Wer mit «Heidiland» vor allem blühende Alpen und Ziegen assoziiert, kennt die Tourismusregion im Grenzgebiet der Kantone St. Gallen und Graubünden noch nicht gut genug. Jetzt, wo in den Reben fleissig geerntet wird, empfehlen wir genussvolle und vielseitige Erlebnisse rund um den Wein. 

Auf Wein-Tour im Heidiland

Wein aus dem Bündnerland und dem St. Galler Rheintal? Ja, das soll es geben. Als Bernerin bin ich weintechnisch zwar eher Wallis- oder Lavaux-orientiert, aber natürlich stets offen für gute, neue Tropfen. Von Ostschweizer Wein hatte ich kaum etwas gehört und so war ich dementsprechend neugierig darauf, was wir mit Karin Durrer von Heidiland Tourismus entdecken würden. Das Resultat war eine äusserst vielseitige Auseinandersetzung mit den verschiedenen Facetten des Weins. 

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Stein und Wein 

Schon nur die erste Destination der Weinreise überrascht. Am Berg Gonzen in Sargans, St. Gallen, werden wir mit Helmen ausgerüstet – nicht aber etwa zum Besteigen der Rebberge, denn die Reise führt nicht auf, sondern in den Berg. Wir sitzen in einem kleinen Zug, der uns zwei Kilometer ins Berginnere bringt. Dieser beherbergt das Bergwerk Gonzen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden hier Erze wie Hämatit, Magnetit und Hausmannit gewonnen. Auf alten Fotografien beim Eingang erhält man einen ersten Eindruck der schwierigen Arbeitsbedingungen, die geherrscht haben müssen; 13 Tonnen pro Tag haben die Mineure und Knappen im Zweiergespann an den Tag gefördert, von Hand oder mit einfachen Maschinen.

1966 wurde das Bergwerk aus wirtschaftlichen Gründen zwar stillgelegt, doch seit über dreissig Jahren sind die Tore für Besucherinnen und Besucher geöffnet. Anton Geel und Ruedi Frick, wie auch andere Mitglieder des Vereins Pro Gonzenbergwerk, bieten verschiedene Führungen von einem halben bis zu zwei Tagen an, die durch die Stollen, über Galerien, vorbei an tiefen Silos und Höhlen führen. «Hier, wo der Stein rötlich gefärbt ist, sieht man das Erz», erklärt Ruedi. Die Farben sind beeindruckend. 

Doch was hat das mit Wein zu tun? Bald erfahren wir es: Die Führung mündet in der Barbarakaverne, einer kunstvoll gestalteten Kaverne aus Stein, die den Namen der Schutzpatronin der Bergleute trägt, der heiligen Barbara. Wo früher Sprengstoff gelagert wurde, wird heute Wein degustiert. Und nicht irgendein Wein: Dieser wird draussen am Berg angebaut. Stefan und Anita Hörner bewirtschaften die Rebberge der Eisenbergwerk Gonzen AG seit über zwanzig Jahren. Für die 100-Jahr-Feier des Eisenbergwerks und des Weinguts Gonzen haben sie gar einen Jubiläumswein kreiert: den Cuvée Barbara. Diese Mischung aus Diolinoir, Syrah und Pinot Noir reift nun in Holzfässern im Berginnern – eine Première.

Wir treffen Stefan vor seinem Weingut einen Steinwurf vom Eingang ins Bergwerk entfernt. Er ist gerade vom «Wimmeln» zurück, wie man das Traubenlesen hier nennt – von Hand, versteht sich. Trotzdem nimmt er sich Zeit für uns und führt uns durch die Anlage. Pinot Noir, aber auch Sauvignon Blanc, Pinot Gris und Chardonnay keltert er. Nebst Führungen kann man ebenfalls die Torkelstube, den Kelterungsraum, buchen – zusammen mit einem Besuch im Bergwerk in der Tat ein interessantes Erlebnis mit Stein und Wein.3_Gonzen (3)1_Gonzen (1)2_Gonzen (2)

Mediterranes Flair am Walensee

Wir fahren weiter an den Walensee – den kennen die meisten wohl nur vom Zugfenster. Doch genau das macht den Reiz am Reisen aus: dort zu halten, wo andere vorbeifahren. Wir besuchen das Weingut der Rebberge Kaliforni, das von Marco und Eleni Casanova-Meyer geführt wird. Dessen Name hat aber nichts mit Kalifornien zu tun, sondern stammt vom hiesigen Kalkboden. Per Zufall kommt man hier kaum vorbei; vom öffentlichen Strändchen in Walenstadt muss man der Nordseite des Sees entlang eine Viertelstunde folgen, bis man auf die Rebberge am Hang gleich unterhalb der steilen Kalkfelswänden der Churfirsten stösst. 

