Text Martin Hoch, Bild Lukas Furlan
Geht man aus dem Haus, macht man sich vorher hübsch. Die Haare werden frisiert, frische Kleidung wird angezogen. Vielleicht legt man sich noch etwas Schmuck an und für den guten Duft sprüht man sich etwas Parfüm an. Es ist nicht egal, was die Leute im Dorf über einen denken. Der Eindruck soll stimmen.

Bei einem Land ist es nicht anders. Gibt man bei den Nachbarn ein gutes Bild ab und sucht den Dialog mit ihnen, stösst man auf offene Türen. Eine zentrale Rolle dabei nehmen unsere Botschafter ein.

Deshalb ist es uns eine grosse Ehre, dass wir Ihnen auch in dieser Edition wieder ein Interview mit einem Schweizer Botschafter präsentieren dürfen. Christoph Bubb verriet uns mehr über Österreich und seine Beziehung zu den Alpen.


Österreich
Portrait-Lukas-FurlanLukas Furlan (24)

lukasfurlan.com

Das Interview ist von Fotografien Lukas Furlans umrahmt. Der Südtiroler studiert in Wien Media Informatics.

GS: Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel meinte einst: «Nachbarn können sehr mühsam und anstrengend sein». Empfinden die Österreicher uns Schweizer als mühsames Volk?

Christoph Bubb: Bundeskanzler Schüssel prägte diesen Satz am Zermatter Symposium vor drei Jahren; er meinte, man sehe lieber fern als nah, da dann auch jede Falte sichtbar werde, die man vielleicht lieber verstecken würde bzw. auf Distanz halt nicht sieht. Die Schweiz wird keineswegs als anstrengend oder mühsam empfunden; vielmehr wird oft und mitunter auch etwas bewundernd auf unser Land geblickt.

GS: Welches Bild haben denn die Österreicher von der Schweiz?

Christoph Bubb: Halten wir uns vor Augen, dass Österreich ein Land ähnlicher Grösse ist, ebenso Berge und schöne Landschaften hat wie wir und eine etwa gleich grosse Bevölkerung. Trotzdem gibt es Unterschiede: die Wirtschaftsleistung der Schweiz ist deutlich höher und die Wirtschaft global präsent und vernetzt mit zahlreichen, führenden Weltunternehmen. Grossunternehmen sind in Österreich eher die Ausnahme. Ihre Stärke liegt in mittelgrossen Unternehmungen, namentlich im Zulieferersegment.

Die direkte Demokratie in der Schweiz, die Effizienz in Dienstleistungsbereichen und die schlanken Strukturen beeindrucken in Österreich besonders. Insgesamt werden wir als Partner, Gleichgesinnter und Freund wahrgenommen. Dies manifestiert sich in einer Vielzahl von ähnlich gelagerten Positionen und einer engen Zusammenarbeit in verschiedensten Politikbereichen.

GS: Und wir Schweizer und Österreicher haben auf jeden Fall noch etwas gemein: die Alpen. Was für eine Beziehung haben Sie persönlich zu den Bergen?

Christoph Bubb: Schweizer haben eine Tendenz, sich als „Bergler“ zu sehen, auch wenn sie in der Stadt aufgewachsen sind und im Alltag einen gänzlich urbanen Lebensstil pflegen. Ich wuchs in Zürich auf und auch ich verbringe jedes Jahr Ferien in den Bergen, wobei ich besonders das Engadin mit seiner Weite und dem klaren Licht schätze.

Ich schätze das Engadin mit seinem klaren Licht.

Allerdings ziehen sie nicht immer die richtigen Schlüsse.

GS: Auch in Pakistan, Ihrer letzten Station als Botschafter, gibt es eine spektakuläre Bergwelt. Konnten Sie diese erkunden? Gibt es da noch Tourismus, zumindest lokalen?

Christoph Bubb: Mehrere der höchsten Gipfel der Welt liegen in Pakistan, so z.B. der zweithöchste Berg der Welt, der K2 oder der Nanga Parbat und Gasherbrum. Trotz der schwierigen Sicherheitslage gibt es auch heute einen begrenzten Bergsteigertourismus aus aller Welt. Dies sind aber kleine und meist gut geführte Gruppen, die mit den lokalen Verhältnissen vertraut sind. Doch auch da gibt es keine absolute Sicherheit: letztes Jahr kam es zu einem schrecklichen Angriff, bei dem eine ganze Bergsteigergruppe am Nanga Parbat von Extremisten ermordet wurde. Die Infrastruktur ist heute insgesamt noch zu wenig ausgebaut, um international attraktiv zu sein, wobei es Ausnahmen gibt, z.B. Shigar Fort oder Kaplu Palace in Gilgit Baltistan.

