Text Martin Hoch
In Costa Rica begann alles. Hier entdeckten wir das Reisen. Ohne das Zentralamerikanische Naturparadies gäbe es GlobeSession heute wohl kaum. In der Ferne waren wir vor unserem Costa Rica Trip auch schon, aber hier bereisten wir erstmals ein Land individuell – auf eigene Faust. Ich kann mich noch haargenau an den einen Moment erinnern. Wir waren im Süden Costa Ricas an der Ostküste unterwegs. In einem von Einheimischen komplett überfüllten Bus schauten wir uns gegenseitig an, beide hatten wir den gleichen Gedanken: Davon wollen wir mehr! Wir waren orientierungslos und auf die Hilfe der Ticos angewiesen: Wo bitte müssen wir aussteigen? Offizielle Bushaltestellen gab es hier nicht. Wir hörten eine fremde Sprache, rochen exotische Düfte – die einen besser, die anderen gewöhnungsbedürftiger – und erlebten eine Welt, fernab der unseren, realisierten, dass Zentraleuropa nicht der einzige Kosmos ist. Ein Gedanke begann zu wachsen und treibt uns bis heute an: Raus in die Welt, rein ins Leben!

Deshalb ist es uns eine grosse Ehre, dass wir hier ein Interview mit der Schweizer Botschafterin in Costa Rica, Yasmine Chatila Zwahlen, publizieren dürfen.


Costa Rica

Costa Rica liegt zwischen zwei Ozeanen.

GS: Costa Rica wird als „die Schweiz Zentralamerikas“ bezeichnet – woher stammt dieser Vergleich?

Yasmine Chatila Zwahlen: In einem sehr populären Volkslied heisst es im Refrain: „Por ser tan linda Costa Rica la llaman la Suiza Centroamericana! Tan linda es mi Costa Rica!” Der Vergleich ist also zunächst eine Ode an die Naturschönheiten Costa Ricas: Die hohen Berge, rauschenden Wasserfälle und das viele satte Grün seiner Regenwälder, die ans Emmental erinnernden Hügel mit grasenden Kühen – all dies scheint die Ticos, die ja zum grossen Teil von europäischen Einwanderern abstammen, an die Schweiz zu erinnern. Soweit die Folklore.

Oft höre ich aber, Costa Rica werde wegen seiner Neutralitätspolitik die Schweiz Zentralamerikas genannt. Mir selbst fallen immer wieder Parallelen auf: Hohe Lebenserwartung, im regionalen Vergleich hoher Wohlstand, exportorientierte Wirtschaft. Eine Parallele ist auch die zentrale Lage, die Natur, Kultur und Gesellschaft prägen: Die Entwicklung der Schweiz im Herzen Europas war stark geprägt durch die Alpenpässe, die Nord- und Südeuropa miteinander verbanden, Kultur- und Wirtschaftsaustausch erst möglich machten. Costa Rica seinerseits liegt auf der Landenge zwischen zwei Ozeanen und auf dem Durchgang zwischen den riesigen Landmassen Nord- und Südamerikas. Diese doppelt periphere Lage macht Costa Rica gleichzeitig zum Nadelöhr für Migration aller Arten.

GS: Costa Rica hat kein Militär. Es heisst, das Geld werde stattdessen für Bildungs- und Gesundheitsprogramme ausgegeben. Ist das Bildungs- und Gesundheitssystem in Costa Rica im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern fortschrittlicher?

Yasmine Chatila Zwahlen: Anstatt der in Lateinamerika oft üblichen Militärparade gibt es hier am Nationalfeiertag in allen Städten und Dörfern bunte „Paraden“ der Schulkinder mit ihren Lehrerinnen, die singen, tanzen und Fahnen schwenken. Costa Rica ist zu Recht stolz auf seine hohe Alphabetisierungsrate von über 96%. Doch stehen heute im öffentlichen Bildungssystem verschiedene dringende Reformprojekte an. Wie anderswo in Lateinamerika traut die vermögende Gesellschaftsschicht dem eigenen öffentlichen Bildungssystem nicht so recht und schickt ihre Kinder in teure Privatschulen. Zu viele Jugendliche scheiden ohne Abschluss aus der Schule aus und geraten so in die Spirale von Arbeitslosigkeit, Armut, Drogenabhängigkeit, Kriminalität. Es ist interessant, dass sich Costa Rica für unser erfolgreiches Modell der dualen Berufsausbildung interessiert. Das öffentliche Gesundheitssystem ist gut entwickelt, doch befindet sich die staatliche Kranken- und Sozialversicherungskasse in einer finanziellen Krise, und in den staatlichen Krankenhäusern müssen die Versicherten oft grotesk lange auf eine Operation oder Behandlung warten.

Übrigens: Ab den 1890er Jahren spielten mehrere Schweizer Auswanderer auch eine wichtige Rolle bei der damaligen Reform des Bildungswesens: Henri Pittier (geboren 1857 in Bex; gestorben1950 in Caracas) war ein Schweizer Naturforscher, der die entscheidenden Jahre seiner Karriere in Costa Rica forschte. Pittier („der Schweizer Humboldt“) gilt in Costa Rica als Wegbereiter des modernen costa-ricanischen Bildungswesens, als Begründer des Nationalmuseums und der Geografischen Gesellschaft Costa Ricas.

GS: Ein Land ohne Militär ist für einige eine beängstigende Vorstellung. Wie funktioniert das in Costa Rica und wäre es gar ein Modell für die Schweiz?