Das Weingut CasaNova Wein Pur erreichen wir eigentlich zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: Auch hier wird gerade geerntet. Ein Dutzend Arbeitende jeglichen Alters sind am Schneiden, ihre Fingerspitzen sind blau von den Trauben. «Den Sauvignon haben wir bereits gewimmelt, jetzt sind wir am Cabernet Jura dran, eine neue, pilzwiderstandsfähige Rotweinsorte», erklärt Eleni. Wir müssen allerdings nicht mitanpacken, sondern werden von ihr, einer leidenschaftlichen Köchin, regelrecht verwöhnt: Spanisch-griechisch angehauchte Tapas kombiniert mit regionalem Käse an Rosmarinhonig, eine neue Art von Capuns mit Chorizo und heimischen Steinpilzen sowie ein Trauben-Tiramisu, was für ein Gaumenschmaus! Dazu degustieren wir verschiedene Weine. 

CasaNova Wein Pur produziert keinen gewöhnlichen Wein für den alltäglichen Genuss, sondern konzentriert sich auf Spezialitäten. Sie verfügen über eine Bio-Zertifizierung und eine Demeter-Anerkennung. «Biodynamische Weine dürften weiter an Bedeutung gewinnen», sagt Marco. «Wein aus einem Boden, der lebt, schmeckt ganz anders.» Besonders gut mundet uns der Pinot Saignée, ein Aderlass der Trauben aus bester Lage, lachsfarben und mit einem intensiven Geschmack nach Erdbeere – für mich eine Neuentdeckung. Wer das Weingut Casanova Wein Pur ebenfalls besuchen will, sollte dies am besten mit einer Voranmeldung tun. Für Kundinnen und Kunden organisieren Eleni und Marco auch immer mal wieder Events.

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Wein und Sein 

Dass der Wein im Heidiland definitiv zur Kultur gehört, wird spätestens klar, wenn man bei Heidi Steiner-Gebelein einkehrt. (Ja, die Bündnerin heisst tatsächlich so!) Für Heidi ist es eines der Elemente, das die Leute in der Region verbindet: «Jede Person hier hat irgendeinen Bezug zum Wein: Wenn man nicht selbst Winzer ist, dann kennt man mindestens jemanden, der sonst irgendwie mit Weinproduktion zu tun hat.» 

Sie selbst ist Quereinsteigerin und macht seit 2008 Wein, nach Abschluss eines Winzer-Kurs. Früher war Heidi Flugbegleiterin, reiste berufsmässig um die Welt, lebte aus dem Koffer und fühlte sich überall Zuhause. Nun hat sie wieder Wurzeln gefasst, «wie die Reben», lacht sie. Mit Ehemann Jörg und Tochter sowie Hund lebt sie nun im Haus ihres Grossonkels. Dieses 300-jährigen Herrschaftshaus ist im Städtchen wohlbekannt, denn ihr Grossonkel war Stadtpräsident und wohnte im Eckhaus, von wo auch der Name für ihren Wein, Cantunada, auf Rätoromanisch das «Haus an der Ecke», stammt. Mit Hilfe ihres Cousins, selber ein Winzer, stellt sie nun Pinot Noir her. 

Noch mehr aber scheinen ihr die Veranstaltungen zu gefallen, zu denen sie alle zwei Wochen einlädt und zu welchen bis zu 40 Personen erscheinen. Sie nennt diese Veranstaltungsreihe «Wein und Sein» – ob Lesungen, Konzerte oder einfach ein gemeinsames Essen bei einer Flasche Wein, die Idee ist es, zusammen eine gute Zeit zu verbringen. Dafür sitzen mitunter auch verschiedene Generationen am gleichen Tisch, im bunten Garten oder im stimmungsvollen Kellergewölbe. Sogar ein Gästezimmer für nicht-einheimische Gäste – so wie uns – steht bereit. Das Frühstück am nächsten Morgen ist mindestens genauso gut wie das Apéro mit Wein. Sich um ihre Gäste zu kümmern, mag die energievolle Bündnerin, sie geniesst es, wenn bei ihr viel los ist: «Jetzt mache ich halt hier Turbulenzen!», sagt die ehemalige Flugbegleiterin augenzwinkernd.

