Text Carolina Küstermann
Das Engadin ist ein sagenumwobenes Fleckchen Erde. Grosse Schriftsteller wie Friedrich Nietzsche, Thomas Mann, Herman Hesse oder Rainer Maria Rilke liessen sich von der atemberaubenden Landschaft inspirieren und trugen die Schönheit des Hochtals in Form von Lyrik und Epik in die Welt hinaus. Nietzsche sagte einmal “Hier im Engadin ist mir bei Weitem am wohlsten auf Erden.” Der staatenlose Philosoph hatte das Glück ganze sieben lange Sommer im Engiadina verbringen zu dürfen. So viel Zeit bleibt uns leider nicht. Allerdings braucht es auch keine sieben Jahre, um sich von der Schönheit des Engadins überwältigen zu lassen. Denn bereits während der Anreise versprechen wir uns, dass dieser erste Besuch nicht der Letzte sein wird.


Brail – Engadin

Tag 1 – 6:30 Uhr

Mit der Rhätischen Bahn ins Engadin

Überwältigt von der Schönheit des Engadins

Allein die Fahrt durch das idyllische Engadin ist eine Reise wert. Mit der Rhätischen Bahn geht es von Chur aus vorbei an historischen Höhepunkten, wie dem berühmten Landwasserviadukt, das sich mit 142 Metern durch die pittoreske Landschaft erstreckt. Ich bin begeistert, möchte eigentlich alles in Form von Fotos festhalten, merke dann aber schnell, dass diese Art von Bildern nie sehenswert sind und versuche schliesslich mir alles einzuprägen. Ja, ganz ohne Smartphone (das soll es ja heute noch geben). Die nächsten drei Stunden geniesse ich den Ausblick, lasse mich von einer herrlich romantischen Eisenbahn herumkutschieren und versuche gegen meine müden Augen anzukämpfen.

Bahnfahrt Rhätische Bahn rhb.ch

09:30 Uhr

Holz in der Hütte

Unser erste Destination heisst Brail. Das kleine Dorf, das gerade einmal 112 Einwohner zählt und südlich am Schweizer Nationalpark grenzt, trumpft mit einem einzigartigen Fünfsterne-Hotel auf. Das In Lain (auf Deutsch “aus Holz”) befindet sich in einem traditionellen Engadinerhaus. Dass der Name hier Programm ist, wird schon beim Betreten der rustikalen aber dennoch modernen Lobby klar: Arvenholz, wohin das Auge reicht. Ein feiner Duft steigt in die Nase, wohlige Wärme heizt unsere verfrorenen Gemüter auf und eine freundliche Stimme begrüsst uns mit “Allegra”. Es ist Tamara Cadonau, die Chefin und gute Seele des Hauses.

Gastgeber und Möbelschreiner

Wenn es so etwas geben würde, könnte man behaupten, dass im Blut der Cadonaus ein Gastgeber-Gen fliesst. Schon der Urgrossvater beherbergte Gäste von 1965 bis 1972 in dem Bauernhaus, damals noch unter dem Namen Hotel Garni La Stüvetta. Danach konzentrierte sich die Familie auf ihre zweite Leidenschaft, sie eröffneten eine Holzmanufaktur. Schliesslich schafft es die nächste Generation beide Leidenschaften unter einem Dach zu vereinen. Die zwei Brüder Dario und Marco Cadonau – der eine Koch, der andere Schreiner – eröffnen 2010 das umgebaute Engadinerhaus und taufen es auf den Namen In Lain. Während der eine seine Gäste am Herd verzaubert, sorgt der andere dafür, dass man sich in Arvenholz verliebt. Der Innenausbau des aus dem 17. Jahrhunderts stammenden Haus wurde von der Holzmanufaktur der Cadonaus ausgeführt. Jedes einzelne Möbelstück stammt aus den Händen von Marco Cadonau.

