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Text Martin Hoch, Bild Thierry Wilhelm
Thierry Wilhelm nahm uns auf GlobeSession bereits mit auf die Strassen Südamerikas und liess uns am Zauber des Orients teilhaben. In diesem GlobeSession Interview erzählt er uns mehr über seine Zeit in Asien. Wer bereits länger auf Reisen war, weiss, welche Gefahren der Verkehr in fernen Ländern mit sich bringt und, dass ein Lebenstraum innert kürzester Zeit zu einem persönlichen Albtraum werden kann. Wie Thierry die Strassen Asiens erlebte, wie er mit den Gefahren auf Reisen und der an vielen Orten präsenten Armut umgeht, erfahren Sie in diesem Artikel.


Indien

Es grenzt an ein Wunder, dass ich unfallfrei durch dieses Land gekommen bin … das heisst, fast …

GS: Auf deiner zweiten Etappe warst du tausende Kilometer auf den Strassen Indiens unterwegs. Ein ziemlich gefährliches Unterfangen. Wie sieht deine Unfallstatistik bis jetzt aus?

Thierry Wilhelm: Da sprichst du genau das richtige Land an, um das Thema Unfälle aufzugreifen. Ich war sechs Monate in Indien unterwegs und habe ca. 15‘000 km zurückgelegt. Der Verkehr in diesem Land ist teilweise der blanke Horror! Die Strasse scheint ein rechtsloser Raum zu sein, es gilt einzig und allein das Gesetz des Stärkeren. Es grenzt an ein Wunder, dass ich unfallfrei durch dieses Land gekommen bin. Das heisst, fast, denn am letzten Tag (!), auf dem Weg an die nepalesische Grenze fuhr mir ein kleines Motorrad in die Seite und riss mir die Tankseitentasche ab. Ein Lastwagen hielt auf seiner Spur an und wie immer in solchen Situationen, wird sofort auf die Gegenfahrbahn ausgewichen. Spielt doch keine Rolle, wenn Gegenverkehr kommt. Es geht immer um Zentimeter in Indien – und manchmal reicht es halt eben nicht. Ich konnte wie durch ein Wunder das Motorrad halten und fiel nicht hin, fuhr aber in einen kleinen Graben runter.

Ein weiterer, kleiner „Unfall“ geschah in Panama-City, als einer dieser total verrückten Busfahrer, die immer im Formel 1-Modus unterwegs sind, hinten auf mich auffuhr, weil er zu spät bremste. Ich hatte Glück, dass ich in der stehenden Kolonne genau zwischen zwei Autos stand und so mit dem Schupps nicht eingeklemmt wurde. So ging lediglich das Rücklicht kaputt und der Kofferträger verzog sich. Das waren die einzigen zwei kleinen Zwischenfälle mit Fremdeinwirkung. Überhaupt hatte ich bis jetzt auf der gesamten Reise enormes Glück. Natürlich hatte ich diverse Umfaller, sei es wegen Ausrutscher auf Schlammstrassen, Sandpassagen, tiefem Kies oder stark zerklüfteter Erdstrasse. Einmal fiel ich von einer ca. einen Meter hohen und wackeligen Bambusbrücke in Laos und landete kopfüber im Fluss weil ich das Gleichgewicht verlor. Tja, shit happens …

… und landete kopfüber im Fluss. Tja, shit happens.

GS: Ein schwerer Unfall und deine Unabhängigkeit, die Freiheit, einfach alles was du am Leben liebst, könnte vorbei sein – sitzt einem die Angst bei längeren Fahrten, wenn es regnet, der Verkehr hektisch ist oder man nachts unterwegs ist, manchmal im Nacken? Wie gehst du damit um?

Thierry Wilelm: Ja, das stimmt allerdings. Man macht sich schon ab und zu Gedanken dazu. Und zwar genau in diesen Situationen, die du beschrieben hast. Es gibt ja soooo viele Verrückte und Rücksichtslose auf der Strasse! Man muss immer und überall auf alles gefasst sein. Durch Routine und um Erfahrung lernt man natürlich alle potentiellen Gefahren rechtzeitig zu erfassen. Aber das geht nur, wenn man fit und wach ist. Deshalb achte ich darauf, dass ich rechtzeitig und genügend Pausen einlege. Manchmal breche ich Etappen ab, weil ich merke, dass ich an diesem Tag nicht gut drauf bin. Dann suche ich halt bereits um 14 Uhr eine Übernachtungsmöglichkeit und geniesse den restlichen Tag anstatt mich bis zum vorgenommenen Ziel durchzukämpfen. Morgen ist auch noch ein Tag, sage ich mir dann…

Morgen ist auch noch ein Tag, sage ich mir dann…

Es kam mir vor wie Krieg auf der Strasse.

