufstieg: 401 hm
Abstieg: 915 hm

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