Eine Motorradreise um die Welt und über den Pazifik

Text Martina Zürcher, Bild Dylan Samarawickrama
Auch wenn die Strasse nicht weitergeht, irgendwie geht es immer weiter. Mit dieser Einstellung und viel Optimismus war Dylan Samarawickrama mit seinem Motorrad während dreieinhalb Jahren unterwegs. Sein Abenteuergeist und der Wunsch die Welt zu sehen, führten ihn einmal um den Globus und mit einem selbstgebauten Motorradfloss sogar über den Pazifik.

Als Dylan im Juni 2010 sein Motorrad belud und das beschauliche Glarus hinter sich liess, wusste er nicht wohin diese Reise ihn führen wird. Er wusste auch nicht wie lange sie dauern würde. Im Gepäck waren weder Strassenkarten noch Reiseführer. Lieber füllte er eine seiner drei Gepäckboxen mit Werkzeugen und Ersatzteilen. So lange das Motorrad funktionierte, würde sich alles andere ergeben. Dylan Samarawickrama verliess sich auf seiner Weltreise auf Informationen und Tipps von Menschen, die er unterwegs antraf oder liess sich oft auch durch seine Intuition leiten.

Portrait-Dylan-SamarawickramDylan Samarawickram

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Samarawickarama steht für «der, der das Abenteuer feiert». Und einen passenderen Namen gibt es für ihn eigentlich nicht. Das Aufwachsen in Sri Lanka prägt die Art und Weise wie Dylan heute reist: Die schönsten Erlebnisse findet er da, wo die Herausforderung am Wegrand steht. Mit Kreativität, Improvisationstalent, Optimismus und ohne Reiseführer entdeckt er die Welt. Bereits vor der grossen Reise war sein Lebenslauf vom Unterwegssein geprägt. Nach seiner Kindheit in Sri Lanka studierte er als junger Erwachsener in England und fand von dort seinen Weg in die Schweiz. 2010 brach er schliesslich zur grossen Reise auf. Der einzige Plan: Einmal um die Welt.

Jedes Lächeln und jedes freundliche Gespräch wertvoller als ein materielles Souvenir.

Motorradreise – Ungewissheit als Bereicherung

In Uganda stand er eines Tages vor einer Weggabelung, die Strasse rechts führte nach Tansania, die Piste links nach Kenia. Nach einigen Minuten des unschlüssigen Kratzens am Hinterkopf klaubte er aus seinem Portemonnaie eine ugandische Münze und warf sie in die Luft. Kopf hiess Tansania, Zahl bedeutete Kenia.

Sich auf dieser langen Reise zu verfahren, gab es für Dylan nicht. Jeden Weg den er einschlug, war eine neue Entdeckung: «Ein kleines abgelegenes Dorf zu finden anstelle der grossen Sehenswürdigkeit ist viel spannender. Mit den Menschen zu sprechen, von ihnen eingeladen zu werden und von ihnen zu lernen ist so viel wertvoller, als das Erinnerungsbild vor der Pyramide. Jedes Lächeln und jedes freundliche Gespräch wertvoller als ein materielles Souvenir», sagt der Abenteurer. Und umso länger die Reise dauerte, umso grösser wurde der imaginäre Koffer an Erinnerungen und Lebensgeschichten von Menschen, die Dylan überall ohne Vorurteile die Türen zu ihren Häusern öffneten und dabei ihre Lebensgeschichten gegen seine Reisegeschichten austauschten. «Es ist wunderbar zu erleben wie gastfreundlich die Welt ist. Wie warm und herzlich ein Reisender empfangen und aufgenommen wird.»

Probleme auf der Motorradreise? Natürlich!

Samarawickrama heisst «der, der das Abenteuer feiert», und damit ist eigentlich das Wichtigste bereits gesagt. Dylan, der in Sri Lanka aufwuchs und später via England seinen Weg in die Schweiz fand, liebt das Ungewisse, wächst an Herausforderungen und mag es Probleme zu lösen. Erzählt er über seine Weltreise, kommt von den Zuhörenden früher oder später die Frage: «Hattest du nie Probleme?» «Doch natürlich! Ganz viele,» sagt er dann und seine dunklen Augen beginnen zu strahlen. «Das Abenteuer wird mit jedem Problem grösser. Das ist es doch gerade, was das Reisen spannend macht.» Zudem, so ist Dylan überzeugt, wer nicht dauernd an all die Probleme denke, die eventuell auftauchen könnten, der ziehe automatisch auch weniger davon an.

