Die Windkinder – Teil 2

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Text und Bild Martin Hoch
Ushuaia, die südlichste Stadt von Argentinien, auf Feuerland liegend, wird von den Argentiniern als das Ende der Welt betitelt und die Souvenirverkäufer scheinen unendlich viele Ideen zu haben, daraus Profit zu schlagen. Das Ende der Welt – als wäre die Erde eine Platte und kurz nach Ushuaia würde der freie Fall folgen, auf Nimmerwiedersehen.

Wäre es so, es wäre schade, denn nur eine knappe halbe Fahrstunde weiter erreicht man die Tore des Nationalparks „Tierra del Fuego“, welcher täglich zahlreiche Naturbegeisterte willkommen heisst. Bei der Einfahrt in den Park, wo einem hilfreiches Informationsmaterial über die diversen Wanderungen und Aussichtspunkte überreicht wird und auf der Weiterfahrt auf den kleinen Strassen durch den Park, wird der Ruhesuchende den Eindruck nicht los, dass er das Naturparadies mit zahllosen Gleichgesinnten teilen muss. Doch dieser erste Eindruck hält nicht lange Stand, denn wie überall in Argentinien profitieren wir auch hier von der Art und Weise wie die Einheimischen ihre Naturparks besichtigen: Mit dem Auto rein, bei jedem „Mirador“ wird kurz das Auto verlassen, oft nicht mal das, schnell werden ein paar Fotos gemacht während die Musik, die aus dem Auto dröhnt auch noch den letzten Vogel verscheucht – am Ende des Abends haben sie dann jeweils jeden Aussichtspunkt gesehen und mussten ihre Kutsche kaum verlassen. Somit sind wir bei unseren Wanderungen jeweils alleine auf weiter Flur, geniessen die Ruhe, den würzigen Duft der Wälder und ja, da kommt es manchmal vor, wenn man inmitten dieser Zauberwälder steht, dass mit einem die Fantasie durchbricht – man schliesst die Augen, atmet den Geruch von Abenteuer ein und sieht Bilder einer längst vergangen Zeit vorüberziehen.

Schnell und leise, kaum wahrnehmbar wie ein Schatten, lief der kleine Junge von einem Busch zum nächsten. Ein aufmerksamer Beobachter hätte ihn kaum wahrgenommen, ausser vielleicht ein vom Ablauf des Geschehens informierter, ja, der hätte wahrscheinlich das nervöse und leicht ängstliche Blinzeln zwischen den Blättern entdeckt, aber nicht mehr. Nikaläus, so hiess der heranwachsende linkische Bub, wusste genau, dass er sich in der Nähe der Wälder nur mit äusserster Vorsicht bewegen durfte, zu gross seien die Gefahren, so wurde ihm schon seit frühesten Kindestagen eingetrichtert, die von den Wesen der Wälder ausgehen. Von Wesen, von ihm noch nie gesehen, seiner Fantasie jedoch nicht unbekannt, die äusserst barbarisch jegliche Achtung vor dem Leben negierend durch die Dunkelheit streiften, von diesen Kreaturen wurde jeweils abends am Gemeinschaftsfeuer des Dorfes erzählt.

Während sie ihr Dasein in dieser Abgeschiedenheit der Berge verbrachten, drehte sich das Rad der Zeit unablässig weiter und blieb nie stehen.

Als am gestrigen Abend die Wächter des Bezirks nach getaner Arbeit zurückkehrten, waren sie nicht wie gewöhnlich erschöpft, müde und hungrig. Im Gegenteil, ein jeder im Dorf konnte die elektrisierende Spannung der jungen und alten Krieger spüren, etwas musste geschehen sein, ein Ereignis von eminenter Bedeutung – anders war diese aufgeladene Stimmung nicht zu erklären. Gespannt wie alle setzte sich Nikaläus am Abend ans Feuer, wollte wissen, was los war, war erschreckt und verängstigt ab der Kunde, die da kommen würde und gleichzeitig neugierig und insgeheim lüstern etwas Spannendes möge geschehen sein und ihn aus seiner begrenzten kleinen Welt herausreissen. Denn ein Faktum, zumindest Nikaläus sah es starrköpfig so, hier im Bergbezirk war, dass das Leben, ein jeder Tag, durch die Einöde der Begrenztheit, einer profan örtlichen, aufgefressen wurde. Während sie ihr Dasein in dieser Abgeschiedenheit der Berge verbrachten, drehte sich das Rad der Zeit unablässig weiter und blieb nie stehen. Und wie ein Stillstand der Zeit dem Wesen ihrer selbst konträr entgegengestanden hätte, so waren Abenteuer und Lebhaftigkeit mit dem hiesigen Leben auf den Bergen, verhindert durch die von den Wächtern kolportierten Gefahren, eine Unvereinbarkeit per se.

