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Text und Bild Lisa Mundt
Der erste Regen seit Wochen. Als die Tropfen auf das Wellblechdach zu prasseln beginnen, schaue ich in breit grinsende Gesichter. Endlich! Die Erleichterung ist fast greifbar. Es war in den letzten Tagen so heiß, dass die Straßen tagsüber wie leer gefegt waren. Geschlafen habe ich diese Woche kaum – der Ventilator schien die heiße Luft nur gleichmäßig zu verteilen.

Jetzt wird die verdreckte Luft langsam klarer, die schwarzen Wolken, die den vielen Lastern, Autos und Mopeds aus dem Auspuff steigen, wirken nicht mehr ganz so erdrückend. Menschen strömen in der Dämmerung auf die Straßen und tummeln sich an den vielen Straßenständen, die allerlei Leckereien vom Grill und aus dem Wok anzubieten haben. Alle sind erleichtert, dass es sich ein bisschen abgekühlt hat. Am Hafen sitzen jetzt wieder Jugendliche und rauchen genüsslich ihre Zigaretten, während hinter dem Südchinesischen Meer die Sonne verschwindet. Ich kehre dem Wasser den Rücken zu und laufe durch die Straßen in Richtung einer großen grünen Wand voller Bäume und Büsche – der Dschungel.

„Hey, Miss, Taxi?“, fragt mich ein älterer Herr am Straßenrand, auf dem Weg zurück nach Hause. Als ich dankend ablehne, strahlt mich der Mann freundlich an und wünscht mir einen schönen Abend. Weil die gute Laune der Menschen einfach ansteckend ist, komme ich fröhlich in dem Hostel, das seit vier Monaten mein Zuhause ist, an und werde wie üblich ausgefragt: Wo warst du? Hast du schon gegessen? Ist dir nicht heiß? Warum bist du so gut drauf? Die Mitarbeiterinnen des Hostels sind in der Zwischenzeit zu meiner kleinen Familie geworden. Und wie das in Asien so üblich ist, kümmert man sich um seine Familie besonders fürsorglich.


Borneo

Aber man arrangiert sich, und ich übe mich täglich in Geduld.

Seit Januar ist der ostmalaysische Staat Sabah auf der Insel Borneo nun mein neues Zuhause. Hier mache ich mein Praxissemester, lerne Land und Leute und eine ganz andere Lebensphilosophie kennen. Die Menschen in Sabah sind in ganz Malaysia für ihre „laid-back“-Art bekannt – sie haben einfach die Ruhe weg. Davon kann ich zwar viel lernen, aber es bringt mich manchmal auch zur Weisglut. Besonders im Arbeitsalltag kann es sehr frustrierend sein, wenn einfach nichts voran geht. Aber man arrangiert sich, und ich übe mich täglich in Geduld.

Sabah ist ein wahnsinnig vielfältiger Staat. Mehr als 50 verschiedene Ethnien leben hier mit ihren ganz eigenen kulturellen Hintergründen und Bräuchen. Und natürlich haben auch hier die ethnischen Gruppen ihre ganz eigenen Meinungen über die jeweils anderen. Während die „Malaien“, die von der Regierung als sogenannte ursprüngliche Malaysier besonders bevorzugt behandelt werden, als besonders entspannt, ja sogar faul gelten, sind die chinesischstämmigen Malaysier für ihren chinesischen Fleiß und Erfolg bekannt. Gebürtige Inder findet man in Sabah wenig, dafür umso mehr Splittergruppen der chinesischen und malaiischen Malaysier. Jede Gruppe hat einen eigenen Dialekt, manchmal ganz eigene Sprachen, eigene Feste, Kostüme und Tänze. Hier in Kota Kinabalu, der kleinen Hauptstadt Sabahs, sieht man Anhänger aller möglichen ethnischen Gruppen und es gibt ganz wenig Rassismus. Diejenige Rasse, die am meisten Aufmerksamkeit bekommt, ist immer noch die der Weißen. Der „Orang Putih“ (wörtl.: Mensch weiß) sorgt trotz zunehmend blühendem Tourismus immer noch für Aufsehen. Manchmal bleiben Autofahrer sogar direkt vor mir stehen – nicht um mich über die Straße zu lassen, sondern um mich anzustarren und ihrem Beifahrer ganz aufgeregt mitzuteilen, dass da draußen eine Weiße steht.

