Fernwandern von Davos nach Bergün auf dem Kesch-Trek

Ein Teilstück einer Treppe. Hoch oben nahe der Fuorcla Pischa. Drei Tritte. Rundum Geröll und Nebelschwaden. «Starways to heaven» geht mir spontan durch den Kopf. Doch die Treppe ist zerbrochen, sie steht wohl eher für gescheiterte Pläne und Träume: Wer sie betritt, wird nicht den Himmel betreten, sondern hart landen. Und doch hat die Treppe etwas mit dem Himmel zu tun. Mit dem Himmel auf Erden. Doch dazu später mehr.

Tag 1 – Vom Flüelapass hoch zur Grialetschhütte

Die fünf Punkte oben links auf dem Handy sind leer. Leer heisst, ich habe kein Netz. Ja, das Handynetz sei hier inexistent, die Spezialität der Hütte sei eine andere: «Wir backen hier selber Kuchen im Holzofen», klärt mich Hüttenwartin Cécile Reiss auf. Gemeinsam mit ihrem Mann Hanspeter führen sie die SAC Hütte der Sektion St. Gallen seit über 25 Jahren.
Gestartet sind wir heute am Flüelapass. Einem spontanen Tipp des Postautofahrers folgend, wählten wir die landschaftlich attraktivere Route über den Munt di Marti am See Stavel da Radönt vorbei und stets hoch über der Aua da Grialetsch, an deren Ufer die eigentliche Etappe des ersten Tages entlang geführt hätte. Vorbei an Gras schmatzenden Kühen, die frühherbstliche Sonne im Gesicht, erreichen wir spätnachmittags die urchige Grialetschhütte.

Infos zur ersten Etappe
Kesch-Trek Etappe 1 (Anmerkung: Der offizielle Einstieg der Wanderung ist bei der Postautostation Susch, Chantsura. Hier beschrieben ist ein alternativer Zustieg: Wir sind bereits davor, zwischen den Postautostationen Susch Abzweigung Schwarzhorn und Susch Chantsura gestartet. Für diese Route den Postautochauffeur fragen, ob er so nett sei, einen da rauszulassen.)

Tag 2 – von der Grialetschhütte zur Kesch-Hütte

«Nein, der anstrengendste Tag wird morgen sein», antwortet unser Bergführer Andy Steingruber. Der Appenzeller begleitet uns während der viertägigen Fernwanderung von Davos nach Bergün. Seinen Heimatkanton verliess er vor vielen Jahren, seine Wahlheimat ist Filisur im Albulatal und er ist uns während den Tagen ein kundiger Bergführer, ein interessanter Gesprächspartner und abends beim Jassen ein geselliger Kumpane. «Heute gehts über die Fuorcla da Grialetsch, durchs Val Dischma und weiter über den Scalettapass», informiert er uns über den Wandertag. Danach gehe es durchs Val Funtauna hoch zur Kesch-Hütte. Eine wunderbare Route, kommt dem Begriff Genusswandern nahe: nicht zu lang, nicht zu steil. Dafür landschaftlich traumhaft. Und es beginnt sich etwas in uns breit zu machen. Ein Gefühl von Freiheit. Wer Fernwandern mag, weiss wovon die Rede ist, kennt das Gefühl morgens in den Bergen aufzuwachen und die Gewissheit zu haben, dass der Tag auch wieder hier zwischen diesen gewaltigen Giganten, nach dem Alpenglühen, bei einem feinen bodenständigen Essen, bei Hörnli mit Ghacktem, zu Ende gehen wird.

