Text Martin Hoch, Bild Jakob von Fircks
Arbeiten wo andere Ferien machen. Ein Job im Paradies: In einem Land mit einer interessanten Geschichte, reich an Kulturschätzen, traumhaften Stränden und einer bunten Unterwasserwelt. So klang es wohl vor einigen Jahren noch, wenn man als Botschafter nach Ägypten entsandt wurde. Doch die aktuelle Situation im nordafrikanischen Land ist zu komplex um die Füsse hochzulegen.

Markus Leitner, der Schweizer Botschafter in Ägypten, erzählt uns mehr darüber, ob Ferien in Ägypten risikolos sind, ob es aktuell sinnvoll ist seinen Urlaub dort zu verbringen, aber auch welche ägyptische Mahlzeit er besonders schätzt oder was er an der Schweiz persönlich am meisten vermisst.


Ägypten
Jakobs von Fircks PortraitJakob von Fircks

bluestreets.org

Das Interview ist von Fotografien Jakob Fircks‘ umrahmt. Der in Ägypten ansässige Fotograf betreibt unter anderem die online Galerie Bluestreets. Diese gibt Künstlern mit unterschiedlichstem Hintergrund eine Plattform für deren Fotokunst.

GS: Liest man derzeit die Reisewarnungen des EDA (Schweizerisches Departement für auswärtige Angelegenheiten) vergeht einem die Lust seine Ferien in Ägypten zu verbringen rasch. Ist die Lage dermassen dramatisch?

Markus Leitner: Die Schweizer Reisehinweise raten nur von wenigen Destinationen in Ägypten strikte ab (z.B. Nordsinai). Für viele beliebte Reiseziele wurden die Reisehinweise in den vergangenen Monaten gelockert. Entsprechend sehen wir, dass die Schweizer Touristen vor allem an die Strände des Roten Meers zurückkehren. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass ein Terrorrisko weiterhin besteht.

GS: Gleichzeitig ist es bei den meisten Reiseanbietern weiterhin möglich, Ferien in Ägypten zu buchen – ist dies verantwortungslos?

Markus Leitner: Die angebotenen Reisen sind in der Regel mit den Schweizer Reisehinweisen kompatibel. Die ägyptischen Sicherheitskräfte unternehmen viel, um die beliebtesten Touristenziele (namentlich entlang der Rotmeerküste) zu schützen. Gleichzeitig – und das ist mir wichtig – müssen wir festhalten, dass weder die Reisehinweise noch die Schweizer Botschaft einen risikolosen Aufenthalt garantieren können. Jeder muss im Sinne der Eigenverantwortung seine eigene Risikoabschätzung vornehmen.

GS: Wie reagieren Ihre ägyptischen Kollegen, wenn sie die Reisewarnungen für Ägypten erhöhen, schliesslich ist der Tourismus ein zentrales wirtschaftliches Standbein Ägyptens – zumindest vor der Revolution lebte noch jeder sechste Bewohner davon?

Markus Leitner: Der Tourismus spielt tatsächlich weiterhin eine zentrale Rolle für die ägyptische Wirtschaft – nur schon aufgrund der damit verbundenen Arbeitsplätze. Doch die Reisehinweise können sich nicht nach den Interessen des Gastlandes oder der Reiseveranstalter richten, sondern müssen sich an der Sicherheit der Schweizer Reisenden orientieren. Es gehört zu meinem Job, manchmal auch weniger erfreuliche Themen mit meinen ägyptischen Kollegen zu besprechen.

GS: Gehen Sie selber mit Ihrer Familie in Ägypten noch in die Ferien, falls ja, wo gefällt es Ihnen speziell gut?

Markus Leitner: Wir verbringen einen wesentlichen Teil unserer Familienferien in Ägypten. Das Land bietet eine ideale Kombination von Kultur, Geschichte und Erholung. Persönlich hat mir eine Nilfahrt zwischen Luxor und Assuan auf einem kleinen Segelschiff, einer sogenannten Dahabeya, sehr gut gefallen, zumal diese Reise alle diese drei Elemente ideal kombiniert.

Eine ideale Kombination von Kultur, Geschichte und Erholung.

Die Schweiz unterstützt Ägypten mit konkreten Massnahmen.

GS: Wenn Sie in Ägypten unterwegs sind – ist es Ihnen manchmal mulmig? Haben Sie Angst oder zumindest starken Respekt vor Unruhen und Terroranschlägen? Wie gehen Sie damit um?

Markus Leitner: Auch wenn ich das Land unterdessen recht gut kenne, verhalte ich mich bei meinen Dienst- und Ferienreisen nicht anders als andere Touristen. Um das Risiko zu senken, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, sollte man sich konsequent an die Regeln halten, die in den Reisehinweisen erwähnt sind.

GS: Mit dem «Tag des Zorns» am 28. Januar 2011 begann in Ägypten eine neue Zeitrechnung, auf Grund der Revolution musste am 11. Februar der langjährige Machthaber Hosni Mubarak zurücktreten. Danach herrschte vor allem Chaos. Wie sieht die Situation aktuell aus?

Markus Leitner: Seit der Absetzung von Präsident Mursi im Juli 2013 folgt das Land einer «roadmap», welche Ägypten zurück zu demokratischen Verhältnissen führen soll. Nach der Verabschiedung der neuen Verfassung und der Präsidentenwahl 2014 stehen in diesem Jahr noch die Parlamentswahlen an.

