Thierry Wilhelm Worldbiker Slideshow2

Text Martin Hoch, Bild Thierry Wilhelm
Beim Reisen trifft man Menschen. Verschiedenste Menschen. Blonde, dunkelhäutige, reiche, arme, schlanke, alte, arbeitende, intellektuelle – der Mensch ist interessant und jeder hat seine eigene Geschichte zu erzählen. Sei es ein Krimi, ein Drama, ein langweiliger Schmöker oder eine Komödie. Thierrys Leben ist eine Abenteuergeschichte. Zumindest seit ein paar Jahren. Wir trafen den aufgeschlossenen Abenteurer in der Wüstenstadt Yazd im Iran. Yazd, das sei hier am Rande erwähnt, ist bis heute eine meiner schönsten Begegnungen mit einer Stadt geblieben. Das Gespräch mit Thierry war interessant und wir durften rasch feststellen, dass der aus Basel stammende Worldbiker, wie er sich nennt, ein ausserordentlich angenehmer Gesprächspartner ist.

Wenn Thierry über seine letzten Jahre, all seine Reisen und sein Lebenskonzept spricht, wird es spannend. Während er enthusiastisch und humorvoll seine Geschichten erzählt, zieht er einen automatisch mit seinen Abenteuer in den Bann. Thierry hat viel erlebt. Er besitzt Geschichten, denen zu lauschen es sich lohnt.

Auf GlobeSession erzählt uns Thierry in einer dreiteiligen Interview-Serie mehr über seine Abenteuer. Im ersten Teil der Serie nimmt uns Thierry mit auf seine erste Etappe, die ihn von Mexico bis an die Südspitze Südamerikas, nach Feuerland, führte.

Lebe so, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben! Christian Fürchtegott Gellert (1715 – 1765)

Der Kontinent ist landschaftlich so schön, dass man beinahe ununterbrochen beeindruckt ist…

GS: Deine erste Etappe führte dich von Mexiko bis zur Südspitze Argentiniens, nach Ushuaia. Welches Erlebnis, welche Landschaft oder welche Begegnung dieser Reise war für dich am beeindruckendsten?

Thierry Wilhelm: Das ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage, denn sie lässt sich unmöglich auf jeweils nur ein einziges Ereignis reduzieren. Der Kontinent ist landschaftlich so schön, so vielfältig und in seinen Dimensionen so gewaltig, dass man beinahe ununterbrochen beeindruckt ist – Südamerika ist voll von Superlativen:

grösster Dschungel (Amazonas), höchster Wasserfall (Salto Angel) und mächtigste (und meiner Meinung nach schönste) Wasserfälle (Iguazu), grösste Salzflächen (Salar de Uyuni), letzte noch wachsende Gletscher (Perito Moreno), aktive Vulkane (z.B. Chaitén), zweithöchste Gebirgskette (Cordillera Blanca), längste Hochgebirgskette (Anden) und dadurch unzählige hohe Gegbirgspässe, trockenste Wüste (Atacama), längster Strom (Amazonas, tiefste Canyons (z.B. Colca Canyon), höchstgelegene Städte (Potosí), endemische Tierwelt und exotischstes Biotop (Galapagos) – wie soll man sich da für die allerschönste Landschaft entscheiden können? Ich durfte alle oben aufgezählten Superlativen erleben und ich kann nur sagen, dass sie alle am beeindruckendsten waren…

Abgesehen von den fantastischen Landschaften erlebt man beeindruckende ERLEBNISSE meistens mit Menschen. Sehr beeindruckend war für mich die enorme Gastfreundschaft, Freundlichkeit und Neugier der Menschen. Da ich auf meinem grossen und vollbepackten Motorrad leicht als Reisender ausgemacht werden konnte und zudem meist alleine unterwegs war, ermutigte dies die Menschen, auf mich zuzukommen und mich anzusprechen. Das ist einer der grossen Vorteile, wenn man alleine unterwegs ist. Zudem ist es einfacher, einen Einzelnen unterzubringen, als eine ganze Gruppe. Das war ein sehr interessantes Phänomen und wurde mir durch Gespräche mit anderen Reisenden, die in Gruppen unterwegs waren und dies weit weniger oft erlebt hatten, bestätigt. Auch ist mir aufgefallen, dass Rucksackreisende, die ich in Hostels kennengelernt hatte, mir Geschichten erzählten, die diametral entgegengesetzt von meinen Erfahrungen waren.