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Auf dem Weg zum Weinprofi

Ein anderer Rückkehrer ist Gian Carlo Casparis. Aufgewachsen in der Bündner Herrschaft, sammelte der Bündner nach Abschluss der Schweizerischen Hotelfachschule in Luzern Erfahrungen in der internationalen Luxushotellerie. Sein Interesse für den Wein und die Kultur der Region jedoch blieb, und so kehrte er vor sechs Jahren zurück und startete die Wine Tours Switzerland. Ich war schon an Weintouren in Südafrika, Australien und Neuseeland, doch während es dort vor allem um das Degustieren ging, steht bei den Touren von Gian Carlo die Wissensvermittlung im Zentrum. Mit den alljährlichen Winzerfesten und offenen Türen der Weingüter ist so eine Tour nicht zu vergleichen. 

Die Welt des Weins ist in der Tat sehr gross, die Themen gehen nie aus: Geologie und Meteorologie, Bio und Demeter, Hefe und Zucker, Chemie und Natur, Geschichte und Politik. Was für Weinwissen man mitbringt, spielt aber keine Rolle – Gian Carlo weiss sich geschickt dem Wissensstand der Teilnehmenden anzupassen. Auch bietet er verschiedene Arten von Touren an – mit Ebikes, wandernd, oder chauffiert mit dem Auto, so wie wir. Auch der Anzahl Personen sind kaum Grenzen gesetzt, ab zwei Personen geht es los, er habe aber auch schon für grosse Gruppe mit 180 Personen Touren organisiert.

Nach einem Gang durch die Reben (80 Prozent der Qualität des Weins wird beim Anbau entschieden, und nicht etwa beim Keltern, heisst es), geht es durch verschiedene Weingüter bis zum Familienbetrieb Adank. Hier arbeiten Vater und Sohn Hand in Hand. Hansruedis Wissen über die Region mischt sich mit der Auslanderfahrung von Sohn Patrick, der schon auf Weingütern in Frankreich, Neuseeland und Deutschland gearbeitet hat. Eine Kombination, die funktioniert. «Klar streiten wir ab und zu, aber das ist äusserst selten der Fall. Die Zusammenarbeit funktioniert wirklich ausgesprochen gut», sagt Patrick. Zahlreiche Auszeichnungen für ihre Weine bestätigen dies. Neu tüfteln die zwei an einem Schaumwein – ein weiteres Resultat der generationenübergreifenden Zusammenarbeit. Freitags und samstags steht der Degustationsraum offen, ansonsten auf Anmeldung. 

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Lehrreiche Ausflüge

Ob im kühlen Bergwerk, am mediterranen Walensee, bei «Wein und Sein» in Heidis Kellergewölbe oder auf einer lehrreichen Tour – die Weinregion Ostschweiz präsentiert sich vielseitig. Dabei gäbe es noch viele andere Angebote rund um den Wein; eine Übernachtung in einem Weinfass oder extravagant im Grand Resort Bad Ragaz, eine Fahrt mit Ebikes durch die Weinreben, ein Kochkurs mit Wein, eine Gourmetwanderung. Jetzt, mitten in der Erntezeit, sind solche Ausflüge in der Weinregion natürlich besonders spannend, weil man nicht weiss, was einen erwartet. Sind die Winzer gerade in den Reben am Wimmeln? Oder sind sie bereits im Keller am Keltern? Vielleicht pflegen sie auch die Reben. Ein Winzer, haben wir gemerkt, ist gleichzeitig auch ein bisschen Geologe, Chemiker, Meteorologe, Biologe, Psychologe, Handwerker, Tüftler, Manager und Künstler. Da wir jetzt wissen, wie die Traube zu Wein wird, schätzen wir das Endprodukt noch um einiges mehr. Und verstehen das Motto: Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken! 

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