Wir wissen von anderen politischen Transitionen, dass solche Prozesse sehr lange dauern können und kaum je ohne Rückschläge bewältigt werden können. Die Schweiz unterstützt Ägypten mit konkreten Massnahmen, um die in der Verfassung festgelegten Menschenrechte zu schützen, Arbeitsplätze zu schaffen und Migrationsfragen zu lösen.

GS: Es scheint auch positive Signale zu geben – Ägypten plant eine komplett neue Hauptstadt zu erbauen. Fünf Millionen Einwohner sollen dort ein neues Zuhause finden. Das klingt nach Aufbruch?

Markus Leitner: Es gibt ein grosses Bedürfnis nach einem wirtschaftlichen Aufbruch. Viele Branchen, vor allem der Tourismus, haben unter der Unsicherheit in den letzten Jahren gelitten. Die Regierung versucht deshalb, die Wirtschaft mit verschiedenen Grossprojekten zu beleben. Über die geplante neue Hauptstadt haben wir bislang noch wenige Informationen. Persönlich gehe ich davon aus, dass andere Projekte, zum Beispiel der Bau einer Logisitikzone entlang des Suezkanals, auf die wirtschaftliche Entwicklung Ägyptens einen grösseren Einfluss haben dürften.

GS: Schieben wir die Politik zur Seite – was fasziniert Sie an Ägypten?

Markus Leitner: Für mich sind es die vielen Geschichten, Facetten und Widersprüche, welche dieses Land so attraktiv machen. Ägypten ist ein junges Land mit einer jahrtausendealten Geschichte; ein arabisches Land auf dem afrikanischen Kontinent; eine traditionelle Gesellschaft, die 2011 zu neuen Ufern aufgebrochen ist.

Ägypten ist ein junges Land mit einer jahrtausendealten Geschichte.

Ägypten ist ein wichtiger Markt für Schweizer Investoren und Exporteure.

GS: Botschafter in Ägypten zu sein, war dies ein Wunsch?

Markus Leitner: Wenn wir einmal von der schwierigen Verkehrssituation und der grossen Luftverschmutzung absehen, gibt es wohl nur wenige Gründe, weshalb Ägypten nicht weit oben auf der Wunschliste eines Diplomaten stehen sollte. Ägypten ist ein zentraler regionaler und multilateraler Akteur, ein wichtiger Markt für Schweizer Investoren und Exporteure, ein Hub für den kulturellen Austausch und ein Prioritätsland für die Schweizer Programme im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, der menschlichen Sicherheit und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

GS: Sie haben Kinder – wie gefällt ihnen das Leben in Ägypten?

Markus Leitner: Wir haben das Glück, dass unsere Kinder dieses Nomadenleben als Bereicherung und nicht als Belastung erleben. Sie gehen mit ihren ägyptischen Freundinnen und Freunden ins Kino, spielen Fussball oder lernen zusammen für die Deutsche Schule.

GS: Was bedeutet Ihnen die Schweiz, was vermissen Sie aus der Heimat speziell?

Markus Leitner: Die Schweiz ist unser Referenzrahmen und unser zentraler Bezugspunkt für Familie und Freunde. Heimweh kommt trotzdem kaum je auf. Meist vermissen wir eher alltägliche Dinge, wie Haselnussstängeli, Ruchbrot oder Cervelats.

GS: Sie sind beruflich auf der ganzen Welt tätig – reisen Sie auch privat gerne und was sind Ihre liebsten Destinationen?

Markus Leitner: Bis anhin haben wir unsere Reisen immer stark auf die Region konzentriert, in der wir gerade lebten. Wir haben das südliche Afrika bereist, als wir in Südafrika auf Posten waren oder Lateinamerika während unserer Zeit in Chile. Auch wenn die gegenwärtige Situation gewisse Einschränkungen punkto Reisen bietet, freuen wir uns, die arabische Welt näher zu entdecken.

Heimweh kommt kaum je auf.

Martin-Hoch-PortaitMartin Hoch (34)

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Martin Hoch widmete die letzten Jahre dem Reisen. Ob mit der Bahn, Bus, Segelschiff oder umgebauten VW-Bus, wichtig waren ihm die Begegnungen mit Menschen, angetrieben hat ihn die Liebe zur Natur.

GS: Welches Buch hat Sie in letzter Zeit speziell begeistert?

Markus Leitner: Ich lese gerne die ägyptischen Autoren, die auch in Europa bekannt sind, z.B. Chaled al-Chamissi oder Ala al-Aswani. Mein letztes Buch war allerdings die Biographie von Robert Solé über Anwar El Sadat.

GS: Und welche ägyptische Mahlzeit schmeckt Ihnen besonders gut?

Markus Leitner: Ich mag Falafal und Tahameya, allerdings esse ich diese nicht als Morgenessen wie die Ägypter sondern eher als Lunch.

GS: Letzte Frage – In welchem Land würden Sie als Botschafter am liebsten arbeiten?

Markus Leitner: Es gibt eine weitverbreitete Diplomatenkrankheit, welche darin besteht, dass man der letzten Destination nachhängt oder von einem nächsten Posten träumt. Ich möchte momentan meine Zeit in Ägypten geniessen und mich mit dem nächsten Posten erst befassen, wenn meine Versetzung aktuell wird.

GS: Besten Dank.