Mit dem Fahrrad entlang der Panamericana

Text & Bild Samuel und Flurina
Im ersten Teil dieser Artikelserie erzählten wir euch von unserer Fahrradreise durch Nordamerika. In Kanada sichteten wir Bären, im Redwood Nationalpark fuhren wir durch die “Avenue der Giganten”. Wir genossen die Fahrt über die Golden Gate Bridge in San Francisco und erreichten schliesslich Mexiko.

Hier in Lateinamerika erwartete uns eine neue Sprache, ein anderer Lebensstil, viel Gastfreundschaft und atemberaubende Landschaften. Und während uns in Zentralamerika die Hitze zu schaffen machte, brachten uns in Südamerika die Berge ins Schwitzen. Dieser Teil der Reise führt uns von Mexiko nach Ecuador. 7’000 Kilometer liegen inzwischen bereits hinter uns. Auf dieser Etappe werden wir weitere 9’500 Kilometer radeln.


Zentralamerika

Die Kinder brachten uns so richtig in Schwung.

Mexiko, das gefürchtete Land

Die US-Amerikaner lassen uns wissen, dass Mexiko gefährlich ist und man sehr genau wissen muss, wem man vertraut. Doch wir wurden positiv überrascht: Die Mexikaner haben uns sehr gastfreundlich und hilfsbereit empfangen.

So langsam näherten wir uns der Weihnachtszeit, aber bei 30° Celsius und mehr, ist es wirklich schwierig in Weihnachtsstimmung zu kommen. In Mazatlán quartierten wir uns bei der Heilsarmee ein. Zuhause in der Schweiz ist die Heilsarmee unsere Kirche. Hier wurden wir zum traditionellen Weihnachtssingen mit Kindern eingeladen. Zu Jingle Bells und einem Dutzend Kinderstimmen klatschten und summten wir mit. Die spanischen Texte waren uns doch noch etwas fremd. Aber die Kinder brachten uns so richtig in Schwung und wir hatten enormen Spass zusammen.

Am Jahresende in Mexiko-Stadt

Radfahren im mexikanischen Tiefland ist schweisstreibend. Wir entschieden uns für die Route über die Sierra Madre Occidental, durch die Kolonialstädte Durango, Zacatecas und Guanajuato. Der höchste Punkt dieser bergigen Überfahrt, unter anderem über die zweithöchste Hängebrücke der Welt, befindet sich auf über 2’700 m ü.M. Einen Monat lang fuhren wir von Kolonialstadt zu Kolonialstadt, eine schöner als die andere und immer gut geeignet um kurze Stopps einzulegen. Den Weihnachtsabend verbrachten wir bei einem mexikanischen Radfahrer und seiner Familie.

Am letzten Tag des Jahres waren wir schliesslich kurz vor Mexiko-Stadt. Wir werden spontan von einer Familie zum Silvesterabend in ihr Heim eingeladen. Nach einer kurzen Nacht machten wir uns früh morgens, bei Nebel und Kälte, auf in die Metropole Mexiko-Stadt. Der gefürchtete Verkehr hält sich in Grenzen. Gemütlich rollten wir an diesem 1. Januar auf dem Zócalo mitten im historischen Zentrum ein.

Wir hausten bei einer grossen typischen mexikanischen Familie im DF (Districto Federal). Mit vier Generationen unter einem Dach ging es zu und her wie in einem Vogelhäuschen. Wir genossen es mit Gross und Klein, von der 94-jährigen Grossmutter bis zum kleinen Urenkeln, Zeit zu verbringen.

Ein anderes Highlight in der Grossstadt: Metro fahren. Die illegalen Verkäufer in der Metro sind an Kreativität kaum zu überbieten. Von der Schlankheitspille über CDs, Kaugummi, Schuhlöffel usw. kann man sich hier alles besorgen. Oft steigen CD-Verkäufer mit illegalen Kopien in der Hand, grossen, lauten Lautsprechern auf den Schultern, in die Metro ein und verkaufen Hits der Beatles oder mexikanische Volksmusik. Nach zehn Tagen in Mexiko-Stadt war Abschied angesagt, es zog uns weiter.

Es ging zu und her wie in einem Vogelhäuschen.

Ein Ausbruch wäre fatal.

