Text und Bild Holger Preusse
Es ist tiefschwarze Nacht. Nur die Sterne und der Halbmond bringen Licht ins Dunkel. Ich liege in einer Rundhütte aus Lehm, über mir ein Strohdach. Es ist stickig heiss. Schweiss läuft mir über die Stirn, den ganzen Körper. Der Ruf des Imam ertönt durch einen Lautsprecher: Das «Allah akbar!», «Allah ist gross!» erinnert die Gläubigen am frühen Morgen schon daran, dass sie sich in ihrer irdischen Not an ihn wenden können, sie durch ihn stark sein können.


Guinea

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Worldwide Berlin ist ein Crossmedia-Projekt – es zeigt: Berlin ist überall. Auf ihrer Webseite zeigt Worldwide Berlin Dokumentationen von weltweit 11 Berlins. Doch insgesamt gibt es auf unserem Planeten über 100 Berlins – um diese Orte zu dokumentieren ist die Hilfe von vielen nötig: Jeder Berliner, wo auch immer sein Berlin liegt, darf seine Fotos, Videos und Informationen auf die Webseite hochladen. Wir finden: Ein spannendes Projekt!

Ein Besuch in Berlin-Guinea

Ich bin in Berlin, aber nicht in der deutschen Metropole, sondern etwa 5700 Kilometer weiter südlich, in Westafrika. Auch hier, im äussersten Nordosten von Guinea, nicht weit von der Grenze zu Mali, gibt es ein Berlin. Es ist ein Dorf in der Mitte von Nirgendwo, mit dreissig Lehmhütten und etwa 300 Menschen. Mit meiner Co-Autorin, Anke Nehrig, bin ich hierher-gekommen, um einen Film und eine Web-Dokumentation für den Rundfunk Berlin-Brandenburg und die Deutsche Welle zu realisieren. In dem auf drei Stunden angelegten Filmprojekt «Worldwide Berlin» porträtieren wir auf jedem Kontinent einen Tag in Berlin, in der Web-Dokumentation kann man über 100 Berlins interaktiv erkunden. Anke ist durch Zufall vor ein paar Jahren auf dieses Berlin in Guinea gestossen. Sie ist Afrikanistin und war in der Gegend auf Forschungsreise.

Der Imam und der Geisterjäger

Unsere beiden Hauptpersonen könnten nicht gegensätzlicher sein: Marifal Cissé und Sidi Keita. Der eine ist Imam, also Geistlicher des Islam, Sidi Geisterjäger, der Totenkulte und Voodoo praktiziert. Obwohl sie sich ständig darüber streiten, welcher Glaube der richtige ist, sind sie die besten Freunde. Sidi steckt immer in der traditionellen braunen Jägerkleidung. Seine Mütze mit den Zotteln nimmt er nur selten ab, ebenso wie sein Gewehr, das ihn ständig begleitet. Man weiss ja nie!

Als wir ankamen wurde Anke wie eine Tochter aufgenommen. Diese Wiedersehensfreude war riesig. Und ich wie ihr Bruder. Jeder der beiden grossen Clans in dem Dorf wollte, dass ich einen ihrer Namen annehme – Cissé oder Keita, Keita oder Cissé. Der Dorfälteste entschied schliesslich, dass ich Bah Keita heissen sollte, eine besondere Auszeichnung, denn so hiess der Gründer von Berlin Guinea.

Bah Keita – so hiess der Gründer von Berlin Guinea.

Berlin treffen die klimatischen Veränderungen hart.

Unsere Ankunft wird gefeiert

Begleitet wurden wir von Issa Keita, einem Sohn des Dorfes, der seit 17 Jahren in unserem Berlin, also in Deutschland, lebt. Damit unser Besuch unter einem günstigen Stern stand, wurde kurz nach unserer Ankunft eine Ziege geopfert und gemeinsam gegessen. Es wurde stürmisch getanzt, gesungen und bis in die Nacht hinein gefeiert.

