Eine Fahrradtour durchs Havelland


Berlin kennen wir Schweizer. Aber was befindet sich ausserhalb der Stadt? Wohin führt die Reise, wenn man sich in die Bahn setzt und die städtischen Gebiete verlässt? Wir wollten es wissen, blickten über den Tellerrand, durften eine spannende Fahrradreise durchs Havelland erleben und die Stadt der Könige und Kaiser bestaunen.

Als ich in Dallgow-Döberitz in der Pension Sperlingshof ankomme, denke ich: Hoppla, da bin ich in der Provinz angekommen. Aber so richtig. Dabei liegt der Ort gerademal 20 Minuten vom Berliner Hauptbahnhof entfernt. Die Ecke hier hat wenig mit Berlin, seinen Clubs, Cafés und angesagten Restaurants zu tun. Hier leben die Einwohner bodenständig, einfach. Die Menschen sind ruhig und entspannt. Und hier startet die Fahrradtour durchs Havelland, die Havelland-Rundtour.

Rund um Berlin – Fahrradparadies Brandenburg

Seit gut zehn Jahren investiert das Bundesland Brandenburg in ein inzwischen gut ausgebautes Velonetz und unterstützt touristische Anbieter, die im Bereich Fahrradreisen tätig sind. So auch Gerd Koallick, der sich mit Aktiv Reisen auf Fahrrad-Rundreisen in der Region Berlin-Brandenburg spezialisierte.

Wie schauts im Havelland aus?

Am letzten Tag der Schöpfung warf Gott, kurz vor Feierabend, noch einen letzten Blick auf sein Werk. Und musste feststellen: Es war noch nicht ganz fertig. Ein kleines Stück fehlte da noch. So nahm er die Farbpallette wieder zur Hand und setzte dazu an, den letzten kleinen Flecken fertig zu malen. Da er aber in seinem bisherigen Schaffen zu grosszügig mit den Farben umging, blieben ihm für diesen letzten Fleck nur noch zwei übrig: grün und blau. Was aus diesem letzten Akt entstand, begeistert die Menschen bis heute: das grüne Havelland, voller tiefblauer Gewässer.

Unterwegs auf der Havelland-Rundtour

Wer bei Aktiv Reisen Berlin-Brandenburg die Havelland-Rundtour bucht, erhält nebst einem Fahrrad oder wahlweise einem e-Bike, Kartenmaterial sowie ein Navigationsgerät mit aufgezeichneter Fahrradroute. Die Unterkünfte mit Frühstück, einfache Pensionen bis Viersterne-Hotels, werden durch den Veranstalter gebucht, dazu kommt ein organisierter Gepäcktransfer. Veloreisende sind nur für ihr Tagesgepäck verantwortlich.
Infos zum Anbieter Aktiv Reisen

Alles Birne, oder was?

Das Ziel der ersten Tagesetappe, das kleine Dorf Ribbeck mit gut 500 Einwohnern, ist eines der Highlights der Tour. Hier taucht der Fahrradreisende in die Welt von Theodor Fontanes Gedicht Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland ein. Als Fontane im Frühsommer 1889 Ribbeck besuchte, entstand dieses Standardwerk, das noch heute eine Vielzahl deutscher Schüler auswendig lernen dürfen (oder je nach Sichtweise: müssen). Das Gedicht handelt von einem Birnbaum, dessen Strunk inzwischen als Relikt in der Kirche aufbewahrt wird. Es verwundert nicht, dass es in Ribbeck inzwischen allerlei Birnen-Produkte – von Schnaps, über Torten, Senf und Mus – zu kaufen gibt. Axel Koziol, ein Ortskundiger und Geschäftsführer eines wunderbaren Cafés am Platz, doch dazu später mehr, sagt: «Inzwischen ist die Birnenproduktion, dank Fontane, höher als zur Zeit seines Besuchs.» Die Birnen-Euphorie geht hier soweit, dass man im Zentrum des Dorfes den «Deutschen Birnengarten» anlegte. Aus jedem Bundesland brachten Minister jeweils einen Birnbaum, die nun allesamt im Garten des Schloss Ribbeck stehen. Zurück zu Koziols Café, dem Café «Alte Schule Ribbeck»: ein guter Tipp für eine Pause während der Velotour. Wo heute ein Café ist, wurde von 1841 bis 1968 gepaukt. Das Klassenzimmer ist noch immer gut erhalten und kann besichtigt werden. Besonders empfehlenswert im Café, nebst richtigen Mahlzeiten, sei, man kann es ahnen: die Birnentorte «Blonde Helene». Ein weiterer Tipp für einen Kaffee mit Kuchen ist das alte Waschhaus von Ribbeck. Hier befand sich einst das Waschhaus des Gutsherrn, inzwischen ein äusserst charmantes, kleines Café mit Vorgarten. Das schöne an Ribbeck ist seine Übersichtlichkeit. Wer einmal um die Kirche geht, kommt an beinahe jedem erwähnenswerten Gebäude und Café vorbei.

