Text & Bild Lisa Strohmayer
Wer noch nie vom Königreich Gé gehört hat, der steht wahrscheinlich nicht alleine da. Auch meine Reisegefährtin Kathi und ich wussten nichts darüber, bevor wir mitten drin waren.

In einer riesigen Hand, gleich neben dem Mototaxistand in «Glidji», sitzt der steinerne Foli Bebe der Erste. Die Statue des Gründervaters steht an prominenter Stelle mitten im Ort. Er wacht seit 1680 über sein Volk, das laut Aussage der Generalsekretärin von Foli Bebe XV. ursprünglich aus Israel stammt. Wie gross das Königreich Gé ist, kann nur schwer eruiert werden. Die Grösse definiert sich nämlich weniger über die Fläche, sondern eher über seine Population. Die Volksgruppe der Gé, Gah oder Guin verteilt sich über mehrere Länder und ist daher auch zahlenmässig schwierig zu erfassen.


Togo

Wir wissen jetzt schon mal, wo wir nicht hinfahren wollen!

Animisten, Rituale und ein Steinorakel

Abgesehen davon, dass Glidji das Zentrum der Gé ist, ist es auch als Zentrum der Animisten in der Region um Lac Togo herum bekannt. Diese Tatsache lässt sich grösstenteils auf die Zeremonie des «Pierre Sacrée» zurückführen. Einmal im Jahr wird von den Priestern des Heiligen Waldes die Zeremonie «Epe-Ekpe» durchgeführt.

Das Steinorakel, das von den Priestern aus dem Wald geholt wird, gibt durch seine Farbgebung das Schicksal für das nächste Jahr preis. Dieses Ritual ist der Grund, warum wir eigentlich auf diesen kleinen Ort aufmerksam geworden sind. Meine Freundin Katharina Gartner, die zur Zeit für ihre Doktorarbeit in Ghana und Togo forscht, hat von einem ihrer dortigen Interviewpartner vom Pierre Sacrée gehört, der im Gebiet rund um «Aneho» zu finden sein soll. Aneho liegt am Rande des «Lac Togo», circa eineinhalb Stunden von der ghanaischen Grenze und zehn Minuten von der Grenze zu Benin entfernt. Wir schlagen in unserem Westafrika-Reiseführer nach und finden dort hauptsächlich Infos über «Togoville». Wir wissen jetzt schon mal, wo wir nicht hinfahren wollen!

Vodun-Masken zeigen uns den Weg

Mit dieser Vorabinformation machen wir uns auf den Weg zum Markt in Aneho. Der Ort ist grösser als wir dachten und gibt auf den ersten Blick so gar nichts Animistisches frei. Am Markt finden wir zwar Verkaufsstände, die eine grosse Bandbreite an Waren wie z.B. Tierköpfe oder Kuhschwänze anbieten, ansonsten sehen wir aber überall nur Jesusfiguren und christliche Kirchen. Bei einem Gespräch mit dem Motorradtaxi-Mann erfährt Kathi, dass sich der Stein und das wahre Zentrum etwas ausserhalb von Aneho befinden.

Am nächsten Tag soll es deshalb nach Glidji gehen. Am Morgen sind wir noch nicht wirklich sicher, wo wir jetzt genau hinfahren. Laut verschiedenster Aussagen von Einheimischen dauert die Reise zwischen zehn Minuten und eineinhalb Stunden und wir haben natürlich keine Karte. Während wir bei einem klassisch togolesischen Frühstück sitzen («Oeuf-Spaghetti» – Spaghetti mit Tomatensauce, wahlweise Würstchen und/oder Omelett mit Mayonnaise dazu) und uns Gedanken über die Weiterfahrt machen, hören wir plötzlich Musik auf der Strasse.

Ich drehe mich um und sehe ein paar Vodun-Masken die Strasse herunter schweben. Man findet den Vodun nicht – er findet dich! Wir folgen dem Umzug die Strasse hinunter und sind fasziniert von den kegelförmigen, sich drehenden Masken. Diese Masken heissen «Zangbetos». Diese Wächter der Nacht werden von Geistern beseelt und bewegen sich dadurch selbstständig. Sie werden von einer Schar Menschen und einer Musikertruppe begleitet. Am Ende des Zuges finden sich noch zwei interessante Figuren. Die beiden Männer sind anfänglich von oben bis unten weiss angemalt und tragen ein paar Totems sowie eine Schale bei sich. Einer von ihnen trägt einen Rock und symbolisiert somit den weiblichen Part. Als wir die beiden Gestalten später wieder sehen, haben sich ihre Gesichter blau gefärbt. Die drei Voduns schweben währenddessen die Strasse hinunter, bleiben stehen, drehen sich oder fallen scheinbar in sich zusammen. Bei einem der Häuser halten dann alle an und widmen sich dem leiblichen Wohl. Die Zanbetos rasten in der Zwischenzeit in einem kleinen Verschlag.

