Von Peru nach Patagonien

Text & Bild Samuel und Flurina
Das Abenteuer geht weiter. Nachdem wir Ihnen im ersten Teil über unsere Fahrradreise durch Nordamerika berichteten und Sie im zweiten Teil auf unsere Strecke von Mexiko nach Ecuador mitnahmen, geht es nun im dritten und letzten Teil unserer Reiseberichterstattung von Peru bis Patagonien.

Grenzübertritt Ecuador nach Peru

An der Grenze von Ecuador nach Peru entschieden wir uns für den Hinterausgang, den kleinen Grenzübergang La Balsa. Auf teilweise üblen Pisten, durch tropische Wälder, geht es hoch und runter auf den steilsten Hängen, die wir bis anhin gefahren sind. Spät Abends an der Grenzstation angekommen, quartierten wir uns auf ecuadorianischer Seite in einem verlassenen Haus ein. Für das Abendessen spazieren wir dann über die Brücke nach Peru. Zum Schlafen wieder nach Ecuador und für den Toilettengang zurück nach Peru.


Peru, Patagonien

Es gab weder Bad noch Küche.

Im Norden Perus

Der Norden Perus ist uns ganz besonders ans Herz gewachsen. Die Städte und Dörfer sind sehr authentisch. Die Einheimischen sind grosszügig und hilfsbereit. In einem kleinen Dorf beispielsweise, wollte Maria nicht dass wir im Zelt vor der Kirche übernachten. So bot Sie uns das leere Zimmer in ihrem Adobehaus an. Im Haus gab es weder Bad noch Küche. Das Wohnzimmer war mit zwei Betten ausgestattet. Ein Bett ist für Marias Bruder, das andere für ihren Vater. Maria schläft auf einer harten Holzbank.

In Huamachuco, eine Stadt gebettet auf Gold, fragten wir Padre Miguel ob wir im Gemeindehaus übernachten dürfen. Padre Miguel, ein spanischer Geistlicher und Fahrradfan, lud uns sofort zu Kaffee und Kuchen ein. Wir wurden empfangen wie Könige! Am nächsten Tag verschob Padre Miguel sogar seinen Gottesdienst, um uns aus der Stadt zu begleiten. Auf der Fahrt erklärt uns der Padre, dass die beiden Hügel vor uns Goldminen sind. Ein Hügel wird immer kleiner und das Gold wird abgebaut. Auf dem anderen Hügel wird die «unbrauchbare» Erdmasse wieder aufgetürmt.

Wir wurden empfangen wie Könige!

Wir bestaunten die Cordillera Blanca.

Die Cordillera Blanca in Peru

Nun waren wir so richtig in Peru angekommen. Über kleine Minenstrassen und hohe Pässe gings Schritt für Schritt auf die berühmte Cordillera Blanca zu. Der Canon del Pato, eine lahmgelegte Eisenbahnstrecke mit über 30 Tunnels direkt in den Felsen eingehauen und sozusagen als Trennlinie der schwarzen und weissen Gebirgskette, führte uns auf die Ebene, wo wir die weissen Gipfel der Cordillera Blanca bestaunten.

In der katholischen Kirche in Yungay

In Yungay, einem 7000 Seelendorf, wurden wir von der katholischen Kirche warmherzig aufgenommen. Unsere Unterkunft ist direkt neben einem riesigen Felsen. Auf dem Felsen ist eine kleine Kapelle, die ein Denkmal an das alte Yungay darstellt. In den siebziger Jahren überrollte eine Schlammlawine das alte Yungay in voller Wucht. Das ganze Dorf wurde ausgelöscht, es gab nur wenig Überlebende. Sieben Personen fanden Schutz auf genau diesem Felsen.

In Huaraz, dem Treffpunkt vieler Bergsteiger und Wanderfreunde, bereiteten wir uns auf die Überquerung der Cordillera vor. Nicht zu Fuss sondern mit dem Fahrrad. Wir machten uns auf die 5000 Metergrenze zu überschreiten.

Wir machten uns auf die 5000 Metergrenze zu überschreiten.

Wir fuhren los, es war eiskalt.

