Text & Bild Martin Hoch
Sonntag Nachmittag 16:00 Uhr. Während die meisten noch die Beine hochgelagert haben, um das wohlverdiente Wochenende ausklingen zu lassen, wartet auf uns Arbeit. Viel Arbeit. Aber wir scheuen keinen Aufwand – haben wir drei nie getan. Für GlobeSession werden wir heute drei Weine testen. Edle Tropfen aus den Ländern entlang der Panamericana: Argentinien, Chile und den USA. Die Weine wurden uns von Flaschenpost ins Haus geliefert. Wir checkten die Weinauswahl im Vorfeld im Internet und entschieden uns: Es sollte jeweils eine für die Region typische Traubensorte sein: Einen Malbec aus Mendoza, einen Carmenère aus Zentralchile und einen Zinfandel aus Kalifornien. Klick, klick, bestellt. Wenige Tage später sitzen wir nun hier. Der Test kann beginnen.

Als erstes werden wir die Weinetiketten unter die Lupe nehmen. Wieso die Etiketten, mag sich der grosse Sommelier fragen. Ganz einfach, weil das Weinetikett bei den Nicht-Sommeliers oft den Ausschlag für einen Kauf oder Nicht-Kauf gibt. Weiter werden wir den Wein „blind“ testen und je eine Preisschätzung abgeben; was wären uns diese Weine wert? Schliesslich wird es ums Ganze gehen: der Wein muss von uns individuell charakterisiert werden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt müssen wir ganz bei der Sache sein, es gilt eine Topleistung unsererseits abzurufen. Der Charakter eines Weins soll in Form einer Landschaft beschrieben werden. Zum Schluss dann werden wir die Weine noch bewerten, nach Geschmack und dem Preis-Leistungsverhältnis.

 

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Flaschenpost – der Lieferant für Weine aus aller Welt

Die Weine wurden uns von Flaschenpost zum Degustieren zugeschickt. Flaschenpost ist der grösste online Weinshop der Schweiz. Dominic Blaesi und Renzo Schweri, die beiden Gründer, machen es möglich, dass das Weinsuchen und –bestellen einfach, bequem und preiswert ist.

Die Weintester

1 | Kaiken, Malbec Reserva

Jahrgang: 2011
Produzent: Bodegas Montes
Herkunft: Mendoza, Argentinien
Traubensorten: 96% Malbec, 4% Cabernet Sauvignon
Vol.: 14.5%
Vinifikation: 6 Monate in amerikanischen Barriques
Passt zu: Fleisch, Wild, reifem Käse
Preis: CHF 11.90 (EUR 9.87)
Hier bestellen: Flaschenpost


Mendoza, Argentinien
StefanOlivierMartin

Das Weinetikett
Es besitzt ein reduziertes, einfaches Design. Optisch sehr ansprechend.

Würde ich ihn anhand der Etikette im Regal auswählen
Definitiv, mit dieser Etikette wäre er erste Wahl.

Preisschätzung beim Blindtest
CHF 12.- (EUR 9.95)

Charakter des Weins – in Form einer Landschaft beschrieben
Eine öde, monotone Steinwüste. Einzig ein grüner, einsamer Laubbaum ziert die ansonsten triste Landschaft.

Bewertung Geschmack
2 von 10 Sternen

Bewertung Preis-Leistungsverhältnis
2. Platz dieser 3 Weine

Das Weinetikett
Das schlichte Design überzeugt und weist im Aufbau eine klare Struktur auf. Die passende Farbwahl ist die Krönung.

Würde ich ihn anhand der Etikette im Regal auswählen
Ganz klar – Das Konzept dieser Etikette geht für mich auf und verleitet den klassischen Etiketten-Weinkäufer sicherlich schnell zum Kauf.

Preisschätzung beim Blindtest
CHF 14.- (EUR 11.60)

Charakter des Weins – in Form einer Landschaft beschrieben
Ich sehe eine Südfranzösische Landschaft vor mir: Es ist trocken und doch hat es einige Sträucher und bunte Blumen. Die Sonne brennt runter auf den rissigen Boden, der aber trotz Trockenheit, fruchtbar erscheint.

Bewertung Geschmack
3 von 10 Sternen

Bewertung Preis-Leistungsverhältnis
2. Platz dieser 3 Weine

Das Weinetikett
Alleine schon die Schrift hebt diese Flasche von vielen ab. Weg von diesem verschnörkelten, goldigen Schriften, hin zu Klarheit.

Würde ich ihn anhand der Etikette im Regal auswählen
Wahrscheinlich ja. Die Flasche müsste sicherlich mit wenigen anderen konkurrieren.

