Die Windkinder – Teil 3

  • Tierra del Fuego Nationalpark
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Text und Bild Martin Hoch
Der Nationalpark Tierra del Fuego ist in erster Linie ein Paradies für Wandervögel. Für Wochenendspaziergänger, gemütliche Wanderer und die verbissenen Bergler bietet der Park allerhand ausgeschilderte Routen, doch auch für den ruhesuchenden Camper und die Geniesser unter den Wohnmobilisten bietet der Park etwas Wertvolles: Idylle. Umgeben von Seen und Flüsschen lassen sich verschiedene Plätze finden, fast menschenleer, auf welchen man sein Zelt aufbauen oder sein Wohnmobil hinstellen darf, die goldene Sonne am Spätnachmittag geniessen und sich im Verlauf des Abends der Philosophie über das Leben, diese Welt und anderer Nebensächlichkeiten hingeben kann – den Bonvivants unter den Nomaden fehlt es hier an nichts. Und just in dem Moment, der würzig schwere argentinische Malbec hat inzwischen seine Wirkung nicht verfehlt, an dem es eigentlich an der Zeit wäre sich der Bettruhe hinzugeben, segelt der Mond, nirgends grösser und verführerischer als hier, ans Firmament und nimmt einen mit in eine andere Welt – während hier der Tag der Nacht sich beugt, beginnt bei Nikaläus, dem Jungen aus Anakondarien, ein neuer Tag voll von Abenteuern.

Barlätius stand direkt neben Nikaläus, seine Hand ruhte auf dessen schmalen knochigen Schultern und zusammen schauten sie raus in die Landen – genossen den Zauber des willkürlich wirkenden Lichtspiels funkelnden Wassers der unter ihnen gelegenen Seen. Ein Moment von warmer Geborgenheit, eine Zweisamkeit von Verständnis geprägt, ein Augenblick der seiner eigenen Vergänglichkeit nur für kurze Zeit in pantomimischer Ruhe vorspielen konnte, dass er eine Zukunft haben würde. In den Bäumen um sie herum arbeiteten die Vögel am Feinschliff ihrer Melodien und während in der Ferne noch der letzte Nachtgruss einer Eule zu hören war, verzog sich im Tal langsam aber beständig der Morgennebel.
Barlätius schaute den Jungen an: „Nikaläus, es ist Zeit, ich werde nun gehen, aber ich werde wieder vorbeikommen und du weißt, wo Du mich jeweils finden wirst. Nun aber, mach dich auf, frohlocke und jauchze, ein neuer Tag, dein Leben und deine Abenteuer warten auf dich!“

Hätten ihm diese Unwesen nicht bereits begegnen sollen?

Nikaläus schlug die Augen auf, traute sich jedoch vorerst noch nicht sich zu bewegen, nur mit seinen Augen versuchte er zu erfassen, ob alles um ihn herum ruhig und unbedenklich war. Es schien alles in Ordnung zu sein, die Natur genoss es ihrem Alltagstrott zu frönen und sein Körper war erholt, ein guter Schlaf war ihm diese Nacht treuer Freund gewesen und einzig störend waren seine von der feuchten Erde durchnässten Kleider. Also sass der kleine Abenteurer auf, schob vorsichtig die Zweige vor seinem Versteck beiseite, schaute eine Zeitlang raus, hinein in den Wald, und da er keine Gefahren erkennen konnte, lief er gebückt zwischen den Zweigen hindurch los, rein in die lichte Halle des Waldes. Sein Ziel waren die Seen weiter unterhalb im Tal gelegen. Während er durch den Wald den Hang runterlief, ein lichter friedlicher Wald, so sein Eindruck, strich er mit seinen Händen durch sein von der Nacht zerzaustes Haar und versuchte dessen Rebellion Herr zu werden. Schon nach kurzer Zeit erwartete er in diesem Wald keine Gefahren mehr, lief beinahe unbekümmert weiter und konnte immer weniger verstehen, von welchen Ungeheuern die Wächter in Anakondarien Kunde taten. Hätten ihm diese Unwesen nicht bereits begegnen sollen, war er doch bereits fast einen Tag und eine Nacht dem Wald und seinen offensichtlich inexistenten Bewohnern ausgeliefert.