Auch wenn sie jetzt ihren zeremoniellen Zweck erfüllt haben, müssen die Zangbetos keineswegs zu Fuss nach Hause gehen. Sie werden standesgemäss auf einen Minibus geladen und fahren zum nächsten Fest.

Man findet den Vodun nicht – er findet dich!

Mit zuckerhaltigen Getränken ist die Sicherheit des Lenkers gewährleistet.

In den royalen Gemächern des Regenten

Es ist bereits Nachmittag und Kathi und ich machen uns nun endgültig auf die Reise nach Glidji. Wir springen auf ein Mototaxi und sind gespannt auf unsere nächste Station. Die bereits erwähnte prominente Statue des Gründers des Königreichs verleitet uns sofort dazu, den aktuellen Regenten in seinem Palast aufzusuchen. Foli Bebe XV. ist leider gerade auf wichtigen Aussenterminen. Seine Staatssekretärin nimmt uns jedoch in Empfang und zeigt uns die royalen Säle. Nach einer Tour quer durch Tradition und Kitsch dürfen wir nun auch Fotos des Steinorakels sehen. Das Heft mit den Fotos vom Vorjahr kann käuflich erworben werden. Wir schlagen zu und gehen weiter zu einer Art Tempel direkt neben dem Königspalast. Dieser Tempel darf nur von den Ältesten im Dorf betreten werden, denn hier wohnt Foli Bebe III. Dieser ist nicht etwa bereits gestorben, sondern hat sich noch bevor seine Zeit gekommen war in einen Termitenhügel verwandelt.

Zuckerhaltige Getränke für die Götter

Ob all der verborgenen Geschichten, die wir jetzt schon in Glidji vermuten, nehmen wir uns zum ersten Mal auf unseren Reisen einen Guide. Ibrahim kennt das ganze Dorf und erklärt uns von morgens bis abends was er weiss und versucht unsere, für ihn manchmal recht seltsamen, Fragen zu beantworten. Er öffnet uns alle Türen, ist immer hilfsbereit und verlangt dabei nie etwas zurück. Seine Philosophie ist, dass wenn er heute jemandem hilft, ihm morgen auch Gutes widerfahren wird. Während unserer Spaziergänge durch Glidji weist er uns auf die verschiedenen Vodun Darstellungen und Altäre hin. Diese sind oft sehr versteckt bzw. sehr dezent, wie z.B. ein weisses Tuch, das um einen Baum gewickelt ist. Unsere Augen entdecken mit seiner Hilfe auch immer mehr Opferstellen, die manchmal nur durch eine kleine Mulde am Boden zu erkennen sind. Ibrahim bringt uns in das Haus seiner Familie. Im Gegensatz zu manch anderen Religionen geht der Vodun mit der Zeit. Wer glaubt, dass zu den Göttern nur für eine gute Ernte oder ähnliches gebetet werden kann, der irrt gewaltig. Ibrahim zeigt uns seinen hauseigenen Vodun. Metallteile übereinander gestapelt symbolisieren hier die Mobilität. Diese Eigenschaft kann abstrahiert und dann einem Vodun zugeordnet werden. Somit wird ein «alter» Vodun zuständig für so gegenwärtige Dinge wie Autos, Busse, Mopeds oder auch für Glück und Unglück in der Mechaniker-Karriere. Mit alkoholischen Getränken als Beigabe bei der Zeremonie kann hier Unheil über eine Reise gebracht werden. Mit zuckerhaltigen Getränken ist die Ausdauer des Lenkers und somit auch die Sicherheit gewährleistet.

Filmtipp 1

«Voodoo: Mounted by the Gods» (2003). Der Schweizer Photograph Alberto Venzago hat als Cinematograph und Regisseur einen jungen Priesteranwärter über zehn Jahre lang begleitet. Venzago kreiert eine poetische Reise durch diese Zeit des Jungen und gibt dabei intime Einblicke in beninische Voodoo-Praktiken.