Preisschätzung beim Blindtest
Hatte bei den Preisen bereits Insiderwissen. Der Kaiken mundete mir aber beim Blindtest am besten.

Charakter des Weins – in Form einer Landschaft beschrieben
Vor mir liegt ein Wiese mit hunderten rosafarbener Blumen. Schaue ich nach links, sehe ich eine Ebene, farbenfroh bis zum Horizont. Schwenkt mein Blick nach rechts, erblicke ich einen Hügel, eine kleine Anhöhe, etwas weniger farbintensiv. Eigentlich eine liebliche Landschaft, wäre da nicht dieser stetige, bissige Wind, der über die Ebene zieht.

Bewertung Geschmack
6 von 10 Sternen

Bewertung Preis-Leistungsverhältnis
2. Platz dieser 3 Weine

 

2 | Carmenère Errázuriz Estate 2012

Jahrgang: 2012
Produzent: Errázuriz Estate
Herkunft: Aconcagua, Chile
Traubensorten: Carmenère
Vol.: 13.5%
Vinifikation: 6 Monate in amerikanischen und französischen Barriques
Passt zu: Vorspeisen wie Hauspastete oder Wildterrinen, dunklem Geflügel, Steakvarianten, grilliertem Fleisch, Halbhart- und Hartkäsen.
Preis: CHF 16.50 (EUR 13.69)
Hier bestellen: Flaschenpost


Aconcagua, Chile
StefanOlivierMartin

Das Weinetikett
Das Gold, die Schriften und das Bild des Weinguts – es verleitet zu denken: dies muss ein edler Tropfen mit Klasse sein.

Würde ich ihn anhand der Etikette im Regal auswählen
Kaufen würde ich ihn anhand der Etikette aber nicht, er hebt sich zu wenig von der Masse ab.

Preisschätzung beim Blindtest
CHF 14.- (EUR 11.60)

Charakter des Weins – in Form einer Landschaft beschrieben
Vor mir schlängelt sich ein kurviger Waldweg durch einen Nadelwald. Der Wald ist dicht und doch nicht dunkel, denn an einigen Stellen schafft es die Sonne, dass ihre Strahlen durchs Dickicht hindurchdringen und die Erde küssen kann.

Bewertung Geschmack
6 von 10 Sternen

Bewertung Preis-Leistungsverhältnis
1. Platz dieser 3 Weine

Das Weinetikett
Das Bild des Weinguts vermittelt mir Authentizität: Ich sehe, wo der Wein herkommt. In Gedanken befinde ich mich da schon fast auf dem Weingut, irgendwo in den hügligen Landschaften am Fusse des Aconcagua, dem höchsten Berg in Südamerika und lasse mich vom Herrn des Hauses durch seine Reben führen. Weiter finde ich auf der Etikette wissenswerte Informationen: Gewinner – Wein in Chile 2012. Doch irgendwann verliere ich mich dermassen in all den vielen Informationen, dass das Kosten des Weins schon fast in Vergessenheit gerät. Etwas weniger wäre hier mehr gewesen.

Würde ich ihn anhand der Etikette im Regal auswählen
An einem Wein mit dieser Etikette könnte ich nicht einfach vorbeigehen.

Preisschätzung beim Blindtest
CHF 20.- (EUR 16.60)

Charakter des Weins – in Form einer Landschaft beschrieben
Südhang: die Sonne scheint und es ist heiss. Ein breiter Fluss schlängelt sich um einen Berg. Die Vögel gleiten, ohne Flügelschlag, mit dem Wind mit und die Blätter in den Reben rascheln kaum hörbar.

Bewertung Geschmack
5 von 10 Sternen

Bewertung Preis-Leistungsverhältnis
1. Platz dieser 3 Weine

Das Weinetikett
Schnarch, schnarch, wollen die mich eigentlich gleich im Supermarkt einschläfern? Der Kreativdirektor dieses Weinguts beschäftigt sich wohl lieber mit dem Wein selber als mit dessen Etikette. Da geht es mir nicht anders, auch ich setzte mich lieber mit den Ecken und Kanten des Weins auseinander, als mit einer derart optisch überladenen Etikette. Mein Urteil ist vernichtend: langweilig, tausendfach gesehen, grauenhaft.

Würde ich ihn anhand der Etikette im Regal auswählen
Nein, mit goldigen, geschwungenen Schriften bezirzt mich keiner.

Preisschätzung beim Blindtest
Hatte bei den Preisen bereits Insiderwissen. Der Errazurizn mundete mir aber beim Blindtest am zweitbesten.

