Text und Bild Martin Hoch
Rio de Janeiro, die Stadt, die alles ist und nichts. Eine Metropole des Glamours. Ein Sumpf der Kriminalität. Ein Ort des Entzückens. Ein Monster am Abgrund. Die Perle Brasiliens und ein grausiger Stadtdschungel. Rio de Janeiro ist nicht im klassischen Sinne schön. Vergiss das. Eine Weltstadt? Nicht so richtig und gleichzeitig verkörpert sie genau das. Ganz ehrlich? Rio ist komplett abgefuckt, aber darin wahnsinnig charmant.

In Rio begegnet einem die Armut oft unerwartet direkt und gleichzeitig flitzt ein Ferrari an einem vorbei. Die Stadt ist voll von Magie und Zauber. Kompletter Rock’n’Roll. Würde einem eine grüne Katze über den Weg laufen, sie würde einem kaum auffallen. Rio ist crazy. Rio, mein Rio – die Stadt, die alles ist und nichts.


Rio de Janeiro

Rio de Janeiro Städtetrip

Die Ankunft in Rio

Mein Körper ist hellwach. Vom Gesäss hoch bis zu den Nackenwirbeln ist alles angespannt. Meine Füsse vollziehen einen Tanz. Gaspedal, Kupplung, Bremse, wieder Kuppeln und Gas geben. Ein Schweissfilm überzieht meine Haut und immer wieder wische ich mit dem Handrücken die Feuchtigkeit von der Stirn. Links und rechts werde ich von den Lokalmatadoren im Autowettrennen, den hiesigen Rowdies, überholt. Das Chaos ist hier der Zeremonienmeister. Regeln scheinen fakultativ zu sein.

Doch so richtig eingeschüchtert bin ich nicht vom Verkehr. Es ist vielmehr die Umgebung, die mir einen partiellen Kulturschock verpasst. Wir fahren bereits seit einer Stunde durch die Aussenbezirke von Rio de Janeiro. Die Häuser sind verschachtelte Gebilde aus Ziegelsteinen und Blechdächern. Die meisten davon haben statt Fenster nur schwarze grosse Löcher. Löcher, die einen wie Augen anschauen, durchbohren und vom Elend dieser Gegend erzählen. Die Geschichten, die sie preisgeben, sind rau, hart und ungnädig. Es sind die Geschichten der Favelas. Brasiliens Armutsviertel. Rio de Janeiro besteht zu einem Drittel aus ihnen.

Schwarze Löcher, die einen wie Augen anschauen, durchbohren und vom Elend dieser Gegend erzählen.

Am Boden liegt ein kaum bekleideter Mann. Er schaut seltsam aus. Scheint tot zu sein.

Eine Taxifahrt durch Rio de Janeiro

Unseren VW Bus haben wir parkiert. Nun geht es weiter in Richtung Innenstadt. Junior, so heisst unser Fahrer, der uns nach Santa Teresa ins Casa Beleza bringen soll, zeigt nach links: „Das hier ist Leblon, ein ruhiger Stadtteil, in dem viele Fussballstars leben.“ Ich drehe den Kopf nach rechts und betrachte den langen weissen Sandstrand. Auch das ist Rio. Eine Stadt mit Hochhäusern und wunderschönen Stränden. Das ist das Lifestyle Rio, die Sunshine City und die Glamour Metropole. Zu diesem Rio de Janeiro gehören auch die nächsten zwei Stadtteile: Ipanema und die weltbekannte Copacabana. In Ipanema tummelt sich das Geld und an der Copacabana die Touristen. Wir fahren weg von den Stadtstränden, rein in die Häuserlawine. Meine Orientierung geht verloren. Vor einem Tunnel, am Strassenrand, stehen ein Wagen und zwei Männer. Am Boden liegt ein kaum bekleideter Mann. Er schaut seltsam aus. Scheint tot zu sein. Junior, unser Fahrer, zuckt die Schultern: „Vielleicht ein Unfall oder halt sonst irgendwas“. Aber wirklich zu kümmern scheint es ihn nicht. Ich frage mich, ist das Alltag in Rio?

Wie sicher ist Rio de Janeiro?

Etwas leicht Bedrohliches, eine gewisse Spannung liegt hier immer in der Luft. Ist das nur mein Eindruck? Zumindest die Bewohner der Millionenmetropole meinen auf die Frage nach der Sicherheit stets: „No man, it’s easy.“ Nach einer kurzen Pause fügen sie dann jeweils noch an: „Wenn dir Abends jemand entgegenkommt, wechsle besser die Strassenseite. Trage besser keine Tasche mit dir rum. Geld solltest du nicht in den Hosentaschen mitführen. Am sichersten ist es, wenn du nur ein T-Shirt und eine Jeans trägst. Sandalen fallen sicherlich weniger auf als teure Turnschuhe. Wenn dir dein Schmuck etwas bedeutet, lässt du ihn lieber Zuhause. Aber hey, it’s easy.“ Die Liste der Tipps bezüglich Sicherheit wird länger, je mehr Leute man fragt. Besser man fragt nicht. Und lebt. So halten es die Einwohner von Rio. Der alltägliche Wahnsinn scheint für sie zur Normalität geworden zu sein.

