Mehrtageswanderung Schweiz – die Sucht des Fernwanderns

Fernwandern. Nur schon das Wort klingt nach Freiheit. Nach Ungebundenheit, Unbeschwertheit, nach der Sehnsucht alleine für mehrere Tage in der Natur unterwegs zu sein und den Alltag hinter sich zu lassen. Wer einmal eine Mehrtagestour unternommen hat, kommt kaum mehr davon los. Fernwandern ist eine Sucht. Und die Schweiz ein wahres Paradies diese auszuleben; speziell der Berg- und Naturkanton Graubünden bietet sich mit seinen unzähligen Touren an.

Unterwegs auf der Via Bregaglia, Graubünden

Die Vorfreude war gross, die Via Bregaglia verspricht viel: eine Mehrtagestour von den Alpen zu den Palmen, von Maloja nach Chiavenna, von alpiner Kost zur italienischen Küche und von milden Temperaturen zu warmen Sommerabenden. Und dank des Angebots von Bregaglia Tourismus steht uns eine entspannte Tour bevor – die Hotels werden für uns gebucht, das Gepäck jeweils von Unterkunft zu Unterkunft transportiert. Wir müssen nur wandern und geniessen.

Anmerkung zu diesem Artikel: Wir haben uns lange überlegt, ob wir den Artikel publizieren sollen. Jetzt, kurz nach dem Felssturz oberhalb von Bondo, bei dem Menschen ihr Leben verloren haben, Häuser zerstört wurden und noch immer nicht klar ist, wie sich die Situation weiterentwickelt. Wir haben uns dafür entschieden. Zum einen führt die Wanderung, wählt man von Vicosoprano nach Soglio die Route Via Panoramico, nicht durch Bondo (andere Talseite) und ist ohne Gefahren zu bewandern. Viel wichtiger: Wir denken, dass den Menschen der Region aktuell mehr geholfen ist, wenn Gäste die Region weiterhin (wo zugänglich und ohne Störung möglich) besuchen und somit unterstützen.

FAKTEN & INFOS | VIA BREGAGLIA

Routen Die Via Bregaglia bietet 3 Routen: Den Sentiero Storico, der durchs Tal und an historischen, kulturellen Sehenswürdigkeiten vorbeiführt, die Via Panoramica, die oberhalb des Tals mit spektakulären Panoramen aufwartet und ab Promontono die Traversata dei monti, eine Bergtour nach Chiavenna.

Aktuelle Informationen zur Lage Informieren Sie sich vorab, ob und welche Routen wegen des Felssturzes/Erdrutsches oberhalb Bondos wie begehbar sind – bregaglia.ch

Länge Gesamtstrecke 34 – 38 Kilometer

Etappen 3 Tagesetappen von je 3-7 Stunden (3 oder 4 Übernachtungen)

Mehr zum Angebot viabregaglia.ch

Mehr Infos zu Fernwanderungen im Graubünden graubünden.ch/weitwandern

Tag 1 | von Maloja nach Vicosoprano

Man möchte Maloja kaum verlassen, denn bereits am Startpunkt der Fernwanderung bieten sich einige spannende Sehenswürdigkeiten an: Ein zweistündiger Spaziergang, der «Sentiero Segantini» führt durch das Leben und Schaffen des Künstlers Giovanni Segantini. Und wenige Minuten ausserhalb des Dorfkerns befinden sich der Turm Belvedere mit einmaliger Aussicht auf das Bergell umgeben von Gletschermühlen.

Danach gehts bergab. Nicht mit der Stimmung, nur topographisch. Ein schmaler Weg führt durch den Nadelwald nach Casaccia. Einst verlief durch das Bergell ein Säumerweg. Die Spuren sind auf der ganzen Via Bregaglia heute noch zu sehen. Einige der jahrhunderte alten Steinwege und Mauern existieren noch immer. Ja, während die Waren inzwischen komfortabel über die Strassen transportiert werden, plackten sich die Handelstreibenden früher auf dieser Route ab, tranportierten jegliche Güter mit einfachsten Hilfsmitteln und Mauleseln über schmale Wege und steile Hänge hinauf. Eine Szenerie, die der in Malans (GR) lebende Künstler Peter Leisinger in mehreren seiner Werke treffend inszenierte.