Yasmine Chatila Zwahlen: Heute wird der Grenzschutz von der Fuerza Pública wahrgenommen, die auch für die innere Sicherheit zuständig ist. Costa Rica verfolgt eine aktive Friedenspolitik. Der frühere Staatspräsident Costa Ricas, Oscar Arias, erhielt für seinen Beitrag zur Beendigung der blutigen Kriege in Zentralamerika 1987 den Friedensnobelpreis. Auch multilateral ist das Land ein Verfechter der menschlichen Sicherheit. Jüngstes Beispiel: Costa Rica setzte sich erfolgreich für ein weltweites Abkommen zur Kontrolle des Waffenhandels (Arms Trade Treaty) ein. Die regionale Sicherheitszusammenarbeit in Zentralamerika ist auch ein wichtiges Thema: Die Länder der Region verstärken ihre Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des grenzüberschreitenden organisierten Verbrechens, des Drogen-, Waffen- und Menschenhandels (v.a. Frauen- und Kinderhandel). Die Polizeikräfte sind dabei auf internationale Unterstützung angewiesen.
Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Nein, ich glaube nicht, dass Costa Rica in diesem Bereich als Modell für die Schweiz dienen kann. Zu unterschiedlich sind die historische Entwicklung, die geopolitische Einbettung und die Art der Herausforderungen an die Sicherheitspolitik der jeweiligen Länder.

Costa Rica verfolgt eine aktive Friedenspolitik.

Wir lernen täglich voneinander.

GS: Was könnten andere Länder von Costa Rica lernen?

Yasmine Chatila Zwahlen: Die konsequente Schutzpolitik, um die unglaubliche Biodiversität zu schützen und nachhaltig zu nutzen: 27% des nationalen Territoriums stehen unter Naturschutz. Das ist eine Errungenschaft.

GS: … und wo sind wir Schweizer Costa Rica ein Vorbild?

Yasmine Chatila Zwahlen: Die reibungslos funktionierende öffentliche Verwaltung, der perfekte öffentliche Verkehr, das gilt Costa-Ricanern, die in die Schweiz gereist sind, als vorbildlich. Ausserdem bewundern viele meiner Gesprächspartner hier in Costa Rica die direkte Demokratie in der Schweiz, die der Bevölkerung viel Verantwortung und Macht gibt.

Aber wissen Sie, wir lernen täglich voneinander. In vielen Bereichen wie dem Einsatz für Menschenrechte und Frieden oder dem Kampf gegen Klimawandel sind die Schweiz und Costa Rica gleichgesinnt. Wir arbeiten beispielsweise im Rahmen der UNO eng zusammen und setzen uns für die gemeinsamen Werte ein.

GS: Wenn Sie Ruhe und Erholung brauchen, welchen Flecken in Costa Rica suchen Sie auf?

Yasmine Chatila Zwahlen: Da gibt es einige menschenleere Strände, wo man im Schatten der Kokospalmen in Ruhe lesen oder ausruhen kann. Auch wenn die Atlantikküste schön ist, bevorzuge ich persönlich die rauen, wilden Strände auf der Pazifikseite.

GS: Und wenn Sie Aktivität und Abwechslung wollen?

Yasmine Chatila Zwahlen: Dann fahre ich mit meiner Familie in eines der Naturschutzgebiete, am liebsten in den Regenwald, um zwischen den Baumriesen zu wandern und Tiere zu beobachten.

GS: Im Nachbarland Nicaragua gibt es viel Gewalt und Verbrechen. Ist Kriminalität in Costa Rica auch ein Thema?

Yasmine Chatila Zwahlen: Wir beurteilen die öffentliche Sicherheit in Nicaragua und Costa Rica ähnlich. Die Sicherheit in einem Land kann sich unter dem Einfluss politischer oder gesellschaftlicher Entwicklungen schnell ändern. Vor einer Reise muss man sich gut informieren, auch die Reisehinweise des EDA konsultieren. Was Costa Rica betrifft, so ist zwar in den letzten Jahren die Mordrate gesunken, aber andererseits sind Überfälle und Einbrüche keine Seltenheit. Die Kriminalitätsmuster sind sehr orts- und gesellschaftsspezifisch, das heisst es gibt z.B. sichere und gefährliche Quartiere. Ich selbst fühle mich hier sicher, halte mich aber strikt an die Sicherheitsregeln, wie sie auch bei unseren Reisehinweisen aufgeführt werden.

GS: Nützt oder schadet der Tourismus Costa Rica? Profitieren nur Grossanbieter vom Tourismus oder hat die lokale Bevölkerung auch etwas davon?

Yasmine Chatila Zwahlen: Costa Rica war meines Wissens das erste Land, das den Öko-Tourismus als Nische konsequent vermarktet hat. Der Erfolg dieses Konzepts war ein wichtiger Motor für den Umweltschutz im Allgemeinen. Die Anbieter sind häufig kleine, individuelle Hotels – einige davon auch in Schweizer Hand – , die lokal einkaufen, lokales Personal ausbilden und beschäftigen, schonend mit Ressourcen umgehen. Davon profitiert die lokale Bevölkerung. Natürlich gibt es in gewissen Gegenden auch grosse all-inclusive-Hotels, die einem konventionelleren Geschäftsmodell folgen. Die Einnahmen aus dem Tourismus übertreffen längst jene der traditionellen Exportprodukte Kaffee, Bananen und Ananas zusammen.

GS: Zum Schluss – was ist Ihr Lieblingsort in Costa Rica?

Yasmine Chatila Zwahlen: Ich entdecke immer wieder einen neuen Lieblingsort! Zur Zeit ist es die Halbinsel Osa, ein weitgehend unbewohntes Naturparadies, das so abgelegen ist, dass nur wenige Touristen Zeit haben, es aufzusuchen.

GS: Besten Dank.

Ich entdecke immer wieder einen neuen Lieblingsort!