10:00 Uhr

Frühstück in der “La Stüvetta”

Nach dem wir unsere schwere Skiausrüstung, die wir schon den ganzen Morgen und Vormittag mit uns herumschleppen (wer Ski fahren will, muss leiden), endlich loswerden, dürfen wir am vielfältigen Frühstückswagen wieder zu Kräften kommen. Schon hier, in der gemütlichen Stube namens “La Stüvetta”, zeigt das In Lain sich von seiner kulinarischen Seite, die immer wieder besonders hervorgehoben wird. Neben einem Birchermüesli, das meinem Liebling aus einer bekannten Schweizer Confiserie Konkurrenz macht, wird alles aufgetischt, was das Frühstücksherz begehrt. Und das Beste: Brot, Bündnerfleisch, Käse, Eier etc. stammen aus der Umgebung.

Logo_Relais_et_ChateauxRelais & Châteaux

relaischateaux.com

1954 gegründet und auf fünf Kontinenten präsent, besteht Relais & Châteaux aus einer Vereinigung von über 540 einzigartigen und unabhängigen Hotels und Restaurants. Den Hoteliers und Küchenchefs gemeinsam teilen die Leidenschaft zu ihrem Beruf und den Wunsch nach aufrichtigen Beziehungen zu ihren Gästen.

Das kleinste 5-Sterne Hotel der Schweiz zählt insgesamt 14 Zimmer, pardon Suiten. Standard ist hier nämlich ein Fremdwort. Sechs Zimmerkategorien stehen einem zur Wahl, und jede ist für sich einzigartig und auf die Bedürfnisse des Gastes ausgerichtet.
Im Badezimmer der Engadiner Suite thront eine frei stehende Badewanne, im Familien-Zimmer finden Klein und Gross Platz und die Spa-Suite, das Herzstück des In Lains, kann mit eigener Sauna, Dampfbad und Whirlbad auftrumpfen. Unsere müden Häupter betten wir heute Nacht in einer 45 qm grossen Terrassen Junior Suite, die sich in dem 2011 eröffneten Anbaus des In Lains befindet. Wie ein euphorisches, kleines Kind hüpfe ich vom Badezimmer, in dem sich eine Regendusche und eine Badewanne befinden und das durch ein Glasfenster vom Rest des Zimmers getrennt ist, über das riesige Bett hinaus auf die Terrasse, die auf den Nationalpark blickt. Nachdem sich mein inneres Kind wieder akklimatisierte und meine Begleitung mich verzweifelt anstarrte, wurde es ernst: Die nächsten Stunden in diesem wahnsinnig, fast schon absurd schönen Fleckchen Erde wollen geplant sein. Hauptaugenmerk liegt dabei auf Flanieren, Relaxen, Essen und Ski fahren.

Übernachten IN LAIN Hotel Cadonau, Crusch Plantaun 217, 7527 Brail, inlain.ch

13:00 Uhr

St. Moritz – Wo der Jet Set residiert

Mit der Rhätischen Bahn geht es von Cinous-chel-Brail in das 25 Minuten entfernte St. Moritz. Der Ferienort ist immer noch eines der mondänsten Winterziele der Welt. Hier trifft sich der Jet Set, man möchte sehen und gesehen werden. Wir flanieren noch vor der Hochsaison durch das Örtchen, die internationale High Society hängt zur Zeit wohl noch an den Stränden von St. Barths ab. Nur ab und zu flattert ein bunter Paradiesvogel im Pelzkostüm an uns vorbei. Ein dickes Portemonnaie ist allerdings für die, die shoppen gehen möchten, auch in der Nebensaison Pflicht. Der Winterort ist besser ausgestattet als die Zürcher Bahnhofstrasse. Designerläden wie Valentino, Chanel oder Philip Plein reihen sich aneinander. Wir werden heute nur schauen und uns über exorbitante Preise für klitzekleine Pelzjäckchen lustig machen.

