Na zdrowie Kraków!

Text & Bild Nathalie Ochalek
Mit meinen Wurzeln in Krakau liegend, kenne ich die Stadt bereits von meinen Besuchen bei den Omas. Dieses Mal lautet die Mission aber Nachtleben entdecken! So Stürze ich mich fern von den üblichen Touristen Attraktionen in die zweit grösste Stadt Polens und merke, dass ich hier bestimmt nicht nüchtern rauskomme.


Krakau

09:00 Uhr

Tagwache im Hotel Wentzl

Wunderbar gelegen am «Rynek Główny», dem grössten mittelalterlichen Platz Europas, reiht sich das Hotel Wentzl in die Schmalen Hausfassaden ein, die das quadratische Gehöft umrahmen. Durch das gekippte Fenster werden wir von dem Krakauer Trompetensignal «Hejnał» sanft aus dem Schlaf geholt. Die Melodie wird zu jeder vollen Stunde von einem Feuerwehrmann aus der Bläserstube in ca 54 Meter Höhe gespielt. Schon seit dem 14. Jahrhundert gehört es zur Tradition. Die kurze Musik wird mitten im Stück abgebrochen und erinnert so an den Mongolenangriff von 1214. Der damalige Trompetenspieler wurde mitten in Spiel von einem Pfeil getroffen – so die Legende.

Also aufstehen und frühstücken. Im Frühstückssaal des geschichtsträchtigen Hotels bereiten wir uns mit Sicht auf die Marienkirche, Omelette und polnischen Spezialitäten wie diversen Frischkäsezubereitungen und eingelegtem Hering auf einen intensiven Tag vor.

Hotel Hotel Wentzl, Rynek Główny 19, Krakau, wentzl.pl

10:00 Uhr

Spazieren & Shoppen im Zentrum Krakaus

Kaum einen Schritt aus dem Hotel gemacht, stehen wir auch schon im Zentrum der Stadt. Schnell merken wir, dass Krakau noch ein wenig verschlafen ist. Nur die Lieferanten sind hellwach: Wild düsen sie umher, versorgen die zahlreichen Restaurants und Bars für den Tag. Denn ab Zwölf Uhr mittags ist Schluss und der Hauptmarkt wird zur Fussgängerzone.

In der Marktmitte befinden sich die Tuchhallen «Sukiennice». Seit 1257 dienen sie als Einkaufsmeile und laden heutzutage zum flanieren und erwerben von kleinen Mitbringseln ein. Vieles aus Bernstein, hübsche Holzkisten und Krakauer Trachten werden hier an den Tourist gebracht. Ganz entspannt können wir um diese Uhrzeit die einzelnen Stände begutachten. Denn je später der Tag, desto voller werden die Tuchhallen.

Unterirdisch befindet sich hier das Hauptmarkt Untergrund Museum, das mit verschiedenen interaktiven Möglichkeiten und modernster Technik durch die Entstehung des «Ryneks» führt.

Kultur Rynek Untergrund Museum, Rynek Główny 1, Krakau, podziemiarynku.com

11:30 Uhr

Schlossspaziergang

Wir nutzen die noch andächtige Stimmung im Stadtkern und machen uns auf einen Spaziergang dem Esplanadenring (Planty) entlang. An Stelle der abgetragenen Stadtmauer entstand im 19. Jahrhundert ein Stadtpark, der die Altstadt Krakaus umsäumt und zum schlendern einlädt. Also schlagen wir unseren Weg in die Kanonicza-Strasse ein, um zum Königsschloss Wawel zu gelangen. Das Burggelände ist auf einem Hügel gelegen, der einen wunderbaren Ausblick auf die Weichsel gewährt. Die Innenräume des Schlosses trumpfen mit zahlreichen Gemächern, Kammern und Schätzen, die besichtigt werden können. Besonders eindrücklich ist auch die Kathedrale mit ihren Königsgräbern, die durch die polnische Geschichte führen. Wir bewegen uns zur Aussichtsterrasse und geniessen den wunderbaren Blick.

