Text Martin Hoch, Bild Jeremy Kunz
Er testet die Businessclass von Singapore Airlines, lässt sich von einer Limousine abholen, um im Badrutt’s Palace in St. Moritz zu nächtigen und jettet im Auftrag von Südafrika Tourismus gegen Süden, um seinen Lesern die Highlights von Südafrika näher zu bringen. Seine Wochenenden verbringt er in Zermatt, Berlin oder New York und falls er das Bedürfnis hat, auch mal was exotischeres zu sehen, hält ihn nichts davon ab für nur 48 Stunden nach Indien zu fliegen, um den Taj Mahal zu fotografieren.

Jeremy Kunz nennt sich selber einen Reiseblogger. Er informiert seine Leser zum Thema Reisen und Touristik. Er tut dies nicht nur über seinen Blog Reisewerk.ch, sondern nutzt auch leidenschaftlich gerne seine Social-Media Kanäle wie Facebook, Twitter, GooglePlus, Pinterest und Youtube. Jeremy ist nicht einfach nur ein Blogger, er ist ein kleines Touristik-Medienunternehmen. Genau dies schätzen auch seine Kooperationspartner, Unternehmen aus der Touristikbranche, mit denen zusammen er seine Projekte verwirklicht. Sein aktuellstes Projekt ist auch sein bisher grösstes – Jeremy nennt es Asien2014.

Am ersten Januar liess Jeremy seine Heimat hinter sich, um in den kommenden Monaten Asien zu bereisen. Unterwegs wird er 10 Tage in einem Kloster verbringen, als Hotelmitarbeiter Gäste bedienen, in einer Elephantenfarm mitarbeiten und viele andere, unkonventionelle Reiseerfahrungen sammeln und diese mit seinen Lesern teilen.

Jeremy hält nichts davon ab für nur 48 Stunden nach Indien zu fliegen, um den Taj Mahal zu fotografieren …

Ich will weder Backpacker noch Luxusreisender noch „der Typ, der sein Leben im Rucksack hat“ sein.

GS: Am 1. Januar, während die meisten noch ein rauschendes Silvesterfest verdauten, bist du losgezogen, für längere Zeit Asien zu bereisen – wieso nicht einen Tag später? Wie kann man als Touristiker so falsch planen?

Jeremy Kunz: *LACH* eine sehr gute und berechtigte Frage. Einerseits wollte ich wirklich direkt mit meiner Reise ins neue Jahr starten, andererseits ist es für ein „unbeliebtes“ Datum auch einfacher, einen Airlinepartner zu finden. So hatte Singapore Airlines auch direkt nach dem ersten Meeting zugesagt, Partner der Reise zu werden. Ein nicht unwichtiger Punkt war zudem, dass ich meine Wohnung per 31.12.13 gekündigt hatte – und ohne Zuhause lässt sich ein Silvesterkater auch nur begrenzt auskurieren. Und zu guter Letzt: Wenn mich jemand fragt von wann bis wann die Reise dauert, kann ich mir zumindest das Startdatum sehr einfach merken.

GS: Du bezeichnest dich ganz bewusst als Nicht-Backpacker, was macht denn deiner Meinung nach ein Backpacker aus und wirst du mit einem schicken Trolley-Koffer unterwegs sein?

Jeremy Kunz: Ob Backpacker oder nicht weiss ich nicht mal so genau. Ich mag mich nur ungern in eine Schublade stecken. Ich will weder Backpacker noch Luxusreisender noch „der Typ, der sein Leben im Rucksack hat“ sein. Ich reise wie der Grossteil der Leser auch – einmal mit dem Rucksack, das andere mal in einem super Luxuspauschalangebot. Die Abwechslung macht für viele doch den Reiz einer Reise aus – dazu gehört nicht zuletzt auch die Art und Weise, wie man in der Welt unterwegs ist.

GS: Ein Hemd und eine Krawatte wirst du auch auf Reisen im Gepäck dabeihaben?

Jeremy Kunz: Auf jeden Fall. Ich werde nicht zuletzt sicher auch mal in einem Luxushotel absteigen. Auch da möchte ich mich irgendwie anpassen können. Vielleicht müssen dazu einfach Bermudashorts und Flipflops kombiniert werden.

GS: Du wirst Thailand für längere Zeit bereisen. Eigentlich hätte ich von dir eine etwas exotischere Destination erwartet. Thailand ist für Reisende inzwischen doch ziemlich plattgetreten. Was hoffst du in Thailand zu finden, dass die Reisewelt noch nicht kennt?

