Ein Elsässer bläst in Saas-Fee das Alphorn

Text Martin Hoch, Bild Martin Vogt (Portraits), Martin Hoch (Landschaften)
Das Dessert lächelte mich nicht an. Wie auch. Es hat keinen Mund. Aber ich habe einen und bei mir löste es ein Lächeln aus. Das süsse Ding. Also Mund auf, Verführung rein, Mund zu. Ich bin rundum zufrieden. Es ist acht Uhr Abends und ich genoss soeben das Abendessen in der Jugendherberge „wellnessHostel 4000“ Saas-Fee. Zur Vorspeise konnte ich mich am Salatbuffet gütlich tun, zum Hauptgang hatte ich Pasta. Zur Auswahl standen drei Saucen: Bolognaise, Tomaten und Meeresfrüchte. Und zum Schluss gab es was Süsses. Das Essen war zwar kein Gourmet-Sterne-Menü, aber richtig gut. Die Würze stimmte. Dafür verantwortlich ist Sébastien Kohler (44), der Chefkoch des Hauses. Wir haben mit ihm gesprochen.


Saas-Fee
Jugendherberge Saas-Fee LogowellnessHostel4000

youthhostel.ch

Panoramastrasse 1
3906 Saas-Fee
Schweiz
Tel: +41 (0)27 958 50 50
E-Mail: wellnesshostel4000@youthhostel.ch

Am Rand des Gletscherdorf Saas-Fee. Gleich neben der Postautostation

GS: Als Basler höre ich gleich, du bist nicht von hier oben.

Sébastien Kohler: Stimmt, ich stamme aus dem Elsass, einem kleinen Dorf unweit von Basel. Inzwischen bin ich aber bereits seit 25 Jahren hier oben.

GS: Dann bist du hier als Teil der Dorfbevölkerung akzeptiert?

Sébastien Kohler: Ja, klar. Ich spiele Alphorn und bin im Vorstand des örtlichen Musikvereins, der Musikgesellschaft Alpenrösli.

GS: Das Essen hier schmeckt mir gut – kocht ihr frisch oder mit Fertigprodukten?

Sébastien Kohler: Wir benutzen fast ausschliesslich frische Produkte. Ausserdem achten wir darauf, dass die Produkte aus der Schweiz, wenn möglich gar aus der Region, sind. Beim Fleisch zum Beispiel, tischen wir nur solches aus der Schweiz auf. Oder beim Brot, da gibt es jeden Morgen Roggenbrot aus dem Wallis.

GS: Auch beim Käse darf man morgens einen aus der Region kosten.

Sébastien Kohler: Richtig – dieser Bergkäse stammt von einem jungen Bauern aus dem Dorf. Der hat eine super Qualität. Natürlich hat ein solcher Käse auch einen höheren Preis. Aber uns ist die regionale Ausrichtung wichtig und natürlich sollen unsere Gäste etwas Gutes zum Essen kriegen. Das ist mein Berufsstolz.

Kurz vor dem Gespräch mit Sébastien Kohler traf ich noch Florian Schelbert (43), Bereichsleiter Betriebe West-Süd. “Nachhaltigkeit ist uns sehr wichtig. Die Produkte sollen, wenn möglich regional sein, die Anfahrtswege kurz. Ausserdem achten wir beim Kaffee und Orangensaft auf Fairtrade und kaufen dementsprechend ein.”, lässt er mich wissen. In meinem Hirn beginnt es zu rattern. Hier wird frisch gekocht, es werden vorzugsweise Produkte aus der Region verwendet und auch Fairtrade spielt eine Rolle. Trotzdem kostet ein 3-Gang Abendessen jeweils nur 17.50 Franken. Ich denke: “Das isch doch gar nid möglich!” “Doch ist es”, klärt mich Schelbert auf: “Da wir nur ein Menü anbieten, kein à la Carte Restaurant sind, können wir besser planen. Wir brauchen dadurch weniger Personal und wir kennen die abendliche Essensmenge, Abfälle gibt es kaum. Das schlägt sich direkt im Preis nieder.” Und während ich nun hier sitze und das alles niederschreibe, denke ich: “Jetzt schreibst du aber einen schönen PR-Artikel”. Die Wahrheit ist aber: Ich muss hier nichts schönschreiben, das Konzept ist schlicht gut. Nebst einer günstigen Übernachtung kriege ich hier in der Jugendherberge auch noch ein feines Abendessen zu einem anständigen Preis. Was will man mehr?

GS: Was macht ihr wenn jemand Vegetarier, Veganer ist oder eine spezielle Diät hat?

Sébastien Kohler: Für Vegetarier haben wir immer eine Alternative. Auch allen anderen Wünschen kommen wir gerne entgegen. Wichtig ist aber, dass uns die Gäste diese einen Tag vorher bei uns anmelden. Für Sportler haben wir ausserdem immer auch eine Pasta-Option bereit. Der Preis bleibt auch bei Sonderwünschen derselbe.

Das ist doch gar nicht möglich!

Martin-Vogt-PortraitMartin Vogt (37)

martinvogt.ch

Explore. Dream. Discover. Das ist das Motto des Fotografen aus Basel. Seine Fotografie ist geprägt von Farbarmut und der Reduktion auf das Wesentliche. Er ist ein hervorragender Beobachter und versteht es Stimmungen und Atmosphäre festzuhalten.

Martin-Hoch-PortaitMartin Hoch (34)

GlobeSession.com

Martin Hoch widmete die letzten Jahre dem Reisen. Ob mit der Bahn, Bus, Segelschiff oder umgebauten VW-Bus, wichtig waren ihm die Begegnungen mit Menschen, angetrieben hat ihn die Liebe zur Natur.

GS: Arbeitest Du gerne hier in der Jugendherberge Saas-Fee oder wärst du lieber in einem Sternerestaurant tätig?

Sébastien Kohler: Die Jugendherbergen sind ein guter, seriöser Arbeitgeber. Die Arbeitsbedingungen sind fair. Das ist mir viel wert. Auch schätze ich die Herausforderung mit wenig Budget, täglich etwas Schmackhaftes für die Gäste zu kochen.

GS: Aber nach der Arbeit, Zuhause, magst du wahrscheinlich kaum noch etwas kochen?

Sébastien Kohler: Im Gegenteil. Ich koche privat sehr gerne. Habe ich auf etwas Lust, dann lege ich los und koche es mir. Meine Lieblingsmahlzeit hat mit Kochen jedoch wenig zu tun: Ein Wurst-Käsesalat mit Cherry-Tomaten. Der ist so richtig fein!

GS: Wohin zieht es dich in deiner Freizeit – welche Ecke von Saas-Fee gefällt dir speziell gut?

Sébastien Kohler: Grundsätzlich gehe ich mit meiner Familie gerne Skifahren und Wandern. Ein Ort gefällt mir besonders gut: der Hannig. Das Restaurant da oben liegt auf 2’300 m ü.M. Der Blick auf die umliegenden Berge ist wahnsinnig schön und das Beizli ist gemütlich. Auf dem Hannig hatte ich auch meine erste Arbeitsstelle hier in Saas-Fee. Das Restaurant ist eine richtige Sonnenterrasse. Kein Witz: Als Koch in der Küche mussten wir im Winter jeden Tag mit der Sonnenbrille arbeiten.

GS: Und wenn man in Saas-Fee abends mal die Korken knallen lassen möchte – wo geht es dann hin?

Sébastien Kohler: Ins Poison. Aber ich gehe da nicht mehr hin (er schüttelt den Kopf). Non, ça c’est du passé.

GS: Vielen Dank für das Gespräch.