Sehenswürdigkeit Wawel-Anhöhe und Königsschloss, krakau.travel

13:00 Uhr

Ein währschaftes Mittagessen

Bevor wir uns ins Jüdische Viertel Kazimierz begeben, stechen wir noch in die Grodzka-Strasse und machen einen Halt in der «Bar Mleczny», der Milchbar. Dort setzen wir uns nicht für ein Glas Milch, sondern gönnen uns einen stärkenden Happen polnischer Hausmannskost. Der Andrang ist gross, denn das Essen ist super günstig und schmeckt fast so gut wie bei Oma. Da sehen wir auch gerne darüber hinweg, dass die älteren Damen an der Theke ziemlich unfreundlich sind und uns dazu hetzen uns endlich zu entscheiden. Irgendwie hat das Charme. Wir essen Pieroggen mit einer Quark-Kartoffel-Füllung (Pierogi Russkie), Randensuppe mit weissen Bohnen (Barszcz czerwony z fasola) und Kartoffelpuffer mit Pilzsauce (Placki ziemniaczane z pieczarkamy). Ziemlich mastig, aber richtig gut. Mit Getränken bezahlen wir knapp 10 Franken. So lässt es sich leben.

Lunch Bar Mleczny, Grodzka 43, Krakau, bar-mleczny.com

15:00 Uhr

Hausgemachter Likör

Auf dem Weg zum Kazimierz kommen wir an einem kleinen Laden mit unzähligen Likören, Schnäpsen und diversen Wodkasorten vorbei. Da müssen wir rein, denn es scheint ein kleines Volkshobby der Polen zu sein, eigene Liköre zu brauen. Ich selber kannte das zuvor nur von meiner Oma. Im Sommer werden verschiedene Beeren und süsse Früchte geerntet, zusammen mit Zucker und Spiritus lässt sie die Mischung drei Wochen bis zu zwei Monaten ziehen. Das Endergebnis ist eine ziemlich süsse – und verdammt starke – Verführung. Ein Likör so fruchtig, dass er runtergeht wie Honig. Und wer keine polnische Oma hat, kriegt seinen «nalewka» im «Sklep Szambelan». Unbedingt probieren!

Trinken Szambelan, Bracka 9, Krakau, szambelan.pl

15:30 Uhr

Kazimierz die Erste

Der Kazimierz (Deutsch: Kasimir) ist das ehemalige jüdische Viertel der Stadt. Nach den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs dauerte es einige Jahre, bis das Quartier zu dem geworden ist, was es heute ist. Auch durch Steven Spielbergs preisgekrönten Film «Schindlers Liste», der teilweise im Kazimierz gedreht wurde, erwachte der Stadtteil wieder zum Leben. Heute ist das Viertel Schmelztiegel für die hippen Studenten, wobei es von denen, bei gut 200’000 Studierenden in Krakau, genug gibt. Kneipen und Restaurants vermengen sich mit Second-Hand-Läden, Synagogen und Kirchen. Plötzlich schlägt auch mein kleines Schuh-Herz schneller, als ich einen der ersten Sneakerstores Krakaus entdecke. Das Sneaker Studio an der Starowiślna-Strasse 55/3 lässt meine Augen mit der riesigen Auswahl und dem modernen Interieur funkeln! Als einer der einzigen Läden gehen hier auch Raritäten über den Ladentisch.

Mit neuen Schuhen ausgerüstet geht es weiter in Richtung «Podgórze». Das angrezende Viertel wird seit 2010 mit einer neuen Fussgängerbrücke «Kładka Bernatka» mit dem Kazimierz verbunden. Am Fuss der Brücke fällt uns ein total hübsches Schiff auf, die «Barka». Barka ist floatendes Restaurant mit einer Tapas Bar. Besonders schön kann man hier im Sommer einen lauen Abend ausklingen lassen.

Überquert man die Brücke ist man in unmittelbarer Nähe des Schindler Museums, das unbedingt einen Besuch Wert ist. Hier wird die Geschichte rund um Oskar Schindler und seine Emailwarenfabrik in einem Gewand erzählt, dass es richtig unter die Haut geht.

Essen und Trinken Barka, Podgórska-Strasse 16, Krakau, facebook.com/barkakrakow

17:00 Uhr

Bierzeit

Da die Nacht bestimmt noch lange wird, spazieren wir zum Hauptmarktplatz zurück und gönnen uns im «Tap House» noch ein polnisches Feierabend Bier. Hier soll es das beste Craft Beer der Stadt geben und auch polnische Mikrobrauereien sind im Angebot vertreten. Uns schmeckts!