Besser man fragt nicht. Und lebt. So halten es die Einwohner von Rio.

Eine solche Bibliothek hätte ich auch gerne mal …

Die Kirchen im Zentrum von Rio

Wir stehen vor – ja vor was eigentlich? Das Ding sieht aus wie eine Pyramide aus Beton, die von den Bewohnern eines fremden Planeten bei einem intergalaktischen Treffen der Stadt Rio geschenkt wurde. Oder so ähnlich. Leider habe ich das gigantische Konstrukt nicht von aussen fotografiert – googelt doch mal nach Bildern: Catedral Metropolitana de São Sebastião do Rio de Janeiro.

Das innere der Kathedrale wird von farbiger Glaskunst erleuchtet. Wunderschön, einfach und aufs Wesentliche reduziert. In der Kirche umgibt uns eine angenehme Stimmung. Geborgenheit. Ruhe. Von hier aus begeben wir uns auf eine Tour durchs Zentrum von Rio. Das Stadtzentrum ist für eine Grossstadt untypisch einfach. Hier ist man nicht von Starbucks-Schickimicki-Zara-Einheitsbrei und Strassencafés umgeben. Zu entdecken gibt es dafür umso mehr. Speziell angetan sind wir von all den Kirchen, die ausserdem ein hervorragender Ort sind, um in aller Ruhe die Stadtkarte zur Orientierung hervorzukramen, denn man wird hier nicht gestört und die Kirchen sind alle im Stadtplan eingezeichnet.

Ein Besuch in der Real Gabinete Português de Leitura lohnt sich auch – hier darf man eine geballte Ladung beschriebenes Papier bestaunen. Eine solche Bibliothek hätte ich auch gerne mal. Spannend ist auch ein Besuch im Regierungsgebäude. Hier erhält man sogar eine kostenlose, informative Einzelführung auf Englisch. Wir dürfen das Gebäude von innen bestaunen, mehr von der Geschichte Brasiliens erfahren und den Diskussionen der Parlamentarier in der grossen Halle beiwohnen. Natürlich gibt es im Zentrum noch vieles mehr zu entdecken und angenehm scheint uns, dass alles zu Fuss erreichbar ist.

Eine feine Feijoada, der Cristo Redentor und der Dschungel im Stadtdschungel

Ein Ding. Ein Ding, das ich zurück in der Schweiz vermissen werde? Nun, es gäbe viele, aber eins werde ich ganz bestimmt vermissen: die Feijoada. Eine Feijoada ist ein Bohneneintopf mit Fleisch. Einfache Hausmannskost – aber genau so liebe ich es, das Essen wie auch das Leben: es soll einfach sein, aber gut gewürzt. Was am besten zur Feijoada passt? Freunde! Oder zumindest Bekanntschaften, die einem das Herz erwärmen. So geschieht es auf dem Hügel von Santa Teresa in einem einfachen Restaurant. Unsere Runde besteht aus der lebensfrohen Silvia, die Sara aus der Schweiz kennt, Emerson und Ana, zwei grandios gastfreundliche, gesellige, herzliche, humorvolle und ortskundige Einheimische aus Rio de Janeiro, die Silvia in Peru kennenlernte und uns Zweien. Wir verspeisen eine schmackhafte Feijoada, das Nationalgericht Brasiliens und reden über dies und das. Das Gespräch ist eigentlich zweitrangig, es geht um Gemeinschaft und die Feijoada.

Nachdem der letzte Bissen verzehrt ist, rattern wir mit einem Bus, der wohl den letzten und vorletzten technischen Service verpasst hat, den Hügel hoch. Was da oben, weit über Santa Teresa, ist? Oder besser gesagt, wer da oben ist? Hoch oben im Himmel? Der Cristo Redentor – wer sonst. Aber, unser heutiges Pech, der Nebel umgibt ihn – wir können ihn nicht erblicken. Nur vorstellen, der Fantasie freien Lauf lassen. Irgendwie reicht das. Und sowieso, wer den Cristo im Herzen hat, der muss ihn nicht unbedingt da oben, über den Dächern von Rio, besuchen.

Stattdessen gehen wir einige Schritte durch den Dschungel, den Tijuaca Wald. Wir befinden uns hier mitten in Rio und gleichzeitig in einem richtigen Regenwald. Sogar eine Vogelspinne läuft uns über den Weg. Rio ist alles und nichts. Rio hat alles und nichts. Rio ist eine verrückte Stadt.

Sogar eine Vogelspinne läuft uns über den Weg. Rio ist alles und nichts. Rio hat alles und nichts.

… wenn einem die Sonne den Kopf derart verküsst, dass einem rot und heiss wird.

