Ein Besuch in der Spinnerei

Text Linda Leitner
Es herrscht Katerstimmung in der Spinnerei, dem grossen Künstlerareal Leipzigs. Am vergangenen Abend wurde eine der unzähligen Galerien in der Stadt eröffnet. Das «G2» liess sich feuchtfröhlich feiern und Nadin Maria Rüfenacht war dabei. Ziemlich lang vermutlich.
Jetzt steht sie müde und etwas zerknautscht in Jogginghose in ihrem Ateiler, das sie sich mit ihrem Mann, dem Maler Tilo Baumgärtel, teilt. Sie ist klein und wirkt fast kindlich, wie sie da zwischen all den Farbeimern, Leinwänden und Utensilien am grossen vollgestellten Tisch in der Mitte des Raums lehnt. Doch hinter der zierlichen Fassade der dreifachen Mutter brodelt es. Für manche tun sich da wohl Abgründe auf, holt sich Rüfenacht doch für ihre Collagen gerne mal Pferdeköpfe oder ganze Kadaver vom Abdecker. Tote Tiere sind ein zentraler Punkt in ihrem Schaffen, flankiert von grotesken Menschen und Mischwesen, die sie zu fantasiehaften Bühnen zusammenklebte. Sie fotografiert ihre Kinder ebenso wie nackte Erwachsene mit Tierköpfen. Ein erigierter Penis nicht ausgeschlossen. Ihre aktuellen Arbeiten, darunter eindringliche Stilleben aus kämpfenden Stühlen und auf Glasblasen thronenden Insekten zeigte sie vor Kurzem auf der Volta Basel.


Leipzig

Die Lebensqualität ist einfach wahnsinnig hoch.

Ein Berner Meitschi in Leipzig

Die 1980 im Schweizerischen Burgdorf geborene Fotografin kam mit 19 Jahren nach Leipzig, studierte dort an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, war Meisterschülerin bei Fotograf Timm Rautert. Ihre inzwischen schon nicht mehr so neue Heimat ist jetzt das Spinnereigelände, auf dem sie arbeitet und lebt. In einem Nebenhaus des Ateliers haust sie in einem ausgebauten Loft mit Mann, Kind und einer Horde Hunde und Katzen.

Ein Gespräch über lebendige und tote Tiere und die gute Schweizer Mayonnaise.

GS: Sie leben seit 1999 in Leipzig. Warum hat es Sie hierher verschlagen?
Nadin Maria Rüfenacht: Ich kam damals wegen der Fotografie nach Leipzig. Ich wollte unbedingt hier studieren, da die Hochschule in Leipzig damals die führende Position in Fotografie innehatte. In der Schweiz war Zürich für mich die einzige Alternative, aber dort war das Studium für meinen Geschmack zu angewandt. Ich wollte näher ran ans Traditionelle, Handwerkliche.

GS: Was macht für Sie die Stadt Leipzig aus?
Nadin Maria Rüfenacht: Es ist eine super Stadt zum Leben. Man bekommt für relativ wenig Geld viel Platz, unglaublich viel Grün, alles ist nah, für den Moment ist es perfekt. Die Lebensqualität ist einfach wahnsinnig hoch.
Ausserdem sind die Kinderinstitutionen hier super – alle Universitäten haben Kitas. Ich habe ja sehr früh angefangen mit dem Kinderkriegen, bereits während des Studiums. Mit Kindern kommt einem Leipzig wahnsinnig entgegen.

GS: Wie lebt es sich generell als Künstlerin mit Kindern?
Nadin Maria Rüfenacht: Im Grunde schlecht. Am interessantesten ist man dann, wenn man keine Kinder hat und nicht vergeben ist. Ich habe mich aber immer geweigert, mich für eins von beidem zu entscheiden.

GS: Besuchen Sie die Schweiz noch ab und zu?
Nadin Maria Rüfenacht: Ja, ich hab‘ dort auch ein Atelier und pendle zwischen Bern und Leipzig. Ich wechsle ganz gerne. Früher oft im Zweimonatstakt, aber seit die Kinder in die Schule gehen, bin ich natürlich mehr in Leipzig als in Bern. Manchmal habe ich das Gefühl, die Berner nehmen mir die fehlende physische Präsenz etwas übel.

GS: Was vermissen Sie an ihrer Heimat?
Nadin Maria Rüfenacht: Die Schweiz umgibt ein gewisses Idyll. Eine Ruhe, freundlicher Umgang, gute Dienstleistung und – man mag es kaum glauben – ein einfacheres freundlicheres Steuersystem! Ich vermisse ausserdem das Essen sehr. Das Schweizer Essen schmeckt mir definitiv besser, denn in Deutschland ist alles sehr süss, alles ist gezuckert. Sogar die Mayonnaise, das schmeckt ganz anders. Ich habe zwar inzwischen aufgehört, Dinge aus der Schweiz mit nach Deutschland zu nehmen – aber Mayonnaise muss sein. Ansonsten ist die Schweiz nicht so weit weg und wenn mir was fehlt, fahre ich nachhause!