Insgesamt liegt der Schwerpunkt des Tourismus bei den eigenen Landsleuten. Individualreisende aus Europa sollten Pakistan im Moment meiden. Auch wir konnten während unseres Aufenthaltes nur begrenzt und i.d.R. unter Polizeischutz reisen, was ich sehr bedaure, da es spektakuläre Landschaften gibt.

Ich hoffe sehr, dass sich die Sicherheitslage wieder normalisieren wird, damit ein unbeschwertes Reisen wieder möglich sein wird.

GS: Sie waren vor zwei Jahren in die Verhandlung mit den Berner Geiseln in Pakistan involviert. Was halten Sie davon, dass Reisende noch immer unstabile Länder wie Pakistan besuchen?

Christoph Bubb: Die Schweizer sind ein extrem reisefreudiges Volk und informieren sich meist auch vor Reiseantritt über das Land; allerdings ziehen sie nicht immer die richtigen Schlüsse aus den gesammelten Informationen und verzichten auf eine bestimmte Reise oder Route. Lassen Sie mich einen Vergleich aus der uns vertrauten Welt der Berge machen: Wenn ein Skifahrer oder Snowboarder das Lawinenbulletin ausgiebig studiert und dann zum Schluss kommt, dass er ein Lawinengebiet trotz anderslautender Empfehlung durchqueren will, handelt er fahrlässig, unabhängig davon, ob sich die Lawine dann löst oder nicht.

GS: Können Sie es trotzdem nachvollziehen, dass solche Länder einen Reiz auf Globetrotter ausüben?

Christoph Bubb: Natürlich kann man das nachvollziehen. Viele Reisende möchten nicht auf ausgetretenen Pfaden reisen und suchen das Neue, Abgelegene und Unerforschte; gleichzeitig haben sie aber weder die Geduld noch die erforderlichen Kenntnisse und Sensibilität, sich auf ein gänzlich anderes kulturelles Umfeld einzulassen und damit angemessen umzugehen. Die omnipräsente Informationstechnologie trägt zudem zur gefährlichen Illusion bei, dass nämlich im Notfall jederzeit, überall und sofort eine Rettungsaktion ausgelöst werden kann.

GS: Zurück zu den Alpen. Die Österreicher sind im alpinen Tourismus führend. Was machen sie richtig, worauf gründet der Erfolg?

Christoph Bubb: Im vergangenen Jahr gab es über 4 Millionen Übernachtungen von Schweizern in Österreich, aber lediglich 0,5 Millionen österreichische Übernachtungen in der Schweiz. Nebst dem Preisvorteil wird gemäss Umfragen namentlich die natürliche und herzliche Gastlichkeit der österreichischen Tourismusbranche geschätzt. Dies beschränkt sich aber nicht auf die Berge, sondern auch auf die Städte, namentlich Kulturstädte wie Wien oder Salzburg.

GS: Wenn Sie Ruhe und Erholung brauchen, welchen Ort in Österreich suchen Sie auf?

Christoph Bubb: Da ich erst seit kurzer Zeit in Österreich bin, sind mir leider noch nicht sehr viele Regionen dieses Landes bekannt. Im Herbst verbrachte ich jedoch ein paar Tage in der wunderschönen Wachau, die – wie ich selbst erleben durfte – nicht ohne Grund in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Das prächtige Farbspiel der Natur hatte dort eine überaus faszinierende und gleichzeitig beruhigende Wirkung auf mich. Aber auch in den romantischen Kellergassen des Weinviertels habe ich einige entspannte und genussvolle Momente erlebt.

GS: Und wenn Sie Aktivität und Abwechslung wollen?

Christoph Bubb: Ich freue mich bereits darauf, diesen Winter sportlich aktiv zu werden und gemeinsam mit meiner Frau einen angenehmen Skiurlaub in Österreich zu verbringen. Wir haben uns allerdings noch nicht auf ein konkretes Skigebiet geeinigt.

Es hatte eine faszinierende Wirkung auf mich.

Martin-Hoch-PortaitMartin Hoch (34)

GlobeSession.com

Martin Hoch widmete die letzten Jahre dem Reisen. Ob mit der Bahn, Bus, Segelschiff oder umgebauten VW-Bus, wichtig waren ihm die Begegnungen mit Menschen, angetrieben hat ihn die Liebe zur Natur.

GS: Zum Schluss: Wissen die Österreicher eigentlich, dass wir in der Schweiz eine Kultur der „Österreicher Witze“ haben und wie denken sie darüber?

Christoph Bubb: Googlet man den Begriff „Witze Nationen“, erfolgen 250‘000 Treffer. Nationenwitze gibt es also global und sind nicht speziell schweizerisch oder österreichisch. Es gibt ja auch innerhalb der Schweiz regionale Witze, z.B. über grossspurige Zürcher, gewitzte Appenzeller oder gemächliche Berner.

GS: Besten Dank.