Langsam auf steinigem Untergrund stiegen wir den Paso Pastoruri hoch, wo wir direkt unterhalb des Gletschers lagerten. Am nächsten Morgen krochen wir aus unserem Zelt und es schneite. Wir fuhren los, es war eiskalt. Die Sonne wollte einfach nicht durch die Wolken durchbrechen. Hundegebell war aus der Ferne zu hören. Bei genauem Hinsehen waren kleinste Steinhütten aufgetürmt. Einigen Hirten dienen diese Steinburgen wohl als Windschutz. Nach weiteren zwei Pässen stürzte sich die Strasse ins Tal hinunter. Endlich tauten unsere tauben Finger und Zehen im tiefer gelegenen Tal wieder auf.

Auf den Spuren der Inkas

Auf den Spuren der Inkas wagten wir uns zur ersten Ausgrabungsstätte der Chachapoyas hoch hinaus. Auf dem steilen zick-zack-Pfad gings zur Festung Kuelab. Mit nur zwei drei anderen Touristen entdeckten wir die überwucherten Steinbauten. Das perfekte Abwassersystem und die Tempelanlage der Chachapoyas beeindruckten uns sehr.

Das Ziel war klar, ins heilige Tal zum Machu Pichu sollte es gehen. Obwohl die imposante Ruinenstätte von Touristen überlaufen ist, war es für mich ein Muss. Also hiess es Touristenlärm ausblenden und geniessen.

Also hiess es Touristenlärm ausblenden und geniessen.

Wir machten erst mal Pause.

Wir erreichen Bolivien mit dem Fahrrad

Am Titicacasee liessen wir die Inkaspuren hinter uns und steuerten Bolivien an. Bereits 20 km vor der dritt grössten Stadt Boliviens erstreckte sich die Agglomeration links und rechts der Strassenseiten. Nach knapp 110 km erreichten wir El Alto auf 4100 Meter über Meer. Unser Blick schweifte über die riesige Stadt unten im Talkessel. Über die Autobahn erreichten wir La Paz und somit unser Ziel. Die Casa de Ciclista von Christian befindet sich im Stadtzentrum. Die Wände der Wohnung sind gekennzeichnet vieler Besuchern aus allen Teilen der Welt. Fast täglich treffen Fahrradfahrer hier ein und andere zieht es weiter. Wir machten erst mal Pause. Der lang ersehnte Ritt auf dem Altiplano über die Salzseen und entlang der Lagunen an der Grenze zu Chile war nun in Griffnähe.

Im Nationalpark Lauca in Chile

Kurz nach La Paz verliessen wir Bolivien und machten einen kleinen Abstecher in den Chilenischen Nationalpark Lauca. Zusammen mit einem deutschen Radlerpaar ging es durch die wüstenartige Landschaft natürlichen Schwefelthermen entgegen. Was gibt es schöneres als nach einem anstrengenden Radtag und bei eisigen Nachttemperaturen in der heissen Therme zu liegen und zu entspannen? Die Landschaft war wild, sandig und einsam. Pässe auf über 4700 Meter über Meer waren zu erklimmen. Lamas frassen friedlich am Strassenrand. Die Aufregung stieg als wir nach einem Pass zum ersten Mal diese weisse Fläche in der Ferne entdecken. Der Salar de Surire, unser erster Salzsee, glitzerte uns entgegen.

Die Landschaft war wild, sandig und einsam.

Einer der schönsten Streckenabschnitte.

Eine Lagune am Rande des Salzsees bildet der Lebensraum für viele rosarote Flamingos. Nicht zu vergessen die vielen Vicuñas die hier im Nationalpark ihr Zuhause haben. Nach fünf Tagen chilenischer Wildnis überfuhren wir die Grenze zurück nach Bolivien. Dieser Streckenabschnitt war einer der schönsten der gesamten Reise.

Mit den Fahrrädern über den Salar de Uyuni

Das Überqueren des Salar de Uyuni, der riesige Salzsee auf 3800 Meter über Meer, lag vor uns. Obwohl wir bereits über den kleineren Salar de Coipasa gefahren sind und bei stürmischem Wind darauf gezeltet haben, wollten wir die einmalige Gelegenheit nutzen unser Zelt wieder auf dem Salz aufzubauen. Schliesslich schläft man nicht alle Tage auf Salz. Der Sonnenuntergang ist ein farbenfrohens Spektakel und der Sternenhimmel ein Wunderwerk.

