Die Townships Südafrikas

Text & Bild Inka Cee.
Gugulethu, Langa, Soweto. Die Townships in Südafrika haben schön klingende Namen ganz im Gegensatz zu ihrer Geschichte. Die heutigen Wohnsiedlungen wurden während der Apartheid errichtet, um der Rassenideologie folgend die «schwarze», «farbige» und «indische» Bevölkerung jeweils zu trennen und unter Kontrolle zu halten. Nicht-Weisse benötigten einen Pass, um sich zu identifizieren; für das Verlassen eines Viertels war eine Erlaubnis erforderlich.

Die Apartheid ist 20 Jahre her, an den Siedlungen hat sich lediglich geändert, dass die Viertel jetzt in Lower-, Middle- und Upper-Class eingeteilt werden können. Nicht jeder, der zu Geld gekommen ist, flüchtete, viele blieben aus Überzeugung.


Südafrika

Ich weiss, dass ich dafür später kritisiert werde.

Eine Tour durch Kapstadts Gugulethu Township

Vor einem Haus sitzen ein paar Leute, sie reden und lachen. Jemand aus unserer Gruppe fragt, ob wir sie fotografieren dürfen. Sie giggeln, schmeissen sich in Pose, sagen ja. Eine zieht den Hut vor das Gesicht. Ich halte drauf.

Ich weiss, dass ich dafür später kritisiert werde, aber ich will das hier anderen zeigen. Ich will nicht nur Garden-Route und perfekte Bildchen von meiner Reise zeigen, sondern möchte, dass andere sehen, wie Menschen hier in Südafrika leben, die, die nicht meine Hautfarbe haben, die, die nicht viel Glück hatten. Mehr als 70’000 Menschen leben heute in Südafrika in Townships – das Durchschnittseinkommen schwarzer Menschen ist 12 Mal niedriger als das von Weissen.

Mit dem Fahrrad durch Soweto, Johannesburg

Es ist mitten in der Woche, die Kinder springen um uns herum. «Müssen sie nicht zur Schule?» frage ich unseren Guide. «Nein, sagt der, hier gibt es keine Schule.» Ob hier jemand irgendwann einmal versucht habe, eine Schule zu eröffnen, frage ich. Nein, das habe hier noch nie jemand versucht. Aber eine neue Tankstelle wurde gebaut. Er wird nicht mehr den ANC, den African National Congress wählen sondern künftig die EFF, die Economic Freedom Fighters, eine junge Abspaltung vom ANC, die als linksradikal gilt und sich für die Enteignung von Grossgrundbesitzern einsetzt. Es gibt jetzt zwar kostenloses Wasser, aber eine Umverteilung der Besitzverhältnisse hat nicht stattgefunden.

An diesem Nachmittag werde ich vollgestopft mit Informationen, wir haben die lange Township-Tour gebucht, per Fahrrad durch Soweto. Anschliessend übernachten wir in Lebo’s Soweto Backpackers, ein von einem Township-Bewohner gegründetes Hostel, das die Touren anbietet und mittlerweile Arbeitgeber für 20 Leute ist. Am nächsten Tag fahren wir von hier weiter in den Krüger Park, um uns in Luxuslodges wilde Tiere anzugucken. Ein merkwürdiges Gefühl.

Eine neue Schule? Nein, aber eine Tankstelle.

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Eine afrikanische Schule in Capricorn, Kapstadt

Ich besuche die Vorschule iThemba im Süden Kapstadts, die mit Hilfe einer Condor-Mitarbeiterin und der Unterstützung der Help Alliance mitten im Township realisiert werden konnte. Jetzt sammelt Susanne für eine richtige Schule mit Nachmittagskursen für Erwachsene. Ihr unbezwingbarer Optimismus, mit dem sie dieses Projekt in den letzten Jahren gestemmt hat, macht mich sprachlos. «Wir eröffnen im Januar 2017», sagt sie bestimmt. Dass man etwas verändern kann, hat sie mir und den knapp hundert VorschulschülerInnen sowie deren Lehrerinnen bewiesen. Doch vielen kann sie nicht helfen bisher, es sind nur wenige Plätze verfügbar für Hunderte von Kindern.

