Sapa O Chau Hmong Sapa Vietnam

Text und Bild Fabienne Herzog
Im Norden Vietnams, nahe der Grenze zu China, liegt mitten in den Bergen und umsäumt von tausenden von Reisfeldern das idyllische Bergdorf Sapa. Sapas Umgebung wird von mehreren Bergstämmen bewohnt, die mit ihren traditionellen, farbenfrohen Kleidern das Dorf und sein Umland schmücken. Zu den bekanntesten Bergstämmen gehören die Red Dao, die Tay und die Hmong.

In dieser bezaubernden Gegend ergriff Shu Tan, eine junge, alleinstehende Mutter des Bergstammes der Hmong, die Initiative ihren Leuten zu helfen im Tourismussektor von Sapa Fuss zu fassen. Mit der Hilfe von vier australischen Touristen eröffnete sie das erste vom Bergstamm Hmong geführte Homestay und den ersten Hmong geführten Trekkingservice Sapas.

Shu Tan erkannte, dass sie durch den Tourismus zwar jungen Hmongs eine Arbeitsstelle im Tourismus verschaffen kann, damit aber ein anderes Problem noch nicht gelöst war: der Zugang zur Bildung. Vielen Kindern, die den Bergstämmen angehören, ist es heute noch nicht möglich die Schule zu besuchen. Sie müssen ihren Eltern zu Hause bei der Feldarbeit, beim Aufpassen auf die kleinen Geschwister oder beim Verkaufen von selbst hergestellter Ware helfen. Deshalb sind viele junge Strassenverkäufer und Touristenführer Analphabeten.


Sapa

Reklamieren ist hier ein Fremdwort.

Shu Tan eröffnete im Jahre 2010 eine Schule für die ethnischen Minderheiten. Die Schule „Sapa O’Chau“ hilft den Schülern bei der Eingliederung in die offizielle vietnamesische Schule und bildet eine Brücke zwischen der Grundschule und der Universität. Ausserdem unterstützt sie die Studenten bei der Suche nach einer Arbeitsstelle. Da die meisten Studenten später im Tourismussektor Sapas arbeiten wollen, bietet das Projekt „Sapa O’Chau“ mit seinem Trekkingservice, Homestay und eigenen Café eine vorteilhafte Kombination. Angestrebt wird jedoch das grosse Ziel, dass die neue Generation der Bergstämme landesweit auch in höheren Berufen Fuss fassen kann. Seit Januar 2012 wohnen 35 Jugendliche, im Alter zwischen 12 und 25 Jahren, im Sapa O’Chau Center, in dem sie auch unterrichtet werden.

Als Englischlehrerin darf ich zwei Wochen an dieser wundervollen Schule unterrichten und dadurch, dass ich mit den Studenten im Center wohne, lerne ich auch den Alltag dieser einzigartigen Jugendlichen kennen. Besonders beeindruckt mich ihre Selbständigkeit. Reklamieren oder unmotiviert mitanpacken ist hier ein Fremdwort. Es ist selbstverständlich, dass jeder mithilft und für sich und seine Mitstudenten sorgt. So bereiten sie in Gruppen täglich drei Mahlzeiten für alle Studenten zu. Nach dem Essen spülen sie das Geschirr und zusammen wird das Esszimmer sowie die Küche geputzt. Und ja, das Essen schmeckt jeweils köstlich! Bereits in der Morgendämmerung, noch bevor die Schule beginnt, waschen die Studenten ihre Wäsche von Hand und hängen sie draussen im kalten Wind auf. Danach arbeiten sie bis zum Unterrichtsbeginn an komplexen Stickereien, die sie später ihren Müttern zum Verarbeiten mit nach Hause bringen.

