Gentleman des Monats

Text Linda Leitner, Bild Uwe Walter
Das Atelier ist hell und mit Farbe bespritzt, überall stehen Farbeimer herum, man findet viel Klebeband, Leinwände lehnen übereinander, es riecht ungesund nach Farbe. Es ist chaotisch, vermutlich aber handelt es sich um kreatives Chaos, denn die Bilder, die Titus Schade hier malt, sind meist sehr geordnet.

In ihnen trifft der Betrachter auf gestaffelte Flächen, Geometrisches und in erster Hinsicht: gerade Linien. Wie kulissenartige Setzkästen sehen die Leinwände aus. Der 30jährige konstruiert gern und setzt sich in seinem Werk vorrangig mit Bild und Bildraum auseinander. Dabei baut er verschiedenste Architekturen und Requisiten zu einem subjektiven Privatkosmos zusammen.

Zwischen den grossen Leinwänden liegen und lehnen immer wieder kleine – Mit bauschigen Wolken darauf, locker dahingemalt. Auf einem Tisch liegt ein Bild des Künstlers mit Fussballer Michael Ballack, am Boden eine Ausgabe der «GQ». Der Herr, der hier seine Kunst macht, war selbst «GQ Gentleman des Monats» in eben diesem Magazin. Und tatsächlich wirkt der Künstler wie ein moderner Dandy, der Namedropping ebenso gerne mag wie das Gespräch über sich selbst und die heroische Pose mit den verschränkten Armen, die er stets anbietet, wenn die Kamera auf ihn gerichtet ist.


Leipzig

… man liebt sich, man hasst sich.

Ein Gespräch mit dem Meisterschüler

Titus Schade ist in Leipzig geboren und hat dort die Kunsthochschule als Meisterschüler Neo Rauchs besucht. Auch Jahre später wohnt er noch dort. Sein Atelier befindet sich, wie die renommierte Galerie Eigen+Art, die sowohl ihn als auch seinen Meister vertritt, direkt im Kunstnukleus Leipzigs, dem Spinnereigelände.

Wir haben mit Titus Schade über seine Heimat, den kunsthistorischen Begriff der «Leipziger Schule» und gute Wolken gesprochen.

GS: Sie sind waschechter Leipziger. Was ist für Sie als Künstler das Inspirierende an dieser Stadt?
Titus Schade: Die Stadt hat neben ihrer langen Geschichte glatte und wiederbelebte Seiten, aber auch marode Ecken, die ich noch aus meiner Kindheit kenne. Das ist ein starker Kontrast, der für mich und meine Arbeit sehr inspirierend ist. Gerade passiert hier sehr viel, es öffnen zum Beispiel viele neue Kunsträume. Zudem ist die Kunsthochschule sehr stark und mit ihr die Kunstszene, die daraus hervorgeht.
Obwohl die Stadt vergleichsweise klein ist, gibt es Kunstvereine, Galerien, Museen und als «Kunstzentrum» die Spinnerei, in der jedes Jahr grosse und kleine Rundgänge stattfinden, bei denen alle Galerien und Ausstellungsflächen Ausstellungen verschiedener Künstler und vielseitiger Kunstrichtungen zeigen. Die Leute treffen sich, man kennt sich… man liebt sich, man hasst sich. Es entsteht ein reger Austausch unter den Künstlern, die hier arbeiten, weil man so einen breiten Einblick erhält, was die anderen machen.
Ausserdem ist Leipzig eine Transit-Stadt. Viele Leute von Ausserhalb kommen hierher, um sich Kunst anzusehen oder sie zu zeigen. Auf dem Spinnereigelände werden in den öffentlichen Kunsträumen und Galerien auch viele internationale Positionen präsentiert.
Möchte man mal raus aus diesem «Geflecht», sind sehr inspirierende Städte wie Dresden, Prag oder Berlin nicht weit entfernt. Berlin, eine der besagten Weltstädte der Kunst, liegt mit einer Zugstunde Entfernung quasi vor den Toren der Stadt.

GS: Haben Sie nie den Drang verspürt, in einer anderen Stadt zu leben?
Titus Schade: Nein, ich sehe momentan keinen Grund, wegzugehen. Viele meiner Mitstudenten hatten damals vor, mit dem Diplom an der Kunsthochschule in der Tasche sofort wieder wegzuziehen, aber die meisten sind geblieben. Die Voraussetzungen in Leipzig sind einfach sehr gut. Die Mieten für Ateliers sind relativ gering, man hat viel Platz, um zu arbeiten, der Austausch unter den Künstlern ist hervorragend. Das schätzen viele.

