Text Martin Hoch, Bild Alexander Rentsch
Nach dem Abgang von Tim Guldimann übernahm in Berlin die Gesandte Dr. Marion Weichelt Krupski als Geschäftsträgerin ad interim die Schweizer Botschaft. Guldimann, der Vorgänger, war stets direkt und unterhaltsam, diagnostizierte der Schweiz «Selbstverzwergung». Wie sieht seine temporäre Nachfolgerin die Schweiz? Empfindet sie die Deutschen als humorlos und welche Ecken in Berlin haben es ihr speziell angetan? Im Gespräch verrät sie uns ausserdem, welches deutsche Gericht ihr besonders mundet und wo es in der Hauptstadt so richtig romantisch ist.

Der Artikel ist mit Fotografien von Berlin des deutschen Fotografen Alexander Rentsch bebildert.


Berlin
Alexander Rentsch PortraitAlexander Rentsch

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Alexander Rentsch lebt seit 31 Jahren in Berlin und arbeitet seit 5 Jahren als selbstständiger Fotograf für Architektur, Portrait und Reportage-Fotografie.

GS: Sie haben aktuell einen schwierigen Job – in der Schweiz lebende Deutsche werden oft angefeindet, die Banken wie auch unsere Steuerpraktiken vermiesen den Ruf der Schweiz und EU-technisch stehen wir als Rosinenpicker da. Ganz ungeschminkt: Welches Bild haben die Deutschen von der Schweiz?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Ich sehe das überhaupt nicht so! Nach wie vor mögen die Deutschen die Schweiz und die Schweizer und Schweizerinnen und finden uns und unseren Akzent sympathisch. Deutschland ist der Schweiz gegenüber grundsätzlich sehr wohlwollend eingestellt. Deutschland fürchtet um den Zusammenhalt in der EU, und wenn bisweilen von einzelnen Politikern etwas schärfere Töne zu hören sind, ist das in diesem Zusammenhang zu sehen. Mit Bezug auf die Banken und deren Umgang mit unversteuertem Vermögen aus dem Ausland: Die Schweiz hat ihre Hausaufgaben gemacht und zumindest die mit der Materie befassten Kreise und die Qualitätspresse wissen darum. Aber es ist schon so: Es dauert, bis man einen schlechten Ruf los wird; das gilt für Menschen genauso wie für Länder.

GS: Hat sich Ihr eigenes Bild der Schweiz verändert, seit Sie das Land von Deutschland aus betrachten?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Ich habe viele Jahre meines Lebens im Ausland gearbeitet und sehe die Schweiz seit langem auch mit den Augen einer Auswärtigen. Insofern hat sich mein Bild der Schweiz nicht verändert seit ich in Deutschland bin. Nicht das Bild der Schweiz hat sich also geändert, aber die Wertschätzung gegenüber dem schweizerischen politischen System; diese hat sich weiter vertieft seit ich hier bin. Deutschland ist eine funktionierende, starke, aber repräsentative Demokratie. Und vielleicht gerade weil Deutschland eine zwar gleich starke Demokratie wie die schweizerische ist, aber eben eine repräsentative, schätze ich die Möglichkeiten zur politischen Partizipation, wie sie uns unser System der direkten Demokratie einräumt, noch mehr. Selbst wenn uns gewisse Abstimmungsergebnisse aussenpolitisch in schwere Bedrängnis bringen.

GS: Und was schätzen Sie persönlich an Deutschland am meisten?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Ich mag ganz besonders die Weiten des Landes, die mir ein Gefühl von Freiheit geben. Ich staune jedes Mal, wie sehr sich die Landschaft verändert, sobald ich mit dem Zug die Grenze nach Deutschland überschritten habe. Plötzlich hat es Platz, Wiesen und Felder ziehen vorbei, ohne dass man sofort wieder in einer Agglomeration ist. Und als grosse Frau fühle ich mich hier im Norden Deutschlands besonders wohl. Die Norddeutschen sind wesentlich grösser als die Schweizer und Schweizerinnen.

GS: Die Deutschen seien humorlos – richtig oder falsch?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Wer sagt denn so etwas?! Von dem Land, das Wilhelm Busch, Erich Kästner, Ringelnatz, Loriot und viele andere hervorgebracht hat? Falsch! Die Deutschen sind sicher nicht humorlos.

