Text Martin Hoch, Bild Daniel Kunz, Martin Hoch, Video Daniel Kunz
Die Frage ist naheliegend. “Hast du oft Zweifel?”. Benjamin Zweifel schaut mich an. Ernst. Mit einem leichten Schalk im Blick. Er setzt zur Antwort an: “Hm.” Dann hält er wieder inne. Er blickt an mir vorbei und überlegt. Ich hake nach: “Mit deinem Nachnamen, setzt man sich doch bestimmt oft mit dem Thema auseinander?”

Benjamin Zweifel ist Hafner. Vor einigen Wochen habe ich ihn angeschrieben, ihn darum gebeten, dass ich ihn einen Tag lang begleiten darf. Dass er mir seinen Beruf näher bringt. Er sagte zu, war erfreut über das Schreiben. Nun stehe ich am Strassenrand vor der Jugendherberge in Interlaken. Ich warte auf ihn. Auf den Hafner, den Ofenbauer.

Benjamin Zweifel (32)

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Bei Benjamin Zweifel ist jeder Ofen ein Unikat: Er definiert die individuellen Anforderungen an Farbe, Form, Material und Funktion jeweils in enger Zusammenarbeit mit seinen Kunden. Bei der Beratung, Planung und Ausführung legt er grössten Wert auf Funktionalität und Wertbeständigkeit.

Daniel Kunz PortraitDaniel Kunz

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Das Video von Benjamin Zweifel wurde von Daniel Kunz produziert. Er und Stefan Brauchli haben 2010 CRUNCH gegründet und sich zum Ziel gesetzt, Bewegung in die Online-Kommunikation zu bringen. Ihre Arbeit ist von höchster Qualität und sie führen Auftragsarbeiten für mehrere innovative Klein- und Grossfirmen durch.

Zu Besuch im Café 3692 in Grindelwald

Ein Lieferwagen kommt angefahren. Eine herzliche Begrüssung folgt. Zusammen fahren wir nach Grindelwald hoch und beide sind wir beeindruckt von der majestätischen Gewalt der Berge – von Eiger, Mönch und Jungfrau. Schon schön, obwohl wir beide in der Schweiz aufwuchsen, schauen wir auch als erwachsene Männer noch jeweils mit Demut und Ehrfurcht zu diesen Giganten hoch. Benjamin Zweifel parkt sein Dienstfahrzeug und zeigt zu einem Holzchalet hoch: “Hier oben steht einer meiner Öfen. Ein ganz spezielles Stück, das möchte ich dir zeigen.” Bilder von diesem einzigartigen Ofen habe ich bereits gesehen, aber ihn mit eigenen Augen zu begutachten, darauf freue ich mich nun. Wir schreiten über die Strasse, zur Terrasse hoch und öffnen die Türe zum Café 3692. Hier drinnen befindet sich der Ofen und hier treffe ich auf den Holzkünstler Bruno Kaufmann, den Gastgeber des Cafés. Ihn müsste man in einem eigenen Artikel porträtieren. Kein langweiliger Zeitgenosse. Die Gastgeberin, seine Frau, ist die Herzlichkeit in Person. Natürlich, fröhlich, entspannt – ich sag’s mal ehrlich: Wir Städter wären gerne wie sie, werden es aber nie sein können. Dazu braucht es ein Leben in der Natur. Natürlichkeit ist nicht urban.

Das Café 3692 ist eine heimelige Stube. Als wir es betreten, riecht es nach gebratenem Speck und frischem Kaffee. Wir setzen uns hin. Doch den Zweifel hält es nicht lange auf dem Stuhl. “Ich feure den Ofen an. Das wird der Atmosphäre hier gut tun.” Ich merke, es tut vor allem ihm gut. “Was liebst du mehr, die Öfen oder das Feuer?”, frage ich ihn. “Das Feuer begeistert mich schon. Die Wärme und das archaische ziehen mich an. Das ist natürlich, unverfälscht”, sagt er. Die Augen leuchten. Ein Kind hätte kaum mehr Freude beim “zünseln” als er. Es ist so, ein Teil des Mannes bleibt immer ein kleiner Junge. Es mag sein, dass es einzig dieser Teil ist, der den Mann leben lässt.

