Text Linda Leitner
«Ihr müsst unbedingt im Sommer nochmal wieder kommen!» Das ist der Satz, den wir in Leipzig wohl am öftesten gehört haben. Leipzig, das ist die Stadt in Deutschland, in der man Flugzeuge auf dem Dach findet, Clueso schon mal neben einem auf einer Brücke jamt und die Menschen lustig sprechen. Leipzig ist ungezwungen und Leipzig mag sich, das merkt man. Ein Pioniergeist weht durch die Stadt, nur noch übertroffen von der Euphorie der Menschen, die dort leben. Wer einmal da war, kommt zurück und geht im besten Falle nie wieder.

Leipzig

Wohin mit all der chaotischen Neugier?

Das bessere Berlin

«Ich komme nach Leipzig, an den Ort, wo man die ganze Welt im Kleinen sehen kann», sagte schon Lessing einst. Und das, obwohl Leipzig nach Dresden immerhin die zweitgrösste Stadt Sachsens ist. «The better Berlin» nannte es der Chef des berühmten Auerbachs Keller einmal. Der Leipziger selbst distanziert sich vom quotenträchtigen Ausdruck, er ist ein bescheidenes Kerlchen. Und doch stimmts irgendwie. Leipzig ist alternativ, hip und arty, aber nicht so überzogen wie Berlin. Im Kleinen eben, nach Lessing. Aber von vorne.

Musik, Kunst und Kultur

Leipzig ist also überschaubar. Das dürfte mir als Mensch mit fehlendem Orientierungssinn zugute kommen, müsste man meinen. Aber erstmal bin ich überfordert. Leipzig ist Musikstadt, Wagner und Bach lebten hier. Leipzig ist Literaturstadt, Goethe studierte hier, Verlage wie Reclam und Langenscheidt haben hier ihren Ursprung. Leipzig ist Kunststadt, der kunsthistorische Begriff der «Leipziger Schule» ist ein stehender, Galerien spriessen überall wie bunte Pilze aus dem Boden und die Gebäude sind so hübsch wie vielfältig. Wohin mit all der chaotischen Neugier?

Mit dem Trabi durch Leipzig

In die Vergangenheit. Zurück in die Zeit, als Deutschland noch aus Ost und West bestand. Ein bisschen DDR fühlen? Viel mehr als das, denn der gute alte Trabi ist das Fortbewegungsmittel unserer Wahl. Die himmelblaue Höllenmaschine röhrt vor dem Hotel. «Wollenwa knattern?» ruft Trabi-Stadtguide Stefan meiner Begleitung und mir höchst euphorisch zu. Yes, please.

Und dann flitzen wir zweieinhalb Stunden durch Leipzig. Wir sehen viel, erfahren viel, der Guide macht das mit Leidenschaft. Von grossartigstem Sächsisch unterlegt schiesst er mit uns durch Gässchen, über Ampeln, an grossen, kleinen und rekordverdächtig hohen Gebäuden vorbei. Nie um einen Schenkelklopfer, eine Anekdote oder einen exklusiven Schlenker verlegen. Unser Guide ist in Leipzig geboren, ging kurz fremd, kam aber wieder zurück. Neben dem Trabi scheint Leipzig seine grosse Liebe zu sein. Wie schon gesagt, wer einmal hier war, kommt zurück. Auf einem Parkplatz dürfen wir selbst hinters Plastiksteuer. Mir wird klar, warum der gute Stefan es mag, Fahrten für Junggesellinnenabschiede zu übernehmen: Frauen kreischen beim Trabi fahren vor Freude. Ich fahre sogar selbst ein bisschen mit dem Trabant durch die Strassen Leipzigs, aber die Krückstockschaltung bereitet mir dezent Probleme. Nomen est Omen. Und ich möchte schliesslich Stefans Informationsschwall konzentriert lauschen und aus dem Fenster schauen, die Euphorie ist ansteckend.

Vor dem gigantischen Völkerschlachtdenkmal bleiben wir stehen. Das 1931 eingeweihte und 91 Meter hohe Bauwerk ist eines der grössten Europas. Uns stockt der Atem, Stefan gibt Anweisungen. Türen auf, posen, Handy her – und Schwupps haben wir die perfekten Touri-Shots mit Trabi und Denkmal. So spackig, dass sie unsere Lieblingsbilder werden. Ja, knattern ist knorke.

Kultur Trabi Stadtrundfahrten, trabi-erleben.de

«Wollenwa knattern?»

Der Urtrieb treibt das junge Volk nach draussen.