Jeremy Kunz: Wer hat schon einmal in einem Tempel 10 Tage ohne zu sprechen, schreiben, lesen oder ähnliches verbracht? Oder zwei Wochen in einem ThaiBox Camp bei vollem Trainingsprogramm und nicht bloss dem Touristennachmittag? Oder vielleicht doch lieber dort arbeiten wo andere Urlaub machen – in einem Hotel oder Restaurant am Strand? Oder doch lieber der 5 tägige Massagekurs (Eine offizielle und anerkannte Diplom-Ausbildung). Ich glaube, Thailand kann man auf so viele verschiedene Arten entdecken, das es unfair wäre, dem Land den plattgetretenen Stempel aufzudrücken. Vielleicht sehe ich dies nach meiner Reise anders, aber zur Zeit bin ich mir sicher, auch in Thailand Dinge zu erleben, die so noch nicht plattgetreten sind.

GS: Amazing Thailand (Thailand Tourismus) sponsert einen Teil deiner Reise – wo bleibt da die Unabhängikeit? Werden wir von dir nun einige Wochen lang nur Lobdudeleien über Thailand aufgetischt bekommen?

Jeremy Kunz: Ich werde das berichten, was ich erlebe. Ich halte nicht viel davon, unbedingt und aufgezwängt irgendwelche Pseudokritik zu üben – leider hat dies vielerorts zugenommen, weil sich viele dadurch den Lesern als „ehrlicher“ verkaufen wollen. Ich sage: Bullshit. Wichtiger ist doch, sich begeistern lassen zu können und dennoch Missstände aufzuzeigen, wenn es diese gibt. Wer in einem Fünf Sterne Hotel absteigt und dann die Armut resp. Sozialpolitik eines Landes kritisiert, ist verlogen. Ich wurde z.B. auch von Südafrika Tourismus eingeladen und habe danach einen kritischen Beitrag zum Thema Slum-Tourismus geschrieben. Weder bringt es mir, noch dem Leser und nicht zuletzt auch der Destination etwas, wenn man solche Themen totschweigt.

GS: Wirst du dich in Thailand auch an die kritischen Themen getrauen und über Kinderarbeit, Sextourismus und politische Probleme berichten?

Jeremy Kunz: Gerade die politische Situation ist aktueller als jemals zuvor und somit wird dies sicherlich auch ein Thema, das ich vor Ort gerne recherchieren werde. Es gibt einige Punkte, zu denen ich gerne einen Zugang gewinnen würde, mit Leuten sprechen möchte, um Probleme tiefgehend zu recherchieren. In Myanmar werde ich versuchen den Tourismusminister zu treffen, um mich mit ihm über die Veränderungen zu unterhalten, die der Tourismus mit sich bringt. In einem Land wie Myanmar eine spannende Sache.

GS: Abgesehen von Thailand, welche Länder planst du zu bereisen, auf welches freust du dich am meisten und weshalb?

Jeremy Kunz: Myanmar, Laos, Vietnam und Nepal werden von mir während der Reise noch besucht. Letzteres ist noch unsicher und kommt auf die Wetterlage drauf an. Auf Myanmar freue ich mich natürlich sehr, weil das Land in einer unglaublich spannenden Phase der Veränderung steht. Laos und Vietnam sind ebenfalls zwei sehr spannende Länder.

GS: Du planst eine Reise ohne zeitliches Limit. Dazu hast du deinen Job gekündigt, deine Wohnung aufgelöst und sicherlich auch sonst einiges organisieren müssen. Wie lief die Vorbereitung zur Reise und was bereitete dir beim Planen am meisten Kopfzerbrechen?

Jeremy Kunz: Ich war geschockt als ich realisiert habe, dass es nun wirklich bald losgehen soll. Die Reise ist ja innerhalb der letzten 6 Monate entstanden und wie du richtig gesagt hast, krempelt sich damit auch mein ganzes Leben um. Die Vorbereitung als solches lief bisher sehr gut. Aber natürlich bin ich unsicher, ob ich alles korrekt gemacht habe – das wird sich dann während der Reise herausstellen. Gerade für uns Schweizer gibt es da im Internet relativ wenige Listen, Hilfeseiten – im Gegensatz zu Deutschland. Ich werde dazu sicher auch einige Beiträge schreiben, um nachfolgenden Reisenden die Vorbereitungen ein wenig zu erleichtern.

GS: Das Reisen soll in Zukunft dein Beruf sein – das hört sich in etwa so verrückt an, wie wenn jemand meint, mit Matratzen testen könne man Geld verdienen. Wie soll das funktionieren?

