Ein Besuch in der Pfalz

Text Martin Hoch
Die 85 Kilometer lange Deutsche Weinstrasse der Pfalz, die von Bockenheim nach Schweigen-Rechtenbach an die französische Grenze führt, ist bekannt für ihren Riesling. Aber längst nicht nur: In der sonnenverwöhnten Gegend entstehen viele weitere Weiss- und Rotweine – leichte und tiefgründige – wie auch prickelnder Sekt. Hinter jeder Flasche Wein steckt harte Arbeit. Körperliche und kreative. Wir besuchten drei Männer, die sich täglich mit Trauben, Boden, Sonne, Gärung oder auch Marketing auseinandersetzen.

Heiner Sauer: Der Biowinzer

Der Mann strahlt viel Ruhe aus. Hier in der Gegend ist er der Inbegriff für Weinanbau auf biologischer Basis. Heiner Sauer hat grossen Respekt vor der Natur – bereits 1990 montierte er auf seinem Dach Sonnenkollektoren und sagt: «Einen Käfer tritt man nicht tot.» Die Natur ist seine Lebensgrundlage, er arbeitet mit und nicht gegen sie. «Ich bin aber kein Dogmatiker, esse selber auch Lebensmittel von nichtbiologischem Anbau», sagt er und ergänzt gleich, dass der Unterschied oft gross sei: «Nichtbiologische Radiesschen beispielsweise schmecken wie ein Schluck Wasser.»


Deutsche Weinstrasse Pfalz

Diese Lebenseinstellung ist heute mehr als nur akzeptiert – ein eigentlicher Trend. Doch Heiner Sauer begann bereits vor 28 Jahren mit biologischem Weinanbau. Damals wurde er noch belächelt. Den Weinbau betrieb er in den ersten zwei Jahren noch im Nebenerwerb, mit nur zweieinhalb Hektar Anbaufläche. Es waren Pionierzeiten: «Ich traf mich jeden Monat mit den wenigen anderen Biowinzern der Region.» Sie tauschten ihr neu erworbenes Wissen aus, halfen sich gegenseitig und ermutigten sich auch. «Wir sind uns heute noch eng verbunden – da entstanden Freundschaften.»

Inzwischen pflegt er 25 Hektar. Seine Weine wurden mehrfach prämiert, sein Weingut wird seit Jahren im Gault Millau Deutschland aufgeführt. Nebst seinem Weingut in der Pfalz, produziert er inzwischen auch in Spanien Bio-Wein – gründete 1998 das westlich von Valencia gelegene Weingut Bodegas Palmera. «Damit kann ich meinen Kunden eine grössere Vielfalt an Weinen anbieten.» Seine Heimat ist aber klar die Pfalz, er ist stolz auf die Gegend: «Die Region besitzt eine hohe Lebensqualität und die Menschen sind gut gelaunt.»

Biowinzer Weingut Heiner Sauer, Hauptstrasse 44, D-76833 Böchingen, weingut-sauer.com

Damals wurde er noch belächelt.

Henning Kohlmann: Der Jungwinzer

Er sprüht vor Energie, trägt ein französisches Beret und ist locker drauf. Beginnt er aber über den Weinbau zu reden, wird er ernst – man spürt, das ist ihm richtig wichtig. Henning Kohlmann, Kellermeister im Weingut Gehrig und noch keine dreissig Jahre alt, hat seine Berufung gefunden: «Ich bin Quereinsteiger», sagt er. Nebst seinem Wirtschaftsstudium half er im Betrieb von Rainer und Maria Gehrig gelegentlich aus. Als er schliesslich öfters im Rebberg als im Schulzimmer anzutreffen war, frage ihn Gehrig, ob er denn nicht Winzer werden möchte. Kohlman brach sein Studium ab und sagt heute: «Ich liebe es jeden Morgen aufzustehen und dieser Arbeit nachzugehen.»

«Ich bin Quereinsteiger».