So realisierte Dylan zum Beispiel erst nach dem Grenzübergang, dass es in ganz Djibouti nur in der Hauptstadt Tankstellen gab. Natürlich dauerte es nicht allzu lange, bis ein stotterndes Geräusch ertönte und Bruce, das Motorrad, nicht mehr weiter fuhr. Glücklicherweise passierte dies in einem kleinen Dorf und Dylan fragte sich auf der Suche nach Benzin durchs Dorf, lernte einen älteren Herr kennen, der ihn zu sich nach Hause einlud, Essen ein Bett und spannende Gespräche anbot, während irgendwo ein paar Liter Benzin aufgetrieben wurden und die Reise am nächsten Morgen weiter gehen konnte.

Ein paar Wochen später war Dylan in Äthiopien unterwegs und merkte auf dem Weg ins Omo Tal, dass er keine Landeswährung mehr auf sich trug, sondern nur noch Schweizer Franken dabei hatte. Zum Geldwechseln hätte er einen Umweg von vielen Kilometern fahren müssen, denn Geld kann in Äthiopien nur in der staatlichen Bank und sonst nirgends gewechselt werdend. Er hatte keine Lust einen Umweg über die nächst grössere Stadt zu fahren. «Irgendwie werde ich schon durchkommen», dachte er sich und fuhr weiter in Richtung Omo Tal, hinaus in die Abgeschiedenheit, wo einzig die Stammesvölker Äthiopiens leben. Irgendwo auf den Pisten kreuzte er ein Auto voller Touristen. Mit dem Blick auf sein Nummernschild erkannten diese ihren Landsmann, hielten an und sprachen ihn auf Schweizerdeutsch an. Dann passiert, was nicht einmal Dylan sich erträumt hätte. Die Touristen wechseln mitten im Busch seine Schweizer Franken in äthiopische Schilling. So folgte Dylan immer wieder seiner Intuition und navigierte sich dreieinhalb Jahre um die Welt.

Irgendwie werde ich schon durchkommen.

Live-Reportage

Dylan ist ab Herbst mit seiner Live-Reportage auf einer Tournee durch die Schweiz.

Aktuelle Termine gibt es unter: Ride2xplore

Wenn Träume zu einem zurück finden

Auf dem Weg von Alaska nach Argentinien stellte er sich dann der grössten Herausforderung seines Lebens. Der Panamericana, der längsten zusammenhängenden Strasse der Welt, die über 48’000 km von Prudhoe Bay nach Ushuaia führt, fehlen zwischen Panama und Kolumbien rund 100 km. Keine einzige Strasse führt durch den dichten Darien Dschungel. Jeder Reisende der von Mittel- nach Südamerika gelangen will, ist gezwungen von der Strasse aufs Schiff oder ins Flugzeug umzusteigen.

Dylan, der bereits als kleiner Junge jede Möglichkeit nutzte im Meer zu schwimmen, liebt das Wasser und spürte, als er vom Ende der Strasse erfuhr, wie sein Bubentraum in ihm wieder erwachte. Es schien, als ob der Darien Gap ihm endlich die Möglichkeit gab, sein Floss zu bauen. Denn als kleiner Junge hatte er, der ohne Vater in Armut aufwuchs, sich am Strand von Sri Lanka gewünscht ein Floss zu bauen und wie die Helden aus seinem Lieblingsbuch, einfach davon zu segeln. In ein besseres Leben voller Abenteuer. Bücher und das Meer entzündeten damals im kleinen Jungen die Flamme seiner Reisesehnsucht, die bis heute zu einem regelrechten Erstaugust-Feuer gewachsen ist. In seiner Fantasiewelt träumte er sich aus seinem schwierigen Alltag weg, der zu einem grossen Teil aus Hunger, Arbeit und Entbehrung bestand.

Mit dem Floss über den Darien Gap

Nun, rund dreissig Jahre später, entschloss er sich dazu, dass mit dem Floss auf dem Meer zu wagen. Während er durch die USA reiste, formte sich in seiner Gedankenwelt das Floss Stück für Stück zusammen. In Panama Stadt angekommen, baute er mit der Hilfe von drei lokalen Seglern aus zehn Ölfässern sein Floss. Dazu verlängerte er den Endantrieb des Motorrades so, dass er hinten einen Propeller montieren konnte und startete, nach mehr als einem Monat Bauzeit, mit seinem Motorrad und zehn Ölfässern zu einer Reise über den Pazifik. Ohne jemals zuvor gesegelt zu sein, startete er um Mitternacht des 14. März 2013 in Richtung Kolumbien. Im Schutze der Dunkelheit hoffte er den Augen der Behörden zu entkommen. Da sein Floss nicht als Schiff registriert werden konnte, hatte er weder offizielle Papiere für seinen schwimmenden Untersatz, noch einen Ausreisestempel in seinem Pass, um das Land auf legalem Weg zu verlassen. Er liess sich davon aber nicht stoppen und glaubte einmal mehr daran, dass irgendwas kommen und am Ende alles klappen würde.

