Text und Bild Samuel und Flurina

Alaska – eine Reise ins Ungewisse beginnt

Wir sitzen auf unseren Fahrrädern, die weiten Wälder Alaskas ziehen an uns vorbei und langsam wird uns klar, dass wir innerhalb einer Woche unser Leben auf den Kopf gestellt haben. Ein Jahr vorher entschieden wir uns den Schritt zu wagen, per Juni 2013 unsere Arbeitsstellen zu kündigen und unsere komfortable Lebenssituation in der Schweiz aufzugeben. Inspiriert von einem Reiseartikel wählten wir drei Monate vor Reisebeginn das Fahrrad als Transportmittel. Mit einer kurzen Fahrt um die Thuner- und Brienzerseen im Berner Oberland testeten wir unsere Ausrüstung. Nicht wissend auf was wir uns einlassen, räumten wir in der letzten Woche Mai unsere Wohnung und verabschiedeten uns am jeweiligen Arbeitsplatz. Wir hinterliessen unsere Freunde und Familien mit dem Hinweis, dass wir nach Alaska fliegen werden, um mit dem Fahrrad nach Süden, nach Feuerland, zu reisen. Niemandem, auch uns nicht, war damals bewusst, was das genau bedeutete.


Alaska, Samuel & Flurina

Schwarmweise attackierten sie uns.

Nach ein paar Tagen Eingewöhnungszeit in Anchorage, Alaska, wagten wir uns auf unsere Räder und fuhren los. Unser erstes Ziel war der nördlich gelegene Denali Nationalpark. Alaska zeigte sich in dieser Startphase von seiner schönsten Seite. Die Sonne stand hoch am Himmel und der schneebedeckte Mount McKinley zeigte sich, während wir entlang des Park Highways radelten, jeden Tag. In regelmässigen Abständen fanden wir wunderschöne Campingplätze in Naturparks. Alle waren bestens ausgestattet: mit Feuerstelle, Tisch, Bank und „Bärenbox“ zur sicheren Aufbewahrung der Nahrungsmittel vor Bären. Nach einer Woche erreichten wir den Denali Nationalpark. Mit der Erlaubnis im Park eine Nacht wild zu campieren, fuhren wir mit dem Bus zum letzten Campingplatz am Ende der Strasse. Danach fuhren wir während zweier Tage mit dem Rad zum Parkeingang zurück. Mehr als die Wanderung vom Zelt zur Toilette war praktisch unmöglich. Grund dafür waren die unzähligen Mücken. In riesigen Schwärmen attackierten sie uns, sobald wir das Zelt verliessen. Die Fahrt durch den Park war atemberaubend. Die Sonne beleuchtete die verschiedenen Landschaften mit bestechenden Farben und immer wieder beeindruckte uns der gewaltige Mount McKinley.

Unser erstes „Wildcamp“ im Nationalpark aufzuschlagen, war wohl etwas übermütig. Auf einer Anhöhe, neben einem kleinen Bach, installierten wir uns. Uns war etwas mulmig zumute, inmitten dieses „Bärenparks“ zu schlafen. Um 5 Uhr morgens brachen wir unser Zelt ab, mehr als zu dösen schafften wir nicht. Mangels Erfahrung hatten wir bereits um die Mittagszeit keine Esswaren mehr in der Tasche. Uns blieb nichts anderes übrig als auf einem Campingplatz Touristen um Essen zu bitten. Was wir gelernt haben: Fahrradfahren macht hungrig! Mit einem Sonnenbrand und leeren Taschen erreichten wir schlussendlich den Parkeingang.

Mehr als zu dösen schafften wir nicht.

… vorbei an klaren, kühlen Flüssen und Seen.

Auf dem Denali Highway von Cantwell nach Paxson wagten wir uns das erste Mal für drei Tage auf eine einsame Piste ohne Verpflegungsmöglichkeiten. Voll beladen fuhren wir durch wilde Landschaften, vorbei an klaren, kühlen Flüssen und Seen. Ab und zu liessen sich auch einige Tiere in der Ferne blicken. Noch immer hatten wir keine direkte Bärenbegegnung gehabt, was uns zugegeben auch etwas lieber war. Unsere Karte zeigte den Ort Paxson am Ende des Denali Highways und wir freuten uns auf etwas Zivilisation. Leider stellte sich heraus, dass es hier nichts weiter gab, als eine geschlossenen Tankstelle und eine Lodge. Delta Junction, der nächste grössere Ort, war weitere zwei Fahrtage entfernt.