Das Weingut Gehrig ist eines der kleineren, produziert im Jahr rund 110’000 Flaschen. Hier wird auf Qualität gesetzt. Und unkonventionelle Ideen. Das verkörpert am besten ihr «Ein PS» Riesling. Bei diesem Wein kommen verschiedene Vorlieben zusammen. Zum einen Rainer Gehrigs Liebe zu Pferden: Der Rebberg des «Ein PS» Riesling wird nicht mit Maschinen bewirtschaftet, sondern wie in alten Zeiten mit einem Pferd. «Das ist richtig harte Arbeit», sagt Kohlmann. Dafür zuständig ist Gaul Drago. Weiter kam Henning Kohlmanns Vorliebe für Spontangärung zum Zug. Dabei wird dem Wein keine Zuchthefe beigegeben: Die natürliche Hefeflora des Kellers muss es richten. «Die Weine werden verspielter», sagt Kohlmann. Die Weine seien dadurch weniger gradlinig, bekommen einen eigenen Charakter. Es hat funktioniert, der Wein ist ein Verkaufsschlager. Und Rainer Gehrig hält fest: «Dieser Rebberg ist inzwischen vitaler als jeder andere». Das Blattgrün sei kräftiger, die Trauben gesunder und der Boden werde von Jahr zu Jahr noch besser. Nur wirtschaftlich ist ein solcher Wein nicht – eher ein Liebhaberprojekt.

Henning Kohlmann ist einer von vielen jungen Winzern in der Region: «In meiner Generation gibt es viele Querdenker.» Dabei entstehen spannende Weine, beispielsweise ein weisser Merlot, in der deutschen Weinkultur ein Exot oder ein kräftig dunkelroter Sekt. Nebst seiner Arbeit im Rebberg und im Weinkeller, ist Henning Kohlmann auch oft an Weinmessen, Städte wie München oder Berlin gefallen ihm, aber er sagt ziemlich bestimmt: «Die Pfalz ist meine Heimat. Die Menschen hier sind offen und herzlich. Ich werde den Weg hierher zurück immer finden.»

Im Weingut Gehrig kann man täglich Weine degustieren – praktisch: Seit kurzem lässt sich hier auch logieren. Maria Gehrig richtete ein Gästehaus ein. Hier fehlt es einem an nichts. Die Zimmer sind stilvoll in weiss gehalten, im Hof steht den Gästen eine Terrasse zur Verfügung und das Frühstück ist so richtig lecker.

Jungwinzer Weingut Gehrig, Ostring 4, D-47256 Weisenheim am Sand, weingut-gehrig.de

«Das ist richtig harte Arbeit».

Küferei Eder: Hier dreht sich alles ums Fass

Max Braun führt mich durch die Küferei Eder in Bad Dürkheim. Hier werden Fässer hergestellt und es wird mit ihnen gehandelt. Nicht nur Weinfässer, auch solche für Whiskys oder Bier. «Es werden nicht nur Fässer für Rotweine, sonder immer mehr für Weissweine geordert», sagt Braun. Damit ein Kunde sich von der Konkurrenz abheben kann, braucht er das richtige Fass. «Kommt ein Winzer zu uns, suchen wir zusammen das richtige Fass aus».
Dabei macht, nebst der Holzwahl, vor allem das sogenannte Toasting den Unterschied. Fässer werden innen mit Feuer ausgebrannt, dies in den unterschiedlichsten Röstgraden. «Wir können rund 140 Toastings anbieten und bei jedem entwickelt der Wein ein individuelles Aroma», sagt Braun. Wirklich? Es klingt beinahe nach einer Pseudowissenschaft: Fässer verschieden intensiv anbrennen und schon sollen sich die Weine unterschiedlich entwickeln. Doch nach einer Degustation von demselben Weinen, gelagert in Fässern mit unterschiedlichen Toastings, ist schnell klar: Die Unterschiede sind frappant. Braun fügt jedoch an: «Es ist wichtig, dass der angelieferte Wein bereits eine gute Qualtiät vorweist». Aus einem schlechten Wein werde auch im besten Fass kein edler Tropfen.

«Wir können rund 140 Toastings anbieten».

Bei der Holzwahl wichtig sei, dass es Hölzer sind, die langsam wachsen. «Das Holz muss feinporig sein, damit die Fässer dicht sind», sagt Max Braun. Auch sei ein geringer Harzanteil wichtig. Ihre Spezialität sind Eichenfässer von einheimischen Eichen. Dabei arbeiten sie mit der lokalen Forststelle zusammen. Nachhaltigkeit ist dem Betrieb ein Anliegen: «Abfall gibt es bei uns keinen». Alte Fässer werden zu Dekorationsgegenständen – Blumentöpfen oder Möbeln – umfunktioniert. Holzabfälle werden zum Beheizen der Betriebsgebäude verwendet. Die Winzer und Küfer der Pfalz leben eng mit der Natur zusammen. Max Braun bringt es auf den Punkt: «Die Natur ist unser wichtigstes Gut, wir müssen mit ihr zusammen arbeiten.»

Küferei Wilhelm Eder, Bruchstrasse 60, D-67098 Bad Dürkheim, wilhelm-eder.de

«Abfall gibt es bei uns keinen».