Ich realisierte, dass das Motorrad wie ein “Türöffner” funktionierte! Durch das abenteuerliche Erscheinungsbild eines offensichtlich Reisenden (und nicht Kurzzeittouristen) wurde die Aufmerksamkeit erregt und somit die Neugier geweckt. Woher kommt der Typ? Wohin geht er? Wie finanziert er das? Was sagt die Familie dazu? Hat er keine Angst vor all den Gefahren, die überall lauern? Dazu kommt natürlich die grosse technische Neugier der Männer ins Spiel: Was ist das für ein Motorrad? Wie teuer? Wie schnell? Wie schwer? Wie viele Gänge? Welcher Verbrauch? Natürlich erlebte ich das hauptsächlich in ärmeren Ländern, wo grosse Motorräder selten, weil unerschwinglich oder gar verboten (zweite Etappe) sind. Aber auch in reicheren Ländern wie Argentinien, Chile oder Brasilien kam es abseits der Hauptrouten und grossen Städten immer wieder vor. Ich spürte den Respekt, den mir die Menschen entgegenbrachten und entsprechend wurde ich (meistens) freundlich behandelt. Das hat mich sehr beeindruckt.

Das Motorrad funktionierte wie ein “Türöffner”!

Einer stand vor mir und zielte die ganze Zeit auf meinen Kopf.

Meine beeindruckendste BEGEGNUNG war allerdings eine negative. Das war ein bewaffneter Raubüberfall in Guatemala. Ich war alleine auf einer unbefestigten Strasse durch einen dschungelähnlichen Wald entlang des Lago Atitlán unterwegs. Ich hatte gerade San Pedro verlassen und wollte auf einer alternativen Strasse zurück nach Antigua Guatemala zurückfahren. Die einzige Alternative führt über San Juan und um den Vulkan San Pedro herum. Es war morgens um halb Elf. Niemand ausser mir war auf der Strasse. Da sah ich aus dem Augenwinkel einen Typen, der parallel zu mir durch die Büsche rannte. Erst dachte ich, der sei am Jagen. Als nächstes tauchten etwa 50 Meter vor mir zwei Typen auf der Strasse auf, die je eine Machete in Kampfstellung hielten, bereit mich vom Motorrad zu hacken, sollte ich nicht anhalten. Gleichzeitig hörte ich den Ruf: Para, para (anhalten, anhalten!)! Zwei weitere Männer erschienen aus den Büschen. Drei hielten je eine Pistole in der Hand. Alle waren maskiert, so dass ich lediglich ihre Augen sehen konnte. Nun stand einer vor mir und zielte die ganze Zeit auf meinen Kopf. Ich blieb ruhig auf dem Motorrad sitzen und hielt verkrampft die Lenkstange, währenddessen die anderen begannen alle Aussentaschen meines Anzugs zu leeren sowie meine Packtaschen zu öffnen. Sie nahmen alles, was ihnen von Wert erschien, wie Geldbeutel, Fotoapparat, Telefon, Tagesrucksack, Trekkingschuhe und Jeans. Einer nahm sogar eine ganze Tasche mit, in der meine Campingausrüstung verstaut war (er wusste es allerdings nicht). Also waren auch das Zelt, der Schlafsack und die Isomatte weg. Zum Glück öffneten sie meine Jacke nicht, denn um den Hals hing meine Beuteltasche mit Kreditkarte, Pass und noch mehr Geld. Ich dachte für mich: Nehmt was ihr wollt, aber lasst mir bitte mein Leben und mein Motorrad. Ich blieb erstaunlich ruhig, der Schock kam erst später. Der ganze Spuk dauerte etwa 5 Minuten. Sie waren sehr nervös und ich war überzeugt, dass dies Teenager waren, die das noch nicht oft gemacht hatten. Einer sagte mir dann, ich solle umkehren und zurückfahren. Dann rannten sie los und verschwanden in den Büschen. Ich wartete noch 5 Minuten, packte den Rest wieder zusammen und fuhr trotzdem in die eingeschlagene Richtung weiter. Dieses Erlebnis verfolgte mich fortan noch viele Nächte. Noch nie zuvor hatte ich in einen Pistolenlauf geblickt…