Kanada – im Land der Bären

Einen Tag nach dem wir die Grenze zu Kanada überquerten, war es soweit: „Sam, Sam, Sam“, ertönte der Schrei von Flurina, als wir gerade eine kleine Abfahrt zur nächsten Brücke runter sausten. Sam realisierte nicht was passierte und fuhr einfach weiter: „Ein Bär!“ Gerade rechtzeitig lenkte Sam sein Fahrrad ein wenig nach links, und schrammte knapp an einem braunen Grizzlybär vorbei. Unser erster Bär! Ein Blick zurück in die Augen des Bären jagte uns einen gewaltigen Schrecken ein. Der Grizzlybär drehte sich locker um und widmete sich wieder den roten Beeren. Wir konnten es uns nicht verkneifen, in sicherem Abstand noch ein paar Bilder zu schiessen.

… und schrammte knapp an einem braunen Grizzlybär vorbei.

Das reduzierte die „Bärenangst“ gewaltig.

Danach mussten wir uns erst mal hinsetzten und den Schock verdauen. Später auf dem Cassiar Highway begegneten wir noch vielen Schwarzbären, die meist friedlich am Strassenrand sassen, frassen und uns keine grosse Aufmerksamkeit schenkten. Die Erkenntnis, dass der Bär nicht im Gebüsch lauert um Fahrradfahrer anzufallen, reduzierte die „Bärenangst“ gewaltig. Die letzten Bären in Nordamerika sichteten wir in Kalifornien im Redwood Nationalpark.

Nach den einsamen Gegenden im Yukon (Kanada), durchquerten wir den zweiten Staat, genannt British Colombia, auf dem 725 km langen Stewart-Cassiar Highway. Dieser Highway führte uns grösstenteils durch eine unbewohnte Gegend mit wunderschönen Wäldern und Seen. Die Übernachtungs- und Verpflegungsplätze entlang des Cassiars sind Mangelware. Wir haben auf Campingplätzen, in einem Schulbus, einer Jade-Mine und wild übernachtet. Einen sehr schönen Campingplatz fanden wir am Kinaske Lake. Ein ruhiger Fleck, das Zelt direkt am See, dazu war es für Fahrradfahrer hier gratis. In Kitwanga, am Ende des Cassiar Highways angelangt, fuhren wir weiter flussabwärts entlang des Skeena-Rivers, bis hinunter nach Prince Rupert. Dort erwartete uns eine Fährenfahrt bei bestem Wetter durch die Inside-Passage nach Vancouver Island.

Wir übernachteten in einem Schulbus.

So klopften wir zwei Tage später an …

Auf Vancouver Island wurde die Fahrt zu einer Inseltour. Sie startete in den Regenwäldern ganz im Norden, in Port Hardy. Nach drei Tagen veränderte sich die Landschaft von dichtem Regenwald in eine zivilisierte Küstengegend. Wir mussten uns wieder daran gewöhnen alle 20 km einen Verpflegungs- oder Übernachtungsplatz zu finden. Auch auf dieser Strecke erlebten wir einmal mehr die super Gastfreundschaft der Kanadier. Auf einem Rastplatz trafen wir die Inselbewohner Gail und Wayne. Nach einem gemeinsamen Tee luden sie uns ein, auf dem Weg bei ihnen vorbei zu schauen. So klopften wir zwei Tage später an ihre Haustüre und wurden total verwöhnt. Eine weitere Fähre brachte uns dann von Nanaimo nach Vancouver. Die Grossstadt am Meer, mit den weissen Berggipfeln im Hintergrund, zeigte sich uns in herrlichem Sommerambiente. Da wir Freunde aus der Schweiz erwarteten, stellten wir unsere Fahrräder für einen Monat in den Keller und machten einen Roadtrip durch die Rocky Mountains.

USA – Entlang der Westküste

Schliesslich verliessen wir Kanada mit frischem Wind in den Segeln und freuten uns, nach einem Monat Pause, wieder auf der Strasse zu sein. Der berühmte Highway 101 ist bei Radfahrern sehr angesagt und dementsprechend wurde er uns von allen Seiten empfohlen.

Die Grenzformalitäten der USA zögerten sich, trotz US-Touristenvisa, bis zu einer Stunde heraus. Der Beamte glaubte uns einfach nicht, dass wir mit dem Fahrrad bis nach Mexiko wollen. Als uns die Argumente ausgingen, erzählten wir ihm noch beiläufig von unserem Blog buerkis.com. Dies war schlussendlich der ausschlaggebende Punkt, da er unsere ganze bisherige Reise online vor sich hatte. Diesen Stempel und die 6 Monate Aufenthaltsbewilligung waren nervenaufreibende Arbeit.