Das Epizentrum der Fliegerei

Während man mit dem Velo durch Wälder und über Wiesen fährt, durchquert man das beschauliche Stölln, ein Ort den kaum jemand kennt. Und doch eines der grossen Highlights dieser Radtour. Denn Stölln ist, wenn auch den meisten unbekannt, ein geschichtsträchtiger Ort. Hier weht der Geist eines wahren Pioniers: Otto Lilienthal. Der Mann, der als erster eine Strecke von gut 400 Metern flog und wie kein anderer zur Grundlagenforschung des Fliegens beitrug. Sein Buch «Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst» gilt bei Aviatikern noch heute als Standardwerk. Und er ist ein tragischer Held, stürzte 1896 nach über 3’000 Flügen ab; war gleichzeitig Luftfahrtpionier, wie auch das erste Flugopfer.

Seine Geschichte wird im 2011 eingeweihten Lilienthal-Centrum erzählt, einem kleinen, feinen Museum. Am nahegelegenen Gollenberg, mit 109 m ü. M. die höchste Erhebung im westlichen Havelland, wo Lilienthal seine Flüge absolvierte und auch verunglückte, steht heute eine IL-62, ein ehemaliges Flugzeug der DDR-Airline Interflug. Das Flugzeug ist begehbar und zeigt in einem Kurzfilm die spektakuläre Landung des Flugzeugs mitten auf dem Hügel, wo weit und breit keine Landepiste existiert. Nebenan lädt ein nettes Café zu einer Pause während der Radtour ein.

Endlich mal ein richtiger Kaffee!

Nach gut einer Woche in Deutschland macht sich Ernüchterung breit. Jeden Morgen aufs Neue. Mein Problem: Ich liebe guten Kaffe. Und einen solchen fand ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Ist Deutschland eine Kaffeewüste, beginne ich mich zu fragen. Und da gehe ich durchs Städtchen Brandenburg und sehe am Fusse einer Brücke ein kleines Café. Ich ahne es bereits von aussen, ja man sieht es ihm an: Da drinnen muss eine gute Kolbenmaschine stehen. Und ich habe recht. Mein Geheimtipp während der Velotour ist somit klar: Die Cafébar im Brückenhäuschen an der Ritterstrasse.

Das Feuerwerk zum Schluss: das Versailles des Nordens

Am sechsten und somit zweitletzten Tag der Havelland-Rundtour erreicht man mit dem Zweirad ein wahres Highlight: Potsdam. Der Sehnsuchtsort der Fürsten, Könige und Kaiser. Die Stadt der Schlösser, Gärten und Gewässer. Die 17 Schlösser und Parks auf insgesamt 850 Hektaren umfassen 40% der Stadtfläche. Und doch zieht es kaum Schweizer Touristen dahin, denn die Stadt steht im Schatten Berlins. Wir empfehlen stark: Plant bei eurer nächsten Städtereise nach Berlin mindestens einen, besser zwei Tage ein, um die vielleicht schönste Stadt Deutschlands zu würdigen. Eine gute Art die Stadt zu erkunden ist das Fahrrad – der ausgeschilderte Radweg «Alter Fritz» verbindet die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Und ein Tipp für Bierliebhaber: Legt einen Stopp in der Meierei, einer Bierbrauerei mit Biergarten und herrlichem Blick über die Potsdamer Seenlandschaft, ein. Das hiesige Bier ist richtig schmackhaft.

Was Potsdam auch sehenswert macht, waren die Marotten der damaligen Adligen. Nebst dem Zurschaustellen von Ruhm und Geld mit Schlössern und Pärken baute einer ein Dutzend Schweizer Chalets in die Stadt, ein anderer ein kleines holländisches Viertel aus Backsteinhäusern und wieder einer eine russische Siedlung.

Gleichzeitig umweht die Stadt auch die jüngere Geschichte, die der DDR, von einem geteilten Berlin, von Ost und West. Ein Symbol dafür ist die Glienicker Brücke. Sie teilte zwei Welten, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Auch 28 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Geschichte noch präsent. Ein interessanter Aspekt der Velotour: all die Gespräche mit Direktbetroffenen. Jeder hat seine eigene Geschichte, wertet Vergangenheit und Gegenwart unterschiedlich. Ausschlaggebend sind meist persönliche Erfahrungen und Erlebnisse. Viele konnten die Geschichte bis heute nicht abschliessen. Für andere kam die Wende im richtigen Moment. Aber keiner, den ich traf, versteht, weshalb man andernorts noch heute über Neuerrichtungen von Mauern diskutiert.

Die Pressereise fand mit Unterstützung des Reiseland Brandenburg und der Deutschen Zentrale für Tourismus statt.

Weiterführende Infos zum Reiseland Brandenburg: reiseland-brandenburg.de
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