Vulkane und Kakteenwüsten in Mexiko

Unser Ziel: Paso Cortés. Diese Passhöhe liegt auf 3’700 m ü.M. Langsam krochen wir die steile Auffahrt zum Pass hoch. Nach einer kalten Nacht auf 3’000 m ü. M.. schafften wir es schliesslich am zweiten Tag: Wir erreichen, wenn auch ziemlich erschöpft, den Fusse des Vulkanes Popocatépetl. Die Aussicht war atemberaubend. Die beiden Vulkane Popocatépetl und Ixtaccihuatl gehören zu einem Nationalpark und seit 1994 ist der Popocatépetl auch als UNESCO Welterbe ausgezeichnet. „Popo“ wie ihn die Leute hier nennen, gilt als einer der gefährlichsten Vulkane der Welt. Der Aufstieg zum Gipfel ist verboten. Die kleine Rauchwolke am Himmel zeigt die ständige Aktivität des Vulkans. Ein Ausbruch wäre fatal.

Auf ruhigen und guten Strassen rollten wir up and down durch Kakteenwüsten direkt in die Kolonialstadt Oaxaca. Noch einmal profitierten wir so richtig vom mexikanischen Essen und den bunten Marktbesuchen. Wir staunten, was man auf dem Markt alles finden kann, wie ganze Tiere auf dem Tisch zerlegt werden und gleichzeitig Hunde und sonstige Tierchen darum herum streunen. Oaxaca ist auch bekannt für die frei gelegte Ruinenstadt der Zapoteken mit dem Namen Monte Albán. Einen Nachmittag lang schlenderten wir durch die Steinbauten und fragten uns, was diese Steine wohl alles zu erzählen hätten.

Wir erreichen Mittelamerika

In Mittelamerika angekommen, offiziell am Isthmus von Tehuantepec, der kürzesten Landverbindung von Nord und Südamerika, besuchen wir den letzten Staat Mexikos: Chiapas. Isgesamt haben zehn Prozent der Bevölkerung Mexikos indigene Wurzeln. In Chiapas leben eine Million dieser ca. 3.6 Millionen Indigenen. Viele von ihnen stammen von der Volksgruppe der Mayas ab. Sie sind unterteilt in verschiedene Völker mit jeweils einer eigenen Sprache. Chiapas ist der Staat mit der grössten Armut. Gleichzeitig ist es ein Staat mit einer reichen Arten- und Naturvielfalt, mit Bodenschätzen und bedeutenden kulturellen Attraktionen. In den Strassen von San Cristóbal de las Casas sahen wir besonders viele Frauen und Mädchen in traditioneller Kleidung. Sie verkauften farbige Kleidungsstücke, Gürtel, Taschen und Armbänder. Auf dem Markt verkauften die Bauern (meist Frauen und Mädchen) der umliegenden indigenen Dörfern Gemüse und Früchte. In Reihen am Boden oder auf Harassen stapelten sie Tomaten, Avocados, Mandarinen und vieles mehr.

Der Staat mit der grössten Armut.

Die Nacht auf dem Gipfel war eiskalt.

Spanischkurs in Guatemala und der schönste Sonnenaufgang

Im Land der Mayas, Guatemala, war erst mal eine Radlerpause angesagt. Vier Wochen besuchten wir eine Spanischschule am Lago Atitlan. Zur sportlichen Abwechslung bestiegen wir ein paar Vulkane in der Umgebung. Unser absolutes Highlight: Der Vulkan Santa Maria. Die Wanderung war anstrengend, die Nacht auf dem Gipfel eiskalt und wir spürten Erderschütterungen des Nachbarvulkans. Doch wir wurden reichlich für die Strapazen entlöhnt: Der schönste Sonnenaufgang unseres Lebens wartete auf uns. Unbeschreiblich schön die Farben am Himmel. „Wow“, wir kamen aus dem staunen nicht mehr heraus.

Der Besuch der Patenkinder in Honduras

Auf dem Weg Richtung Süden wollten wir unsere Patenkinder Judith und David in Honduras besuchen. Am Ostermontag in Tegucigalpa, Honduras war es soweit. Wir wurden von Isaac, unserem Gastgeber, willkommen geheissen. Zusammen besuchten wir als erstes unser Patenkind Judith. Judith ist vier Jahre alt, hat drei Geschwister und nimmt seit Juni am Programm von Compassion teil. Compassion organisiert zusammen mit einer lokalen Kirche, Gesundheits- und Bildungsprogramme für Kinder im Alter von 3-18 Jahren. Judith war am Anfang etwas scheu und versteckte sich in den Armen ihrer Mama. In den eigenen vier Wänden, Zuhause bei Judith, rund um ihre Geschwister und Cousins blühte die Kleine dann aber auf. Mit dem Geschenk, das wir mitbrachten, war das Eis definitiv gebrochen. Judith setzte sich neben uns und fing direkt an die Bilder im neuen Heft auszumalen.

