Oliver Bär_Fotografie_Obdachlose_Paris

Text Martin Hoch, Bild Oliver Bär
In 1/125 Sekunde war es um Oliver Bär geschehen. Knips – weg war er. Hin und Weg. Es brauchte nur ein Foto, seine Gedanken explodierten, die Leidenschaft war entfacht. Vor zehn Jahren entdeckte der junge Schweizer die Fotografie. Seit diesem Moment denkt und sieht er nur noch in Bildern – versteht unseren Planeten als ein riesiges Gemälde. Fotografie als Spiegel der Realität. Mit seinen Bildern möchte er sich und seinen Protagonisten Gehör verschaffen. Das ist gut so, denn seine Bilder erzählen Geschichten, die erzählt werden müssen.


Paris

… es könnte jedem von uns auch passieren.

GS: Der deutsche Begriff „Obdachloser“ tönt tragisch, der französische Bezeichnung „Clochard“ eher romantisch-verklärt. Was sind das für Menschen, die du auf den Strassen von Paris angetroffen hast?

Oliver Bär: Ich traf die unterschiedlichsten Menschen. Ich traf nicht nur Männer, sondern auch Frauen und tragischerweise ganze Familien. Als ich in aller Herrgottsfrühe durch die Strassen lief, stieg mir der süssliche Duft von Urin in die Nase. Mitten auf dem Boulevard lag ein Obdachloser. Ungeschützt lag er in Embryostellung im Freien. Der Mann auf den Fotos, der fürsorglich Tauben füttert, lebt seit Jahren auf den Strassen von Paris. Was ihm selber fehlt, gibt er weiter: er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, „seine“ Vögel zu schützen und für sie da zu sein. Die ältere Frau, die auf den Fotos ein Kopftuch trägt, sass am Eingang der Kirche Sacre Coeur inmitten von Touristen. Verzweifelt bettelte sie um Almosen. Nicht weil es schnelles Geld wäre. Sie hat Zuhause eine schwerkranke Tochter. All diese Schicksale haben einen gemeinsamen Nenner: es könnte jedem von uns auch passieren.

GS: Es geht um menschliche Tragödien, gnadenlose Realitäten. Du trafst die Obdachlosen, aus einer ganz anderen Welt kommend. Bist du bei den Obdachlosen auf Offenheit gestossen und wie reagierten sie auf dich?

Oliver Bär: Bei der Mehrheit der Begegnungen stiess ich auf eine grosse Freude. Dass sich jemand für sie interessiert, sind sie sich nicht gewohnt. Der Mann, den ich zusammen mit seinem Hund in der Champs Elysees ablichtete, lächelte mich trotz seiner ausweglosen Situation an. Natürlich verlief nicht jede Begegnung derart unkompliziert. Der Vater einer obdachlosen Familie wollte für ein Foto seiner Familie einen grösseren Geldbetrag. Wenn man sich in die Lage einer solchen Person reinversetzt, ist für mich natürlich auch eine solche Reaktion nachvollziehbar.

… ich stiess auf grosse Freude.

Zuhause folgte ein ungefiltertes Gefühlschaos

GS: Menschliche Schicksale reissen einen aus dem Alltag raus – welche Gedanken gingen bei dir während der Reportage durch den Kopf?

Oliver Bär: Die meisten kennen Paris als Touristen, bestaunen die altehrwürdigen Gebäude und geniessen die unendlich scheinenden Einkaufsmöglichkeiten. Meine Absicht war es, Paris von einer Seite zu zeigen, die diesem Bild konträr entgegensteht. Daher war ich geistig einigermassen vorbereitet. Für die Fotoreportage disziplinierte ich mich, Gefühle wie Hass und Hilflosigkeit und diese Verzweiflung des Themas Armut nicht an mich heranzulassen. Ich bündelte diese Emotionen und kanalisierte sie so, dass sie sich in den Kompositionen meiner Bilder entfalteten. Auf die rationelle Arbeitsweise während der Reportage folgte Zuhause ein ungefiltertes Gefühlschaos. Da flossen dann auch Tränen.

GS: Erzähl uns mehr über diesen Moment, als du Nachhause kamst. Zurück in eine Wohnung, die mit allem ausgestattet ist.

Oliver Bär: Das Nachhausekommen begann bereits am Flughafen. Meine besten Freunde holten mich ab. Es klingt banal, aber für mich war es ein unglaublich kostbarer Moment wieder vertraute Gesichter zu sehen. Zuhause wurde mir klar, für wie selbstverständlich wir Dinge wie ein gepflegtes Bad, eine Kaffeemaschine oder ein sauberes Bett hinnehmen. Ich dachte an all die Menschen auf den Strassen von Paris und fragte mich: Was machen sie wohl in diesem Moment? Sind sie auf der Suche nach einem Schlafplatz und was erleben die Kleinkinder der Obdachlosen? Viele Fragen – keine Antworten. Deshalb erhoffe ich mir, dass ich mit meiner Fotoreportage ein Sprachrohr für diese Menschen sein kann. Diese Menschen finden nicht leicht Gehör – es muss ihnen verschafft werden. Mit dem Projekt Can you hear me möchte ich den Menschen ein Wenig dazu verhelfen.

… was erleben die Kleinkinder der Obdachlosen?

Oliver-Bär-PortraitOliver Bär (26)

oliverbaer.ch

Der junge Schweizer Fotograf ist aktiv, voller Leidenschaft, besessen vom Bild – ob bewegt oder still – und er ist ein Rebell. Menschen, Stimmungen und Gefühle sind seine Welt, er hält sie fest um Vergängliches zu konservieren.

GS: Konzerte, Portraits, Reportagen und Architektur – fotografisch bewegst du dich in verschiedenen Gebieten. Welche Art der Fotografie ist dein Steckenpferd und was dürfen wir von dir in Zukunft erwarten?

Oliver Bär: Ungezwungene und unwiederbringbare Situationen reizen mich. Diese Momente möchte ich festhalten. Ich lebe dafür, Emotionen und Stimmungen in Bildern zu konservieren. Demnächst wird es eine Ausstellung meiner Fotografien geben. Ich möchte meine Bilder der letzten zehn Jahre dem Publikum zeigen. Wie, wo und wann ist noch unklar.

GS: Vielen Dank.