GS: Ist das enge Nebeneinanderarbeiten auf dem Spinnereigelände nicht auch ein Fluch als bloss ein Segen? Wie geht man mit direkter Konkurrenz um?
Titus Schade: Das sehe ich eher positiv – vielleicht sogar als Ansporn. Die Nähe spüre ich gar nicht so sehr. Mein Atelier ist ein geschlossener Raum. Die Ateliers auf dem Gelände sind ja keine offenen Kojen wie die Stände auf einer Kunstmesse, in die man im Vorbeilaufen hineinschauen kann, und sieht woran die Kollegen gerade arbeiten. Das Gute an der Spinnerei ist, dass alles hinter den eigenen Mauern passiert. Wenn man seine Ruhe haben will, hat man sie hier – trotz der vielen anderen Künstlerkollegen und Besucher. Umgekehrt kann man den einen oder anderen Kollegen mal konsultieren, falls etwas mit dem eigenen Bild nicht stimmt oder etwas klemmt.

Das sehe ich eher positiv – vielleicht sogar als Ansporn.

Nach einem freien Wochenende geht man dann doch viel belebter an die Bilder ran.

GS: Manche Künstler bewohnen ihre Ateliers in der Spinnerei sogar. Könnten Sie sich das auch vorstellen?
Titus Schade: Nein, ich brauche Abstand zu meinen Bildern, weil ich sonst zu sehr eins mit ihnen werde – Betriebsblind sozusagen. Nach einem freien Wochenende, mit zwei Tagen Abstand, geht man dann doch viel belebter an die Bilder ran.

GS: Die Kunstszene der Stadt ist geprägt vom Begriff der «Leipziger Schule». Wie gehen Sie mit dieser Identität um?
Titus Schade: Damit war ursprünglich die «Alte Leipziger Schule» gemeint: Malereiprofessoren wie Werner Tübke, Bernhard Heisig oder Wolfgang Mattheuer. Darunter gab es eine jüngere Generation, geprägt von Arno Rink und Sighard Gille, die wiederum die Lehrer von Künstlern wie z.B. Neo Rauch oder Matthias Weischer waren. Darauf folgte die Begriffsfindung «Neue Leipziger Schule», zu der eben auch Maler wie David Schnell, Tim Eitel, Tilo Baumgärtel und Christoph Ruckhäberle gezählt werden. Mittlerweile wird diese Reihe durch weitere jüngere Absolventen der Leipziger Kunsthochschule «fortgeführt» und «ergänzt».
Aber der Begriff ist ein nicht selbst von den Künstlern bestimmter, wie bei einer Künstlergruppe oder Kolonie, sondern ein von aussen geprägter. Die Leute brauchen immer ein Label, einen Überbegriff. Ich tue mich oft schwer mit diesem Begriff, da er eine gewisse Einseitigkeit mit sich bringen könnte, die so nicht gerechtfertigt ist.

GS: Zur Umstrittenheit des Begriffs kommt die Stilvielfalt.
Titus Schade: Auf jeden Fall. Wenn man sich beispielsweise mit Leipziger Künstler/innen wie Franziska Holstein, Kristina Schuldt, Tobias Lehner oder Henriette Grahnert auseinandersetzt, merkt man schnell, dass ihr Stil so gar nichts mit dem zu tun hat, was man sich unter dem Begriff «Leipziger Schule» vorstellt. Das ist mal gänzlich abstrakt, mal humorvoll oder beschäftigt sich mit Genderdiskursen. Die Herangehensweisen an die Bilder sind ganz andere. Und ich spreche hier nur von dem Medium der Malerei. Es gibt viele Positionen, die klassisch mit dem Begriff der «Neuen Leipziger Schule» nichts mehr zu tun haben, weswegen so ein Label auch immer schwierig ist – Auch wenn es natürlich dazu beiträgt, für Aufmerksamkeit zu sorgen.

GS: Dann gibt es gar kein Gedankengut, das alle Leipziger Künstler eint?
Titus Schade: Was alle gemeinsam haben, ist Leipzig und die Hochschule, die die meisten durchlaufen haben. Dadurch entsteht eine in sich geschlossene Szene. Ihr Zentrum ist natürlich einerseits die Hochschule, aber auch das Spinnereigelände oder andere Atelierhäuser, in denen ein guter Austausch stattfinden kann. Es geht also um eine Gemeinsamkeit im Arbeitsschaffen – Eine Grundidee, die sich vielleicht sogar über alle künstlerischen Medien zieht. Anscheinend sind es ähnliche Themen oder aber auch ein gewisses Kolorit, welches auf der einen oder anderen Leinwand auftaucht, wenn man sich im Feld der Malerei bewegt.

Das ist mal gänzlich abstrakt, mal humorvoll oder beschäftigt sich mit Genderdiskursen.

Mit der Zeit versucht man dann aber seinen eigenen Stil zu formen.