Es herrschte gespannte Stille, präsent nur die immerdar anwesende Melodie der Winde und das Knistern des leicht lodernden Feuers, als Kreolatin, der führende Krieger der Gilde seine normalerweise donnernde Stimme leise, zügelnd und von Ernsthaftigkeit erfüllt erhob: „Mein Volk, Bewohner der ewigen Berge, wir, die Wächter von Anakondarien, haben eine Botschaft – doch diese, sie ist nicht bestimmt für alle unter uns. Bevor wir fortfahren, Mütter, bringt eure Kinder in eure Häuser – so wie wir Anakondarien vor den Wesen der Wälder schützen, so müsst ihr heute eure Kinder vor dieser unseligen Botschaft schützen.“

Damit war die Luft draussen und als Nikaläus zu Hause im Bett lag, kullerten Tränen der Wut, des Zorns und der Hilflosigkeit über seine rosa Wangen. Er wollte raus aus dieser unglückseligen Welt, er wusste, dass da mehr war, da draussen – ja Gefahren mochte es geben, aber war nicht auch die Gefahr des Verdurstens im Meer, umgeben von Wasser, eine Tatsache, so sollte auch anerkannt werden, dass die Unmöglichkeit eines freudvollen Lebens in einem solch unwirtlichen Gefängnis wie dem Bergbezirg Anakondarien, eine Tatsache war.

Er, Nikaläus, der erste und einzige Sohn von Malisäro, einem mächtigen Wächter der Gilde, war jung, ein Kind, aber dumm war er nicht. Das wusste auch Barlätius, der Weise. Ein alter gebrechlicher Mann, von Gütigkeit durchdrungen und er begriff früh, das Nikaläus ein aussergewöhnlicher Bub war. So begann er ihm sein Wissen weiterzugeben, erfreute sich daran, dass er mit einem kleinen Jungen philosophieren konnte und sich oft dabei erwischte, dass die Gegenfragen des kleinen, schlauen Knirps ihn durchaus aus dem Konzept bringen konnten. An Barlätius dachte Nikaläus nun – erst letzte Woche hatten sie einen Disput über die Begrenztheit von Anakondarien. In dieser verbalen Auseinandersetzung über Freiheit pflichtete ihm Barlätius ungewohnterweise bei, unterstützte ihn in seiner gedanklichen Reise und meinte abschliessend nachdenklich: „Gnade über dem Volk, einer jeglichen Gesellschaft, die da existiere, in der ein jeder Einzelne herausfinde, dass er eigentlich frei ist.“

Im Wirrsal dieser Gedanken und des durch Kreolatin hervorgerufenen Zorns, entschied der kleine Junge kühn und unerschrocken, andere hätten es, vielleicht fälschlicherweise, als naiv betitelt, dass morgen sein grosser Tag kommen würde – er wollte nicht weiter nur von Abenteuern träumen, er wollte sie nicht nur, nein er musste sie leben.

War nicht auch die Gefahr des Verdurstens im Meer, umgeben von Wasser, eine Tatsache.

Das alles gehörte in diesem Moment jedoch der Vergangenheit an, wie erwähnt, das Rad der Zeit drehte sich unablässig und nun war es Nikaläus doch ein wenig Angst und Bange als er vorsichtig von einem Busch zum nächsten sprang und hoffte, dass ihn kein böses Wesen erblickte. Doch er wollte nicht etwa umkehren, vielmehr war er froh, dass er es bereits so nahe an den Waldrand geschafft hatte.

Dann auf einmal zuckte er zusammen, erschrak ab dem lauten Rufen, das die Stille durschnitt – es war die Stimme seiner Mutter: „Nikaläus, Nikaläus – wo bist Du? Nikaläus, so zeig dich doch!“ Nikaläus sass still hinter dem Busch, getraute sich nicht sich zu bewegen und doch begannen seine Beine leicht zu zittern und all der angesammelte Mut wollte ihn verlassen. Könnte es sein, dass seine Idee nur einer nicht existierenden Wunschvorstellung entsprang, dass er im Begriff war, die grösste Dummheit seines noch jungen Lebens zu begehen und dass die Wächter recht hatten, wenn sie von den Schrecken verbreitenden Ungeheuern jenseits von Anakondarien erzählten. In diesem Moment des Zögerns übernahm jedoch ein anderer Gedanke sein Handeln, das Bewusstsein, dass, würde er heute die Ferne nicht erkunden, bis an sein Lebensende die Wahrheit niemals erfahren noch erblicken würde.

