Seit sieben Jahren lebt diese australische Familie «unterwegs»

Zwei schulpflichtige Kinder, aber kein festes zu Hause: Diese australische Familie lebt mit dem, was in ihrem Auto mit Anhänger Platz hat. Fehlen tut es ihnen an nichts. Im Gegenteil.

Eine grosse Australien-Karte klebt auf dem seitlichen Hinterfenster des schwarzen Offroaders, der auf dem Camping-Platz neben einem grossen Zelt steht. Dicke, rosarote Linien sind auf der Karte zu sehen, schlängeln sich über den ganzen Kontinent: Von Perth im Osten über Brisbane im Westen bis nach Torres ganz im Norden – und kreuz und quer dazwischen, wunderbar unregelmässig, als hätte jemand die Flugbahn einer Fliege nachgemalt.

«Wir werfen jeweils eine Münze, und dort wo sie auf der Karte landet, fahren wir hin», erklärt Wayne Barnier die Reiseroute und seine Ehefrau Melanie lächelt verschmitzt. Über 276’000 Kilometer haben sie bereits zurückgelegt, seit sieben Jahren sind sie unterwegs. Im Gepäck haben sie nicht nur den Offroader mit Anhänger und zwei Zelten, Kaffeemaschine, Mikrowelle und was man sonst noch so in einem Haushalt braucht, sondern auch zwei Kinder. Tochter Samantha ist 14 Jahre, Sohn Angus 11 Jahre alt.
«Im Schnitt bleiben wir sechs Monate an einem Ort, damit die Kinder zur Schule gehen können», erklärt Melanie. In den Schulferien reisen sie weiter. «Unterwegs lernen die Kinder aber mehr als in der Schule», ist Vater Wayne überzeugt. «Wir besuchen jedes Museum, schauen uns Ausstellungen an und versuchen, so viel wie möglich über einen Ort zu erfahren.» Melanie zeigt mir ein Bild von Samantha und Wayne neben einem riesigen Dinosaurierknochen in Winton, stolz erzählt mir Sohn Angus so gleich alles, was er über den Dino weiss.

Dem Schicksal angepasst

Die Barniers haben schon viel gesehen, «und doch haben wir bis jetzt erst etwa 10 Prozent des Landes bereist», sagt Melanie. «Viele Touristen, aber auch die Australier selber sind sich oft gar nicht bewusst, wie riesig das Land ist.» Ganz Europa hätte sogar rund zwei Mal Platz in diesem Kontinent. Im Ausland war die Familie Barnier hingegen noch nie – «warum auch, wenn Australien doch selbst so viel zu bieten hat», sagt Wayne.

Der Grund für diesen dynamischen Lebensstil liegt aber nicht in erster Linie an der unstillbaren Neugier und der unersättlichen Reiselust des Paares. «Ich habe Probleme mit dem Herz und darf nicht mehr arbeiten. Deshalb erhalte ich seit sieben Jahre eine Invalidenrente», erklärt Wayne. Die teuren australischen Häusermieten konnte die Familie damit aber nicht mehr stemmen: «So haben wir uns für ein Leben «on the road» entschieden.»

Kinderzulagen erhalten sie zum Glück auch, und wann immer möglich sucht sich Melanie an ihren temporären Wohnorten kleine Jobs: «Ich brauche Beschäftigung, ich kann nicht den ganzen Tag herumsitzen.» Manchmal unterstützt sie als Putzkraft die Camping-Plätze oder hilft als Verkäuferin in kleinen Läden aus. «Ich will aber noch eine Ausbildung zur Buchhälterin machen, mittels Fernstudium», sagt Melanie.

«Mir fehlt meine Türe»

Bereut haben sie die Entscheidung, ihr Haus aufzugeben, bis jetzt aber nicht. Im Gegenteil: «Ich brauche kein grosses Haus, um glücklich zu sein. Wir haben hier alles, was wir brauchen», sagt Wayne. Knapp 800 Kilogramm wiegt das ganze Hab und Gut der vierköpfigen Familie. Melanie fügt lachend hinzu: «So gibt es viel weniger zu putzen und aufzuräumen!»

