Text Martin Hoch, Bild Simon Walther
Ich liebe unsere Berge, diese Giganten. Sehe es als Privileg nahe des Alpenraums beheimatet zu sein. Doch weiss ich kaum etwas über sie. Den meisten Städtern der Schweiz und in Österreich dürfte es so gehen wie mir, dem Flachlandindianer. Und doch fühlen wir uns als Bergler. Paradox. Unter der Wochen kaufen wir teure Outdoor-Kleider, am Wochenende fahren wir in die Tourismusgebiete. Aber nur bei Sonnenschein. Wir klettern entlang der vorbereiteten Klettersteige und stellen danach stolz die Fotos auf Facebook. Gut wenn man darüber schmunzeln kann. Besser wenn man endlich mal mehr über die Berge lernt. Deshalb sind wir glücklich darüber, dass uns Jon Mathieu, der Alpenhistoriker, einige Fragen beantwortet.


Interlaken
Jon Mathieu PortraitJon Mathieu (62)

Jon Mathieu ist ein Schweizer Historiker. Er ist Titularprofessor für Geschichte mit Schwerpunkt Neuzeit an der Universität Luzern und insbesondere bekannt als Historiker der Alpen.

Simon Walther PortraitSimon Walther

sichtwerke.ch

Das Interview ist von Fotografien Simon Walthers umrahmt. Als Fotograf liebt er das Spiel. Licht und Schatten, Spiegelungen, Nebel und Wolken reizen ihn. Genauso wichtig sind ihm aber perfekte technische Umsetzung und eine hohe fotografische Qualität.

GS: Welche (Natur-)Mächte waren am Werk, um unsere Alpen zu erschaffen? In wenigen Sätzen erklärt, wie bildete sich der Alpenraum?

Jon Mathieu: Die Geologen sagen uns, dass die Alpen durch einen Zusammenprall der afrikanischen und europäischen Kontinentalplatten vor Millionen Jahren aufgefaltet wurden. Sie wachsen noch heute um etwa einen Millimeter pro Jahr.

GS: Wann wurde der Alpenraum erstmals besiedelt?

Jon Mathieu: Man nimmt an, dass der Alpenraum seit Ende der mittleren “Altsteinzeit“, vor etwa 50’000 Jahren, sporadisch und saisonal durch Menschen begangen wurde. Die kontinuierliche Besiedelung begann gegen Ende der letzten Eiszeit (ca. 13’000 v. Chr.) und verdichtete sich seit der „Bronzezeit“ (ca. 2’200 v. Chr.). Die in den Ötztaler Alpen gefundene Gletschermumie, bekannt als Ötzi, lebte etwa um 3’200 v. Chr. Damals war die Bevölkerung schon mehrheitlich von der Sammelwirtschaft und Jagd zur Landwirtschaft mit Ackerbau und Viehzucht übergegangen.

GS: Weshalb zogen diese Menschen in die Alpen? Waren die fruchtbaren Gebiete im Flachland nicht attraktiver?

Jon Mathieu: Das flache Land war nicht unbedingt einladender als die Berge. Es gab dort zum Beispiel dichten Wald und versumpfte Gebiete. Frühe Siedlungszonen liegen eher direkt an Gewässern, aber auch in den Bergen.

GS: Wie lebten die ersten Bewohner der Alpen, von was ernährten sie sich und wie schützten sie sich vor den kalten Wintern?

Jon Mathieu: In einer ersten Phase, wie gesagt, vom Sammeln von Pflanzen aller Art und von der Jagd, zum Beispiel auf Steinbock, Murmeltier, Schneehuhn und Gämse. Später begann man vom Landbau zu leben und Gerste, Dinkel, Emmer, Hirse und Hülsenfrüchte anzupflanzen. Die gehaltenen Tiere bestanden vor allem aus Schafen, Ziegen, Rindern und Schweinen. In der Regel handelte es sich um klein gewachsene Arten. Und der Schutz vor kalten Wintern? Stuben mit schön warmen Öfen sind historisch nicht sehr alt – früher dürfte es weniger gemütlich gewesen sein.

GS: Wer hatte vor der Gründung der Eigenossenschaft in den Schweizer Alpen die Macht? War es eine lose Struktur oder gab es eine Ordnungskraft?