Dies war auf der gesamten bisherigen Reise das schlimmste und entsprechend die beeindruckendste BEGEGNUNG. Ähnliches ist mir zum Glück nie mehr wiederfahren…

Aber um auch positive Begegnungen zu erwähnen, so beeindruckte mich auch die Marktfrau, die zu meinen zwei Äpfel und zwei Bananen gleich noch 1/2 Kilo Trauben und 2 Mangos dazu packte. Oder – mehrmals – die Mopedfahrer, die mich aus grosse Städte hinausführten, weil ich nach dem Weg gefragt hatte und deshalb grosse Umwege und Zeitverlust in Kauf nahmen. Oder diejenigen, die mir kleine Kreuze oder Maria-Figuren schenkten, um mich auf meinem weiteren Weg zu beschützen. Oder die Frau in Costa Rica, die wie wild am Strassenrand winkte, ich anhielt, weil ich dachte sie sei in Not, sie aber lediglich mitreiten wollte, mich danach in einen kleinen Wald lotste, mich dort verführte, um mich danach ins Dorf gleich hinter dem Wäldchen nach Hause mitzunehmen, mich an den Tisch zu ihren 5 Kindern setzte und uns alle durchfütterte. Oder, oder, oder… es gibt so vieles, dass man erwähnen könnte…

GS: Du konntest von dieser ersten Etappe eine wahnsinnige Fülle an Eindrücken mit nach Hause nehmen. Die Meisten hätten eine solche Reise genossen, wären dann aber auch wieder für eine längere Zeit gesättigt gewesen. Viele, die es sich leisten können, bereisen heutzutage die Welt für 3, 6 oder auch 12 Monate – aber dein Plan ist eine Weltreise über mehrere Jahre. Was treibt dich an und wie verarbeitest du diese riesige Menge an Erlebnissen?

Thierry Wilhelm: Zuerst muss ich erwähnen, dass diese Reise mein Lebenstraum ist. Ich habe mein Leben darauf ausgerichtet und entsprechend organisiert. Sie ist auch der Grund, warum ich nie geheiratet habe. Der Traum offenbarte sich mir, als ich als 22-jähriger die Sahara durchquerte (auf einem Motorrad natürlich!). Aus der engen Schweiz kommend, hat mich diese Weite dort dermassen beeindruckt, dass ich mehr von der Welt sehen wollte.

Dazu kommt, dass ich ein leidenschaftlicher Motorradfahrer bin. Das Erlebnis der Kombination – reisen auf einem Motorrad – hat mir ein solch gutes und glückliches Gefühl vermittelt, dass ich richtiggehend süchtig wurde. So reifte der Traum ziemlich schnell, einmal auf dem Motorrad um die Welt zu fahren. Allerdings realisierte ich aber ebenso schnell, dass 1 oder auch 2 Jahre nie und nimmer genug wären, um unsere schöne Erde genau anzuschauen und richtig zu erfassen. Ich wollte nicht einfach durch die Länder „rasen“, sondern mir auch genügend Zeit lassen können, um die Kulturen gebührend kennen zu lernen. Die Natur ist das Eine, doch mich interessieren auch die vergangenen wie auch die aktuellen Kulturen. Dazu gehören natürlich die Menschen und wie sie leben, aber auch das Kulinarische oder die Architekturen. Der Traum wurde also sehr bald dahingehend erweitert, dass ich ohne Zeit- und ohne Geldlimit reisen wollte. Einfach durch die Welt treiben lassen, ohne das negative Gefühl des „bald-zurück-gehen-müssens“ im Magen. Also beschloss ich, die ganz grosse Reise auf später zu verschieben. Mein Ziel war fortan, spätestens mit 50 Jahren mit dem Arbeiten aufhören zu können, um danach frei zu sein. Ich realisierte, dass ich dieses Ziel als Angestellter niemals erreichen könnte und so gründete ich eine eigene Firma. Ich gab Vollgas und verzichtete auf so manches. Ich hatte mit der Entwicklung der Wirtschaftslage und dem Geschäftsgang Glück und so konnte ich mein grosses Ziel bereits mit 47 Jahren erreichen. Mit 48 ging‘s dann los mit der grossen Reise…