Der Beamte glaubte uns nicht.

An diesen Orten trifft man auf allerlei Radreisende.

Da wir uns die Städte Seattle und Portland nicht entgehen lassen wollten, trafen wir erst in Lincoln City auf die Küste Oregons, die als eine der schönsten an der Westküste gilt. In regelmässigen Abständen bieten Campingplätze spezielle Bereiche für Biker und Hiker für ca. CHF 5.00 pro Person und Nacht an. An diesen Orten trifft man auf allerlei Radreisende. Wobei anzumerken ist, dass diese Plätze auch einigen Obdachlosen als günstige Unterkunft dienen. Die Woche an der Küste Oregons brachte wettermässig ziemlich herbstliche Züge mit sich. Bei Sonnenschein kamen die riesigen Felsblöcke im Meer super gut zur Geltung. Bei Nebel schien die Küste eher mystisch und etwas unheimlich. Nach gesamthaft 5’000 km mussten wir dann den allerersten Platten flicken.

Nach Crescent City passierten wir die Grenze zum Staat Kalifornien. Im nassen Norden fuhren wir durch den Redwood Nationalpark sowie durch die „Avenue der Giganten“, die links und rechts von Redwoods, einer sehr grossen Baumsorte, umgeben ist. Die Bäume haben teils so dicke Stämme, dass man mit dem Auto beziehungsweise mit dem Velo durchfahren kann. Einmal aus dem Wald raus, erreichten wir nach einer guten Steigung und rasanter Abfahrt wieder das Meer. Entlang der Küste radelten wir auf San Francisco zu. Eines Morgens auf dem Campingplatz staunten wir nicht schlecht, als wir unsere Essenstasche leer, besser ausgedrückt, in miserablen Zustand, vorfanden. Einige Waschbären haben sich ein Festmahl mit unseren Lebensmitteln gemacht. In der Nacht sind die Viecher auf unsere Velos geklettert, haben die Holz-Lebensmittelbox, in der unsere Essenstasche war, aufgemacht und unser Frühstück (4 Bagels, 4 Eier inkl. Karton, 2 Bananen und alle Cookies) verspeist. In Kalifornien heisst es deshalb: „Aufgepasst Waschbären“. Der Himmel war, untypisch kalifornisch, dunkel und die Regenschleusen wollten sich nicht so recht schliessen. Wir strandeten in Fort Ross, wo uns der pensionierte Feuerwehrmann Tony seine Hilfe anbot. Er besitzt ein Ferienhaus um die Ecke und schlug vor, dass wir dort die Nacht verbringen sollten. Dieses Angebot nahmen wir dankend an und setzten uns sogleich in den warmen Jacuzzi auf dem Balkon. Tony liess uns sogar noch die Resten des Sonntagsbraten zum Abendessen da. Das nennen wir amerikanische Gastfreundschaft.

Einige Waschbären haben sich ein Festmahl gemacht.

Wir bereiteten uns auf den grössten Kulturschock unserer Reise vor.

Die Golden Gate Bridge war ein Meilenstein auf unserem Weg in den Süden. Wir fuhren auf der Panoramaroute hoch zur «Golden Gate Recreation National Area». Wegen dem Shutdown der amerikanischen Regierung war die Strasse gesperrt und oben angekommen, waren wir praktisch alleine. Die Aussicht auf die Brücke, Alcatraz und die Stadt war super. Diese Brücke kreiste schon in unseren Köpfen seit wir in Alaska losgefahren sind. Ein unbeschreibliches Gefühl endlich hier angekommen zu sein. So liessen wir diesen Moment auf uns wirken. In der Stadt logierten wir bei John, der uns in seiner Wohnung im Haight-Ashbury Quartier empfing. Auf dem Programm standen Erholung, Aufbesserung des Equipments (neue Daunenschlafsäcke, neues Zelt) sowie Sightseeing.

Unsere Vorstellung von Kalifornien war schöne Strände, die Sonne hoch am Himmel und Surfer auf der perfekten Welle. Dies waren dann auch die Sehenswürdigkeiten entlang des Highway One bis runter nach San Diego. Die grösste Herausforderung war Los Angeles mit den Fahrrädern zu durchqueren. Teilweise fuhren wir direkt auf dem Strandweg, mitten durch den Sandstrand, teils waren wir auf vierspurigen Highways mit viel Stadtverkehr unterwegs. Ende Oktober kamen wir schliesslich in San Diego an. Wir liessen uns einige Zeit, um uns auf Mexiko, den grössten Kulturschock unserer Reise, vorzubereiten.

