Die Bewohner Tel-Avivs

Text Stefanie Pietschmann & Martin Hoch, Bild Stefanie Pietschmann

GS: Für Dein Projekt „Urban Diversity“ porträtierst Du Menschen in Tel-Aviv. Wieso Israel?

Stefanie Pietschmann: Ich habe in den letzten Jahren sehr viel Zeit in Tel Aviv verbracht. Bis heute bin ich von ihrer Vielfalt in Sachen Architektur, Kultur und Bewohner fasziniert. Wie in jeder Großstadt befindet sich der Charme irgendwo zwischen Kapitalismus, Hippstern, dem Bürgertum und allen, die am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchie stehen. Es gibt steril wirkende neue Stadtteile und nach Pisse stinkende dunkle Ecken – mit anderer Kultur, Sprache und Architektur.

GS: „Urban Diversity“ ist ein abstraktes Kunstwerk – erklär uns das Projekt doch kurz.

Stefanie Pietschmann: „Urban Diversity“ versucht einen subjektiven Einblick in das Leben der Bewohner Tel Avivs zu geben, das ansonsten hinter Betonmauern verborgen bleibt. Dabei gliedert sich das Projekt ganz klar in drei Bereiche; die Menschen, ihre Wohnungen und die Häuser. Ich dokumentiere dabei die Dinge, die mir ins Auge fallen, nachdem ich die Bewohner kennen gelernt habe. Bei der Ausstellung wurden dann die Bewohner mit einem kurzen Lebenslauf vorgestellt und die Besucher mussten sich auf den Weg machen, die richtigen Wohnungen und Häuser zu finden.

GS: Ist Deine fotografische Arbeit politisch motiviert?

Stefanie Pietschmann: Wir leben in einer nach Perfektion strebenden Gesellschaft, die nicht atmet und atmen lässt. Meine Arbeit definiert sich durch meinen Drang Gegenhorizonte dazu aufzuzeigen und das Selbstverständnis von Makellosigkeit aufzubrechen.

GS: Was möchtest Du mit den Bildern bewegen – welche Message hat das Projekt?

Stefanie Pietschmann: Im realen Leben ist Kommunikation manchmal bereits missverständlich, durch ihre Verschriftlichung noch schwieriger und bei Fotos noch interpretationswürdiger. Jeder Betrachter wird seine eigene Message verstehen. Das Projekt stellt Menschen von „Nebenan“ vor und porträtiert kurz, wer diese sind, was sie machen, wie sie aussehen und wo sie wie leben. Wohin diese Informationen führen ist den Rezipienten freigestellt.

GS: Du glaubst an die Kraft des Bildes?

Stefanie Pietschmann: Ich denke, dass Bilder die Kraft haben verschiedene Antizipationen oder Vorstellungen auszulösen.

GS: Welche Geschichte einer porträtierten Person hat Dich am meisten bewegt?

Stefanie Pietschmann: Bei „Urban Diversity“ habe ich 18 Bewohner aus 13 verschiedenen Gebäuden dokumentiert. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte. Es gibt keine Person, deren Geschichte mich am meisten bewegt hat, dafür haben mich aber alle durch die Teilhabe an ihrem Leben, inspiriert und sehr interessiert.

GS: Israel wird ständig von Gewalt heimgesucht – auch ein Thema deines Projekts?

Stefanie Pietschmann: Gewalt ist der Zenit von Aggression und Macht. „Urban Diversity“ ist eine Momentaufnahme des Alltags von Menschen in ihren Wohnungen. Dabei geht es weder um Aggression, noch um Machtdarstellungen.

GS: Wie fühlt es sich persönlich an, an einem Ort zu leben, an dem Krieg ein ständiges Thema ist?

Stefanie Pietschmann: Menschen gewöhnen sich an alles.

GS: Wie lange warst (oder bist) du in Tel-Aviv, wann wird das Projekt abgeschlossen sein und vor welchem Publikum präsentiert?

Stefanie Pietschmann: Bereits in der Vergangenheit habe ich sehr viel Zeit in Tel Aviv verbracht und bin nun wieder seit knapp einem halben Jahr hier. „Urban Diversity“ wurde im November für eine Woche in Tel Aviv ausgestellt. Es ist geplant das Projekt nun online weitrerzuführen und auf Jerusalem auszuweiten.

GS: Besten Dank.

Portrait-Stefanie-PietschmannStefanie Pietschmann (28)

www.pietschy.de
www.urban-diversity.com

Sechs Jahre ist es her, dass Stefanie Pietschmann ihre Leidenschaft zur Fotografie entdeckte und damit begann, sich autodidaktisch die vielfältigen Facetten im Laufe der Zeit anzueignen. Seitdem veröffentlicht sie ihre unverwechselbaren Fotos aus verschiedensten Teilen der Welt unter dem Pseudonym „Pietschy“. Mit ihrem neusten Projekt „Urban Diversity“ gibt die Dokumentarfotografin nun einen Einblick in das Leben Tel Avivs und der Bewohner der Mittelmeerstadt.

Moran

Wie heißt du und wie alt bist du?
Moran, 33

Wie lange lebst du in dieser Wohnung?
Seit August 2014.

Warum hast du dich für diese Wohnung und diesen Stadtteil entschieden?
Mitten während einer Reserveübung, wurde ich aus meiner alten Wohnung in Jaffa rausgeschmissen und vor die Tür gesetzt.

Was machst du?
Ich arbeite als Immobilienunternehmerin und studiere Kunst und Philosophie.

Was willst du über dich oder Tel Aviv sagen?
Ich lerne noch.

Hagar und Alon

Wie heißt ihr und wie alt seid ihr?
Alon, 25
Hagar, 27

Wie lange lebt ihr in dieser Wohnung?
Alon: Seit 9 Monaten.
Hagar: Seit vier Jahren.

Warum habt ihr euch für diese Wohnung und diesen Stadtteil entschieden?
Alon: Es ist eine angenehme Gegend, vor allem in Bezug auf öffentlichen Nahverkehr und die Entfernung zum Strand. Aber vielmehr, weil ich mit meiner Freundin zusammen leben wollte.
Hagar: Ich hab‘ mir nicht wirklich ausgesucht, hier zu leben, vielmehr wurde ich von den Mitbewohnern, die hier gewohnt haben, gefragt. Außerdem ist der Stadtteil exzellent, die Straße ruhig und die Wohnung trotzdem im Herzen Tel Avivs.

Was macht ihr?
Alon: Ich studiere Schauspiel.
Hagar: Ich studiere Schauspiel.

Was wollt ihr über euch oder Tel Aviv sagen?
Alon: Die Stadt ist verführerisch und zur gleichen Zeit abscheulich, jedenfalls für mich. Aber naja, es ist schwer sich von ihr loszureißen, wegen ihrer Annehmlichkeiten und dem Spaß – was allerdings in keinem Preis-Leistungsverhältnis steht.
Hagar: Ich wurde in Tel Aviv geboren, weswegen ich das Leben hier gut kenne. Ich liebe diese Stadt und weiß nicht, wie es in anderen Städten ist.

Eliah

Wie heißt du und wie alt bist du?
Eliah, 28

Wie lange lebst du in dieser Wohnung?
Seit 1,5 Jahren.

Warum hast du dich für diese Wohnung und diesen Stadtteil entschieden?
Ich wollte im Stadtzentrum leben und der Rothschild Boulevard ist großartiger Ort.

Was machst du?
Ich arbeite mit Social Media.

Was willst du über dich oder Tel Aviv sagen?
In Tel Aviv ist die Verzweiflung gemütlicher.