Sabah unterscheidet sich nicht nur in diesem Punkt ganz gravierend vom wesentlich westlicheren Westmalaysia. Der Festlandteil, der im Norden an Thailand grenzt, ist wesentlich stärker vom Islam beeinflusst. Die Stimmung ist eine ganz andere – nicht umsonst identifizieren sich die Menschen in Sabah mehr mit Borneo als mit Malaysia. Auf Borneo finden sich übrigens drei Länder. Zwischen den malaysischen Staaten Sabah und Sarawak liegt der kleine Ölstaat Brunei und im Süden der Insel der indonesische Staat Kalimantan. Borneo ist die drittgrößte Insel der Welt nach Papua Neu Guinea und Grönland und Heimat nicht nur extrem diverser Völkergruppen, sondern auch zahlreicher Tier- und Pflanzenarten.

Zwar ist aufgrund von Massenrohdungen für Städte- und Straßenbau sowie Plantagen nicht mehr viel ursprünglicher Dschungel übrig auf Borneo, doch die Insel ist nach wie vor berühmt als eine der letzten Regionen der Welt, in der wilde Orang Utans leben. Eine wahnsinnige Vielfalt an Flora und Fauna wird heute durch zahlreiche Nationalparks geschützt und ist das Ziel vieler naturbegeisteter Touristen. Natur- oder auch Öko-Tourismus sind entsprechend im Kommen. Und genau in dem Bereich mache ich mein Praktikum.

Wer schon mal in Südostasien unterwegs war, dem wird es aufgefallen sein – die wenigsten sind besonders umweltbewusst. In vielen Städten, vor allem aber auf den Dörfern, liegen Unmengen an Plastikmüll herum, die niemanden zu stören scheinen. Kaum jemanden kümmert es, dass Motoren ständig laufen gelassen werden, auch wenn niemand im Wagen ist. Lichter ausschalten und den Strom abstellen? Wozu? Umweltbewusstsein hat sich hier noch nicht sonderlich breit gemacht, was vor allem an fehlenden Programmen seitens der Regierung liegt. Entsprechend überrascht war ich, als ich von einer malaysischen Ökotourismus-Firma hörte, die seit über 20 Jahren natur- und kulturbasierte Touren anbietet. Mein Interesse war geweckt – und nun lerne ich das malaysische Verständnis für Umwelt, Nachhaltkeit und Hilfe zur Selbsthilfe im Rahmen von Umwelt- und Gemeindeprojekten kennen.

Lichter ausschalten und den Strom abstellen? Wozu?

Es fällt mir oft schwer, das nicht zu bewerten.

Es ist eine spannende Erfahrung. Die malaysische Perspektive des Arbeitens, des Helfens, des „Öko-Seins“ kennenzulernen ist aufregend und lehrreich. In Konfrontation mit neuen Ideen und Ansätzen hinterfrage ich immer wieder meine alten Standards, überdenke diese und lerne dazu. Hier habe ich nicht nur die bereichernde Auslandserfahrung, in der man in erster Linie viel fürs Leben dazu lernt, sondern auch noch die internationale Arbeitserfahrung. Das insgesamt langsamere Arbeiten und die starken Hierarchien sind für mich die größten Hürden. Aufgrund des Hierarchiedenkens ist unabhängiges Arbeiten und Teamarbeit quasi unmöglich. Es fällt mir oft schwer, das nicht zu bewerten, sondern zu akzeptieren und daraus zu lernen.

Die kommende Woche ist meine vorerst letzte in Sabahs Hauptstadt. Dann geht es für die letzten fünf Wochen meines Praktikums mitten in den Dschungel, oder was davon zwischen Palmölplantagen noch übrig ist. Dort tummeln sich dann tatsächlich nicht nur Orang Utans, sondern auch Borneos berühmte Langnasen-Affen, Maquacen, Krokodile, Gibbons und sogar Borneos Zwergelefanten. Borneo hat viele Gesichter, und jeder, der an Kulturen und Natur interessiert ist, wird sich an irgendeiner Stelle sicher wiederfinden. Viel Spaß bei der Suche!