Mexico – Eine neue Welt wartet auf uns

Schon von weitem sahen wir die Mauer, die San Diego und Tijuana, beziehungsweise die USA von Mexiko trennt. Dank GPS fanden wir einen ziemlich ruhigen Weg bis zur Grenze. Letztendlich haben wir das Fahrrad, immer mit dem Fussgängerstrom mitlaufend, geschoben. Wir passierten das Drehrad, das uns in die Welt Lateinamerikas eintreten liess. Unsere wenigen Brocken Spanisch reichten aus, um an der Grenze ein sechs Monate gültiges Visa zu erhalten. Nur nichts bar bezahlen, wurde uns eingeschärft; die Touristensteuer beglichen wir im Nachhinein bei der Bank.

Wir traten ein in die Welt Lateinamerikas.

… sie schmecken herrlich!

Von Tijuana nach Ensenada fuhren wir durch eine schöne und ruhige Gegend. In Ensenada verbrachten wir einige Tage mit unserem mexikanischen Gastgeber Felipe sowie mit weiteren Radfahrern. Gemeinsam testeten wir die mexikanische Küche. Auf Baja California besonders bekannt sind Fish Tacos – sie schmecken herrlich! Die Weiterfahrt auf der 1’200 Kilometer langen Halbinsel nahmen wir zu viert, zusammen mit einem portugiesischen Radfahrerpaar, in Angriff.

Nach ein paar Tagen Fahrt stoppten wir im Haus von Gabino und Lupita. Sie ist Krankenschwester im örtlichen Spital. Zum Glück, denn die erste „Turista“ hat sich dort mit einem Schlag angekündigt. Sam fand seine Frau bewusstlos auf dem Badezimmerboden vor. Dank der schnellen Hilfe Lupitas, ein paar Medikamenten und der ärztlichen Untersuchung war Flurina nach ein paar Ruhetagen wieder auf dem Damm. Immer noch zu viert wagten wir uns in die Wüste „Desierto Central“. Links und rechts zogen die meterhohen Kakteen an uns vorbei. Wir entschieden uns eine Nacht die Zelte zwischen den Kakteen aufzuschlagen. Ein unvergessliches Erlebnis unter diesem klaren und schönen Sternenhimmel, im Schatten der grünen Kakteen, einzuschlafen. Mit der Überquerung des 28 Breitengrades liessen wir die Wüste hinter uns und erreichten den zweiten Staat: Baja California Sur.

Sam fand seine Frau bewusstlos vor.

Samuel-Flurina-PortraitFlurina (27) & Samuel (33)

buerkis.com

Die zwei Schweizer sind zur Zeit mit ihren Fahrrädern unterwegs: Von Alaska bis nach Feuerland. Ihr Lieblingsland, da sind sie sich einig, ist Mexiko. Samuel liebt das Leben – für ihn ist jeder Tag ein Geschenk und Flurinas Lebensmotto ist ein Psalm aus der Bibel: Überlass dem Herrn die Führung in deinem Leben; vertrau doch auf ihn, er macht es richtig!

Mit viel Mühe und starkem Gegenwind erreichten wir die Oase San Ignacio. Ein Ruhetag auf dem schönen Campingplatz, am Fluss unter den Dattelpalmen, bot sich an. Einige Fahrtage später campierten wir an der Bahia-Conception, berühmt für die weissen Sandstrände und den warmen Golf von Mexiko. In Loreto entschieden wir uns die Hauptstrasse zu verlassen und eine ca. 70 km lange Piste in Angriff zu nehmen. Nach einem anstrengenden Tag über Stock und Stein, durch Flüsse mit wenig und viel Wasser, schlugen wir müde und erschöpft unser Camp in einem verlassenen Haus direkt neben einem kleinen Laden auf. Danach waren noch 200 km und eine letze Durststrecke ohne Versorgungsmöglichkeit angesagt. In zwei langen Tagen, mit nicht gerade einfachen Windverhältnissen, erreichten wir die letzte Destination – La Paz. Danach ging es auf dem mexikanischen Festland weiter. Mehr dazu, werden wir Ihnen in der Edition 07 von GlobeSession erzählen.