Text & Bild Madlen Brückner
«Hier hat jemand das Grün vergessen», scherze ich hinüber zum Fahrersitz. Lars lacht und ergänzt «das Gelb, das Rot, das Blau aber auch.» Afrika ist normalerweise eine Sinnesexplosion – ein Schwall an Farben, an Gerüchen und an Tönen. Doch irgendwo auf der Strasse hinter dem staubigen Ort Maltahöhe und der Wüste Namib versagen unsere Sinne. Kein Auto, kein Haus, kein Mensch. Schnurstrackse Strassen und Zäune sind der einzige Formgeber dieser Monotonie in der Weite Namibias.

Und doch mündet die eintönige Landschaft nicht in Langeweile, sondern sie häuft sich an zu Bergen und Dünen, deren bizarres Aussehen uns in ihren Bann zieht. Denn Ziel sind die wohl berühmtesten Fotomotive Namibias – Düne 45, Sossusvlei und Deadvlei. Als wir uns vor dem Eingangstor zum Namib-Naukluft-Nationalpark im Morgengrauen aufmachen, um die immer noch 65 km entfernten Salz-Ton-Pfannen, auch Vlei genannt, zu besuchen, tauchen im warmen Licht der aufgehenden Sonne Ballons am Horizont auf. Die Dünenlandschaft, die unsere gut asphaltierte Strasse umsäumt, erstrahlt im immer kräftigeren Rot, das vom Eisenoxid im Sand hervorgerufen wird. Wie gern würde ich jetzt über die Landschaft schweben, den kühlen Fahrtwind unseres Geländewagens mit dem schützenden Korb in der Luft tauschen.


Namibia

Düne 45 bei Sossusvlei

Obwohl der Park erst ab 6 Uhr morgens geöffnet ist, parken am Fusse der Düne an Kilometer 45 zig Fahrzeuge. Sie müssen wohl alle in den wenigen Lodges im Park übernachtet haben, um rechtzeitig über dieser Düne den Sonnenaufgang zu sehen. Auf dem Rücken der wohl bekanntesten Düne bewegen sich emsig kleine Punkte. Nach 20 weiteren Kilometern endet auch unsere Fahrt. Nun sind wir die kleinen Punkte, die sich mühsam am tiefen, feinen Sand von Big Daddy abarbeiten, um eine der höchsten Dünen zu erklimmen. Von oben blicke ich über das schier endlose Dünenfeld, in das sich kleine weisse Pfannen hineingemogelt haben. In eine dieser Pfannen rutschen wir von Big Daddy hinab.

Von oben blicke ich über das schier endlose Dünenfeld.

Ein Schakal liegt faul im Schatten des Baumes.

Bäume – willkommene Fotomotive

Die unwirtliche Landschaft, die kaum Leben zulässt, findet in den abgestorbenen Bäumen des Deadvlei ihren Höhepunkt. Wo kaum Feuchtigkeit ist, verfällt das Leben nur langsam. So stehen die toten Akazienbäume im weissen Ton als bizarres Fotomotiv bereit, in das sich die Touristen hineinschmiegen, als wollten sie das Leblose wieder zum Leben erwecken. Im benachbarten Sossusvlei bringen Kameldornbäume etwas mehr Abwechslung in das braun-weisse Farbspiel. Ein Schakal liegt faul im Schatten des Baumes, während wir unseren Picknickplatz im «blinden Fluss» vorbereiten. Auch wenn man es gerade nicht glauben mag, scheint sich diese Pfanne nach ergiebigen Gebirgsregenfällen mit Wasser zu füllen, dank des Tsauchab, der hier 50 km vom Meer entfernt im Nirgendwo endet.

Afrika lebt – in der Wüste und im Etosha Nationalpark

Alles scheint hier irgendwie zu enden und sei es in einer scheinbaren Monotonie, Leblosigkeit oder Wüste. Doch es gibt durchaus Leben – wie Schlangen, Antilopen, Spinnen.

Ein paar Tage später stehen wir wieder am Rande einer Pfanne – im Norden Namibias. Es ist eine Pfanne randvoll mit Leben – im Etosha National Park. Ein paar Pfützen auf den Wegen deuten darauf hin, dass Regenzeit ist. Keine gute Zeit für Tierbeobachtungen. Dennoch haben wir Glück und es läuft uns nach nicht einmal einer Stunde schon das erste Nashorn über den Weg. Ein zweites folgt. Herden an Zebras machen sich auf den Weg gen Westen. Viele von ihnen sind trächtig, manche hingegen führen schon ihren Nachwuchs mit sich, ein Zebra sogar noch an der Nabelschnur. Zebrastreifen bringen uns zum Halten, als sie unseren Weg überqueren. Wo kein Zebrastreifen ist, schafft man ihn sich selbst.

Es sind Bilder der Migration, die mich an die Serengeti erinnern. Nur dass sich hier weniger Antilopen, Gnus und Zebras mischen, sondern jede Art unter sich bleibt. Hier die langen Hälse der eleganten Giraffen, dort im Busch die Löwenjungen, im Savannengestrüpp die schlafende Hyäne. Am Ende finden wir 17 Löwen in einer Grube. Wo unser Guide sonst immer regelkonform nur auf den Wegen blieb, gibt es jetzt kein Halten. So fahren wir ganz nah heran. Als wir ihn immer wieder bitten, etwas mehr nach hinten zu fahren, lacht er nur. Die Löwen erkennen doch keine Menschen als Beute. Und tatsächlich duckt sich die Löwenmutter beim Passieren unseres Fahrzeugs und läuft ganz flink vorbei. Etosha ist voller Leben, auch wenn sich uns nur ein Bruchteil dessen zeigte.

Herden an Zebras machen sich auf den Weg gen Westen.

Madlen-Lars-PortraitLars & Madlen

puriy.de

Bei Madlen und Lars steht die Liebe zum Reisen, das aktive Erleben von Natur und das Interesse an anderen Kulturen im Mittelpunkt. Madlens Liebesbeziehung zum Reisen ist unerschütterlich – trotz «Tauchgang» in einer Dekompressionskammer in Honduras und der Begegnung mit einem Blick in den Lauf einer Pistole. Nebst Madlen, haben der Duft der Holzkohle in Uganda und der Salsa in Kolumbien wiederum das Herz von Lars Herz erobert.

Kuchen und Brötchen in Namibia

Auf dem Weg zurück in die Hauptstadt passieren wir viele Ortschaften. Der Norden ist im Gegensatz zum Süden Namibias viel besiedelt. Hier und da tragen die Strassen deutsche Namen. Läden preisen Kuchen und «Brotchen» an. Die Strassen sind gefegt, alles wirkt ordentlich und sauber. Es ist ein seltsames Afrika, das wir in Namibia erleben. Dann öffnen wir unsere Fenster und lassen den Duft der Holzkohle hinein. Prächtige Farben kleiden die Körper der Frauen am Strassenrand, die auf ihrem Rücken Brennholz tragen.

In einem Ort tanken wir unseren Wagen auf. Der Tankwart verschwindet mit unserem Geld an einen Cola-Automaten, der sich abgeschlossen hinter einem Gitter befindet. Neugierig schaue ich über seine Schulter. Der ausgediente Cola-Automat beherbergt hier die Kasse. Ich muss schmunzeln und seufze: «Ach, Afrika.»