«Cola gab es damals noch nicht»

Interview und Text Marco Sartori

Zwischen riesigen Eichenfässern und dicken Kellermauern steht uns Engelbergs Dorfpfarrer und Kloster-Kellermeister Rede und Antwort. Wir treffen ihn im Weinkeller der Benediktinerabtei.

Heute erinnern nur noch die uralten Fässer an das grosse Geschäft mit dem Wein. Ein Jahrhundert nach der Klostergründung um 1120 erhielten die Engelberger Benediktiner einen Rebberg geschenkt. Am Bielersee. Zwischen Kloster und Rebgut lag für mittelalterliche Verhältnisse eine ganze Welt. Der Transportweg war zu weit und zu umständlich. Die Kontrolle über das Gut fehlte fast gänzlich. Nach zweihundert Jahren gab man am Bielersee auf und versuchte es auf ein Neues am Zürichsee — aber nicht unter besseren Voraussetzungen. Die mutigen Mönche am Fusse der Obwaldner Alpen glänzen durch Beharrlichkeit. Am längsten hielt ihr Anbauversuch in Küsnacht am Rigi den trotzigen Bedingungen stand. Dieser letzte Versuch wurde erst 1580 Geschichte. Fortan wird der Wein in Fässern und Flaschen gekauft.

Pfarrer Patrick, wie sind Sie zu ihrem Amt gekommen und was ist ihre persönliche Beziehung dazu?
Ich würde es als «Ämtli» oder Hobby bezeichnen. Wein interessiert mich seit jeher und so äusserte ich meinen Wunsch, den Weinkeller bewirtschaften zu dürfen, vor dem Abt. Da die Ämtervergabe kein Wunschkonzert ist, beziehungsweise immer der Abt und seine Berater das letzte Wort haben, gehörte auch eine Portion Glück dazu. Hauptsächlich bin ich Pfarrer.


Engelberg

So wie Sie strahlen und klingen, sind Sie ganz glücklich mit Ihrem «Ämtli». Was daran erfüllt Sie mit so viel Freude?
Ja, das bin ich. Der Wein ist mein Hobby und ein guter Ausgleich zum Pfarrerdasein. Es ist toll, dass ich eine so persönliche Leidenschaft im Rahmen meines Klosterlebens pflegen darf. Wenn es im Kloster etwas zu feiern gibt, dann ist es meine Aufgabe, den richtigen Wein für uns Mönche und die Gäste zu finden. Das macht mir schon sehr viel Spass.

Wo kaufen Sie den Wein?
Ich kaufe den Wein fürs Kloster ganz normal beim Weinhändler. Natürlich in Flaschen und nicht wie früher in Fässern.

Worauf achten Sie beim Weinkauf?
Mir ist der regionale Gedanke wichtig. Ich kaufe vorzugsweise Schweizer Weine. Der Wein aus den umliegenden Ländern ist auch okay. Für die Messen wähle ich beispielsweise einen italienischen Süsswein. Mit Süssem liegt man selten falsch. Zu dem ist die angebrochene Flasche länger haltbar, als bei anderen Weinen. Ich möchte nichts verschwenden.

Welcher ist Ihr Lieblingswein und wie viel trinken Sie?
Bordeaux mag ich sehr. Davon kann ich gut zwei Gläser trinken. Ein drittes Glas trinke ich nur unter gewissen Umständen. [lacht] Von Amarone reicht mir aber ein Glas, der ist mir einfach zu wuchtig.

Pfarrer P. Patrick Ledergerber (55)

Der Benediktiner und studierte Theologe war Präfekt, Organist und führte den Gastronomie-Betrieb im Kloster Engelberg. Heute hat er das Amt des Dorfpfarrers inne und nebenbei den Weinkeller vom Kloster unter seinen Fittichen. Wenn er nicht gerade auf der Orgel übt, gibt er Konzerte, oder verreist in ferne Länder, um Bekannte und Verwandte zu besuchen. Zum Reisen bleibt seine Kutte im Koffer — er mag es bequem.

Was ist das Göttliche im Wein?
Direkt sehe ich nichts Göttliches im Wein. Ausser nach der Transsubstantiation während der Messe, wenn sich der Wein in das Blut und das Brot in den Laib Christi wandeln. Aber dann kann man nicht mehr von Wein sprechen. Abgesehen vom liturgischen Rahmen sehe ich Wein als reines Genussmittel.

Wann wird der Wein zu einer Sünde?
[überlegt] Nie. Der Wein wird nie zur Sünde. Der übermässige Konsum kann aber auf Dauer zum Problem werden. Die Sucht wird schliesslich zur Sünde, wenn Körper und Geist anfangen Schaden zu nehmen.

Ich habe auf der Kloster-Webseite vom Programm «Kloster auf Zeit» gelesen, womit Menschen mit psychischen Problemen in den Alltag zurückgeführt werden. Wie wird im Rahmen dieses Programms mit dem Thema Alkohol-Sucht umgegangen?
Wir sind keine ausgebildeten Suchtberater, weshalb wir Mönche uns nicht speziell um Süchtige kümmern können. Das Programm «Kloster auf Zeit» des Klosters Engelberg wurde eher für Menschen mit Belastungsdepressionen konzipiert. Es wird keine «Rund-um-die-Uhr-Betreuung» geboten. Der strukturierte Kloster-Alltag gibt den Hilfesuchenden neuen Halt im Leben.