Er durchlebte in der Folge die intensivsten, schwierigsten und gleichzeitig schönsten sechs Wochen der gesamten Reise. Kaum war Dylan mit dem Motorrad auf dem Meer unterwegs, begannen die Probleme. Jeden Tag musste etwas repariert werden. Bruce schien das Salzwasser und die Wellen nicht zu behagen. Der Neosegler lernte die Macht der Natur draussen auf dem Pazifik, ganz auf sich alleine gestellt, so richtig kennen. Als ihn die starken Strömungen mit nach Galapagos zogen, anstatt das Floss zurück in Richtung des Festlandes zu bringen, oder als der Sturm die Wellen so hoch vor ihm auftürmte, dass er nur noch Wände aus Wasser sah. Denkt man da immer noch positiv? «Als überall um mich herum Blitze einschlugen, rechnete ich damit zu sterben. Ich dachte positiv in dem Sinne, dass ich mir sicher war, dass ich meine Träume gelebt hatte. Ich hatte die letzten Jahre das getan was ich liebte. Und das ist das Wichtigste! Wir sollten alle Erlebnisse sammeln und nicht Geld.»

Das Buch zur Story

Seit Februar 2015 gibt es die Geschichte von Dylan in einem Buch. «Am Ende der Strasse» nimmt den Leser mit auf eine Weltreise und erzählt in lebendiger Sprache. Das Buch ist wahres Kino im Kopf. 352 S., gebunden, schwarz/weiss Bilder,
Dylan Samarawickrama, Martina Zürcher
Zürcher Publishing,
ISBN: 978-3-9534448-0-1

Das Buch kann direkt auf der Webseite von Dylan bestellt werden: Ride2xplore

Portrait-Martina-ZuercherMartina Zürcher

martinazuercher.com

Martina Zürcher ist freie Reisejournalistin, Redaktorin bei Transhelvetica dem Schweizer Magazin für Reisekultur und Buchautorin. Sie studierte Journalismus und Organisationskommunikation in der Schweiz und in Indien. Sie ist zudem Gründerin und Geschäftsführerin von Bayasgalant, Kinderhilfe Mongolei und weilt immer wieder im Land der Nomaden.

Positives Denken versetzt Berge

Nebst den beängstigenden Momenten, erlebte er auch intensiv wie nie zuvor, die wunderschöne Seite der Natur. Der glühende Plankton, der in der Nacht das Meer erhellt, tausende von Fischen und Vögeln, die unter oder über dem Floss vorbeizogen, Mantarochen, die wie Leintücher durchs Wasser glitten, Haie und Delfine, die ihn und sein Floss besuchten und genau beobachteten.

Dass die Flossfahrt von den Behörden nicht gutgeheissen wurde, hätte sehr wahrscheinlich die meisten von uns bereits vom Abenteuer abgehalten. Das positive Denken Dylans hat auch hier wiederum Berge versetzt, oder viel mehr Grenzen überwunden. Er war jederzeit überzeugt davon, dass er irgendwie in Kolumbien ankommen würde. Die Marine-Polizisten draussen auf den Inseln oder entlang der Küste liessen sich vom Abenteuergeist des verrücken Schweizers anstecken und halfen ihm weiterzukommen, obwohl ihnen die Gesetze eigentlich etwas anderes diktierten.
Im zweiten Sturm den Dylan auf dem Floss erlebte, brach schliesslich das Glas der Ölstandsanzeige des Motors und entschied somit, dass das Ende der Flossreise gekommen war. Dylan flickte das Leck provisorisch und wusste, er musste nun so schnell wie möglich irgendwo an Land gehen. Glücklicherweise befand er sich in Sichtweite der Küste. Eine in den Himmel ragende Telefonantenne machte ihn auf Ardita, eine Fischersiedlung, bestehend aus vielleicht fünfzehn Hütten, aufmerksam. Die dort stationierten Soldaten halfen ihm schliesslich das Floss auf den Strand zu bringen, es auseinander zu bauen und Bruce wieder in ein Motorrad zu verwandeln. Ein schmerzlicher Prozess. Denn Dylan, Bruce und das Floss waren in den sechs Wochen auf See zu einer Einheit geworden, hatten gemeinsam unglaubliche Geschichten und Gefahren durchlebt und der Abenteurer wusste, dass diese intensive Zeit einmalig war und so nie wieder zurück kommen wird. Was aber zum Glück für immer bleibt, sind die Erinnerungen und die Kraft des Positiven Denkens.