Mein Ziel war, spätestens mit 50 Jahren mit dem Arbeiten aufhören zu können

Ich blieb oft ungeplant eine, zwei oder sogar drei Wochen irgendwo hängen.

Ja, es stimmt, dass eine riesige Menge an Eindrücken zusammenkommt. Und es stimmt auch, dass man mit der Zeit etwas „abstumpft“. Das Mittel dagegen ist, Pausen einzulegen. Genau aus diesem Grunde hatte ich von Anfang an beschlossen, die Weltreise in mehreren Etappen zu bewältigen. Nach den bisherigen zwei Etappen habe ich gemerkt, dass 1½- bis 2-jährige Etappen genau richtig sind. Zumindest für mich. Dazwischen mache ich jeweils ca. 1 Jahr Pause, um die Eindrücke zu „verdauen“, aber auch um meine Familie und Freunde wieder zu geniessen. Diese fehlen einem eben schon, wenn man so lange von zu Hause weg ist. Zudem ist es richtig erholsam, für eine gewisse Zeit stationär zu bleiben und nicht ständig ein-und auspacken zu müssen. In diesen Pausen bereite ich jeweils auch die nächste Etappe vor. Dadurch wird natürlich auch die Lust zum Weiterreisen wieder aufgebaut…

Auch während der Reise lege ich immer wieder kleinere Pausen ein, wenn ich an einen schönen oder spannenden Ort komme. Oder es kann durchaus vorkommen, dass ich halt mal einfach keine Lust habe, weiter zu fahren. Sei es, weil es z.B. regnet oder ich ganz einfach zu faul bin. Es kam immer wieder mal vor, dass ich ungeplant eine, zwei oder sogar drei Wochen irgendwo hängen blieb. Zum Beispiel in Goa, Indien, plante ich einen Monat Pause zu machen. Aber es war so toll, dass zwei daraus wurden. Das ist der unschätzbare Luxus, wenn man Zeit hat…

GS: Selber sprichst du auch oft von WOW Erlebnissen – wir wollen mehr erfahren, nimm uns mit an einen Ort, wo du einen solchen WOW Moment erlebt hast – kannst du uns von einem oder auch zwei solchen Erlebnissen erzählen?

Thierry Wilhelm: WOW-Erlebnisse gab es viele. In erster Linie im Zusammenhang mit spektakulären Landschaften. Wie bei der ersten Frage bereits erwähnt, gäbe es dazu zahlreiche zu erwähnen. Doch ich will mich hier auf ein paar wenige beschränken:

Da wäre die berühmte Todesstrasse (Camino de la Muerte) in Bolivien zu erwähnen. Sie führt von La Paz über den „La Cumbre“-Pass (4‘650 M.ü.M.) runter nach Coroico (1‘200 M.ü.M.). Man bewältigt dabei einen Höhenunterschied von über 3‘000 Meter. Das bedeutet, man durchquert fasst alle Klimazonen Südamerikas in kürzester Zeit – vom kalten, ariden Altiplano zum feuchtheissen Regenwald der Yungas. Heute ist dies eine reine Touristenstrecke (downhill-biking), da 2006 eine neue, sichere Strasse eröffnet wurde. Das heisst, es gibt keinen Verkehr mehr und so ist dieser Strecke der grösste Teil des Schreckens genommen. Man kann sie nun richtig geniessen (bei schönem Wetter!) und muss keine Angst mehr haben, dass auf der einspurigen Strecke ein Lastwagen um die nächste Kurve entgegenkommt. Aber sie ist natürlich immer noch ungemein spektakulär mit ihren steil abfallenden Abhängen und Vorsicht ist selbstverständlich in höchstem Masse geboten. Da die Strecke „nur“ ca. 65 km lang ist und kein Verkehr mehr herrscht, kann man sie mit dem Motorrad von La Paz aus locker als Tagestrip befahren – am Morgen runter, in Coroico Mittagessen und am Nachmittag wieder zurück. So kann man die Strecke in beide Richtungen befahren und geniessen, wobei mir die Rückfahrt bergauf, aus der Hitze in die Kälte, besser gefallen hat. Dieser Tagestrip war ein einziges und ununterbrochenes WOW-Erlebnis!

Man durchquert fasst alle Klimazonen Südamerikas in kürzester Zeit…

Die Strecke fordert ebenso viele Tote, wie der „Camino de la Muerte“ in Bolivien früher.

Doch die Beschreibung der vorher beschriebenen Strasse ist eigentlich nur eine Einleitung zur nun folgenden Strecke, die ich gerne erwähnen möchte. Ich hatte sie einige Monate zuvor in Kolumbien befahren und sie steht dem „Camino“ in nichts nach. Die wenigsten werden diese Strecke, die Mocoa und San Franzisco durch bergiges Dschungelgebiet in Südkolumbien verbindet, kennen, denn sie liegt abseits der gängigen Touristengebiete und zudem in einem von den FARC-Rebellen und Regierungstruppen umkämpften Gebiet. Entsprechend ist sie oft geschlossen – je nachdem, wer gerade die Oberhand in diesem Gebiet hat. Ich hatte das Glück, dass sie gerade offen war. Die Strecke wird nicht ohne Grund mit dem Übernamen „Trampolin de la Muerte“ bezeichnet und fordert ebenso viele Tote, wie die „Camino de la Muerte“ in Bolivien früher gefordert hatte. Sie ist nämlich genauso in die Berghänge geschlagen, ist einspurig, unbefestigt und man fällt ebenfalls hunderte von Metern in den Abgrund hinab. Der grosse Unterschied zur Strasse in Bolivien ist, dass sie eine Hauptverbindung vom einen zum anderen Tal ist und sich dementsprechend der ganze Verkehr – Lastwagen und Busse inklusive – die Serpentinen hoch und runter quält. Ich war in diesem Moment gerade mit einem Österreicher unterwegs, den ich ein paar Tage zuvor auf der Strasse getroffen hatte. Als wir in Mocoa, also dem Ausgangspunkt zum Aufstieg des „Trampolin“, eine Kaffeepause einlegten, wurden wir sofort von einer Riesenmenge von Leuten umringt. Bald schon kamen Reporter, eine Radiostation und sogar ein TV-Team angerückt. Wir wurden natürlich auch über unsere Reise befragt, aber in erster Linie ging es um die Überquerung des gefährlichen „Trampolins“. Ich hatte das Gefühl, dass sie es uns ausreden wollten. Und sie bewunderten uns für unseren Mut, mit diesen schwerbeladenen Motorrädern diese gefährliche Strecke bewältigen zu wollen. Man drückte uns eine Zeitung in die Hand, in der genau diese Strecke thematisiert war und einen Neubau forderte. Der Bericht war mit schlimmen Bildern dokumentiert (Fotos unter -> Welt -> Südamerika -> Kolumbien -> Seite 28 anschauen) Wir schauten uns mehrmals leer schluckend an und wurden plötzlich etwas unsicher, ob wir es tatsächlich wagen sollten. Wir wussten ja nicht so richtig, was da auf uns zukommen sollte. Wir sahen nur die Strecke auf der Karte und uns war klar, dass wir da durch mussten, da wir ansonsten in einer Sackgasse wären. Aber umkehren kam da nicht in Frage. Ehrensache!