So erreichte er am frühen Nachmittag das Flachland und stand schon nach kurzer Zeit am Waldrand. Hier erblickte der Bub zum ersten Mal in seinem noch jungen Leben einen See so gross, als wolle das Wasser am Horizont die Berge küssen und so stand er da und genoss den Augenblick des Entdeckens – er erlebte einen einzigartigen Moment des Erkennens, der Freude und der in beiden enthaltenen Hoffnung. Doch genau in diesem Hort des Friedens geschah das Unerwartete: Nikaläus wurde jäh aus seiner Tagträumerei gerissen, er verlor den Boden unter den Füssen, wortwörtlich, seine Gedanken und Gefühle explodierten – was geschah da nur? Dann, als er einigermassen wieder Herr über seine Sinne wurde, begann er die Situation zu erfassen. Ein monströses haariges Wesen packte ihn am Bein, hielt ihn mit einem undefinierbaren armähnlichen Körperteil, so dick wie die durchtrainierten Oberschenkel eines Wächters, der ihm mitten aus dem Gesicht wuchs und wirbelte ihn damit unkontrolliert durch die Lüfte. Er hatte sich wohl zu früh in Sicherheit gewähnt, war dümmlich naiv und hatte in seiner eigentlich beneidenswerten Kindlichkeit jegliche Vorsicht vermissen lassen. Sie ist ihm irgendwo im Zauberwald abhanden gekommen – von den sanften kleinen Vögelchen und den lieblich hellgrünen im Wind rauschenden Blättern betört, hatte er sie wie ein Gewand ausgezogen und sich, ohne dieses geistige Kleid, keineswegs nackt gefühlt. Diese ferne Welt jenseits von Anakondarien hatte ihm durch ihre Schönheit ein Freudenspiel vorgegaukelt, dass eben doch nur ein Schein, ein wunderbarer zwar, zu sein schien. Da wurde es Nikaläus gnadenlos offenbar, er wurde ihren Bewohnern, diesen dunklen Gestalten, den Ungeheuern der Wälder, zum Opfer vorgeworfen. Seine erst wieder erlangte Übersicht, zu viele Gefühle und Gedanken schrien in seinem Inneren unkontrolliert durcheinander, ging wieder verloren, das alles war dem kleinen Entdecker zu viel – zapp – es wurde schwarz um ihn herum und eine wunderbare Still legte sich über ihn.

Sie schien einen ihrer wild herumfliegenden Gedanken zu ergreifen.

Nikaläus hörte eine sanfte Mädchenstimme, fühlte eine frische Brise auf seinen Wangen und roch den süsslichen Duft von Alidarienblüten. Die Augen noch geschlossen, er wagte sie nicht zu öffnen, überlegte der Junge angestrengt, wo er war. Und in dem Moment als es ihm klar wurde, öffnete er seine Augen geschwind, sprang auf, erblickte einen nahegelegenen Baum und versteckte sich panisch dahinter. Von hier aus konnte er die Situation überblicken, suchte blitzartig die Gegend ab – wo nur war das Ungeheuer? Er sah einzig ein Mädchen, deren Stimme er wohl vorhin vernommen hatte. Das Mädchen stand nun, ab der plötzlichen Reaktion von Nikaläus, ebenfalls erschrocken da. Es war offensichtlich, dass sie angestrengt überlegte, was sie als nächstes tun sollte, sie schien einen ihrer wild herumfliegenden Gedanken zu ergreifen, inspizierte ihn mit ihren inneren Augen, wägte ab, entschloss sich, dass es ein guter Gedanke war und setzte ihn in die Tat um – sie begann aus voller Kehle zu schreien: „Poooolllaaariiooooo!“

Nikaläus erkletterte geistesgegenwärtig den Baum, hinter dem er sich versteckt hatte, der Albtraum schien noch nicht vorüber zu sein, das Freudenschauspiel der grausamen Wälder setzte sich fort, wollte ihn wohl mit dem Trugbild eines unbekümmerten Mädchens täuschen. Doch das Mädchen war nur ein Köder, das konnte er sehen als ein grosser kräftiger Junge auf der Bildfläche erschien – das musste dieser Polario sein, nach dem das Mädchen gerufen hatte. Und hinter Polario erkannte er das fellige Ungeheuer mit dem aus dem Gesicht wachsenden Arm wieder– das Grauen kehrte zurück. Ruhig beobachtete Nikaläus vom Baum aus die Situation und lauschte dem Gespräch der Beiden.

Das Ungeheuer, das ihn durch die Lüfte gewirbelt hatte, stand dicht bei ihnen.

„Almerisa, was ist los?“, sprach Polario ruhig, er schien ein schreckloser Krieger zu sein.
„Der Junge, er ist…er…der Junge…“, stammelte die Kleine.
„Ja was ist mit dem Jungen?“, Polario schaute sich um, „wo ist er überhaupt?“
„Der Junge ist urplötzlich erwacht und hat sich hinter diesem Baum dort versteckt“, das Mädchen zeigte mit ihrer zierlich blassen Hand auf den Baum, auf dem Nikaläus sich nun versteckte. „Ich habe Angst gekriegt, der Junge schaute mich mit einem gänzlich verstörten Blick an.“
„Schon gut Almerisa, hab keine Angst, der Junge hat sich wahrscheinlich auch nur erschreckt. Wo ist er denn hingelaufen, ich kann ihn hinter dem Baum nicht sehen.“
Diese letzten Worte liessen Nikaläus aufhorchen, was war da los – waren die Beiden vielleicht doch nur harmlose Kinder. Nein das konnte nicht sein, denn das Ungeheuer, das ihn durch die Lüfte gewirbelt hatte, stand dicht bei ihnen und war den Zweien wohlgesinnt, die steckten alle zusammen unter einer Decke, um ihn mit ihrem Verwirrspiel zu besänftigen und gleichzeitig in ihre Gewalt zu bringen.