Jeremy Kunz: Gute Frage. In den letzten Jahren habe ich auch mit Reisen mein Geld verdient, in dem ich ein Reisebüro geleitet habe. Mit verschiedenen Standbeinen und einem entsprechend angepassten Lebensstil sollte es eigentlich funktionieren. Ich glaube daran, dass das Internet heute in der Reiseplanung wichtiger ist als jemals zuvor. Hier fehlen aber noch oftmals die entsprechenden Inspirationsseiten. Die Touroperator (Tui, Kuoni etc.) setzen auf Pseudoinspiration. Doch geht es diesen Firmen natürlich um den möglichst schnellen und eigenen Verkauf. Für mich steht dieser nicht im Vordergrund. Ich will den interessierten Leser einfach inspirieren, aber auch informieren können.

Wer in einem Fünf Sterne Hotel absteigt und dann die Armut resp. Sozialpolitik eines Landes kritisiert, ist verlogen.

Ich blogge, weil ich tierisch Bock darauf habe – sonst hätte ich damit auch nicht 2006 begonnen, als es diese ganze Bloggerwelt in der heutigen Form noch gar nicht gegeben hat.

GS: Du verlässt dein ganzes soziales Umfeld für eine unbekannte Zeitdauer, da kommt sicherlich Wehmut auf? Wie gehst du damit um?

Jeremy Kunz: Ja, das wird eine harte Sache. Ich werde so viele Menschen nicht mehr sehen können, die mir ans Herz gewachsen sind. Andererseits gibt es heute dank Facebook, Mails und Co. die Möglichkeit, in sehr gutem Kontakt zu bleiben. Und wenn das Herz zu stark schmerzt, komme ich eben für einen Urlaub zurück oder meine Freunde kommen mich am Strand besuchen. Auch komisch: Urlaub vom Reisen…

GS: Auf deiner Asienreise wirst du für 10 Tage in einem Kloster mit Mönchen leben, da wird es wohl weder Wireless Internet noch Mobileempfang geben – das ist wohl eine Horrorvorstellung für einen Blogger?

Jeremy Kunz: Eine super Vorstellung! Ich freue mich darauf in dieser Zeit weder lesen, noch schreiben noch reden zu dürfen. Im Ernst, das wird eine dieser Herausforderungen, die ich so noch gar nicht einschätzen kann. Ich labere den ganzen Tag, schreibe sehr viel und lese natürlich auch oft – das alles einfach mal nicht mehr zu tun und sich nur mit seinen eigenen Gedanken beschäftigen zu können, stelle ich mir ziemlich herausfordernd vor.

GS: Und wir alle werden tagelang keine News von dir erhalten?

Jeremy Kunz: Es werden laufend Dinge auf mich zukommen und ggf. müsst Ihr einige Zeit ohne live Update auskommen müssen. Auf dem Blog selbst wird aber regelmässiger gepostet, als dies bisher jemals der Fall gewesen ist. Dies gehört auch dazu, wenn man mit Reisen Geld verdienen möchte. Einige Beiträge kann man ja auch wunderbar vorschreiben.

GS: Was können wir in den nächsten Monaten von deinem Blog Reisewerk.ch erwarten? Konkrete Reisetipps? Berichte über deine Erlebnisse oder Tests über Reiseequipments? Weihe uns ein, weshalb sollen wir deinen Blog regelmässig lesen?

Jeremy Kunz: Konkrete Reisetipps, Ideen für seinen persönlichen Urlaub oder eine Reise sowie natürlich Tipps und Tricks, was man als Schweizer beachten muss, wenn man sich auf eine Reise begeben will. Mit Nikon und Salewa als Materialpartner, wird es natürlich auch Beiträge zum Thema „die perfekte Ausrüstung“ geben. Es wird spannend – nicht nur für mich!

GS: Hand aufs Herz, bloggst du, um dir das Reisen zu ermöglichen oder reist du, um zu bloggen?

Jeremy Kunz: Weder noch. Ich blogge, weil ich tierisch Bock darauf habe – sonst hätte ich damit auch nicht 2006 begonnen, als es diese ganze Bloggerwelt in der heutigen Form noch gar nicht gegeben hat. Es macht unendlich viel Spass, mit seinen Freunden und Lesern über den Blog in Kontakt zu sein und Menschen zu einer Reise inspirieren zu dürfen. Die ersten 6 Jahre gab es finanziell keinerlei Vorteile – dies hat sich erst in den vergangenen Jahren entwickelt. Für mich bedeuten diese Partnerschaften, dass ich Reisen durchführen kann, die ich so nicht erleben könnte und damit auch meinen Lesern einen umfang- und abwechslungsreichen Blog bieten kann. So wie meine neue Reise, die sicherlich ohne Partnerschaften nie in diesem Umfang zustande gekommen wäre.