Am liebsten sind die Barniers sowieso draussen in der Natur, zum Beispiel beim Angeln, Tiere beobachten oder Kajak fahren. «Früher hatten wir noch einen Fernseh-Anschluss, heute brauchen wir aber nur noch den Bildschirm, um DVDs zu schauen oder damit Angus auf der Xbox spielen kann», erzählt Wayne. Auf die negativen Nachrichten aus aller Welt und anspruchslosen TV-Serien könne er gut verzichten. Und Samantha lese sowieso viel lieber Bücher.

Kleiner Fussabdruck

Die Freiheit, mit dem Offroader dorthin fahren zu können, wo nur die wenigsten Menschen hinkommen, macht für die Familie den besonderen Reiz an diesem abenteuerlichen Lebensstil aus. «Wir haben im Norden mit Kindern von Aboriginals einen Barrakuda gefangen oder waren tagelang im Outback unterwegs, ohne auch nur einem einzigen Mensch zu begegnen», erzählt Wayne. Er schwärmt von den Schluchten im Carnarvon Gorge, den roten Felsen des King’s Canyon oder den Lavaröhren im Undara Nationalpark.

Für die Elektrizität unterwegs sorgt ein Stromgenerator, Solarzellen auf dem Dach sowie drei Batterien im Auto. «Unser CO2-Fussabdruck ist trotz Auto besser als derjenige von Menschen, die in Wohnungen leben, dies dank der Batterie und den Solarzellen, aber auch schon nur wenn man bedenkt, wie wenig Strom und Wasser wir verwenden», sagt Melanie. Inzwischen schaffen sie es, sich mit nur zwei Liter Wasser die Haare zu waschen, Wayne sogar mit nur einem Liter.

Es sind Lifeskills, die man in einem Haus, wo man alles im Überfluss hat, nicht lernt. Auch ihr Verhältnis zur Natur ist ein ganz anderes. Unterwegs wissen sie, welche Früchte sie bedenkenlos essen können, können die verschiedenen Säugetiere, Reptilien und Vögel richtig benennen, und dass sie keinen Abfall liegen lassen, ist ohnehin selbstverständlich – sie sammeln sogar fremden Abfall ein, wenn sie zum Beispiel am Strand einen liegengebliebenen Plastiksack entdecken: «Wir hinterlassen nichts anderes, als unsere Fussabdrücke.»

Immer weiter

Doch wie sehen die Kinder das häufige Wechseln des Wohnortes? «Ich vermisse meine Freunde», gibt Samantha etwas traurig zu. Sammy binde sich sehr schnell an neue Freundinnen, erklärt ihre Mutter. «Über Facebook bleibe ich aber in Kontakt mit ihnen», sagt Samantha. Angus hingegen freut sich schon auf den nächsten Ortswechsel: «Die Schulklasse hier gefällt mir nicht so.» Das Weiterziehen hat also durchaus auch seine Vorteile.

Vermissen würden die Barniers nur kleine Dinge: «Das Badezimmer nicht mit anderen Leuten teilen zu müssen zum Beispiel», sagt Melanie. Auf den Campingplätzen gibt es natürlich nur geteilte Badezimmer, auch wenn diese wie hier auf dem «Scarness Caravan Park» bei Hervey Bay sehr sauber sind, da man einen Schlüssel braucht, welchen man nur als Camping-Bewohner erhält. «Also ich vermisse Türklinken. Wir wohnen ja seit sieben Jahren ohne Türe, im Zelt haben wir nur einen Reisverschluss», lacht Wayne. «Oder den Lichtschalter!», und zeigt auf die Laterne.

Auf die Frage, wie lange sie diesen Lebensstil so fortführen wollen, lautet die schnelle Antwort: «So lange wie möglich!» Inzwischen können sie aber nicht mehr monatelang im Outback verschwinden, «Wayne muss alle zwei bis drei Monate zur Kontrolle ins Spital und Medikamentennachschub kaufen, welchen man nur in grösseren Städten erhält», sagt Melanie. Und weil Samantha bald in die Oberstufe kommt, will sich die Familie ohnehin für zwei Jahre an einem Ort niederlassen, damit sie nicht die Schule wechseln muss.

«Wir könnten doch hier bleiben, hier ist es perfekt!», sagt Samantha. Sie hat Recht: Der Strand beginnt gleich beim Camping-Platz, im Meer kann man bedenkenlos baden, das Städtchen ist klein und übersichtlich, das Wetter so gut wie immer regenfrei. Doch Vater Wayne zieht es bereits weiter: «Zuerst will ich noch mehr von Australien sehen.»