Text & Bild Oliver Baer
Ich greife in die Tasche und nehme meine Kamera hervor. Eine Fuji X-T1, sie ist mein Werkzeug. Mit ihr werde ich heute auf Fotoreportage unterwegs sein. Ich möchte erfassen und festhalten, was Winterzauber für die Obdachlosen in Paris heisst. Wie zauberhaft sieht der Winter hier aus – in Paris, an Weihnachten?


Paris

Giuseppe ist machtlos.

Giuseppe, ein alter Bekannter

Das Wetter ist grau und es ist kalt, als ich in meine Winterjacke eingepackt zum Place Pompidou gehe. Am Platz angekommen, schaue ich mich kurz um und sehe ihn: Giuseppe. Der Mann mit den Vögeln. Ihn traf ich bereits früher für eine frühere Reportage. Nun gehe ich zu ihm hin, er sieht mit und spricht mich mit meinem Namen an. Er bemerkt gar meine neuen Tätowierungen. Wir reden zusammen, er scheint gutgelaunt zu sein. Er ist ein wunderbarer Mann, dieser Giuseppe. Er und seine Vögel sind pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Er kommt immer zur gleichen Zeit an den gleichen Ort und füttert hier die Tauben. Giuseppe war es, der meine Faszination für Paris auslöste. Sein Art berührte mich.

Bei der heutigen Begegnung mit Giuseppe ist jedoch etwas neu. Eine ältere Dame stört sich daran, dass Giuseppe die Tauben füttert. Obwohl er dies seit Jahren tut. Bewaffnet mit einem Laserpointer steht sie am Fenster eines naheliegenden Hauses und zielt mit dem grünen Strahl auf den Boden neben den Vögeln. Die Tauben schrecken jeweils hoch und fliegen davon. Giuseppe ist machtlos.

Dort oben, eine ältere Frau, mit einem Dach über dem Kopf. Sie ist verbittert. Hier unten, ein älterer Mann, ein Obdachloser. Er ist zufrieden und gelassen. Er schmunzelt und sagt: “Weisst du, vielleicht gewöhnen sich meine Vögel daran! Und ihnen ist es eines Tages so egal wie mir!”

Eine Zeltstadt unter der Brücke

Es ist dunkel. Der Morgen lässt noch auf sich warten. Ich bin mit der Metro unterwegs in Richtung “La Chapelle”. An der Station Stalingrad steige ich aus und laufe durch die Nacht. Andernorts riecht die Nacht kalt und klar. Hier stinkt es bestialisch. Mein Blick gleitet durch die Dunkelheit und ich erkenne die Umrisse einer Brücke. Ich gehe näher ran und sehe unter dem Metallkonstrukt eine Zeltstadt. Gespenstisch.

Als ich bereits einige Fotos im Kasten habe, sieht mich ein Polizist und spricht mich an. Er klärt mich auf: “Junger Mann, sie sind hier nicht willkommen. Die Obdachlosen in Barbès Rochechouart mögen keine Kameras. Sie haben Angst, dass das Bildmaterial zu uns gelangt und wir es gegen sie verwenden würden.” Ich nehme seine Worte ernst, möchte das Gelände bereits verlassen, da spüre ich ein Messer an meinem Hals. Der Blick des Mannes sagt mehr als tausend Worte. Ich beginne innerlich zu zittern und entschuldige mich. Sein Gesicht bleibt ausdruckslos, aber er scheint zu verstehen und lässt mich schliesslich gehen. Ich ziehe schnellen Schrittes davon. Dass mich die Fotografie in eine solche Situation bringen würde, hätte ich nie gedacht.

Ich spüre ein Messer an meinem Hals.

Mal hier, mal da.

André et Sisi

Weiter führt mich mein Weg nach Montmartre, dem höchstgelegenen Stadtteil von Paris und meiner letzten Station dieses Streifzugs durch Paris. Unterwegs, vor einem Supermarkt, begegne ich André. Er leibt mit Sisi, seiner Hündin, seit zwei Jahren auf den Strassen von Paris. Mal hier, mal da. Ich bin erstaunt, er konsumiert weder Alkohol noch Drogen. Zudem sagt er mir, dass er auf gesunde Ernährung achte. Auf seinem Speiseplan stehen vorwiegend Reis, Fleisch und Gemüse. Die Mahlzeiten bereitet er sich auf seinem Gaskocher zu. Ein weihnachtliches Festtagsmenü gibt es keines, aber: “Hauptsache ist, dass es eine warme Mahlzeit sein wird.” Und danach werde er sich früh schlafensitzen. “Schlafensitzen?” frage ich ihn. Ja, Schlafensitzen bestätigt er mir. In seinem Heim hier unter freiem Himmel sei liegen nicht möglich. Und er möchte früh schlafen, damit er nicht viel von diesem Abend mitbekommt. Weihnachten sei für ihn ein schlechter Tag. Wie jeder andere auch. Trotzdem, die Weihnachtsmütze müsse sein.

Oliver Bär konnte seine Fotoserie “The man with the Birds”, die wir von GlobeSession als erste als vollständige Serie zeigen durften, an der Schweizer Fotoausstellung “Photo 15” präsentieren. Das Echo auf die Serie war überwältigend. Seine Arbeit wurde in verschiedensten Zeitungen erwähnt und er konnte neue Kooperationen für weitere Ausstellungen eingehen. Ausserdem wurde die Serie beim “World Press Photo Contest 2015” akzeptiert. Ob er es mit der Serie auch hier in die vorderen Ränge schaffen wird, wird sich am 12. Februar 2015 herausstellen.

Hier noch ein Video-Interview, dass Oliver Bär anlässlich der Photo15 gab.

Oliver Baer PortraitOliver Bär (26)

oliverbaer.ch

Der junge Schweizer Fotograf ist aktiv, voller Leidenschaft, besessen vom Bild – ob bewegt oder still – und er ist ein Rebell. Menschen, Stimmungen und Gefühle sind seine Welt, er hält sie fest um Vergängliches zu konservieren.