Die Gastgeberin, Myriam Kaufmann, kommt zu uns. Sie bleibt stehen, schaut ins leicht lodernde Feuer. Es gefällt ihr. Benjamin Zweifel schaut sie an: “Ich habe gar nicht gefragt, ob es in Ordnung ist, dass ich hier das Feuer entzünde?” Sie lächelt ihn an: “Natürlich Benjamin, es ist dein Ofen.” Später frage ich ihn: “Was hast du für eine Beziehung zu den Öfen, die du gebaut hast?”. Wir befinden uns auf der Holzterrasse vor dem Café 3692. Der Tabak in der selbstgebauten Zigarette von Benjamin knistert, während er daran zieht. “Ja, meine Öfen bleiben meine Öfen. Ich habe eine Beziehung zu ihnen, zu jedem einzelnen. In jedem steckt viel Herzblut drin. Ich besuche sie immer wieder gerne.”

Ich frage weiter: “Wie entstand dieser Ofen hier?” Er überlegt kurz. Seine Gedanken reisen in die Vergangenheit. “Bruno kam auf mich zu. Wir wollten zusammen etwas Spezielles kreieren. Zwei Künstler, die ihre Köpfe zusammen stecken, da muss doch was dabei herauskommen! Schnell war die Idee geboren: Das Ziel war es eine Seitenstolle nachzubilden, wie sie beim Bau der Jungfraubahn für den Abtransport des Gerölls gebaut wurde. Der Ofen sollte eine Lore sein, ein Grubenwagen, der für den Transport des Gerölls gebraucht wurde. Hier im Kaffeehaus sollte er als Ofen dienen, für eine urige, heimelige Atmosphäre sorgen. Aber man sollte ihn auch auf Schienen nach draussen schieben können. Dort sollte er als Barbeque-Grill nutzbar sein.”

Meine Öfen bleiben meine Öfen.

Mein Anspruch ist immer beste Qualität zu liefern.

Ein Ofenbauer und Visionär

Ich realisiere ein erstes Mal an diesem Tag: Benjamin Zweifel ist nicht nur ein Hafner. Er ist ein Visionär. Ein noch junger, etwas ungestüm, aber voller Tatendrang. Gesegnet mit unzähligen Ideen. “Als nächstes schaute ich mir Loren an. Überall. Ich studierte sie. Eine schöne Lore – ein Vorbild – entdeckte ich in Südfrankreich.” Wie bei jedem Projekt gab es auch bei diesem knifflige Situationen: “Mein Anspruch ist immer beste Qualität zu liefern. Da kommt man trotz Planung, während der Umsetzung, immer mal wieder an den Punkt, an dem man ins Grübeln kommt. Aber es sind mitunter genau diese Herausforderungen, die den Beruf spannend machen.”

Wir verlassen das Café 3692. Schön wäre es den ganzen Tag hier zu verbringen, auf der Sonnenterrasse mit Blick auf den Eiger. Aber ich möchte mehr über den Hafner Benjamin Zweifel erfahren. “Als nächstes zeige ich dir mein aktuelles Projekt. Es ist ein alter, antiker Ofen, der jahrelang nicht mehr in Betrieb war. Ich restauriere ihn nun, damit er seinen Platz als Wärmespender wieder einnehmen kann.” Am Ziel angekommen, betreten wir das Haus. In der Mitte zweier Räume steht der Ofen. Zweifel hat ihn bereits zurück gebaut, alle Einzelteile fein säuberlich beschriftet und am Boden wohl sortiert ausgelegt. “Man muss genau wissen, welches Teil wohin gehört, sonst liegt später ein unlösbares Puzzle vor einem”. Die Restauration eines solchen Ofens kostet ganz schön Geld, aber: “Ein solcher Ofen schenkt einem Raum wahnsinnig viel Atmosphäre und hat man ihn, lässt sich einiges an Heizkosten sparen”.