GS: Du nennst dich selber auch einen Touristiker. Was fasziniert dich am Tourismus? Ist es nicht so, dass Tourismus enorm viele Schäden anrichtet und abgesehen von der Toursimusindustrie kaum jemandem einen Nutzen bringt?

Ich bin kürzlich auf folgenden Clip gestossen – was sind deine Gedanken dazu?

Jeremy Kunz: Ja, ich bin in den letzten Jahren durch mein eigenes Reisebüro Touristiker geworden. Ich reise mit der Einstellung, dass Tourismus etwas nachhaltiges sein soll. Nicht nur für die Reisenden selbst, sondern natürlich auf für die Urlaubsdestination. Es ist ein schmaler Grad zwischen Massentourismus (den es ja ganz offensichtlich braucht) und nachhaltigem Tourismus. Hier steht man in einer Lernphase und man kann sehr einfach herausfinden, welche Firmen sich damit auseinandersetzen und ihre Mitarbeiter und Kunden sensibilisieren, und welche Unternehmen nur profitorientiert arbeiten. Bei letzteren sollte man dann von einer Buchung absehen, oder sich nicht anmassen, den Massentourismus zu kritisieren! Wer für CHF 350 eine Woche in die Türkei reist, darf nicht erwarten vom dortigen Mitarbeiter auch noch zuvorkommend bedient zu werden – denn dann ist mir als Gast seine Situation egal. Andererseits bringt es auch nichts, die Hotels und Regionen zu meiden – man muss diese sensibilisieren. Viele sehen leider nur das schnelle Geld, welches Touristen durchaus mit sich bringen.

GS: Nachdem ich diesen Clip sah, setzte ich mich mehr mit dem Thema „fairer Tourismus“ auseinander. Unter anderem gefällt mir die Arbeit von www.fairunterwegs.ch sehr gut. Ist fairer Tourismus für dich auch ein Thema und wie versuchst du dem Thema gerecht zu werden?

Jeremy Kunz: Ich beschäftige mich sehr intensiv mit dem Thema. Nicht zuletzt auch durch meine frühere Arbeit in einem Reisebüro. Manta Reisen macht z.B. einen grossartigen Job und hat gar eine Informationsbroschüre für Ihre Gäste entwickelt. Solche Ansätze gefallen mir extrem gut.

GS: Ich kenne dich als Geniesser. Wir haben kaum einen Abend zusammen verbracht ohne uns eine Platte Antipasti und eine Flasche Rotwein zu genehmigen. Du freust dich bestimmt riesig darauf die nächsten Wochen mehr oder weniger nur Reis zu essen?

Jeremy Kunz: Unbedingt – eine kulinarische Leibspeise von mir ist Reis garniert mit Reis. Im Ernst, die thailändische Küche habe ich bisher immer als enorm abwechslungsreich und nicht auf Reis reduziert erlebt. Aber natürlich wird es Zeiten geben, in denen ich z.B. aus finanziellen Gründen oder aufgrund der örtlichen Verfügbarkeit mich sehr einseitig ernähren werde. Damit muss man auf einer solchen Reise klarkommen. Ansonsten müsste ich einen All Inclusive Urlaub buchen.

GS: Für die meisten Leser steht in naher Zukunft keine mehrmonatige Reise auf dem Programm – was ist dein Ferientipp Nummer Eins für alle die einen zweiwöchigen Urlaub planen und mehr wollen als nur am Strand herumliegen?

Jeremy Kunz: Eine Destination suchen, die genau das bietet, was man persönlich sucht. Es bringt nichts auf die Malediven zu reisen, wenn man sich intensiv mit Kultur, Architektur etc. auseinandersetzen will. Die Türkei ist eine Destination, dich ich faszinierend finde, wenn man sich darauf einlässt, sich ausserhalb von Side oder Antalya zu bewegen. Für die nächste Zeit bieten sich Destinationen wie Sri Lanka, Abu Dhabi, Ras al Kheima an. Alles Destinationen, die für einen zweiwöchigen Urlaub ideal geeignet sind.

GS: Vielen Dank – wir wünschen dir eine spannende Reise!

Es ist ein schmaler Grad zwischen Massentourismus und nachhaltigem Tourismus.