Am nächsten Morgen nehmen uns Sidi, Marifal und ein paar Freunde auf ihren Motorrädern und Mopeds mit. Sie zeigen uns die Gegend. Es geht über staubige Pisten und durch die trockene heisse Savanne. Es ist März und die Temperaturen klettern auf fünfunddreissig und mehr Grad, ein paar Wochen später sind es weit über vierzig Grad. Früher lag Berlin inmitten der Kornkammer von Oberguinea – es war bekannt für seinen guten Reis. Heute ist es damit vorbei. Berlin treffen die klimatischen Veränderungen hart und die Einwohner müssen froh sein, wenn der kleine Fluss, der in der Nähe fliesst, nicht ganz versiegt. Eine schreckliche Vorstellung.

In den Goldminen Berlins

Weiter geht es zu Fuss. Schon von weitem ist die Unruhe und geschäftiges Treiben zu spüren. Der Lärm von Wasserpumpen, Jeeps und Mopeds ist unüberhörbar. Inmitten der Savanne tummeln sich tausende von Menschen. Wenn die Trockenzeit kommt und die Menschen aus der gesamten Region ihre Feldarbeit ruhen lassen müssen, ergreift sie jedes Jahr aufs Neue das Goldfieber. Dann ziehen alle, die laufen können, vor das Dorf und beginnen mit einfachsten Methoden nach dem Edelmetall zu graben. Teilweise mit blossen Händen. Wie Maulwürfe graben sie sich in die Erde, um mit grössten Mühen der Erde Gold abzutrotzen. Die meisten arbeiten in Gruppen von etwa acht bis zehn Leuten – Frauen, Männer und Kinder. Bis zu zwanzig Meter dringen sie dabei in die Tiefe vor. Von den Löchern, die jeweils ungefähr einen Meter Durchmesser haben, gehen Stollen ab, so dass ein verzweigtes Netz von Schächten, Gängen und Stollen entsteht. Die Erde, die nach oben befördert wird, wird säuberlich gewaschen.

Ich kann mich gar nicht so schnell umsehen, schon hat Sidi eine Spitzhacke in der Hand. Er klettert mit einer Stirnlampe in eines der Löcher, die Spitzhacke legt er sich über die Schulter und ab geht es in den Höhlenschlund. Ohne Sicherung, ohne Seil – nur auf das Vertrauen setzend, dass, wenn ihm etwas passiert, sein Freund Marifal schon weiss, was er zu tun hat. Marifal hilft Sidi, schliesslich sind sie Freunde, auch wenn er das Goldschürfen verdammt. Er sagt, dass das Gold die Menschen verführt und obendrein vergessen sie, die Felder zu bestellen und müssen am Ende hungern.

Er sagt, dass das Gold die Menschen verführt.

Sein grösster Wunsch: eine Schule.

Marifal: Ein Lehrer ohne Schule

Um die Einwohner von Berlin aufzuklären, unterrichtet Marifal auch die Kinder. Sein grösster Wunsch ist es, eine Schule zu gründen, die es in dem Ort nicht gibt. Für ihn die Chance, dass Berlin auch in der Zukunft weiter existiert, denn mehr und mehr Menschen wandern aus dem Dorf ab, um woanders ihr Leben zu fristen.

Wir verbringen drei Wochen in Berlin-Guinea. Mit unserem Kamerateam tauchen wir in den Alltag der Menschen ein. Lernen ihre Probleme, aber auch ihren unbändigen Überlebenswillen kennen. Trotz aller Sorgen, die es hier gibt, vermitteln uns Marifal und Sidi immer wieder ihre Freude am Leben. Der Abschied fällt uns allen schwer. Ich reise mit etwas Wehmut zurück nach Deutschland – im Gepäck den Willen, Marifal und Sidi zu einem Gegenbesuch nach Berlin in Deutschland einzuladen, damit sie den Ort einmal kennenlernen können, von dem ihr kleines Dorf, so weit weg, ihren Namen hat.

Der dreistündige Film lief im Januar 2015 auf RBB und DW. Zur Zeit entsteht eine Kinofassung des Films.

Holger-Preusse-PortraitHolger Preusse

Der Münchner Autor und Produzent realisiert Dokumentationen und Reportagen auf allen Kontinenten für ARD, ZDF, ARTE, SERVUS TV und weitere Medienunternehmen. Seine Filme sind vielfach preisgekrönt und er ist Mitglied der Deutschen Filmakademie.