In Krakau ist es übrigens Gang und Gäbe, dass sich Frauen ein wenig Sirup ins Bier schütten lassen. Das mag vielleicht eigenartig klingen, doch so ein Schuss Ingwersirup im Bier schmeck richtig gut. Da überzeugt man auch die Nicht-Bier-Trinker zu einem Schluck Hopfen und Malz.

Bierkneipe Kamienica Pod Pawiem ul. Św. Jan 30, Krakau, taphouse.pl

19:30 Uhr

Abendessen im Piano Rouge

Zum Abendessen wählen wir ein Restaurant in unserer Nähe. Auf der anderen Seite des Ryneks befindet sich das «Piano Rouge». Typisch für Krakau müssen wir um in das Restaurant zu gelangen, erst einmal in den Keller des Gebäudes runtersteigen. Einige Meter unter der Erde angekommen, empfängt uns eine romantisch pompös dekorierte Höhle. Schwere Vorhänge und roter Schein führen uns zu unserem Tisch direkt an einer kleinen Bühne. Kaum hingesetzt erklingt schon das Piano hinter uns und eine zierliche Dame singt Klassiker wie «That’s Amore» und «What A Wonderful World».

Die Karte bietet einen Mix aus internationaler Küche und polnischen Spezialitäten. Wir bestellen Lachs mit Grillgemüse und gegrillten «Oscypek» mit Preiselbeeren. Der polnische Bergkäse aus Schafsmilch hat ein intensives Raucharoma und harmoniert hervorragend mit den süssen Preiselbeeren.

Kleiner Tipp: Einen guten und vor allem frischen «Oscypek» erkennt man an dem quietschenden Geräusch beim Essen.

Bar Piano Rouge, Rynek Główny 46, Krakau, thepianorouge.com.pl

21:00 Uhr

Verdauungstrunk im Wódka

Für das richtige Digestif gehen wir wieder an der Erdoberfläche einige Meter weiter in die «Wódka Cafe Bar». Hier tummeln sich englische Touristen, genauso wie Einheimische. Und der Name des Lokals ist hier Programm: Gemeinsam trinkt man verschiedenste Sorten Wodka – wild durcheinander. Das Wódka ist besonders charmant, weil es so herrlich winzig ist. Über eine schmale Treppe gelangt man ins obere Stockwerk, in dem man sich in kleinen Ecken und Nischen mit seinen Trinkkumpanen verstecken kann. Wir entscheiden uns für einen den Wodka des Tages: Karamell – zuckersüss aber wahnsinnig gut! Auch hier sind wir preislich wieder positiv überrascht: Für zwei Shots zahlen wir knapp drei Franken.

Drinks Wódka, Rul. Mikołajska 5, Krakau, facebook.com/Wódka

22:00 Uhr

Kazimierz die Zweite

Zurück im Kazimierz ist der «Plac Nowy» Hotspot. Tagsüber ein kleiner Marktplatz mit allerlei Gemüse und Blümchen, und Abends voll mit Feier- und Trinkfreudigen. In der Mitte des Platzes stehen Buden, in denen «Zapiekanki» angeboten werden. Das sind Baguette-Hälften, die man sich mit allem erdenklich möglichen belegen und mit Käse überbacken lassen kann, um sie anschliessend in Ketschup zu ertränken. Ein sehr dankbarer Mitternachtssnack, stellen wir später fest.

Der Platz ist umrandet von Bars und Restaurants. Ein weiterer Pflichthalt für ein weiteres Digestif ist die «Pijalnia Wódki i Piwa» – frei übersetzt: Die Wodka- und Bier-Trinkerei. Und genau das ist sie auch. Tapeziert mit kommunistischen Zeitungsseiten drängen sich unmengen von Menschen in den vier Wänden. Kein Wunder. Für einen Wodka, ein Glas Wein oder ein Bier zahlt man gerade mal vier Zloty, also ein wenig mehr als einen Franken. Auch gibt es hier die typisch polnischen «Tapas»: Eingelegter Hering, Salzgurken und Würstchen. Ganz einfach eben. Wir entscheiden uns für einen Haselnuss Wodka mit einem Schuss Milch. Soll gut für die Verdauung sein… und mundet natürlich! Da wird auch rasch ein nächster bestellt. Ganz schön gefährlich diese kleinen Gläser.