Man schläft nicht alle Tage auf Salz.

10 Tage Wüste und sandige Pisten.

Die Lagungenroute, Sud Lipez, Bolivia

Noch einmal holten wir tief Luft. Die Lagunenroute, 10 Tage Wüste und sandige Pisten über den bolivischen Altiplano, waren nun an der Reihe. Zu dritt machten wir uns auf den Weg. Jeden Morgen stellten wir uns die Frage wie viel Wasser wir mittragen wollen und wie weit wir es wohl schaffen können? Die Strassenverhältnisse verschlechterten sich abrupt. Aus einer Strasse wurden 10 Jeepspuren, alle führten in eine andere Richtung. Immer auf der Suche nach der richtigen, oder besten Spur ging es im Schneckentempo hoch und runter. An der Lagune Hedionda gab es zu unserer Genugtuung ein Restaurant mit bestem Ausblick auf die Lagune und die vielen Flamingos.

Eines Morgens sassen wir frustriert im Sand und assen eine Kleinigkeit. Quer über die Jeepspuren kam ein privates Fahrzeug auf uns zu. Auf dieser Strecke gibt es eigentlich keine Privatfahrzeuge. Corey, aus den USA, stieg aus seinem Jeep und wir plauderten eine Weile. Er wollte uns sehr gerne helfen und fragte, was er tun kann. Schliesslich offerierte er uns, unser Gepäck zu transportieren und uns zu begleiten. So liess es sich viel einfacher fahren und wir schafften die 38 Kilometer, vorbei am Arbol del Piedra bis zur Laguna Colorada, dank Coreys Hilfe noch am selben Tag.

Wir sassen frustriert im Sand.

Wir sind froh, stolz und einfach glücklich.

Laguna Colorado und Laguna Verde

Gemeinsam verbrachten wir den Abend und nächtigten im Refugio im Nationalpark. Unsere müden Beine verlangten einen Ruhetag und so bestaunten wir am nächsten Tag gegen die Mittagszeit die Lagune, die sich mit dem Wind rot verfärbte. Die Laguna Colorada schimmerte noch viele Kilometer in unseren Rückspiegeln auf. Wir kletterten zum Top auf 4900 m ü. M. und richteten das Höhenlager direkt neben den spuckenden Geysir auf dem höchstgelegenen Geysirfeld der Welt «Sol de Manana» auf. Die Nacht war sehr kalt. Unser Thermometer zeigte -20 Grad. Den dicken Dauenschlafsack verliessen wir nicht bevor am nächsten Morgen die ersten Sonnenstrahlen unser Zelt erwärmten. Nach einer kleinen Kehr bekamen wir schliesslich noch die Laguna Verde zu sehen. Sie schimmert grün und spiegelt den Vulkan Licancabur in der Mitte. Noch ein letzter Aufstieg und hopp waren wir wieder (nach 3 Wochen Piste) zurück auf asphaltierter Strasse. Von über 4000 m ü. M. fetzten wir hinunter ins sommerlich warme San Pedro de Atacama 2300 m ü. M. Geschafft. Wir sind froh, stolz und einfach glücklich durchgekommen zu sein. Die Lagunenroute: ein einmaliges Erlebnis!

Zickzack-Kurs durch Argentinien und Chile

Wir balancierten unsere Räder über die Andenpässe von Chile über den Paso Jama nach Salta in Argentinien und zurück nach La Serena, Chile über den Paso Aqua Negra. Mit einem Zwischenstopp in Santiago de Chile sind wir mit dem Bus in Temuco, Chile angekommen. Neben unserer Haupttätigkeit widmeten wir uns neu dem Fischen. Patagonien ist perfekt dafür. Sam kaufte sich also eine Fischerrute und übte sich im Auswerfen und Eindrehen der Leine.

Patagonien ist perfekt dafür.

Ganz nach dem Motto: ride, camp, fish, feast.