Nach einer kurzen Pause in Casaccia gehts über Wiesen und Wälder weiter in Richtung Vicosoprano. Und während dieses Teilabschnitts stets im Blickfeld ist die Staumauer des Albigna-Stausees. Eine gigantische Mauer, eingebettet in die majestätische Berglandschaft des Bergells. Am Ende der Etappe ist klar: Da müssen wir hoch. Glücklicherweise befindet sich unsere Unterkunft, das Hotel Pranzaira gleich neben der Talstation der Pranzaira-Albigna-Seilbahn. Die Vorfreude auf den morgigen Tag, ein schmackhaftes Essen und ein wunderbarer Panoramablick von der Hotelterrasse über das Bergell sind ein genussvoller Schlusspunkt eines abwechslungsreichen Wandertages.

Tag 2 | von Vicosoprano nach Soglio

Ganz nach dem Motto «der frühe Vogel frisst den Wurm» begeben wir uns zusammen mit den ersten Sonnenstrahlen hoch zum Albigna-Stausee. Innert weniger Minuten gehts vom Tal hoch in eine mächtige alpine Landschaft. Bei einem 45-minütigen Spaziergang hoch zur Alpigna-Hütte bietet sich einem ein wunderbarer Blick und in der Hütte wird man mit einem feinen Kaffee für den kurzen Aufstieg belohnt.

Kunst am Berg Noch bis am 30. September läuft rund um den Albigna-Stausee die Freiluft-Kunstausstellung Arte Albigna.

Zurück im Tal begeben wir uns nach Vicosoprano, das wir bereits nach einer halben Stunde erreichen. Der kleine, nette Ort voller historischer Gebäude lädt geradezu zu einem Pausenstopp ein – doch uns zieht es in die Höhe und wir verlassen den Sentiero Storico und begeben uns auf die Via Panoramico. Die Möglichkeit zwischen den verschiedenen Routen zu wechseln, gibt es während der Gesamttour an mehreren Orten. Und diese Etappe ist das Filetstück der Via Bregaglia. Schlicht ein Traum. Schon kurz nach Vicosoprano verändert sich das Waldbild: Immer mehr Laubbäume gesellen sich zu den Nadelbäumen. Wir spüren, der Süden lockt. Und auf einer Anhöhe, neben urchigen Ställen treffen wir auf das Café Durbegia. Der Blick ist genauso phänomenal wie der regionale Kastanienkuchen und der Kaffee aus der kleinen Mokka-Kanne.

Nach der kurzen Stärkung gehts weiter … in Richtung Soglio. Einer der Höhepunkte der Fernwanderung. Das auf einer Erhebung liegende Soglio ist bilderbuchgleich. Doch vor Ankunft begeistert der Weg: Wir gehen über gut ein Dutzend Brücken, vorbei an Wasserfällen und über schmale Wege fernab der Zivilisation. Und auch hier zeugen Steinwege von der historischen Handelsroute. Dazwischen lichtet sich jeweils der Wald und gibt den Blick auf die Dörfer im Tal frei.

An diesem Abend schauen wir rüber an die Felshänge oberhalb von Bondo und bestaunen einen wunderbaren Sonnenuntergang. Nichtsahnend welche Tragödie sich am anderen Tag hier ereignen wird.

Tag 3 | von Soglio nach Chiavenna

Am nächsten morgen als wir zur letzten Etappe aufbrechen, hören wir das Donnergrollen, sehen den Felssturz oberhalb von Bondo und sind erstmals fasziniert von der Szenerie – der Staubwolke, die sich wie Nebelschwaden über das Tal legt. Wir ahnen die Auswirkungen noch nicht. Selbst die Einwohner in Soglio sind nicht weiter beunruhigt – alle gehen weiter ihrer Arbeit nach. Man hört Sätze wie: «Ja, da drüben bröckelt der Fels, vor einigen Jahren gab es bereits einen Felssturz.» Die Realität holt das Tal und auch uns erst später am Tag ein. Der Schock sitzt dann jedoch tief. Die Natur hat zugeschlagen. Unerbittlich. Grausam.

Nach Soglio gehts durch Europas grössten Edelkastanienwald nach Castasegna. Und somit zur italienischen Grenze. Bella Italia – hier sind wir. Ein Lächeln liegt auf unseren Gesichtern. Es erzählt von der Vorfreude auf italienische Köstlichkeiten, von Antipasti, Pasta, Rotwein und Gelato. Der Endpunkt der Wanderung wird Chiavenna sein. Eine wunderhübsche, charmante Altstadt mit Piazzas, Kirchen, Ristorantes und Caffès. Der Weg dahin führt durch Dörfer und Wälder und bietet kurz vor Chiavenna einen wunderbaren Rastplatz im Giardino des Crotto Belvedere. Man sollte mit den Genüssen frühstmöglich beginnen, denken wir und stossen auf das wunderbare Erlebnis «Weitwandern Via Bregaglia» an.