Ein Jäger und Sammler

Wir reden viel an diesem Tag. Zweifel ist ein geselliger, angenehmer Gesprächspartner. Als wir gegen Abend seine Werkstatt in Wiedlisbach (BE) betreten, ist für mich innerlich die Recherchearbeit abgeschlossen. Ich weiss nun einiges über den Hafner. Für ein schönes Porträt sollte das reichen. Ich blicke mich in der Werkstatt um. “Benjamin, wieso hast du hier mehrere alte Blasinstrumente rumliegen?”, frage ich den Hafner. Er schaut mich an: “Schön, nicht wahr? Daraus kann ich Lampen herstellen”. Ich verstehe nicht ganz: “Wieso Lampen, du bist doch Ofenbauer?” Er lacht und zeigt mir dutzende andere kuriose Gegenstände. “Sammeln ist mein Hobby, meine Leidenschaft. Aus all diesen Dingen lässt sich etwas herstellen.” Er zeigt auf die über drei Meter hohe Rakete aus Aluminium, die im Eingangsbereich der Werkstatt steht: “Das hier ist ein ganz exklusiver Ofen. Darin verbaut ist ein Flugzeugtank, den ich auf einer Sammelstelle gefunden habe. Wäre ich kein Sammler, wäre ich nicht darauf gestossen und dieses Projekt wäre nie zustande gekommen”. Aus einem weiteren Regal nimmt er einen grossen, weissen Buchstaben hervor. Den Buchstaben N. “Weisst du was das ist?”, fragt er mich und gibt die Antwort gleich selbst: “Das ist ein Buchstabe aus dem Leuchtschriftzug von McDonalds. Im Kinderzimmer eines meiner Kinder hängt bereits ein solcher als Lampe.” Er erklärt mir, seine Art zu sammeln sei wie eine Jagd. Er klappere Brockenhäuser, Sammelstellen und andere Orte ab und wenn ihn etwas fasziniere, schlage er zu.

Im oberen Stock seines Hauses, das im historischen Dorfkern von Wiedlisbach steht, zeigt er mir ein kleines Zimmer: “Das ist mein Rückzugsort. Mein ganz persönliches Zimmer.” Ich schaue mich um – auch hier stehen überall Kuriositäten rum. Zum Beispiel ein Totenkopfschädel, auf dessen Hand man eine Münze legen kann und bewegt man diese mit Feingefühl, wirft sie die Münze in den Mund. Ein sonderliches Sparschwein. Dann packt er eine alte Pistole aus. “Die gehörte meinem Ur-Grossvater, er war in der österreichischen kaiserlichen Garde.” Einer kleinen Schatulle entnimmt er eine Medaille. “Das ist seine Verdienstmedaille für den Dienst beim Kaiser. Weitere seiner Gegenstände finden sich in einem Museum in Wien.”

Dann packt er eine alte Pistole aus.

Martin-Hoch-PortaitMartin Hoch (34)

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Martin Hoch widmete die letzten Jahre dem Reisen. Ob mit der Bahn, Bus, Segelschiff oder umgebauten VW-Bus, wichtig waren ihm die Begegnungen mit Menschen, angetrieben hat ihn die Liebe zur Natur.

Ein glücklicher Familienvater

Wir sitzen an einem langen Holztisch in Zweifels Küche und trinken einen Kaffee. Im Hintergrund knistert es in einem Ofen. Mit uns am Tisch sitzt seine Familie. Seine Frau Carmen, eine aufgestellte Frau, und ihre gemeinsamen vier Kinder. Mir fällt nur ein Wort ein: idyllisch. Der Tag mit dem Hafner Benjamin Zweifel hat mir gut getan. Er war interessant, lehrreich, aber vor allem war es eine erfreulich schöne Zeit mit Benjamin Zweifel. So gern ich noch länger hier mit dieser fröhlichen Familie sitzen würde, ich muss doch langsam aufbrechen. An der Türe, bei der Verabschiedung, kommt mir ein Gedanke: “Benjamin, du bist mir noch eine Antwort schuldig. Hast du oft Zweifel?” Dieses Mal überlegt er nicht lange: “Ja, wahrscheinlich setzt man sich mit diesem Thema öfters auseinander, wenn man so heisst. Bei meiner Arbeit komme ich oft ins Zweifeln, ins Grübeln, einfach weil mein Anspruch an gute, solide Arbeit sehr hoch ist. Halbheiten gibt es bei mir nicht.”

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