Jon Mathieu: Die Eidgenossenschaft wurde nicht „gegründet“, sondern sie entstand über einen längeren Zeitraum als lockere Verbindung von Städte- und Länderorten. Wichtig war das 15. Jahrhundert. Vorher wurde die Macht in den Alpen von Adligen und Gemeindeverbänden ausgeübt. Aber auch nachher gab es keine wirkliche Ordnungskraft. Die zwei grössten Bergkantone der heutigen Schweiz – Graubünden und Wallis – kamen erst 1803 bzw. 1815 zur Eidgenossenschaft.

GS: Waren die Berge schon immer ein Schutz gegen fremde Mächte? Oder gab es auch in den Alpen Machtkämpfe?

Jon Mathieu: Dass die Berge Schutz vor militärischen Angriffen bieten, wird in der Diskussion seit langem betont. Ich nehme an, dass dies in einem gewissen Ausmass auch zutrifft. Machtkämpfe gab es aber natürlich auch in den Alpen.

Machtkämpfe gab es auch in den Alpen.

Die „heile Welt“ ist eine Idealisierung.

GS: Irgendwann zog es dann doch immer mehr Menschen ins Flachland. Was waren die Beweggründe?

Jon Mathieu: Die Städte lagen vor allem im Flachland und waren ein wichtiger Anziehungsfaktor. Diese ungleiche Bevölkerungsentwicklung prägte vor allem die Modernisierungsphase des 18. und 19. Jahrhunderts. Nachher ging sie zurück.

GS: Die Alpen dienen uns heute als Projektionsfläche für eine „heile Welt“ und romantische Heimatgefühle. Heidi und Peter, Jodeln, Alphornbläser und Schwingfeste – war das Leben damals derart harmonisch oder erliegen wir da einer Verklärung?

Jon Mathieu: Ja, das ist eine Idealisierung.

Der Tourismus stellt etwa 15 Prozent aller Arbeitsplätze.

GS: Welche Bedeutung haben die Alpen, abgesehen vom Tourismus, heute?

Jon Mathieu: Es wohnen dort etwa 15 Millionen Menschen. Von aussen scheint es, dass die meisten von ihnen vom Tourismus leben. Das stimmt aber nicht. Der Tourismus stellt etwa 15 Prozent aller Arbeitsplätze, und dies in starker räumlicher Konzentration. Es gibt also relativ wenige Orte mit hoher touristischer Intensität und relativ viele mit geringer Intensität.

GS: Wasser soll in Zukunft ein knappes Gut sein. Wird der Alpenraum eines Tages ganz Europa mit Wasser versorgen müssen?

Jon Mathieu: Man sagt, dass die alpinen Flüsse in Europa etwa 170 Millionen Menschen mit Wasser versorgen. Das ist viel – aber nur gut ein Fünftel der europäischen Bevölkerung. Ich nehme nicht an, dass sich dieser Anteil ganz entscheidend vergrössern könnte.

GS: Wenn Wasser ein knappes Gut wird, werden die Alpenländer von den Grossmächten unter Druck geraten?

Jon Mathieu: Vielleicht auch nur von den schweizerischen Mittellandkantonen – so wie im ausgehenden 19. Jahrhundert, als es möglich wurde, die Wasserkraft für die Gewinnung elektrischer Energie zu nutzen. Damals erhoben sich sofort Stimmen, die die „gewaltige Kraft unserer Alpenströme“ zum „Nationalreichtum“ erklärten. Politisch mündete dies in das Wasserrechtsgesetz von 1916, das den Markt teilweise aushebelte und eine Obergrenze für Wasserzinsen festsetzte.

GS: Was bedeuten Ihnen persönlich die Alpen?

Jon Mathieu: Ich blicke von meinem Büro auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Die sehen an einem schönen Föhnmorgen nicht schlecht aus. Ich interessierte mich aber auch aus beruflichen Gründen für die Alpen. Als Historiker finde ich die Beziehung zwischen Menschen und Bergen ein faszinierendes Thema.

GS: Welches ist Ihr liebster Ort in den Alpen?

Jon Mathieu: Ramosch im Unterengadin.

GS: Vielen Dank!

Martin-Hoch-PortaitMartin Hoch (34)

GlobeSession.com

Martin Hoch widmete die letzten Jahre dem Reisen. Ob mit der Bahn, Bus, Segelschiff oder umgebauten VW-Bus, wichtig waren ihm die Begegnungen mit Menschen, angetrieben hat ihn die Liebe zur Natur.