Text Martin Hoch, Bild Pit Bühler
Die «photo» ist die grösste Werkschau für Schweizer Fotografie. Hier präsentieren jährlich über 130 Fotografen ihre Bilder. Anfang Jahr besuchte ich die «photo15» da mitunter drei der Fotografen, die bereits Bilder auf GlobeSession teilten, ihre Arbeiten präsentierten: Nico Schaerer, Martin Vogt und Oliver Bär. Ich traf auf eine beeindruckende Anzahl hervorragender fotografischer Kunstwerke – mitunter die Afrikabilder von Pit Bühler.

Pit Bühler besuchte die renommierte Kunstakademie in Leipzig – fotografisch beschäftigt er sich hauptsächlich mit Menschen. Er bereiste bereits über 90 Länder, um die Gesichter dieser Welt zu porträtieren. Ihn interessieren die verschiedensten Menschen, er fotografierte einfache Menschen in entlegenen Gegenden der Welt, aber auch Prominente aus dem Showbusiness wie Arthur Cohn, Cate Blanchett, Harrison Ford, bekannte Schweizer Persönlichkeiten wie den Verleger Jürg Marquard, den Ringier CEO Marc Walder oder auch Politiker wie den früheren deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder – die Liste ist beinahe endlos.

Hier dürfen wir Ihnen Bilder aus der Serie «African Vogue» zeigen und durften von Pit Bühler mehr über dieses faszinierende Projekt erfahren.


Äthiopien
Portrait-Pit-BuehlerPit Bühler (42)

blackocean.ch

Der Betriebsökonom arbeitet seit sieben Jahren als selbstständiger Fotograf – dies für nationale und internationale Kunden. Dabei liegt sein Hauptaugenmerk auf der Portrait-, People und Reportagenfotografie.

GS: Du beschäftigst dich fotografisch hauptsächlich mit Menschen. Was sieht man in einem Gesicht?

Pit Bühler: Jedes Gesicht kann uns eine Geschichte erzählen über das, was war, was hätte sein können oder was vielleicht schmerzhaft unter der Oberfläche wartet.

GS: Was verrät ein Gesicht über den Menschen?

Pit Bühler: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass ein Gesicht etwas über den Menschen verrät, aber jedes Gesicht lässt zumindest eine Geschichte und ein Schicksal erahnen.

GS: Welches ist das stärkste Gefühl – Liebe, Hass oder ein ganz anderes?

Pit Bühler: Das lässt sich schwer messen – für mich sind jene Emotionen am spannendsten, welche sich nicht durch unser «Über-Ich» filtern und neutralisieren lassen, egal, ob es sich dabei um Hass, Liebe, Hoffnung oder Angst handelt. Wie stark ein Gefühl einen Menschen bewegt, muss jedoch nicht immer an seinen Reaktionen erkennbar sein.

GS: Du bist viel unterwegs – hast während der letzten zwanzig Jahre über neunzig Länder besucht. Sind es überall dieselben Emotionen, die vorherrschen oder gibt es starke regionale Unterschiede?

Pit Bühler: Regionale Unterschiede gibt es sicher, sie bestehen meist darin, dass Emotionen und Gefühle in verschiedenen Teilen der Erde anders gelebt und gezeigt werden, je nachdem, was gesellschaftliche oder erzieherische Konventionen vorgeben.

Der Urinstinkt ist jedoch bei allen Menschen zumindest ähnlich – nur die bewusste und unbewusste Kontrolle darüber unterscheidet sich je nach Region, Kultur und Herkunft.

GS: Für die Fotoreportage «African Vogue» hast du verschiedene Volksgruppen im südlichen Äthiopien aufgesucht. Du sagtest: „Die Angehörigen dieser Volksstämme sind sehr offen und stolz und eignen sich perfekt als Models, allerdings sind sie oft auch ungeduldig und werden schnell aggressiv«. Resultierten aus diesen Aggressionen für dich schwierige Situationen?

Pit Bühler: Das Posieren ist für viele Stämme schon seit Jahrzehnten eine willkommene Einnahmequelle und ein lukratives Geschäft, um mit relativ wenig Aufwand an Devisen zu kommen. Der Gegenwert eines Fotos kann durchaus das Einkommen von mehreren Tagen harter Feldarbeit bedeuten. Auch sehen es viele Stammesmitglieder als eine Wertschätzung und Anerkennung, wenn man sie als Model auswählt.

Aggressionen standen oft im Zusammenhang mit Alkohol oder Neid. Deshalb habe ich versucht, die Porträts jeweils zur frühen Tageszeiten zu machen und auch Stammesmitglieder zu fotografieren und finanziell zu entschädigen, die für uns nicht unbedingt als Sujet spannend waren, um so Neid und Eifersucht zu umgehen.

Einige Völker konnten wir aufgrund ihres Temperamentes nur mit militärischem Schutz oder in Begleitung von Stammeskriegern besuchen. Dennoch verbrachten wir die meisten Nächte in ihren Siedlungen und erhielten so einen spannenden und intimen Einblick in ihre Lebensweise. Aber leider kam es auch vor, dass wir ein Shooting vorzeitig abbrechen und aus Sicherheitsgründen die Nacht in bewachten Militärcamps verbringen mussten.