In einem Minibus, mit dabei Judith und ihre Familie, fuhren wir in die Nachbarstadt Comayagua zu David. Er ist 13 Jahre alt. Bereits seit sieben Jahren pflegten wir mit ihm einen regelmässigen Briefaustausch. David, seine vier Schwestern und Eltern begleiteten uns zum gemeinsamen Mittagessen in den PizzaHut. Die Pizzen und Süssgetränken schmeckten Gross und Klein. Für David war es die erste Pizza überhaupt! Am Nachmittag kam auf dem nahegelegenen Fussballfeld der neue Fussball von David zum Einsatz. Judith sprang mit ihrem roten Schweizer T-Shirt und einem grossen Lachen auf dem Platz herum. Alle zusammen lächelten wir in die Kamera fürs Erinnerungsfoto.

Für David war es die erste Pizza überhaupt!

Bienvenidos en Colombia!

Kolumbien – Das einzige Risiko ist, dass sie bleiben wollen

Nachdem wir die Länder Zentralamerikas im Schnellzugtempo durchfuhren, stellte sich uns in Panama-City die Frage, wie wir die Grenze zum neuen Kontinent Südamerika überqueren können. Über Land gibt es bis heute keine fahrbare Strecke, die Zentral- mit Südamerika verbindet. Also stellte sich uns die Frage: Fliegen oder ein Boot nehmen? Aufgrund von Seekrankheit entschieden wir uns zum Fliegen. Nach nur 50 Minuten landeten wir in Cartagena, Kolumbien. Was für ein Gefühl nun in Südamerika zu sein und erst noch in Kolumbien. Auf unserem Weg von Norden nach Süden durch Kolumbien erfreuten wir uns an der schönen grünen Berglandschaft, besonders an den freundlichen Kolumbianern, die uns immer wieder mit einem „Bienvenidos en Colombia“ willkommen hiessen. Auf der gesamten Strecke hoben Auto- und Motorradfahrer den Daumen hoch, wenn sie uns passierten. Uns wurden Getränke offeriert und Früchte geschenkt. Einmal mehr stellten wir fest, wie viel es ausmacht, wenn Einheimische Fremde willkommen heissen und Gastfreundschaft mit Freude gelebt wird. Die schwierigen Jahre Kolumbiens haben bestimmt viele Spuren hinterlassen. Wir stellten das vor allem fest, wenn die Einheimischen von ihren Verlusten, von Familienmitgliedern und Freunden, erzählten. Die schrecklichen Geschichten sind nicht vergessen, aber sie stehen heute nicht mehr im Vordergrund. Kolumbien ist auf jeden Fall einen Besuch wert und wurde zu einem unserer Lieblingsländer.

Ecuador – ein kleines, ganz grosses Land

Ecuador überraschte uns mit seiner Vielfältigkeit. Das kleine Land hat sich touristisch etabliert und spielt in der obersten Liga mit. Rauf und runter, über die hohen Anden schlängelte sich unser Weg durch die Allee der Vulkane. Wir konnten es nicht lassen und buchten eine Tour auf den über 5’800 Meter hohen Vulkan Cotopaxi. Trotz erfolglosem Gipfelerlebnis waren wir von dieser ersten alpinen Erfahrung begeistert. Die Wanderung zum Camp, der unheimlich schöne Vulkan Cotopaxi, die Nacht auf 4’700 Meter Höhe, der Schneesturm und die starken Windböen werden uns noch lange in Erinnerung bleiben.

Der Schneesturm wird uns lange in Erinnerung bleiben.

Samuel-Flurina-PortraitFlurina (27) & Samuel (33)

buerkis.com

Die zwei Schweizer sind zur Zeit mit ihren Fahrrädern unterwegs: Von Alaska bis nach Feuerland. Ihr Lieblingsland, da sind sie sich einig, ist Mexiko. Samuel liebt das Leben – für ihn ist jeder Tag ein Geschenk und Flurinas Lebensmotto ist ein Psalm aus der Bibel: Überlass dem Herrn die Führung in deinem Leben; vertrau doch auf ihn, er macht es richtig!

Die Anden Perus warten

Dank Familienbesuch konnten wir in Ecuador unsere Fahrräder mit Material aus Europa neu in Schwung bringen und sind nun bereit für die Andenpässe Perus. Welche Abenteuer wir auf den Spuren der Inkas erleben werden und wie man sich bei -20° Celsius in der Nacht, alleine auf dem bolivianischen Altiplano, warm hält, erfährt Ihr in der Edition 08.