Die Schweiz umgibt ein gewisses Idyll.

Da rufe ich einfach den nächsten Schlachthof an und schon habe ich einen Pferdekopf, wenn ich einen brauche.

GS: Wo können Sie besser arbeiten?
Nadin Maria Rüfenacht: Das wechselt. Ich kann eigentlich an beiden Orten gut arbeiten. Das hängt eher von pragmatischen Dingen ab. Wenn man beispielsweise etwas ausleihen will, dann geht das in der Schweiz einfacher.

GS: Was möchten Sie denn ausleihen?
Nadin Maria Rüfenacht: Ich habe viele ausgestopfte Tiere fotografiert. In der Schweiz kann man die problemlos ausleihen, in Deutschland habe ich echt gekämpft. Geh mal in ein Naturhistorisches Museum oder zu einem Schlachthof, das kannst du vergessen!
Ich komme vom Land. Da rufe ich einfach den nächsten Schlachthof an und schon habe ich einen Pferdekopf, wenn ich einen brauche. Vielleicht gibt es in Deutschland zu viele fanatische Tierschützer? Sonst kann man in Leipzig aber super arbeiten. Da lenkt einen auch nicht so viel ab. Würde ich beispielsweise in Berlin leben, käme ich vermutlich zu gar nichts mehr, da gibt es einfach zu viel zu sehen.

GS: Woher kommt diese Vorliebe, Tiere, ob tot oder lebendig, zu fotografieren?
Nadin Maria Rüfenacht: Ich habe schon immer mit Tieren gelebt. Aus fotografischer Sicht interessiert mich unser paradoxer Umgang mit und das Verhältnis zu den Tieren, aber auch einfach das formal skulpturale Moment an ihnen. Ich würde nicht von einer Vorliebe sprechen, für mich ist es schlicht normal, Tiere zu haben. Wenn ich sie fotografiere, weiss ich wovon ich sozusagen «spreche». Ich komme vom Land, bin mit vielen Tieren aufgewachsen. Meine Eltern waren Selbstversorger und mein Vater hat selbst geschlachtet. Es war Alltag, dass Tiere kommen und gehen – auch um gegessen zu werden. Da ist schon mal eins mit dem Namen «Ragout» aufgewachsen.
Warum ich tote Tiere fotografiert habe, ist auf das Erlebnis zurückzuführen, als mein Pferd eines Tages zusammengebrochen ist. Es ist mitten auf der Strasse an einem Herzschlag gestorben. Da lag diese halbe Tonne totes Tier. Das war krass, weil Pferde immer einen anderen Stellenwert hatten. Da lag nun diese halbe Tonne, die weg musste. Da wurde mir bewusst, dass es eine richtige Aufgabe ist so ein Tier wegzuschaffen und das wollte ich – damals noch sehr dokumentarisch, im klassischen Sinne, unterwegs – festhalten.
Ich musste allerdings sehr oft beim Abdecker anrufen und betteln. Die meinten immer «Behalten Sie doch ihr Pferd in guter Erinnerung… Das ist nichts für kleine Mädchen!» Damals war ich 19 Jahre alt. In der Abdeckerei habe ich dann auch noch öfter inszenierte Fotos gemacht.

Da ist schon mal eins mit dem Namen «Ragout» aufgewachsen.

Linda Leitner PortraitLinda Leitner (30)
Redakteurin Style Weekly
SI Style

Die deutsche Modejournalistin mag so ziemlich alles, was man in irgendeiner Form konsumieren kann: Sei es gutes Essen, schöne Kleider, Wein, der albern macht oder strahlenden Sonnenschein am See – Und davon besser zu viel als zu wenig. Sie hat in München studiert, zeitweise in Berlin gelebt und erfreut sich nun seit drei Jahren am idyllischen Zürich.

GS: Manche mögen das für geschmacklos halten. Wo sind Ihre Grenzen?
Nadin Maria Rüfenacht: Ich habe natürlich Grenzen, aber die ziehe ich woanders. Mich stört, dass das, was ich als ganz normal empfinde – das Sexualität, der Körper, das Animalische – zum Teil zu stark tabuisiert wird. Da gibt es auf dieser Welt viel schlimmere Sachen, von denen ich nicht wollen würde, dass meine Kinder sie sehen. Der fein gewebte Teppich unserer Kultur, worauf wir uns bewegen, reisst schnell bei jeder Spannung und Abgründe tun sich auf. Das sind Spannungsverhältnisse, die mich interessieren.

GS: Besten Dank für das Gespräch.