Wie gehe ich damit um? Wenn solche negativen Gedanken oder gar Ängste in mir hochkommen, versuche ich mich jeweils sofort zu beruhigen und die negativen Gefühle ins Positive umzuwandeln. Das geht, indem ich mich an mein Fahrkönnen erinnere. Das heisst, ich versuche ein gutes Fahrgefühl aufkommen zu lassen, indem ich ganz bewusst fahre. Wie zum Beispiel die Kurven speziell schön zu fahren, sichere Überholmanöver vornehme oder im Gelände bewusst mit den Unebenheiten „spiele“. Das gibt ein gutes Gefühl und Selbstvertrauen. Überhaupt ist Selbstvertrauen ein ungemein wichtiges Element in schwierigen Verkehrssituationen. Ein Beispiel: In Indien, wo der Verkehr wirklich so was von verrückt und rücksichtslos ist, merkte ich, dass ich mich viel sicherer fühle, wenn ich noch ein bisschen verrückter fahre als die anderen. Klingt verrückt, nicht? Anfangs fuhr ich defensiv in der Mitte meiner Fahrbahn. Daraufhin wurde ich regelmässig von Autos, die einfach neben mich fuhren, rücksichtslos an den Strassenrand gedrängt. Wo, notabene, sich die Fussgänger, Fahrräder, Ochsenkarren usw., tummelten. Das war sehr gefährlich. Also fing ich an, mich in der Strassenmitte zu positionieren und mich breit zu machen, so dass kein Auto mehr auf meine Höhe kommen konnte. Und dann überholte ich bei jeder kleinsten Gelegenheit. Da ich mit dem Motorrad weniger Platz brauchte als ein Auto und die bessere Beschleunigung hatte, war ich von nun an der Schnellste und wurde nicht mehr überholt. Das war sehr oft sehr waghalsig, weil die Sicherheitsabstände in Indien eher in Zentimetern als in Metern gerechnet werden, aber doch sicherer als ständig zwischen Lastwagen, Autos und Strassenrand eingeklemmt zu werden. Es kam mir vor wie Krieg auf der Strasse.

Was mir auch hilft, ist an das Schicksal zu glauben und positiv zu denken. Ich bin fest davon überzeugt, dass es mir vergönnt ist, mir diesen Lebenstraum erfüllen zu dürfen. Wenn ich zurück denke, mit was für Widrigkeiten ich zu kämpfen hatte und wie lange es dauerte, bis ich endlich starten durfte, so kann es mir nur bestimmt sein, mein Ziel zu erreichen. Das gibt ein gutes Gefühl und hilft schwierige Momente zu meistern.

GS: Ein anderes Thema, das einen beim Reisen oft ziemlich herausfordern kann, ist die Armut, die in weiten Teilen dieser Erde herrscht. Einfach wegschauen ist auf lange Sicht schwierig. Überall helfen kann man jedoch genauso wenig. Wie gehst du damit um?

Thierry Wilhelm: Ja, das ist wahr, die Armut ist manchmal schon sehr beklemmend. Aber so krass es auch tönt, man gewöhnt sich auch in einem gewissen Masse daran. Nicht, dass es einen kalt lässt, aber man kann immer besser damit umgehen. Das Wichtigste, was man machen kann, ist die Menschen mit Respekt und Freundlichkeit zu behandeln. Denn wenn sie auch arm sind, so haben sie trotzdem ihren Stolz.

Denn wenn sie auch arm sind, so haben sie trotzdem ihren Stolz.

Das sind Geschichten, die das Herz öffnen und einen Glücklich machen.

Doch gibt es Situationen, wo man auch helfen kann. Dazu eine kleine Geschichte: So lernte ich in Indien eine Familie kennen, die traditionelle Lieder auf der Strasse spielte und sang. Das klang wunderbar und ich blieb stehen und lauschte der Musik. Als sie eine Pause einlegten sprach mich die 15-jährige Tochter in einfachem Englisch an und ich setzte mich zu ihnen. Sie bettelten mich nicht an, sondern waren sehr freundlich und lachten viel. Sie versuchten mir, ihre traditionellen Instrumente zu erklären und spielten ein Lied nur für mich. Nach einer Weile luden sie mich sogar zu sich nach Hause ein. Ich folgte ihnen durchs Dorf und nach einer Weile begann ich mich zu fragen, wo sie mich wohl hinführten, denn die letzten Häuser hatten wir bereits hinter uns gelassen. Da tauchte hinter einer Kuppe ein kleines Zeltlager auf. Ihre Sippe hauste dort unter primitivsten Umständen. Als die Frauen, die an diversen Feuern sassen und kochten, uns kommen sahen und dabei mich entdeckten, zogen sie rasch ihren Schleier über den Kopf. Es war kein undurchsichtiger Schleier wie bei den Moslems. Eigentlich nur ein Hauch von einem Schleier, vermutlich aus Seide. Man konnte das Gesicht trotzdem erahnen. Ich wurde herzlich willkommen geheissen und zum Essen eingeladen. Es gab Fladenbrot, Bohnen und Reis. Obwohl sie bitterarm waren, spürte ich, dass sie stolz waren mich als ihren Gast zu haben. Der Vater der Gruppe, die ich auf der Strasse kennenlernte, stellte mich stolz allen vor. Er zeigte mir sein Zelt, indem er, seine Frau, Tochter, Sohn und sogar seine Mutter schliefen. Es war unglaublich! Das „Zelt“ war eine alte, zerlöcherte Blache, die mit ein paar Stangen zu einem niedrigen Dreieck geformt wurde. Der Wind konnte ungehindert durch das Zelt blasen. Das war nun so ein Fall, wo ich helfen konnte und ich das von Herzen gern machte. Wir verabredeten uns am nächsten Tag und gingen zusammen auf den Markt. Dort kaufte ich ihnen eine neue, grössere Blache sowie ein paar neue Decken. Du hättest die Gesichter sehen sollen, als sie mit den neuen Sachen unter dem Arm wieder nach Hause liefen! Das sind Geschichten, die das Herz öffnen und einen Glücklich machen. Das ist die Art, wie ich gerne helfe.

Touratech Logo

Thierry Wilhelm wird auf seinen Motorradreisen von Touratech unterstützt.

Neue Ideen fürs Motorrad: Touratech ist die Schmiede innovativer Produkte für Reisen, Outdoor und Sport mit dem Motorrad. Seit über zwei Jahrzehnten werden von Motorrad-Enthusiasten der Touratech AG Hightech-Produkte auch für härteste Anforderungen entwickelt, produziert und weltweit auf den Markt gebracht. Firmensitz ist Niedereschach am Rande des Schwarzwalds; weltweit ist die Touratech AG in rund 40 Ländern vertreten.“