Wer fotografiert wird mit Pocken bestraft

Die Voduns, deren bildliche Darstellungen an den Hauswänden im Ort am meisten anzutreffen sind, sind ein Gott in Gestalt eines Kaimans, eine Schlange in Form eines Regenbogens und «Sakpate». Der Gott der Pocken sieht aus wie ein grosser traditionell afrikanischer Besen, in dem ein Wesen wohnt. Erkennbar sind Gesicht und Extremitäten, die aus dem Besen leicht herausschauen. Ibrahim sagt, dass wir seine Darstellung nicht fotografieren dürfen. Sakpate lässt sich auch nicht so einfach abbilden. Das Resultat eines Versuchs wäre ein total überbelichtetes oder schwarzes Foto. Weiters würde die gemalte Darstellung danach von der Hausmauer verschwinden und wir die Pocken bekommen. Kathi, die schon vor dem Treffen mit Ibrahim mal drauf los geknipst hat, wird kurz still. Ibrahim beruhigt uns aber. Wenn man es nicht im Vorhinein weiss, dann kann einem auch nichts passieren. Sakpate noch einmal von der Schaufel gesprungen, werde ich mich trotzdem hüten, das Abbild des Sakpates zu veröffentlichen – aus Respekt vor der Gemeinde in Glidji und weil die Pocken dort bleiben sollen wo sie sind: nämlich seit 1977 offiziell ausgestorben. Abgesehen von den Altären und den Malereien werden manche Voduns auch als Skulpturen dargestellt. Diese variieren stark in ihrer Grösse, einige davon wirken trotz ihrer rudimentären Ausbildungen, äusserst furchteinflössend.

Der heilige Wald

Um unsere Reise durch Glidji standesgemäss abzuschliessen, möchten wir natürlich auch noch den Heiligen Wald sehen. Wie bereits vermutet, dürfen wir den Heiligen Wald nicht betreten, da dieses Recht den Hohepriestern vorbehalten ist. Dafür segnet einer der Priester unseren Pflanzensamen, den wir zum Schutz vor bösen Geistern zuvor erworben haben. Die obersten Gottheiten des Heiligen Waldes sind «Mama Koley», «Ata Kpessou» und «Ata Sakumo».

Die Schwitzhütten-Zeremonie

Visa-bedingt schon etwas unter Zeitdruck, erfahren wir, dass Samstag nachmittags eine Zeremonie des Ata Kpessou-Kults stattfinden soll. Um zwei Uhr soll am Dorfplatz unter dem Plastikdach getrommelt und getanzt werden. Wir verlängern. Zu besagter Zeit an besagten Ort ist nicht viel zu sehen. Ein kleines Mischpult, ein paar Boxen und zwei Trommeln, die unter umgekippten Plastikstühlen dort stehen. In der Mitte ein mobiler Pedikür-Salon mit ein paar Frauen, die uns misstrauisch beäugen, während sie ihre Fussnägel lackiert bekommen. Hier passiert heute nichts mehr, denke ich mir, als plötzlich ein Mann auf uns zukommt, um uns ins Priesterhaus mitzunehmen. Er gibt uns ein etwas streng riechendes Tuch, dass anscheinend die adäquate Bekleidung für den Priesterbesuch darstellt. Das Haus ist in mehrere kleine Höfe und Zimmer unterteilt. In jeder Ecke scheint sich etwas anderes abzuspielen und wir schöpfen wieder Hoffnung, dass es heute doch noch ein Fest gibt.

Der Mann geleitet uns in ein kleines Zimmer mit wenigen Fenstern. Es sitzen drei Männer in weiss gekleidet um einen niedrigen Tisch und essen. Gegenüber, auf einer Holzbank, vier Frauen unterschiedlichsten Alters. Diese sind ebenfalls in weiss gekleidet. Weiss ist die Farbe des Vodun und wird vor allem von PriesterInnen und Initiierten eines Kultes getragen. Durch den Raum huschen immer wieder Leute durch die Hintertür herein und hinaus. Uns werden sofort zwei Stühle gebracht. Einer der Herren am Tisch scheint sympathisch amüsiert über unsere Anwesenheit. Er wird uns auch sogleich als Hausherr vorgestellt. Wir begrüssen alle Anwesenden und setzen uns.

Der Ziege wird das Hirn ausgelöffelt

In der Ecke ist ein weiterer Raum abgemauert, der sehr an die Fetischhäuser erinnert, die überall im Dorf gefunden werden können. Es ist nicht initiierten Personen streng untersagt, diese zu betreten. In manchen Fällen dürfen auch nur Priester hinein. Eine Frau tritt heraus und flösst uns eine klare Flüssigkeit aus einer Gemeinschafts-Kokosnussschale ein. Ich gebe mein Bestes, so schnell wie möglich zu trinken. Vergeblich, die Hälfte geht daneben. Bevor wir zum Glück ein Glas Gin nachkippen dürfen, gibt’s auch gleich was vom Selbigen auf unsere Füsse. Schön langsam wird es heiss in der «Schwitzhütte».