Hoch über den Dächern von Rio – auf dem Pedra da Gavea und in der Favela Alemao

Der nächste Tag? Vergiss es einen nächsten Tag zu planen, wenn du mit Brasilianern unterwegs bist – deren Gastfreundschaft ist für unsere Verhältnisse gigantisch. Der Plan für den nächsten Tag ist bei denen bereits in der Schublade, denn sie wollen uns ihre Stadt zeigen – Wahnsinn und wunderschön!

Rrrrrriiiing. Rrrrrrriiiing. What? 6.00 und Tagwache? Nicht eben meine liebste Tageszeit. Aber hey, wir wollen heute auf den Pedra da Gavea. Und diesen Berg möchte man nicht mitten am Tag besteigen, wenn einem die Sonne den Kopf derart verküsst, dass einem rot und heiss wird. Der Rücken schmerzt, das Frühstück geht um diese Zeit noch kaum runter, aber alles egal: der Berg ruft.

Die kurze Wanderung durch den Dschungel ist, wenn auch kein gemütlicher Morgenspaziergang, wunderschön und die Seele fühlt sich hier, fernab des emsigen Stadttreibens, puddelwohl. Den Pedra da Gavea besteigen, heisst über 800 Höhenmeter auf einer Distanz von etwa 1600 Metern hinter sich zu bringen. Der grösste Teil ist ein einfacher Wanderweg, wenn auch ziemlich steil. Beim letzten Teil muss man dann aber schon etwas klettern. Aber es lohnt sich: die Sicht vom Gipfel des 842 Meter hohen Bergs, oder soll ich es einen Hügel nennen, ist schon beeindruckend. Aus der Ferne sehen wir den etwa halb so hohen Zuckerhut – mit etwas weniger Nebel hätten wir von hier aus auch noch den Cristo und weitere Teile Rios gesehen.

Am Nachmittag fahren wir zum Complexo Alemao. Der Complexo Alemao ist eine Favela die aus 25 Siedlungen besteht. Complexo Alemao heisst in etwa soviel wie: der Bereich des Deutschen. Nur, dass hier nie ein Deutscher lebte – sondern der Pole Leonard Kaczmarkiewicz, der aber halt eben für einen Deutschen gehalten wurde. Crazy Rio – ich weiss. Die Favela wurde erst vor wenigen Jahren von der brasilianischen Friedenspolizei besetzt. Doch noch heute gibt es in der Favela regelmässig Schiessereien. Erst vor zwei Wochen wurde wieder ein Polizeiposten angegriffen. Der alltägliche Wahnsinn eben. Doch nicht nur die Friedenspolizei ist hier neu, inzwischen gibt es im Complexo Alemao eine Gondelbahn, die die verschiedenen Siedlungen der Favela verbindet. Dadurch erhielten die Favela Bewohner die Möglichkeit ausserhalb der Favela zur Arbeit zu gehen. Wir nutzen die Gondelbahn, um einen Blick über den Complexo Alemao zu erhalten und erleben eine einzigartige Szenerie: die Favela beim Sonnenuntergang. Abgefuckt aber charmant. Rio halt eben. Rio, die Stadt, die alles ist und nichts.

Abgefuckt aber charmant. Rio halt eben.

Auf der Rückfahrt zu unserem VW Bus, in den Stadtteil Recreio, frage ich Junior, unseren Fahrer, noch, ob es denn sicherheitstechnisch in Rio bergauf geht? Er antwortet kühl: „No, Martin, it’s getting worse.“ Ich frage mich – Rio willst du alles sein oder nichts?

Marko Roth – Eleven Days in Rio de Janeiro

Ich habe mir lange überlegt, ob ich meine gute, teure Fotokamera nach Rio mitnehmen soll. Schweren Herzens habe ich mich schlussendlich dagegen entschieden, schliesslich benötige ich die Kamera noch für Bolivien und Peru. Daher habe ich alle Fotos in diesem Artikel mit dem iPhone geschossen. Damit ihr aber Bildertechnisch auch in diesem Artikel voll auf eure Kosten kommt, habe ich das Netz durchforscht und einen Video-Leckerbissen der seltenen Art gefunden: Eleven Days in Rio de Janeiro vom deutschen Videokünstler Marko Roth.

eleven days in Rio De Janeiro, Brasil. from Marko Roth productions on Vimeo.
Filming some days at a beautiful spot on earth, having fun with amazing people – that’s my Video Travel Blog.
video by // Marko Roth, Facebook: Marko Roth

Informationen zu Rio de Janeiro

  • Beste Reisezeit: Von Mai bis September ist es trockener, ca. 25°C und weniger überfüllt.
  • Flugzeit nach Rio de Janeiro: ca. 11h 30min
  • Zeitverschiebung: UTC -3:00
  • Wechselkurs (05.04.2014)
    von EUR € in BRL: 3.10144
    von BRL in EUR €: 0.32243
Karte von Rio de Janeiro