Leipzig – eine grüne Stadt

Was bei der Tour auffällt, sind die vielen Parks. Sogar zwei Drittel der Stadt sind Grünfläche, durchzogen von Wasser. Mit seinen alten Kanälen sieht Leipzig aus wie ein kleines, romantisches Venedig, wenn wir über die steinerne Brücken rauschen. Und das scheint es tatsächlich zu sein, denn in diesem Zusammenhang berichtet der eloquente Guide Stefan vermehrt von seiner Ex-Freundin, deren Eltern am Wasser hausten. Geil sei es da stets gewesen. Natürlich nur das Bootfahren mit Bierchen auf dem Wasser.

Mit der Natur verbunden, das ist der Leipziger. Während wir in Schweizer Städten noch urban gärtnern, geht hier der Trend zum Schrebergarten. Was hierzulande als spiessig gilt, ist dort das Hobby des Hipsters. Kein Wunder, wurde der erste Schreberverein doch 1864 zu Ehren des Leipzigers Dr. Moritz Schreber gegründet. Inzwischen hat so ziemlich jede Studenten-WG einen gemeinsamen Schrebergarten. Der Urtrieb treibt das junge Volk nach draussen. Es möchte Neues erschaffen. In Form von Pflanzen. Wie schön!

In-Viertel Plagwitz und die Spinnerei

Den intensiven Schöpfergedanken, den die Stadt vorantreibt, spürt man auch in der Kunst. Plagwitz, das ehemalige Industrie-Viertel wird immer mehr zum In-Viertel. Wahrscheinlich auch, weil hier die Kreativität auf engstem Raum pulsiert. Intellektuelle Spinnerei? Ganz richtig. Die Trabi-Fahrt ist vorüber und wir stehen vor grossen Backsteinbauten, der Industriecharme der kleinen roten Stadt erfasst uns, am Boden verlaufen Schienen ins Nichts. Was Anfang des 20. Jahrhunderts die grösste Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas war, ist jetzt eines der spannendsten Produktions- und Ausstellungstätten.

Nachdem der Dreischichtbetrieb nach der Wende eingestellt wurde, kamen Künstler in die Spinnerei. Auf dem Gelände haben sich seither elf Galerien, das gemeinnützige Kunstzentrum Halle 14 und rund 100 Künstler sämtlicher Genres niedergelassen. Vom Architekten über den Maler, bis hin zum Tänzer und Designer, jeder ist hier willkommen. Das Baufundament, das schon der Baumwolle damals gut tat, nützt nun vor allem den Leinwänden. Der strahlende Mittelpunkt und prominente Nukleus der Spinnerei ist die Galerie Eigen+Art, die unter anderem Neo Rauch, den Star der «Neuen Leipziger Schule» vertritt.

Kultur From Cotton to Culture, Spinnereistrasse 7, spinnerei.de

Intellektuelle Spinnerei? Ganz richtig.

Das Herzblut wird in jedem Winkel spürbar.

Was der «Guardian» meinte, als er die Spinnerei vor ein paar Jahren zum «Hottest place on earth» erkor, erschliesst sich einem sofort, die Atmosphäre ist einzigartig, das Herzblut wird in jedem Winkel spürbar. Leipzig mit seiner berühmten Kunsthochschule schart die unterschiedlichsten Menschen aus aller Welt um sich, um gemeinsam Neues zu gestalten. So lebt es sich hier herrlich entspannt zwischen Kunst, Kultur und Cafés. Das Luru-Programmkino des Künstlers Christoph Ruckhäberle, einem Vertreter der Neuen Leipziger Schule, zeigt montags stets einen Überraschungsfilm. Von Horrorstreifen über Pornos aus den Siebzigern bis hin zu Stummfilmen – analog muss es sein. An den Wänden prangen farbstarke Linoldrucke des Künstlers, der in der Spinnerei sein Atelier hat. Wenn man möchte, kann man sich einen der Holzstühle im Kino kaufen. Mit einer goldenen Plakette darauf verewigt, ist dieser dann für immer reserviert. Im Sommer findet draussen auf der Wiese ein Freilichtkino statt.

Mit einem Lastenaufzug bewegen wir uns durch die Stockwerke und treffen auf die Schweizer Künstlerin Lorenza Diaz, die in der Spinnerei ein Atelier bewohnt. Ja, auch das gibt es hier: Alternative, kostengünstige Wohnräume. Sie lebt inmitten ihres Werkes zwischen Leinwänden und Farben – ein kreatives Chaos. Gerade arbeitet sie an einer Ausstellung, die im Mai in Basel stattfinden wird. Was Diaz an Leipzig und der Spinnerei liebt, ist der Austausch unter den hier arbeitenden Künstlern ebenso wie die Ruhe, die sie im Atelier, ihrem Zuhause, findet.