Infos zur zweiten Etappe Kesch-Trek Etappe 2

Tag 3 – Steil, anstrengend, doch dem Himmel so nah

Heute ist es soweit: Es geht auf einer Distanz von 14 Kilometern 1’000 Meter rauf und wieder runter. Nicht gerade der Mount Everest. Aber verdienen müssen wir uns die Es-Cha-Hütte, das heutige Tagesziel, allemal. Und heute wirds zur Begegnung mit der obgenannten Treppe kommen. Aber erst wandern wir abwärts zur Alp Digl Chants, rüsten uns mit feinem Alpkäse, geniessen die frische Morgenluft und finden gar Zeit Steinpilze zu sammeln. Nach der Alp Plazbi gehts schliesslich steil rauf. Ein altbewährtes Rezept macht den Kopf frei: Einen Tritt nach dem anderen nehmen. Und dabei die Berglandschaft geniessen: den Übergang von sattem Grün zu einer kargen Gerölllandschaft. Und so gehts immer weiter nach oben. Bis wir schliesslich vor der Treppe stehen. Wir fragen uns: Wie nur kam diese Treppe hier hoch? Und diese Frage, dieser Moment beschreibt wunderbar, was den Kesch-Trek ausmacht. Es zeigt: Wir sind erstaunt ein Stück Zivilisation vorzufinden. Diese Treppe erinnert uns, dass wir die Tage, abgesehen von Alphütten, an keinerlei Gebäuden, keinerlei Zeichen von Zivilisation vorbei wanderten. Und wir hatten auf der gesamten Strecke kein Handynetz. Den Alltag hatten wir bereits vergessen, als wir am ersten Abend in der Grialetschhütte gemeinsam Karten spielten. Der digitale Knochen war da oben wertlos. Das Gelächter, die Freude am Beisammensein umso wertvoller. Und wie wir die Karten nach jedem Spiel neu mischten, so mischte die Umgebung die Wichtigkeit neu. Was unten wichtig erschien, war es hier nicht mehr. Beispielsweise die eigene Wichtigkeit – in dieser archaischen Welt, zwischen mächtigen Bergen, da realisiert man, wer man ist. Oder eben nicht ist. Und sich selber nicht zu wichtig nehmen ist erfrischend, eine der befreiendsten Erkenntnisse überhaupt. Dazu gesellt sich dieses Nichts, eine Gedankenleere, die in unserer informationsüberladenen Welt wie Balsam für die Seele und ein Liegestuhl fürs Hirn ist. Ja, es kommt einem der Gedanke: So sollte das Leben stets sein. Ja, es fühlt sich an wie der Himmel auf Erden. Worauf man stutzig wird, sich fragt, wieso man denn im Alltag nicht auch mehr Ruhe zulässt.

Infos zur dritten Etappe Kesch-Trek Etappe 3

Tag 4 – Vorbei am schönsten Schweizer See

Heute kehren wir zurück in die Zivilisation – und tatsächlich gibt es durchaus gute Gründe, diese Rückkehr ebenfalls zu geniessen. Da sind wir uns abends in Bergün, bei einem Glas Herrschäftler in einer heimeligen Arvenstube, einig. Doch erst dürfen wir nochmals die Wanderschuhe schnüren und uns auf die letzte Etappe begeben. Sie führt uns über den Albulapass zum Palpuognasee, der zu den schönsten Seen der Schweiz zählt. Im Hintergrund thront der Piz Ela, der Namensgeber des grössten Naturparks der Schweiz, dem Parc Ela. Spektakulär gehts weiter, entlang der kurvenreichen Strecke der rhätischen Bahn wandern wir über Wiesen, entlang von Bächen, über Brücken und durch wohlduftende Wälder nach Bergün.

Infos zur vierten Etappe Kesch-Trek Etappe 4

Der krönende Abschluss: zu Gast bei Migga und Fredo Falett

In Bergün warten gleich zwei Leckerbissen: Zum einen das Kurhaus Bergün. Nach drei Nächten im Massenschlag, wartet ein Doppelzimmer, statt Wolldecken gibts flauschige Duvets. Und eine Dusche mit Warmwasser im eigenen Zimmer. Luxus! Ja, und zum anderen steht eine Swiss Tavolata auf dem Programm. Was das ist? Ein richtig spannedes Konzept: Landfrauen, schweizweit gut vierzig an der Zahl, bieten ihre gute Stube und ihre Kochkünste an. Dabei verkochen sie grösstenteils eigens angebautes Gemüse, eigenen Käse und Fleisch von den eigenen Tieren – lokaler essen geht kaum. Wir sitzen in der bereits erwähnten Arvenstube von Migga und Fredo Falett. Am Fenster flackert eine Kerze, an der Wand hängt eine antike Uhr. Es ist ein Privileg, dass wir hier im Zuhause der Faletts dinieren dürfen. Die beiden sind herzliche Gastgeber. Sie geniessen es, «die Welt zu uns nach Hause zu holen», wie sie sagen. Und was uns Migga Fallett auftischt ist ein Gedicht: Birnenbrot, Bündnerfleisch, Capuns, Maluns und ein Rindsbraten im Heubett – alles selber zubereitet versteht sich. Nicht zu vergessen: den eigenen Käse, den wir vorab bei einem Apéro geniessen. Er kommt von der Alp Digl Chants, wo sie im Sommer ihre Kühe weiden lassen. Und wo wir am dritten Tag, kurz vor dem steilen Anstieg vorbeikamen. Heute Abend dürfen wir den Käse einfach nur geniessen – der einzige Marsch, der uns heute noch bevorsteht sind die hundert Meter zurück zum Kurhaus.

Informationen zu Swiss Tavolata: Swiss Tavolata
Informationen zum Kurhaus Bergün: Hotel Kurhaus Bergün

Weiterführende Informationen zum Kesch-Trek

Der Kesch-Trek kann als komplettes Package gebucht werden und ist eine von vielen erlebnisreichen Fernwanderungen im Kanton Graubünden.

Informationen zum Kesch-Trek Kesch-Trek Packages

Informationen zu den Bündner Fernwanderwegen Fernwanderungen Graubünden