Alle bekommen nun Reis mit Huhn oder Fisch serviert. Nur neben uns wird von dem Mann, der uns herein gebracht hat, brauner Brei zubereitet. Ich weiss jetzt schon, dass ich keine richtige Lust drauf habe, als er nun beginnt auch Ziegenteile darunter zu mischen. Aus einer grossen runden blechernen Schüssel selektiert er sorgfältig die «besten» Stücke heraus. Spätestens als der Ziege das Hirn ausgelöffelt wird, wissen wir, dass es Zeit ist zu gehen. Kathi fragt die Dame neben sich, ob es okay wäre, wenn wir draussen warten, weil wir uns mit einem Freund verabredet hätten. Der Priester gibt sein Einverständnis und wir lassen uns wieder den staubigen Wind um die Nase wehen. Der sympathische Priester ist kurz darauf auch schon bei uns. Er fragt nach unseren Kontaktdaten und gibt uns die Erlaubnis zu filmen und fotografieren. Ich lege auch meine letzte Scheu ab, drauf loszuschiessen, als ich ein Fernsehteam entdecke, dass mit einer Filmkamera angerückt ist. Es kann losgehen!

Die Vodoo-Zeremonie

Die Zeremonie, der wir beiwohnen, ist das Ende eines Initiationsrituals. Die Kandidaten haben drei Monate im Haus des Kults verbracht und sind nun bereit, sich der Öffentlichkeit als vollwertige Mitglieder des Ata Kpessou-Fetischs zu präsentieren. Die Priester kommen zur Mitte des Platzes und berühren den Boden vor den Trommeln. Diese sind nicht bloss Musikinstrumente, sondern ein eigener Vodoo, dem ebenfalls gehuldigt wird. Zwischen den Tanzeinlagen werden von einem der rangobersten Priester Gebete gesprochen, die fliessend in Gesang mit Musik übergehen. Mit Räucherwerk wird der Platz noch gereinigt, bevor nun die Prozession der neuen Kultmitglieder erscheint. Ganz vorne im Zug eine Priesterin mit Öl in der einen, und Babypuder in der anderen Hand. Mit rhythmischen Armbewegungen verteilt sie behutsam Puder und Öl auf dem Boden vor jedem ihrer Schritte. Die drei frisch gebackenen Kpessouianer folgen ihr mit geschlossenen Augen.

Der Akt des sich zur Schau Stellens in Kombination mit der absoluten Ruhe in sich selbst ist für mich höchst beeindruckend. Nichts an der Zeremonie zieht mich so sehr in seinen Bann wie die Selbstsicherheit und Kraft, die diese Frauen ausstrahlen. In der rechten Hand tragen sie einen goldenen Dolch und in der linken ein weisses Tuch. Langsam bewegen sie ihre Schulter und Arme. Die Prozession zieht nach einer Runde wieder zurück ins Haus. Gebete, Gesänge und Tänze werden weitergeführt. Noch zwei mal ziehen die Initianten über den Platz. Bevor wir bemerken, dass es schon viel zu spät ist.

Filmtipp 2

Der zweite Film beschäftigt sich stark mit der Wahrnehmung von Aussenstehenden und führt so mein Geschriebenes sogleich ad absurdum. In «Das Fest des Huhnes» (1992) reist ein afrikanisches Dokumentarfilmteam nach Oberösterreich und untersucht dort die Rituale der Eingeborenen. Diese oft etwas sehr klamaukig anmutende Mockumentary enthält bei allem Leichtsinn viele tiefgründige Gedanken. Das schnelle Urteilen über fremde Kulturen als Aussenstehender und die scheinbar kulturelle Vormachtstellung der Alpenländer wird hier relativiert. «Denn wie sagt schon das alte Pygmäen-Sprichwort: ‚Man kann nur so weit denken, wie man sieht!’»

Portrait Lisa StrohmayerLisa Strohmayer

lisastrohmayer.com

Sie beschäftigt sich genauso mit Videografie wie auch mit Fotografie – über und unter Wasser – und liebt das Reisen in ferne Welten. Der Dokumentarfilm «Walking Under Water» bei dem sie für die Unterwasseraufnahmen zuständig war, wurde im letzten Sommer auf verschiedensten internationalen Filmfestivals gezeigt.

Sound-Credit:
Einzug der Initiandinnen des «Ata Kpessou» Voduns
Februar 2015, Glidji, Togo
Soundaufnahme: Katharina Gartner

Möge das Königreich noch lange bestehen

Die Ausreise drängt und das Ritual ist leider noch nicht abgeschlossen. Wir haben noch unendlich viele Fragen, als wir uns nach einer Woche vom Königreich Gé verabschieden müssen. Schweren Herzens verlassen wir die festliche Gemeinde und machen uns auf den Weg zur ghanaischen Grenze. Herzlichen Dank an die fantastischen Menschen, die wir hier getroffen haben und die uns für kurze Zeit Teil ihres Lebens sein haben lassen. Akpe kaka! Wir wünschen den Gé, dass ihr Königreich und ihre Traditionen noch viele Jahrhunderte überdauern.

Möge Foli Bebe XV. noch lange leben oder sich rechtzeitig in einen Termitenhaufen verwandeln!

In diesem Sinne viel Spass auf all euren Reisen und beim Horizont erweitern!