Der Englischunterricht dauert täglich vier Stunden. Anfangs vergeht eine Weile bis die Studenten mir gegenüber ihre Schüchternheit ablegen. Was auch verständlich ist, da alle zwei bis drei Wochen die ehrenamtlich arbeitenden Lehrpersonen wechseln. Die Jugendlichen sind für jedes neu erlernte Spiel und Lied dankbar, versuchen die grammatischen Themen zu verinnerlichen und lesen mit Eifer die englischen Texte laut mit, um ihre Aussprache zu verbessern. Den meisten ist klar, dass ein gutes Englisch über ihre Zukunft entscheidet. Nicht zu vergessen ist, dass die Mehrheit der Studenten den Black Hmong angehören und daher mit der Sprache „Hmong“ aufgewachsen sind. Um den im Geschäftsleben relevanten Vietnamesisch und Englisch Herr zu werden, büffeln sie hart und erhöhen damit ihre Chance auf einen erfolgreichen Schulabschluss und somit auf eine Arbeitsstelle.

Da ich zu Hause in der Schweiz als Grundschullehrerin tätig bin, ist es eine grosse Bereicherung, eine ganz andere Schulkultur kennen zu lernen. Es ist spannend die Parallelen wie auch die Unterschiede auf mich wirken zu lassen. Es scheint auch hier nicht anders zu sein, dass trockene Grammatiksequenzen nicht den gleichen Anklang finden wie Spiele. Ebenso ist auch in dieser Schule das Handy eine sehr beliebte Ablenkung.

Inzwischen zieren auch in dieser abgelegenen Bergregion Satellitenschüsseln beinahe jedes Haus. Dennoch ist es schön für mich zu sehen, dass die Pubertät hier viel feiner und dezenter Einzug hält. Ob es daran liegt, dass die Jugendlichen hier mehr auf sich alleine gestellt sind und bereits früh Verantwortung übernehmen müssen? Von der Schule angestellt ist lediglich ein 26-jähriger Vietnamese, der im Center wohnt und für Ruhe und Ordnung sorgt. Es ist für mich eindrücklich, dass diese Gemeinschaft derart reibungslos funktioniert! Was mir während diesen zwei Wochen am meisten auffällt, ist der Friede, der diese Jugendlichen umgibt. Nicht ein Mal habe ich hier einen Streit miterlebt. Egal ob einer in der Warteschlange bei der Essensausgabe vordrängelt oder einen besetzten Platz wegschnappt, der Betroffene akzeptiert es diskussionslos. Diese Jugendlichen haben einen grossen Respekt voreinander und tragen alle eine Herzlichkeit und positive Wärme in sich, die für mich sehr berührend und bereichernd ist.

Ob es daran liegt, dass die Jugendlichen hier mehr auf sich alleine gestellt sind und bereits früh Verantwortung übernehmen müssen?

Fabienne Herzog PortraitFabienne Herzog (29)

www.luckytravellers.com

Ich ziehe meinen Hut vor den Jugendlichen der Sapa O’Chau Schule, für die lebenswichtigen Werte, die sie in sich tragen und für alles, was sie täglich leisten. Ebenfalls bewundere ich mit welchem Engagement die Helfer für die Sapa O’Chau Organisation arbeiten, täglich Spenden sammeln und neue Projekte auf die Beine stellen, um den Bergstämmen ein besseres Leben zu ermöglichen.

Falls auch SIE ein Teil dieses Projekts, das noch in den Kinderschuhen steckt, werden möchten, können Sie auf der Website der Sapa O’Chau Organisation mehr über das Projekt und die Volunteerarbeit erfahren. Oder wenden Sie sich doch einfach per Mail an volunteers@sapaochau.org. Jede Hilfe ist willkommen! Falls Sie selber keine Möglichkeit haben das Projekt als Volunteer zu unterstützen, aber denoch helfen wollen, finden Sie auf der Website weitere Wege, um der Organisation zu helfen.

O’Chau („Danke“ auf Hmong) an alle, die künftig Ihre Kraft in dieses Projekt stecken,

Ihre Fabienne