GS: Sie sind ein Meisterschüler Neo Rauchs, haben 2009 bei ihm Diplom gemacht. Inwiefern hat Neo Rauch Sie beeinflusst, wo Ihre Bildsprache doch offensichtlich eine komplett andere ist?
Titus Schade: Als junger Kunststudent kommt man in die Klasse und ist beeindruckt von dem, was der Professor macht, und wird dadurch unter Umständen stark beeinflusst. Mit der Zeit versucht man dann aber seinen eigenen Stil zu formen und den eigenen Interessen in Bezug auf Themen oder malerische und graphische Formalitäten zu folgen.
Aus Neo Rauchs Klasse sind viele unterschiedliche Positionen hervorgegangen, von Figuration bis hin zu Abstraktion. Er hat immer versucht, aus dem jeweiligen Studenten das ihm «Eigenste» herauszukitzeln, das heisst seine Stärken, die eigene Bildsprache. Wenn man das über das Diplom hinaus weiterentwickelt, kommt man irgendwann zu einem ganz persönlichen Bildkosmos.

GS: Ihr Bildkosmos ist ein sehr geordneter, fast wie in einem Setzkasten. Woher kommt Ihre Vorliebe für Fachwerkhäuser?
Titus Schade: Ich war nie an einem Ort, an dem es besonders viele Fachwerkhäuser gab. Die gibt es ja vereinzelt überall, auch hier in Leipzig. Natürlich kennt man die prägnanten Beispiele wie die in Hessen, im Schwarzwald oder im Elsass. Das ist aber nicht der Punkt – ganz im Gegenteil: Die Bilder sollen nicht genau verortbar sein, man soll nicht denken «Das ist dieser Ort», sondern «Das könnte dieser Ort sein», sie sollen eine gewisse Allgemeingültigkeit besitzen. Hinzu kommt eine Malweise, die diesem Sujet eher untypisch ist.
Die Fachwerkhäuser im Speziellem sind eher aus einer Lust am neuen Unterteilen einer Fassade in sich entstanden, dem Interesse an Geometrie, Struktur – vielleicht letztendlich sogar auch dem abstrakten Ornamentalen.
Wenn man das im Bild hat, dann erhält so ein Fachwerkhaus plötzlich eine gewisse Präsenz, ja fast etwas Sakrales.
Es geht oft gar nicht darum, was man malt, sondern wie man es malt. Alles erschliesst sich im Malprozess, innerhalb des Bildes und letztlich erst, wenn das Bild fertig ist. Manchmal entsteht eine Geschichte, von der man am Anfang gar nicht wusste, dass sie überhaupt da sein könnte.

GS: Ganz im Gegensatz zu Ihren Bildern im Baukastenprinzip stehen in Ihrem Atelier ein paar locker gemalte Wolkenbilder herum. Sind Wolken emotionaler?
Titus Schade: Es ist gut möglich, dass da andere Denkprozesse stattfinden, als wenn ich konstruiere, abmesse und das Klebeband verwende, um gerade Linien zu schaffen. Ich muss bei meiner sonstigen Malweise «ökonomisch» vorgehen, weil ich sehr viel in Schichten arbeite, die richtig durchtrocknen müssen. Deshalb muss ich mir vorher überlegen, wie ich das Bild aufbaue und wann ich welche Fläche setze.
Ich glaube, bei so einer Wolke, die ich aus der Hand heraus male, schalte ich eher ab, wenn ich sie male. Es geht um die Gesamtform, ich achte dann nur noch darauf, ob sie sich überzeugend darstellt, ob es im Gesamten eine «gute» Wolke ist.

Ich achte dann nur noch darauf, ob es im Gesamten eine «gute» Wolke ist.

Linda Leitner PortraitLinda Leitner (30)
Redakteurin Style Weekly
SI Style

Die deutsche Modejournalistin mag so ziemlich alles, was man in irgendeiner Form konsumieren kann: Sei es gutes Essen, schöne Kleider, Wein, der albern macht oder strahlenden Sonnenschein am See – Und davon besser zu viel als zu wenig. Sie hat in München studiert, zeitweise in Berlin gelebt und erfreut sich nun seit drei Jahren am idyllischen Zürich.

GS: Abschalten mit Wolken also?
Titus Schade: Malerei ist für mich an sich ein Prozess, bei dem man abschaltet. Ich habe beim Malen immer das Radio an. Meistens Informations- und Nachrichtenradio, das im Hintergrund plätschert. Man ist mit dem Bild und sich selbst alleine, dann arbeitet und arbeitet man. Vielleicht vergleichbar mit einer Spinne, die ihr Netz spinnt.

GS: Ist das Konstruieren im Gegensatz zu den Wolken «Organisierte Kunst»?
Titus Schade: Das widerspricht natürlich dem Konzept, des aus sich selbst Entstehens. Aber es gibt einen Fahrplan. Um Tiefe zu erzeugen, malt man in der Regel in Schichten von hinten nach vorne, von gross nach klein. Es gibt Hierarchien innerhalb des Bildes zwischen den Objekten. Ich überlege und entwickle mir die Dinge vorher in Form von kleinen Zeichnungen. Das kann dann auf der Leinwand aber ganz anders aussehen. Manchmal entsteht aus einer handtellergrossen und lockeren Zeichnung später auf der Leinwand dann etwas komplett anderes.

GS: Besten Dank für das Gespräch.