Nun sah er sie, das unsägliche Trio, auf seinen Baum zukommen. Als sie direkt unter ihm standen, getraute er sich kaum noch zu atmen, hielt sich regungslos still.
Da erklang die Stimme Polarios: „Hey Kleiner, wer bist du, wie ist dein Name?“
Das klang unwahrscheinlich harmlos, dieser Polario musste ein grosser Schauspieler im Theater der Unwahrheiten und der Heuchelei sein, ein vordergründig feinfühliger Kerl, der einem dann im Moment des Vertrauens das Messer von hinten in den Rücken rammte. Deshalb blieb Nikaläus stumm, wartete ab, wollte einen Plan schmieden, aber seine Ideen schienen in Angst und Schrecken im nahegelegenen See abgetaucht und davon geschwommen zu sein.
Nun hörte er das Mädchen: „Hey Fremder, wir sind hier nur auf Durchreise, kennen diese Gegend nicht. Es tut mir leid, dass ich dich vorhin so erschreckt habe, ich wollte dich eigentlich nur mit den Alidarienblüten zurück ins Diesseits holen. Du musst vor uns keine Angst haben, komm doch runter.“
Das brachte Nikaläus nun doch zum Nachdenken. Dieser Polario schien ein netter Junge zu sein, es konnte jedoch alles nur gespielt sein, um ihn zu umgarnen, aber dieses Mädchen, er konnte nichts Ungutes an ihr erkennen. Aber halt – da stand noch immer dieses Monster neben den Beiden.
Irgendwie musste Nikaläus aus dieser Situation raus kommen, er fasste sich ans Herz und rief vom Baum herunter: „Wenn ihr zwei doch nur Fremde, wohlgesinnt und ohne schlechte Absichten seid, wieso seid ihr dann mit diesem monströsen Wesen unterwegs, welches mich vorhin mit brachialer Gewalt herumwirbelte und mich fast von dieser Welt in die Nächste geschickt hatte?“
Polario begann zu lachen: „Ach so, du musst entschuldigen, dieser fette Kerl hier, das ist Fellefant, wir sind ihm nicht unweit von hier begegnet, er hat sich uns angeschlossen und schien uns wohl verteidigen zu wollen. Aber wenn du ihn besser kennen würdest, sähest du schnell, dass er ein richtig liebenswerter Koloss ist. Komm nun runter – wir werden dir nichts tun.“
Nikaläus dachte noch kurz über die Worte nach, nun gut, was blieb ihm anderes übrig, irgendwann musste er doch von diesem Baum heruntersteigen.

Es triumphierte in ihm, ein Abenteuer, nicht alleine, sondern mit richtigen Freunden, natürlich wollte er das!

Als er seine Füsse auf dem Boden aufsetzte und die anderen Beiden ängstlich beäugte, streckte ihm das Mädchen die Hand entgegen: „Hallo, wie ist dein Name? Ich bin Almerisa.“
Und auch der Junge stellte sich vor: „Meine Name ist Polario.“
Mit leicht zitternden Händen, auf dem Gesicht ein zaghaftes Lächeln, umschloss Nikaläus kurz die Hand des Jungen und stellte sich den beiden vor: „Ich bin ein Junge aus Anakondarien, das liegt hoch oben über den Wäldern, auf den Bergen und ich bin erst gestern von dort fortgelaufen und werde nicht mehr dorthin zurückkehren, denn ich will ein Abenteurer sein und neue Welten entdecken. Ich heisse Nikaläus.“
Polario grinste den Jungen an: „Nun dann Nikaläus, sei unser Freund, wir zwei sind bereits unterwegs auf einem Abenteuer – willst Du dich uns anschliessen?“
Nun schwanden bei Nikaläus alle Vorbehalte, es triumphierte in ihm, ein Abenteuer, nicht alleine, sondern mit richtigen Freunden, natürlich wollte er das!
Er lächelte Almerisa und Polario an: „Ich werde mit euch mitkommen, euer Freund sein, und immer zu euch halten, egal welche Gefahren da kommen werden!“
Almerisa lächelte zurück, nahm ihn bei der Hand und die drei Kinder und der Fellefant liefen dem See entlang in Richtung der rotglühenden Sonne, die sich anschickte gute Nacht zu sagen, aber morgen mit Bestimmtheit zurück sein würde, um die vier auf ihren weiteren Abenteuern zu begleiten.