Die Benediktiner leben nach ganz bestimmten Regeln. Bis auf wenige Stunden Freizeit am Tag folgt man einer vorgegebenen Ordnung. Welche Ordnung gilt für den Alkoholkonsum?
[Sucht in seiner Kutte nach einem Zettel] Diese Frage hatte ich schon vermutet und deshalb ein paar Notizen gemacht. Der Heilige Benedikt, unser Ordensvater, legte einst folgende Richtlinie fest: «Der Mönch solle ganz grundsätzlich auf den Wein verzichten können. Mit Rücksicht auf die Schwachen meinen wir, dass für jeden täglich eine Hemina Wein genügt.» Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht, wie viel eine Hemina ist. Das weiss hier niemand.

Anmerk. d. Red.: Hemina — altes römisches Hohlmass, 1 Hemina sind 0,274 Liter, Plural ist Heminae// Quelle wein-plus.eu

Schon im alten Testament findet der Wein rege Erwähnung und spätestens seit Jesus Wasser in Wein verwandelte (NT), ist der gegorene Traubensaft nicht mehr wegzudenken und tief im christlichen Glauben verankert. Wie erklären Sie die starke Präsenz des Weins in der Bibel?
Cola gab es halt damals noch nicht. [lacht] Aber mal im Ernst: Nebst Wasser war Wein eines der einzigen Getränke und ist wohl deshalb so präsent in der Bibel. Alkohol hat zudem eine desinfizierende Wirkung. Der praktische Nutzen scheint mir unverkennbar. Wein und Wasser wurden auch vermischt, um schlechtes Wasser trinkbar zu machen. Brot und Wein galten als Grundnahrungsmittel.

Ein Kloster braut Bier, ein anderes kultiviert Wein. Wie kommt wer zu was? Ist alles eine Frage der Konfession?
Nein, das lässt sich nicht am Orden oder an der Konfession festmachen. Wer was braut, hat ganz weltliche Gründe — hauptsächlich geografische. Der Wein gehört dem Süden und das Bier dem Norden.

Zurück zu Früher. Die Mönche scheinen damals recht geschäftig gewesen zu sein. Wie viel Unternehmergeist steckt heute noch in diesen alten Mauern?
Ein «bitzeli» Unternehmergeister sind wir schon noch. Das Kloster bietet Arbeitsplätze für rund 120 Arbeiter und Arbeiterinnen, die nicht als Mönche zur Gemeinschaft gehören.

Wo sehen Sie eine Verbesserung im Geschäftssinn, wenn Sie ihn mit dem von Früher vergleichen, als, nur schon logistisch gesehen, noch nicht alles so gut durchdacht wurde?
Schreinerei, Gärtnerei, Schule und Tourismusangebote müssen alle selbsttragend sein, sonst werden sie geschlossen. Zudem: Seit 80 Jahren produzieren wir mit unserem Wasserkraftwerk eigenen Strom. Davon träumen die meisten Unternehmen nur. Diese Unabhängigkeit sehe ich sicher als Verbesserung.

Inwiefern lässt sich der Klosteralltag mit dem «Kloster-Tourismus» vereinbaren und wo entstehen Konflikte? Wie wichtig ist der Tourismus für den Fortbestand des Klosters?
Der Tourismus bringt uns gute Einnahmen, das darf ich nicht leugnen. Bevor der Tourismus gross wurde, lebten wir nicht schlechter. Das Kloster ist hinsichtlich des Tourismus fast ein Selbstläufer. Wir machen nur wenig Werbung. So bleiben zum Beispiel die grossen Touristenscharen aus dem asiatischen Raum aus. Ich fände es schön, wenn diese nach dem Besuch auf dem Titlis auch unsere Klosterführungen oder Konzerte buchen würden. Jedoch gilt immer abzuwägen, wie viel «Besuch» unser Klosteralltag verträgt. Die Gefahr, ein Bienenhaus zu werden, ist riesig und muss vermieden werden.

Wer kommt bei dem ganzen Trubel denn noch zum Beten in die Kirche?
Viele, auch Touristen, kommen in die Kirche um zu beten oder weil ihnen etwas auf dem Herzen liegt. Diese Art Interesse freut mich nach wie vor am meisten und macht mich stolz der Dorfpfarrer dieser Gemeinde zu sein. [lächelt zufrieden]

Herzlichen Dank, Pfarrer Patrick, für das Gespräch.

Buchtipp

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Das Gespräch führte

MarcoPortaitGrafiker, Fotograf und Geschichtenschreiber: Marco Sartori (25)

Der leise Denker und Lenker im Hintergrund ist multikreativ. Er schreibt und fotografiert um als Fan der Echtheit seine synästhetischen Erfahrungen festhalten zu können. Mit seinen Fingern sieht er am besten, was er hören will. «Berühren verboten!»-Schilder kennt er nicht. Die erfolgreich abgeschlossene Grafiker-Lehre ist sein Rüstzeug zum kreativen Schaffen und Erleben seiner Reisen.