Auch der Tourist als Nicht-Künstler kann ein paar Tage in der Spinnerei hausen und sich inspirieren lassen. Eines der kreativ gestalteten, geräumigen Meisterzimmer ist beispielsweise ein ehemaliger Frauenwaschraum. Früh buchen lohnt sich hier!

Film Luru Kino in der Spinnerei, Spinnereistrasse 7, luru-kino.de
Pension Meisterzimmer, in der Leipziger Baumwollspinnerei, meisterzimmer.de

Der Ort ist so faszinierend, dass wir fast vergessen, was wir am liebsten tun: Flanieren und Lustwandeln. Wir haben Glück. Gerade heute ist auf der Karl-Heine-Straße unweit der Spinnerei das sogenannte «Westpaket», ein Strassenfest mit Flohmarktständen, viel Essen und Trinken und ebenso viel Live Musik. Die findet sich in Leipzig an so ziemlich jeder Ecke. Hier schlendern Jugendliche mit Rotkäppchen Sekt-Flaschen durch die Menge und Familien treffen sich zum Kaffee. Der Name «Westpaket» steht übrigens für die in der DDR übliche Bezeichnung für Pakete, die Westdeutsche ihren Verwandten in den Osten schickten. Schokolade zum Beispiel. Die Freude damals war gross, wie auch jetzt.

Die Freude damals war gross, wie auch jetzt.

Das Waldstrassenviertel hat es uns ganz besonders angetan.

Ein Spaziergang durch Leipzig

Besonders schön, um einen geruhsamen Nachmittag zu verbringen, ist ein Spaziergang durch die vielen Gässchen Leipzigs. Hier reiht sich ein Türmchen und Erker an den anderen, dass es eine wahre Freude ist. Das Waldstrassenviertel hat es uns ganz besonders angetan. Neben Prachtbauten und Wohnvillen aus der Gründerzeit finden sich hier ab und zu auch kleine verfallene Schätzchen, die mit verwitterten Treppenaufgängen auch Graf Dracula einladend fände. Eine Pause legt der Flaneur in der «Fleischerei» ein. In einer ehemaligen Metzgerei hängen melancholische Hipster in Birkenstocks und Wollsocken ihrem Kummer über Gedichtbänden nach, Freunde treffen sich hier unter den farbenprächtigen Kacheln zum Plaudern. Sehr viel Gin steht im Regal, der dürfte neben Schokoladentarte und spanischem Omelette mit Spinat und getrockneten Tomaten auch mal degustiert werden.

Der Restaurant Klassiker in Leipzig: Auerbachs Keller

Was kein Besucher Leipzigs je verschmähen sollte, ist der Besuch des traditionelllen Auerbachs Keller, der schon im 16. Jahrhundert zu den beliebtesten Weinlokalen der Stadt gehörte. Johann Wolfgang von Goethe fand hier seine Inspiration zu Faust. Mit der Szene «Auerbachs Keller in Leipzig» setzt er Stadt und Keller ein literarisches Denkmal: «Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.» Wohl wahr: Während seiner Studentenzeit gab sich der junge Goethe hier des öfteren dem Wein hin. So auch wir.
Im Gewölbe des «Grossen Kellers» ist es laut und es geht zünftig zu, was uns als Geschöpfe von bayerischer Abstammung durchaus liegt. Die Weingläser sind gross, auch dagegen haben wir rein gar nichts. Schon die «Sächsischen Räucherspezialiten» zur Vorspeise verzücken unsere Gaumen. Was folgt sind vorzügliche, gutbürgerliche Hauptspeisen, mehr Wein und ein Gläschen Grappa. Nach vier Stunden sitzen wir noch immer im Keller und lachen viel. Verlassen tun wir ihn nur, weil die meisten Kellner schon untätig herumstehen. Noch ein letzter Schluck und Prost, Leipzig, du bist toll!

Restaurant Auerbachs Keller, Mädler Passage, Grimmaische Strasse 2-4, auerbachs-keller-leipzig.de

Linda Leitner PortraitLinda Leitner (30)
Redakteurin Style Weekly
SI Style

Die deutsche Modejournalistin mag so ziemlich alles, was man in irgendeiner Form konsumieren kann: Sei es gutes Essen, schöne Kleider, Wein, der albern macht oder strahlenden Sonnenschein am See – Und davon besser zu viel als zu wenig. Sie hat in München studiert, zeitweise in Berlin gelebt und erfreut sich nun seit drei Jahren am idyllischen Zürich.