Auf zwei Rädern entlang der Carretera Austral

Mit dem Fische essen klappte es dann erst auf der berühmten Carretera Austral. Richtig gemütlich und bei bestem Wetter genossen wir die 1200 km der Caraterra Austral durch Chiles Patagonien. Ganz nach dem Motto: ride, camp, fish, feast. Auf den letzten 100 km der Carretera Austral kam die Wildnis Patagoniens für uns am besten zur Geltung. Die nur mit Fähre zugängliche Strasse führte entlang breiter Flüsse, Wasserfällen, blauen Seen und weiss schimmernden Gletschern. Adler flogen über unseren Köpfen dahin, die Atmosphäre war mystisch. Knapp einen Monat verbrachten wir auf der Carretera Austral. Die guten Versorgungsmöglichkeiten und die einfache Zugänglichkeit machen die Fahrt durch Chiles Patagonien zu einem Velotraum.

Trekking in Patagonien

Wir wollten Patagonien aber irgendwie noch näher kommen. Wir schnallten also unsere Wanderschuhe, füllten den grossen Rucksack mit Vorräten und machten uns auf in die Berge. Auf kleinen 2-3 Tage Exkursionen wanderten wir durch die schöne Berg- und Gletscherwelt entlang kleinen Flüssen mit glasklarem Trinkwasser. Verständlich das viele Touristen sich in die Bergwelt Patagoniens verlieben und immer wieder hierher zurückkehren.

Wir machten uns auf in die Berge.

Dann war die Insel da. Feuerland.

Nach El Chalten, Argentinien drehte dich das Blatt. Die Berge waren plötzlich weit entfernt und vor uns lag die Pampa. Die wüstenartige Landschaft ist flach, der Wind fegt stürmisch in den Südwesten und Häuser gibt es nur sehr wenige an den Strassenrändern. Für Pausen und Nachtlager suchten wir windgeschütze Orte, verlassene Häuser zum Beispiel, und einmal haben wir sogar in einem Tunnel geschlafen. In wenigen Tagen fuhren wir also von der Pazifiküste zum Atlantik. Dann war die Insel da. Feuerland. Zwischen uns lag nur noch die Magallanstrasse.

Feuerland

Der nördliche Teil Feuerlands war wie erwartet flach, windig, kalt und nicht sehr interessant. Wir setzten zum Schlussspurt an. Jetzt war es nicht mehr weit. So traten wir also in die Pedalen und kamen der Ziellinie Ushuaia in grossen «Umdrehungen» näher. 100 km vor Ushuaia stoppten wir in der Bäckerei und Casa del Ciclista von Emilio. Er stellte uns sein Gymraum zur Verfügung und so schliefen wir mit ca. 12 anderen Radlern im kalten Kellerraum neben Nestle Schockoladenpulver und Muskelgeräten. Die letzten Kilometer gingen wir dann sehr gemütlich an. Bereits nach der Hälfte streckten wir unsere Beine, in einem verlassenen Holzchalet am schönen Escondidasee, in die Höhe. Die Landschaft änderte sich. Endlich fuhren wir am nächsten Morgen durch die schöne Bergwelt am südlichsten Zipfel Amerikas. Der Moment als wir das Tor Ushuaias sahen, liess uns nicht wirklich zur Ruhe kommen. Ein Foto und weiter ging es ins Zentrum der Kleinstadt.

Wir fuhren durch die schöne Bergwelt.

Samuel-Flurina-PortraitFlurina (27) & Samuel (33)

buerkis.com

Die zwei Schweizer sind zur Zeit mit ihren Fahrrädern unterwegs: Von Alaska bis nach Feuerland. Ihr Lieblingsland, da sind sie sich einig, ist Mexiko. Samuel liebt das Leben – für ihn ist jeder Tag ein Geschenk und Flurinas Lebensmotto ist ein Psalm aus der Bibel: Überlass dem Herrn die Führung in deinem Leben; vertrau doch auf ihn, er macht es richtig!

Die Stadt überrumpelte mich (Flurina) und ich wollte einfach weiter. Rein in den Nationalpark Tierra del Fuego. Das Ende der Route 3 wird mit einem grossen Schild markiert. Weiter geht’s nicht. Wir sind da, am Ende aller Strassen.

In 682 Tagen und 24’861 km von Alaska nach Feuerland. Die Begegnungen mit den Menschen, der Schöpfung und sich selbst kompletieren unsere unvergessliche und einmalige Fahrradreise. Dieses Abenteuer ist vorbei. Das nächste beginnt.