Der Gegenwert eines Fotos kann durchaus das Einkommen von mehreren Tagen harter Feldarbeit bedeuten.

Jeder Klick wurde abgerechnet.

GS: Den Shootings gingen Verhandlungen voraus – ein Preis für die Bilder musste festgelegt werden. Wie ging das vonstatten?

Pit Bühler: Die Verhandlungen waren manchmal sehr anspruchsvoll. Erst einmal musste man eine «Fee» bezahlen, um überhaupt ins Stammesgebiet reisen zu dürfen und dies war wiederum nur erlaubt, wenn man zusätzlich einen lokalen Guide und einen Stammeskrieger zum Schutz anheuerte sowie für deren Transport und Verpflegung sorgte.

Jede Siedlung verlangte zusätzlich eine «Village Fee» und manchmal hörte es gar nicht mehr auf mit weiteren Forderungen. Bei einem Stamm wurde beispielsweise verlangt, dass ich für meinen schwarzen Hintergrund eine «Extra Fee» bezahlen musste …

Erst danach kam man zu den Verhandlungen mit den Leuten, die man fotografieren wollte. Man einigte sich oftmals auf einen fixen Preis pro Klick – das heisst, egal, ob sich dann das Model gerade bewegte, die Augen geschlossen hielt oder sich nicht an die Anweisungen hielt – jeder Klick wurde abgerechnet.

Die Verhandlungen verliefen oft zäh und waren sehr zeitintensiv. Selbst wenn man sich auf einen Preis einigte, gingen nach jedem Klick die Diskussionen von Neuem los. Auch musste man alle Models gleich behandeln, um sicherzustellen, dass es nicht untereinander zu Streitereien kam.

Die Zeit und Energie, welche man für solche Verhandlungen aufbringen musste, überstieg meist die effektive Zeit fürs Fotografieren bei weitem. Aber mit ein bisschen Humor und viel Geduld gab es manchmal auch ganz amüsante und spannende Anekdoten und Ergebnisse.

GS: Erzähl uns von der schönsten Begegnung, die du während der Fotoreportage machen durftest.

Pit Bühler: Die spannendste und auch schönste Erfahrung war die Begegnung mit einer für mich bis dahin fremden, unbekannten und faszinierenden Kultur beim Stamm der Arbore mit ihren unzähligen Traditionen und den nächtlichen Jungfrauentänzen und Teufelsaustreibungen.

Martin-Hoch-PortaitMartin Hoch (34)

GlobeSession.com

Martin Hoch widmete die letzten Jahre dem Reisen. Ob mit der Bahn, Bus, Segelschiff oder umgebauten VW-Bus, wichtig waren ihm die Begegnungen mit Menschen, angetrieben hat ihn die Liebe zur Natur.

GS: Du bist von diesen Kriegerstämmen fasziniert und bezeichnest sie als «lebendige Kunstwerke«. Doch nun steht diesen Völkern ein übermächtiger Goliath gegenüber: die internationalen Agrarkonzerne, die sich grosse Teile des Landes aneignen. Ein Krieg, den sie verlieren werden?

Pit Bühler: Den Begriff «lebendige Kunstwerke» möchte ich gerne zurücknehmen, weil sich einige Leute an dieser Bezeichnung stören. Diese Menschen haben eine sehr hohe Körperästhetik – Schmuck, Narbifizierungen und Körperbemalungen gehören zu ihrer Kultur und repräsentieren ihren gesellschaftlichen Status – und es macht sie zu solch wunderbaren Fotosujets.

Ein umstrittenes Staudammprojekt, die Erschliessung von neuen Ölfeldern und der Verkauf von riesigen Landwirtschaftsflächen an internationale Konzerne durch die Regierung zerstört immer mehr Lebensraum dieser Menschen und es ist zu befürchten, dass diese Einflussfaktoren sowie die Erschliessung dieses Gebietes an die Zivilisation in sehr naher Zukunft dazu führen werden, dass diese Stämme ihre Traditionen verlieren und für immer verschwinden …

GS: Ich zitiere dich: «Ich genoss den Abend am Lagerfeuer mit einer feinen Zigarre und einem Glas Whisky, bis ich schliesslich von einer Horde Fledermäusen attackiert wurde und mich ins Zelt zurückzog!» Das klingt nach Abenteuer. Vermisst du dieses Reiseleben, wenn du Zuhause bist? Wie lange hältst du es jeweils in der Schweiz aus?

Pit Bühler: Wenn ich auf Reisen bin, dann vermisse ich mein Zuhause, und wenn ich hier bin, dann sehne ich mich nach dem Fremden und Unbekannten … Das wird wohl immer so bleiben. Ein Jahr ohne Reisen und Abenteuer – das wäre wirklich schrecklich.

GS: Zum Schluss: Beschreibe uns die Welt in maximal drei Sätzen.

Pit Bühler: Die Welt ist ein wunderbar verrücktes Abenteuerland.