Charakter des Weins – in Form einer Landschaft beschrieben
Ich hebe mein Fuss, gehe durch die enge Felsspalte hindurch und vor mir öffnet sich eine riesige Höhle. Hier drinnen ist alles von Kerzen beleuchtet. Hier spürt man Wärme und Geborgenheit und möchte nie mehr weg.

Bewertung Geschmack
9 von 10 Sternen

Bewertung Preis-Leistungsverhältnis
1. Platz dieser 3 Weine

 

3 | Director’s Cut Zinfandel 2011

Jahrgang: 2011
Produzent: Francis Ford Coppola Winery
Herkunft: Kalifornien, USA
Traubensorten: Zinfandel
Vol.: 14.4%
Vinifikation: Die handgelesenen und -gesönderten Trauben werden in oben offenen Gärbottichen vergoren und mehrmals täglich zur Extraktion von Farbe und Aromen über den Tresterhut gezogen. Vierzehnmonatiger Ausbau in französischen Eichenbarriques (50 % neu).
Passt zu: Trockenfleisch, Wildpastete, rotes gegrilltes Fleisch, Lammgigot, Rind Stroganoff, Wildgerichte, milder Weichkäse.
Preis: CHF 28.50 (EUR 23.64)
Hier bestellen: Flaschenpost


Geyserville, Kalifornien
StefanOlivierMartin

Das Weinetikett
Ausgefallene Gestaltung. Wobei mir das Gesamtkonzept als zu verspielt rüberkommt. Da wurde mit „Speziellem“ etwas übertrieben.

Würde ich ihn anhand der Etikette im Regal auswählen
Wahrscheinlich ja, aus reiner Neugierde.

Preisschätzung beim Blindtest
CHF 15.- (EUR 12.45)

Charakter des Weins – in Form einer Landschaft beschrieben
Vor mir liegt eine offene, grüne und hügelige Landschaft durch die sich ein schmaler Fluss seinen Weg bahnt.

Bewertung Geschmack
8 von 10 Sternen

Bewertung Preis-Leistungsverhältnis
3. Platz dieser 3 Weine

Das Weinetikett
Kindisch – derart verspielt, dass es billig aussieht.

Würde ich ihn anhand der Etikette im Regal auswählen
Nein, ich würde ihn schlichtweg nicht ernst nehmen.

Preisschätzung beim Blindtest
CHF 17.- (EUR 14.10)

Charakter des Weins – in Form einer Landschaft beschrieben
Ich stehe inmitten einer kahlen Landschaft, kein Baum ist zu sehen, dafür eine bunte Blumenwiese. Weit hinten steht eine alte, verlotterte Holzhütte. Ich begebe mich dahin, öffne ihre Türen. Auf einmal bläst mir ein starker Wind entgegen. Ich warte und nur kurz danach scheinen die ersten Sonnenstrahlen durch die Fenster ins Innere – es entsteht ein verspieltes, faszinierendes Bild.

Bewertung Geschmack
7 von 10 Sternen

Bewertung Preis-Leistungsverhältnis
3. Platz dieser 3 Weine

Das Weinetikett
Endlich mal eine Flasche, die sich von den anderen abhebt. Da wurde etwas überlegt, da waren Künstler am Werk. Das beste aber: Diese Flasche schaut man zweimal an und hat man Gäste, regt diese Etikette bestimmt ein Gespräch an.

Würde ich ihn anhand der Etikette im Regal auswählen
Diese Flasche wäre anhand der Etikette schneller in meinem Einkaufswagen, als Lucky Luke seinen Colt ziehen kann.

Preisschätzung beim Blindtest
Hatte bei den Preisen bereits Insiderwissen. Der Director’s Cut mundete mir aber beim Blindtest am wenigsten.

Charakter des Weins – in Form einer Landschaft beschrieben
Ich bin gleich mitten in den Kalifornischen Redwoods, Riesige, dominante Bäume ragen hoch bis zum Himmelsdach – gigantisch. Und doch ist der Wald nicht dunkel, überall sind kleine Lichtungen zu sehen, die zum Verweilen einladen.

Bewertung Geschmack
8 von 10 Sternen

Bewertung Preis-Leistungsverhältnis
3. Platz dieser 3 Weine

Abschliessende Worte

Anzumerken ist, dass sich die Weine während der Dauer der Degustation nochmals stark veränderten. Das abschliessende Urteil war relativ klar: Der Kaiken verlor an seinen wenigen Anhängern, während der Director’s Cut am Schluss einen kleinen, aber prominenten Fanclub hatte. Am meisten begeisterte aber der Errázuriz, für den Preis ein Topwein. Den würden wir auch für einen einfachen Pasta-Abend unter der Woche öffnen – ohne gleich zu tief ins Portemonnaie greifen zu müssen.