Shopping St. Moritz, engadin.stmoritz.ch

15:00 Uhr

Kaffee & die beste Bündner Nusstorte

In der Traditionskonditorei Hanselmann gibt es die beste Bündner Nusstorte der Stadt … des Engadins! Oder vielleicht sogar der Welt. Schon allein die Fassade des Hauses ist sehenswert. Im Café erwarten einen blütenweiss gedeckte Tische und eine einzigartige Sicht auf den zugefrorenen St. Moritzersee. Die berühmte Nusstorte wird übrigens auch in drei verschiedenen Grössen verkauft und macht sich prima als Mitbringsel.

Kaffeepause Conditorei Hanselmann, Via Maistra 8, 7500 St. Moritz, hanselmann.ch

Wo man sonst noch essen kann:
Lunch bei Reto Mathis im Gourmetlokal La Marmite auf der Corviglia.
Abendessen in der Chesa Veglia (Bestseller: Die Trüffelpizza Dama Bianca) oder im La Baracca. Zur später Stunde tanzen die Skihaserl in der Baracke übrigens auf den Tischen. Wer früher geht, ist also selber schuld.

16:00 Uhr

Zuoz – ein ruhiger Gegenpol

Auf dem Rückweg zum Hotel statten wir dem 1400-Seelendorf Zouz einen Besuch ab. Hier scheint die Welt stillzustehen. Während wir die frische Bergluft einatmen und durch das “schönste Dorf des Oberengadins” schlendern, begegnet uns keine Menschenseele. An der Hauptstrasse entdecken wir noch den In Lain-Shop, hier werden Holzmöbel, Spielzeug und Dekorationsartikel aus der Holzmanufaktur der Cadonaus verkauft. In meiner Einkaufstasche landen heute eine kleine Schellen-Ursli-Holzfigur und eine Arvenholz-Raumduftessenz, so dass mein kleines zu Hause in Zürich demnächst genauso fein reicht, wie das Hotel In Lain. Ansonsten lohnt es sich hier durch die kleinen Gassen des Ortes zu schlendern. Hinter jeder Ecke versteckt sich ein neues wunderschönes Fotomotiv.

Mitbringsel In Lain Holzmanufaktur, San Bastiaun, 7524 Zuoz, inlain.ch

17:00 Uhr

Erholung – Wellness im Hotel

Die kleine aber feine Wellness-Welt, die im Garten des Hotels residiert, hat es in sich. Sauna und Hot Pot muss man reservieren, dafür hat man dieses wunderbare Erlebnis ganz für sich allein. Natürlich stammen auch Sauna und Badebottich aus der hauseigenen Holzmanufaktur. Während man in der Sauna schwitzt, schweift der Blick aus dem riesigen Panoramafenster auf den eindrucksvollen Nationalpark und das Bergpanorama. Nach dem ersten Saunagang und dem Abkühlen im eiskalten Gartenteich, machen wir es uns im Vorraum auf den riesengrossen Sitzsäcken gemütlich, inkl. getrockneten Aprikosen, Datteln und Nüssen. Zum Schluss geht es unter den Engadiner Sternenhimmel in den 38 Grad warmen Badebottich, der mit Arvenwasser gefüllt ist. Herrlich entspannend!

19:00 Uhr

Gourmet – Die Restaurants des IN LAIN Hotel Cadonau

Egal ob man das Gourmetrestaurant Vivanda, die Käserei oder das Restaurant La Stüvetta besucht, ein kulinarisches Feuerwerk ist im In Lain garantiert. Tamara Cadonau macht uns bei einer Hausführung auf das Abendessen neugierig. Sie zeigt uns das Kellergewölbe, indem sich der Gourmetteil des Hotels befindet. Hier heben sich zwei Highlights hervor: der Wein- und Käsekeller. Richtig gelesen! Käsekeller! Der Wagen ist von gestern, im In Lain ist der abschliessende Gang on another level! Als grosser Käsefan ist das natürlich mein persönliches Paradies auf Erden.