GS: Wo trumpft Deutschland Ihrer Meinung nach kulinarisch am meisten auf – welches ist Ihre liebste deutsche Mahlzeit?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Ich mag grundsätzlich die regionale Küche, einfach auch, weil es so viel Unbekanntes zu entdecken gibt. Mein Lieblingsessen bleiben aber die bayerischen Semmelknödel mit Schwammerl (Eierschwämme) an einer Rahmsauce, mit selbst gesuchten Schwammerl selbstverständlich, am allerliebsten im Ofen gebacken. Und als Dessert selbstgesuchte Blaubeeren (Heidelbeeren) mit Rahm.

Die Deutschen sind sicher nicht humorlos.

Eine leichte Lektüre, köstlich zu lesen und einfach spannend.

GS: Welcher deutsche Schriftsteller und welches Buch ist Ihnen besonders lieb?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Es ist eine Schriftstellerin: Ingrid Noll. Ich habe alle ihre Bücher verschlungen. Das vielleicht Beste ist aber «Die Häupter meiner Lieben». Der Spiegel hat die Bücher von Ingrid Noll sehr treffend als Bücher bezeichnet, «die in einem trügerischen Niemandsland zwischen Krimi und Familiendrama, zwischen Frauenbuch und heimeligem Horror siedeln.» Eine leichte Lektüre, köstlich zu lesen und einfach spannend.

GS: Sie verreisen für ein Wochenende in eine deutsche Stadt – welche wählen Sie aus und weshalb?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Dresden – weil ich noch nie dort war und es wunderschön sein muss.

GS: Und welchen Ort würden Sie für eine Woche Ferien wählen?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Ich würde an die Ostsee fahren. Das Meer, der Strand und die Dünen, der Wind und das immer wechselnde Wetter sind selbst im Winter schön.

Martin-Hoch-PortaitMartin Hoch (34)

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Martin Hoch widmete die letzten Jahre dem Reisen. Ob mit der Bahn, Bus, Segelschiff oder umgebauten VW-Bus, wichtig waren ihm die Begegnungen mit Menschen, angetrieben hat ihn die Liebe zur Natur.

GS: Selber wohnen Sie im Grossraum Berlin – was schätzen Sie an Berlin besonders?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Berlin ist nicht besonders schön, kann nicht mit einer intakten mittelalterlichen Innenstadt auftrumpfen und es gibt kein eigentliches Stadtzentrum, sondern viele verschiedene Quartiere, die alle ihr eigenes Zentrum haben. Aber Berlin ist die für mich spannendste Stadt, weil einen auf Schritt und Tritt die Geschichte des 20. Jahrhunderts begleitet. Diese Stadt ist voller Bruchlinien, Narben. Sie ist arm, die Mieten tief und sie zieht damit unglaublich viele Kreative an, die der Stadt ihr ganz eigenes Flair verleihen. An Berlin mag ich aber auch, dass man schnell aus der Stadt ist. Brandenburg mit seinen Flüssen, Kanälen, Seen und Wäldern bietet Erholung von der Grossstadt.

GS: Welche Ecke der Hauptstadt gefällt Ihnen am besten?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Ich bin schon fast etwas wie die Berliner, denn mir gefällt mein Kiez am Besten: Charlottenburg. Charlottenburg ist das alte Westberlin, etwas überaltert zwar, aber voller Charme und ohne neureiche Zuzüger. Man findet alles hier: den Bäcker, Schuhmacher, Gemüse- und Obsthandler, Hut- und Schirmmacher, ein wunderschönes altes Hallenbad, Restaurants, Oper, Theater… wenn es nicht für die Arbeit wäre gäbe es eigentlich keinen Grund, Charlottenburg zu verlassen.

GS: Ihr Restauranttipp für Berlin?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Das Café am Neuen See, mitten im Tiergarten. Einfach weil es so schön gelegen ist. Man ist im Herzen Berlins, an einem kleinen See, unter Bäumen – eine romantische Oase in der Grossstadt.

GS: Wären Sie nicht lieber Botschafterin in einem exotischen Land wie Thailand, Kolumbien oder Mozambique?

Dr. Marion Weichelt Krupski: Nach vier Jahren in Neuseeland, am Ende der Welt, schätze ich es ausserordentlich, wieder im Herzen Europas in einer vibrierenden Grossstadt zu sein. Nein, ich wäre momentan nicht lieber in einem exotischen Land.

GS: Vielen Dank für das Gespräch.