Dieser Gedanke liess eine neue Kraft in seine Glieder strömen, er legte sich vorsichtig auf den Boden, konzentrierte sich auf die letzte Etappe, die zwischen ihm und dem Wald lag, setzte sich langsam in Bewegung, den Baum immer zwischen der suchenden Mutter und ihm wissend, kroch der kleine Abenteurer die letzten Meter zum Waldrand hin.

Das erste was ihm beim Erreichen des Waldes auffiel, war der würzig feuchte Geruch des Waldbodens – er roch für Nikaläus nach Abenteuer und Ferne. Durch seinen ganzen Körper tanzten Glücksgefühle und da begann der Bub zu lachen, denn er stellte fest, dass er noch immer auf dem feuchten Boden lag, vom Wald noch nichts gesehen hatte, denn sein Blick war vom Kriechen noch immer nach unten gerichtet. So stand Nikaläus langsam und vorsichtig auf, klopfte die Erde von seiner roten Stoffhose und richtete seinen Blick zuerst nach oben, dann nach vorne und auf seinem Gesicht begann sich Unglauben abzuzeichnen – irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Sein Herz klopfte, er lief weiter durch den Wald, suchte Schutz hinter den schmalen Baumstämmen, schaute immer wieder um sich herum, es änderte sich nicht, das Bild, dass er von Anfang an zu sehen kriegte. Er sah Vögel spielend leicht ihre Flügel schwingend zwischen den Bäumen hindurch segeln und Licht, das am Boden seinen Glanz versprühend herumhüpfte, daneben wunderliche Bäume, behangen mit Blättern verschiedensten Grüns, ja, dies schien ein reiner, hübscher und bezaubernder Wald zu sein. Und doch, Nikaläus wollte diesem unerwarteten Bild nicht trauen, noch nicht. Sich noch immer hinter einem Baumstamm versteckend, wurde er sich bewusst, dass er einen Plan brauchte. Ausgeschlossen war dass er die Nacht ungeschützt in der Finsternis verbringen konnte und es war bereits später Nachmittag.

Auf der Suche nach einem geeigneten Versteck lief er weiter hangabwärts durch den Wald, immer besorgt so wenig Lärm wie möglich zu machen und nicht über das Wurzelgeflecht zu stolpern. Er durchquerte ein kleines im Wald gelegenes Sumpfgebiet und erreichte erst nach längerer Zeit den Ort, den er als sein Versteck auswählte, eine kleine Grube, von hinten geschützt durch einen mannshohen Felsbrocken und von vorne verdeckt durch hellgrün schimmerndes Gestrüpp und halbverrottete Äste. Nikaläus bahnte sich seinen Weg in die Grube, staffierte sie mit von den Bäumen heruntergesegelten Laubblättern aus und richtete die Äste vor sich so aus, dass von Aussen, hoffentlich, niemand zu ihm hinein sehen konnte, er jedoch eine gute Übersicht über das vor ihm Liegende hatte.

In diesem Moment erst realisierte er, dass er seine Umgebung, bedingt durch die Suche und das Einrichten des Verstecks, gar noch nicht wahrgenommen hatte. Er kam kaum aus dem Staunen heraus ab dem Anblick der sich im bot – er sah Berge, so hoch, dass sie den Himmel berührten. Das arme Gebirge musste sich wohl täglich den Kopf am Himmelsdach stossen und verlor offensichtlich ständig, durch die vorüberziehenden weiss bauschigen Wolken bedingt, die visuelle Kontrolle über die vor sich liegenden tiefblauen Seen und die dunkelgrünen Felshänge unter sich. Nikaläus wäre am liebsten losgelaufen, runter in diese Märchenwelt – nun wollte er noch mehr entdecken. Doch dieses Abenteuer musste auf den morgigen Tag warten, denn die Augenlieder des kleinen Jungen wurden immer schwerer, die Anspannung des Tages liess nach und als er die Augen nicht mehr offen halten konnte, fiel er in einen tiefen, langen Schlaf.

Nikaläus wäre am liebsten losgelaufen, runter in diese Märchenwelt – nun wollte er noch mehr entdecken.