20:00 Uhr

Schwarze Knolle im güldenen Glück

An unserem einzigen Abend im In Lain war im Gourmetrestaurant eine geschlossene Gesellschaft. Wir durften in der Käserei Platz nehmen (was mein Käseherz natürlich höher schlugen liess). Von dort aus konnten wir ein wenig auf die angerichteten Teller des 1 Stern Michelin-Restaurants spitzeln – und was wir dort sahen, gefiel uns sehr. Aber auch kein Wunder. Schliesslich wurden die Kochkünste von Dario Cadonau, übrigens der Ehemann von unserer bezaubernden Gastgeberin Tamara, bereits mehrmals ausgezeichnet. Er kann sich unter anderem einen Michelin Stern und 16 Gault & Milau-Punkte auf die Kochschürze schreiben, nebenbei wurde er noch von der SonntagsZeitung als “Koch des Jahres 2015” ausgezeichnet. Nicht schlecht für einen 35-Jährigen, oder?
Zur Vorspeise landet auf unserem Tisch ein feiner Nüsslisalat. Zum Hauptgang schwelgen wir in einem traumhaften Trüffelkäsefondue, das mit Marktgemüse und hausgemachten Brot serviert wird. Glücklich und zufrieden fallen wir nach diesem Genuss ins Bett.

Essen IN LAIN Hotel Cadonau, Crusch Plantaun 217, 7527 Brail, inlain.ch

Tag 2 – 8:30 Uhr

Ski Heil – Skifahren in St. Moritz

Ab auf die Skipisten von St. Moritz

Nach einer kleinen Stärkung am paradiesischen Frühstücksbuffet, geht es ab nach St. Moritz, diesmal nicht zum Flanieren, sondern zum Austoben auf der Piste. Leider hatten die Skigebiete Anfang Dezember grosse Schwierigkeiten damit, ihre Pisten zu präparieren. Es gab schlicht und ergreifend keinen Schnee. Auch nicht auf 3000 m. Obwohl die Zeichen auf schlecht standen, begaben wir uns trotzdem hoch hinauf und waren uns einig: Trotz fehlendem echtem Schnee waren die Pisten super und der erste Skitag der Saison bleibt unvergesslich. Ausserdem: Auch wenn die Skisaison dieses Jahr erst etwas später begann – hier im Engadin können Sie bis lang in den Frühling hinein die Pisten unsicher machen. Frühlingsskifahren macht doppelt Spass – die Tage sind lang und die Pisten weniger befahren. Gut möglich, dass wir zurück kommen werden.

Wintersport Skigebiet Engadin St. Moritz, engadin.stmoritz.ch

12:30 Uhr

Alpina Hütte – Für Sonnenanbeter

Ohne es zu wissen, kehren wir über den Mittag in einer der It-Hütten St. Moritzs ein, der Alpina auf der Corviglia. Wer in der Hochsaison herkommt und auf der Sonnenterrasse einen Platz ergattern möchte, sollte definitiv reservieren oder nicht zu den Stosszeiten vorbeischauen. Wir hatten reines Glück ein Plätzchen für zwei zu finden. Bei strahlend blauem Himmel stärkten wir uns mit Nüsslisalat, Leberknödelsuppe und Panasch, inkl. wunderschönen Blick über das ganze Engadin. Die nächsten zwei Stunden Pisten machen wir die Pisten unsicher, der krönende Abschluss eines fantastischen Wochenendes.

Essen Alpina Hütte, Corviglia, alpinahuette.ch

 

Carolina-PortraitCarolina Küstermann (27)
Junior-Redaktorin Lifestyle Blickgruppe

Ihr Beruf ist auch ihre grösste Leidenschaft. Als Junior Redaktorin im Lifestyle-Resort der Blick-Gruppe widmet sie sich den schönen Dingen des Lebens – Mode, Beauty und Reisen. Nachdem sie sechs Jahre ein Nomadenleben geführt hat, liess sie sich in Zürich nieder. Ihre Reiselust hat sie aber noch lange nicht verloren, ganz nach dem Motto „not all who wander are lost“!