Wie man helfen kann, frage ich. «Neben finanziellen Hilfen und Sachspenden für die Realisierung der Schule brauchen wir Lehrer für praktische Berufe. Die Menschen hier sind nicht gut ausgebildet, es fehlt an Know-How.» Handwerker aus verschiedenen Ländern könnten zum Beispiel gegen Kost und Logis Kurse für Bewohner anbieten.

Die grosse Frage: Ist es richtig Slums zu besuchen – oder purer Voyeurismus?

Ob ein Besuch im Township empfehlenswert sei, wurde ich gefragt. Meine Antwort dazu dürfte klar geworden sein: Selbstverständlich. Unbedingt. Auf jeden Fall, denn es geht um Geld und um Aufklärung.

1 | Wie die «Affen im Zoo» würden die Menschen dort begafft. Stimmt das?

Nein, aber selbstverständlich sollte man sich eine entsprechende Tour heraussuchen, die die Erkundung zu Fuss/per Fahrrad (nicht im Bus!) und auf Augenhöhe mit den Bewohnern durchführt. Beide offiziellen Touren, die ich gemacht habe, sind sehr empfehlenswert (Kapstadt: Lagugu, Soweto: Lebo’s Soweto Bicycle Tours), die Guides helfen einem, sich entsprechend angemessen zu verhalten.

2 | Der Township-Tourismus würde die Armut der Südafrikaner romantisieren und verklären – wirklich?

Wie das passieren soll ist mir schleierhaft. Wer schon einmal mit den barfüssigen kleinen Kindern zusammen durch die Scheisse gelatscht ist, die auf den Strassen durch fehlende Abwasserkanäle herumliegt, sage mir bitte noch einmal, wie romantisch das war.

3 | Man würde den «Bettelcharakter» der Menschen, besonders der Kinder, unterstützen. Ist das so?

Betteln tun die Kinder, ja. So wie alle Kinder der Welt betteln. Sie wollen am liebsten Süsses oder kleine Geschenke, manche wollen auch Geld. Natürlich ist es besser, den Kindern nichts zu geben, das teilen manchmal sogar die Guides mit. Kein Erwachsener hat mich dort angebettelt. Die Menschen bieten Dienstleistungen, vielleicht einfachere, als wir es hier gewohnt sind. Sie möchten Arbeit, keine Almosen. Sie kämpfen um ein würdiges Überleben. Ausnahmen bestätigen diese Welt-Regel wie überall. Es ist mir fast peinlich, so etwas überhaupt verargumentieren zu müssen.

Sie kämpfen um ein würdiges Überleben.

Inka Cee PortraitInka Cee.

blickgewinkelt.de

Die Reisebloggerin aus Berlin und begeisterte Amateurfotografin hat vor einigen Jahren ihre Arbeitszeit reduziert um regelmässig auf Entdeckungstour zu gehen. Ihr Lieblingsgefilde ist das ewige Eis, denn manchmal ist ihr das schwierigste aller Tiere, der Mensch, einfach zuviel.

4 | Das Geld würde nicht den Bewohnern zugute kommen sondern nur dem Unternehmer.

Wer das behauptet, hat nie eine Township-Tour gemacht. Die Guides sind stets selbst Bewohner der Townships. Bei seriösen Touren wird darauf geachtet, das eingenommene Geld weiterzuverteilen. Uns wurde Bier, Eis und Essen angeboten, stets vom «Eintrittsgeld» bezahlt, wir konnten Trinkgeld geben. An den Märkten mit dem üblichen Zeug aus dem Norden sollte man hier vielleicht auch etwas kaufen. Wenn «zufällig» ein paar Musiker ein kleines Konzert geben, sollte man Trinkgeld geben. So funktioniert es dann auch mit der Weiterverteilung des Geldes.

Mein Fazit: Township Tourismus ist in Ordnung

Den Tourismus vor Ort zu fördern und damit die lokale Wirtschaft anzukurbeln, daran kann ich überhaupt nichts Schlechtes finden. Ich finde es wesentlich nachhaltiger, im Township zu übernachten und dortige Hostels zu unterstützen als an der Waterfront Kapstadts sich in einem fetten Hotel niederzulassen – dann kommt das Geld nämlich tatsächlich nicht bei den Unterprivilegierten an.

Und last but not least: Wer sich ein Bild machen will, der muss die Bilder selbst sehen. Wer Fragen stellen und Klischees im Kopf aufbrechen will, ist hier richtig.