Text Martin Hoch, Bild und Video Trabantem
Was würden Sie erwarten, wenn Sie ans Ende der Welt fahren würden? Vielleicht geht es Ihnen wie uns – wir hatten keine Ahnung. Als wir Anfang Januar den südlichsten Punkt Südamerikas, zu dem man mit einem Fahrzeug vordringen kann, erreichten, fanden wir Folgendes vor: Eine einsame Radarstation, eine wundervoll wilde Landschaft und ein Ausblick auf die Weiten des Ozeans. So in etwa hätte man sich das Ende der Welt vorstellen können. Doch wir begegneten noch etwas Weiterem: einer mitreissenden Geschichte über ein ganz spezielles Abenteuer.

Erreichen wir das Ende der Welt?

Unser VW-Bus holpert über die schlammige steinige Piste. Wir kommen nur langsam vorwärts. Ich kurble das Seitenfenster leicht herunter, möchte den intensiven Geschmack der Lengawälder nicht verpassen. Ich atme tief ein, geniesse den Moment, betrachte den dichten Wald durch die dreckverschmierte Windschutzscheibe, und während der Regen einsetzt, fragen wir uns immer wieder, wie lange noch, wie viele Biegungen auf dieser Piste folgen noch, bevor wir unser Ziel erreichen, und hoffentlich streikt unser Fahrzeug nicht an diesem menschenleeren Ort. Doch schliesslich erreichen wir nach 37 Tagen auf einem Frachtschiff, tausenden gefahrenen Kilometern auf staubigen Strassen durch die nie endend wollende Pampa Argentiniens und einer herrlichen Fahrt durch Feuerland den mit einem Fahrzeug zu erreichenden südlichsten Punkt Südamerikas.

Ich möchte den intensiven Geschmack der Lengawälder nicht verpassen.

Das Ende der Welt ist fest in den Händen von sieben osteuropäischen Abenteurern.

Was machen die denn da?

Beim Erreichen unseres Ziels ist die Freude gross, die Verwunderung jedoch nicht geringer. Vor uns steht eine gelbe Wagenkolonne: zwei Trabants, ein Fiat Maluch und ein Jawa Motorrad. Das Bild passt nicht – was machen denn die da, schiesst es mir durch den Kopf, und überhaupt, wie sind die bis hierher gekommen? Wir betreten das kleine Häuschen, die Moat Radarstation, und erblicken eine fröhliche Gruppe von Männern. Die sieben Herren, sie stammen aus der Tschechischen Republik, Polen und der Slovakei, scheinen den Stützpunkt übernommen zu haben. Die ebenfalls anwesenden Argentinier schauen verdattert in die Welt und wissen nicht recht, wie mit den Fremdlingen umzugehen, welche in ihrer kleinen Küche Tee und Kaffee zubereiten, auf ihren Stühlen sitzen und lauthals diskutieren und lachen. Schliesslich ziehen sich die Einheimischen zurück und gehen wieder ihrer Arbeit nach – das Ende der Welt ist fest in den Händen von sieben osteuropäischen Abenteurern. Wir stellen uns vor, beginnen ein Gespräch, wollen wissen, wer sie sind und was sie hier tun. Dies ist die Geschichte der glorreichen Sieben, die loszogen, Südamerika zu entdecken.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg …

Im Jahr 2007 war Dan Přibáň auf der Seidenstrasse unterwegs. Sein Fahrzeug: ein Trabant. Zwei Jahre später folgte das nächste Abenteuer. Der Plan: mit zwei Trabants Afrika von Norden nach Süden zu durchqueren. Die Menschen um ihn und seine Crew herum schütteln nur den Kopf, die Meinungen waren schnell gefasst – das ist unmöglich. Die Furchtlosen lieferten den Gegenbeweis – wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Für das aktuelle Abenteuer vergrösserten sie das Team und präsentieren sich nun stolz als internationale Crew – mit dabei: 2 Trabants, 1 Fiat Maluch und ein Jawa Motorrad.
Dan Přibáň erzählt: „Die Trabants haben schon einiges erlebt, wir fuhren entlang der Seidenstrasse, durch Afrika, aber Südamerika war das härteste Abenteuer. Die Strassen waren schlecht, oft nur schwer befahrbar, wir sahen Leute, die sich sogar mit ihren 4X4-Fahrzeugen kaum getrauten, gewisse Strecken zu befahren, dazu kamen die teilweise extremen Höhen von über 4000 m.ü.M.“