Wer lieber einen kreativen Cocktail geniesst, muss nur zwei Türen weiter in das «Le Scandale». Im Innenhof der unscheinbaren Fassade versteckt sich eine Loungelandschaft umgeben mit Pflanzen und einem Glasdach, das im Sommer natürlich offen ist. Die Drinks wechseln je nach Saison ihre einzigartigen Zutaten; so finden sich nicht selten Basilikumblätter oder Lavendelzweige in den hübschen Einmachgläsern. Wider meiner Erwartungen schmeckt Lavendel mit Wodka und Saft ganz fabelhaft! Das «Le Scandale» ist es an kalten Tagen wunderbar kuschelig und im Sommer angenehm kühl… auch einer der Gründe warum man ewig darin verweilen kann, ohne zu merken wie die Zeit vergeht.

00:00 Uhr

Mitternachtssnack

00:00 Mitternachtssnack
Bevor wir unser angeschickertes Gemüt beim Tanze durchschütteln, muss doch ein Mitternachtshappen her. Entweder man schnappt sich jetzt eine knusprige «Zapiekanka» oder macht einen Abstecher zur «Niebieska Nyska». Foodtrucks sind den Krakauern wohl zu modern, denn hier stehen zwei ältere Herren in weissen Kitteln und verkaufen aus ihrem blauen «Nyska», einem sowjetischen Kleintransporter, echte Krakauer Würste mit Brötchen, Senf, Ketchup und dazu Kommunistenlimonade. Dafür stellt sich das Krakauer Partyvolk gerne mal in eine 20 Meter lange Schlange – wir auch. Die besten Würste Krakaus sind schliesslich ein Geheimtipp.

00:30 Uhr

Hot Stuff!

Wir betreten das alte Gemäuer des Clubs «Stalowa Magnolia». Von Aussen hört man schon die Band spielen. Heute ist wohl eher ein rockiger Abend. Die Bands wechseln täglich und spielen Covers alter Klassiker gemischt mit eigenen Songs. Wir schlängeln uns an die Bar und gönnen uns nach unserer Stärkung noch einen Cocktail: Einen «Hot Stuff» für mich und einen «Abracadabra» für meine Freundin. Die Namen haben durchaus ihren Grund. Mein Hot Stuff basiert auf einem guten Gutsch Zubróvka, dem Bisongras Wodka, aufgefrischt mit Limette und Pfirsich Sirup. Doch insich hat er es trotzdem und danach fühlt man sich tatsächlich ziemlich hot. Auch dieses Gewölbe hat so einige Überraschungen zu bieten: Im hinteren Teil des Clubs befindet sich ein grosses Fumoir in dem sich der Sound um 180 Grad dreht und tiefe Bässe die Hüften zum kreisen zwingen. Wir senken zwar das Durchschnittsalter um einige Jahre, doch haben wir den Spass unseres Lebens.

Nach drei Stunden trinken, tanzen und taumeln begeben wir uns auf Heimweg. Oh, wie sind wir froh, dass das Hotel direkt am Marktplatz liegt und wir nur eine kurze Strecke zurück stolpern müssen.

Glücklich, beduselt und berauscht von der angenehm schummrigen Stimmung im Club trampeln wir an der Rezeptionistin vorbei, die uns trotz später Stunde ein höfliches Lächeln schenkt. Noch viel glücklicher lassen wir uns schwer ins Bett sinken, lauschen noch einmal dem Klang des «Hejnał» bevor wir schliesslich wegdösen.

Club Stalowa Magnolia stalowemagnolie.pl

Für Euch in Krakau unterwegs

Nathalie_OchalekNathalie Ochalek, Studentin Journalismus und Organisationskommunikation und Praktikantin

Die Studentin lebt ihre Liebe für Journalismus nicht nur im Studium sondern auch in diversen Praktika im Bereich Mode, Lifestyle und Beauty aus. Neben ihrer Leidenschaft für Schönheitsprodukte, das Bereisen der Welt und gutes Essen hegt die Halb-Polin einen ausgeprägten Sneakerfimmel, den sie in ihrer heissgeliebten Heimatstadt Zürich auslebt.