Auf unpassierbaren Strassen durch den Amazonas

In Brasilien fuhren sie durch den Amazonas, auf der BR319, einer Strecke, welche offiziell als unpassierbar deklariert wurde. „Wir waren oft an der Grenze des Machbaren, oder vielleicht sogar schon darüber. Auf einer verrotteten Brücke brachen wir ein, steckten ständig in grossen Schlammlöchern fest und kämpften mit den Regenmassen. Aber wir haben alle Probleme gemeistert.“
In den Anden Perus erreichte die Crew den höchsten Punkt: 4868 m.ü.M. Die Leistung der Motoren fiel alle 1000 Höhenmeter um etwa 10% ab – nicht zu vergessen, die Fahrzeuge haben nur 26 PS. „Als wir 4000 m.ü.M. erreichten, feierten wir … und dann mussten wir uns übergeben, die Höhenkrankheit suchte uns heim.“ In den weiteren Wochen, als sie täglich auf über 4000 m.ü.M. unterwegs waren, gewöhnten sie sich an die Höhe.

Der Schock – ist alles verloren?

Nach knapp einem Drittel der Reise dann der Schock. Die Abenteurer fuhren an einem Strand entlang, als plötzlich Mareks Motorrad, die Jawa, steckenblieb. Die Kollegen eilten schnell zur Hilfe, doch noch während alle mit vereinten Kräften versuchten, die Jawa auszubuddeln, kam die Flut. „Eine erste Welle erreichte unsere Fahrzeuge, bedeckte sie mit Schlacke und Sand und innert Sekunden steckten die Räder der Autos fest, als wären sie in Zement eingegossen. Und schon rollte die zweite Welle an …“ Irgendwie schafften sie es dann doch noch, die Fahrzeuge zu retten, aber es war wahnsinnig knapp. „Es war das erste Mal während einer Trabant-Expedition, dass wir die Fahrzeuge beinahe verloren haben.“

Und dann mussten wir uns übergeben.

Man fühlt sich, als würde man zwischen dem blauen Himmel und einer weissen Prärie hindurch fliegen.

Zwischen dem blauen Himmel und der weissen Prärie

Das nächste Highlight auf der Strecke war der Salar de Uyuni, der weltweit grösste Salzsee, und ihn zu befahren, machte den Herren jede Menge Spass: „ein unwirkliches Fahrerlebnis“, meinte Dan. Auf dem Salar de Uyuni tummeln sich viele Touristen, aber nur ganz wenige sind mit dem eigenen Fahrzeug dort. „Es ist ein Fahren ohne Grenzen. Du kannst bei vollem Tempo einfach deine Hände vom Steuerrad nehmen. Man fühlt sich, als würde man zwischen dem blauen Himmel und einer weissen Prärie hindurch fliegen.“ Marek, der Besitzer der 55-jährigen Jawa, fasste zusammen: „Das war das beste Erlebnis, dass ich auf dieser Reise hatte.“ Weiter ging es durch Patagonien nach Feuerland, wo sie schliesslich Anfang Januar Ushuaia erreichten. Dort angekommen realisierten sie, dass Ushuaia nicht, wie von vielen Reisenden kolportiert, der südlichste Punkt der Panamericana ist. Natürlich fuhren sie nicht diesen weiten Weg, meisterten alle Abenteuer und würden nun die letzten 150 Kilometer zum Ziel scheuen. So erreichten sie am 11. Januar 2013 die Radarstation Moat – der mit dem Fahrzeug zu erreichende südlichste Punkt Südamerikas.

Transtrabant Salar de Uyuni

Es würde uns reizen, Ozeanien mit Amphibienfahrzeugen zu bereisen.

Wie weiter?

Während ihrer 3-monatigen Tour entstanden unzählige Videos und Fotografien – eine riesige Sammlung, die sie nun sortieren und bearbeiten wollen. „Gut möglich, dass wir daraus einen kleinen Film machen – wir lassen es euch wissen.“ Wir fragen noch, ob sie denn bereits ein nächstes Abenteuer planen. Einer der Crew meinte, er wisse noch nicht mal, wie er nach Hause kommen soll, das Sponsoring habe nicht so viel eingebracht wie gedacht, und er habe kein Geld mehr für den Rückflug. Ein anderer meinte jedoch ganz enthusiastisch: „Wir überlegen uns ernsthaft, ob wir für die nächste Expedition unsere Fahrzeuge wechseln sollen – es würde uns reizen, Ozeanien mit Amphibienfahrzeugen zu bereisen.“ Na dann, viel Glück – wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Quelle: Trabantem