Das war für mich die verrückteste, gefährlichste und spannendste Strecke, die ich auf der ganzen bisherigen Reise gemacht habe. Ein eindrückliches WOW!

Ein weiteres Highlight war die Überquerung des Passes „Agua Negra“ zwischen Argentinien und Chile. Dies ist ein unbedeutender und kaum befahrener Übergang. Die Strasse ist unbefestigt und zum Teil recht schmal. Die Grenzhäuschen sind auf beiden Seiten in der Ebene, also noch vor dem Aufstieg. Dazwischen liegt eigentlich Niemandsland. Der Pass liegt auf knapp 4‘800 M.ü.M. und ist somit der höchste Pass zwischen den beiden Staaten. Sollte man unterwegs zelten wollen, muss man das angeben. Ansonsten würde ein Suchtrupp losgeschickt (sagte man mir). Ich war den ganzen Tag unterwegs und bin höchstens 2 Autos begegnet. Man kann also sagen, dass man den Pass und die Natur quasi für sich alleine hat. Was aber das WOW-Erlebnis ausmacht, ist die unheimlich schöne Farbenvielfalt der Felsen. Da ist im Vordergrund eine Bergflanke mit allen möglichen Ocker-und Brauntönen, dahinter steigt ein Hang mit diversen Grüntönen an, noch weiter hinten türmt sich die nächste Bergflanke in leuchtenden Rottönen und ganz hinten rahmt das Ganze ein riesiges Bergmassiv mit Schneekappen ein. Die Berge sind voll von diversen Metallen, die vom Regen ausgewaschen werden und dadurch die unglaublichsten Figuren in Berge zeichnet. Ich hatte so was Schönes in den Bergen noch nie gesehen. Dann fährt man um eine Kurve und steht plötzlich vor einem grossen, stillen Bergsee. Die Ebene davor wurde vom speisenden Fluss in grössere und kleinere sich windende Furchen unterteilt. Der salzhaltige Boden sorgt dafür, dass das Ganze wie von einem Zuckerguss überzogen ist und die farbenfrohen Berghänge fügen die Szenerie zu einem Gesamtbild zusammen, das einem den Atem raubt. Ich habe schon viele Pässe überquert, doch dieser Pass schlägt sie alle. Noch nie zuvor war ich von der Schönheit der Natur überwältigter als auf dieser Passüberquerung. Mit einem riesigen Lächeln im Gesicht sagte ich immer wieder: WOW!

Die Auswaschungen zeichnen die unglaublichsten Figuren in Berge.

Das ganze surreal erscheinende Bild, löste ein weiteres, schwer beeindruckendes WOW-Erlebnis aus.

Das letzte und ebenso eindrückliche Naturerlebnis, das ich erwähnen möchte, ist die Durchquerung und Übernachtung auf der grössten Salzfläche der Welt: dem „Salar de Uyuni“ in Bolivien. Die Fläche ist ca. 10‘500 km2 gross, ca. 140 km lang und ca. 110 km breit. In der Trockenzeit kann man den Salzsee mit dem Fahrzeug befahren. Die Ebene ist absolut topfeben und ohne Probleme kann man da mit 100 km/h drüber brettern. Wenn man sich dann in der Mitte der Ebene befindet, sieht man fast nichts mehr anderes als strahlendes Weiss. Die riesige Fläche ist am Horizont von Bergrücken eingerahmt. Man kommt sich so klein vor wie in einer Wüste und empfindet das Ganze als surreal. Total schräg, super spannend, aber vor allem einzigartig! Das eigentliche Highlight war aber, in dieser riesigen, weissen Ebene zu zelten und den Sonnenuntergang, bzw. den Sonnenaufgang zu erleben. Es gibt zwei Inseln in diesem Salzmeer: die „Isla de Pescado“ und die „Isla Incahuasi“. Die Insel „Incahuasi“ ist ca. 30 Meter hoch, vielleicht 100 Meter lang und 50 Meter breit. Das Spezielle an dieser Insel ist, dass auf ihr bis zu 1‘200 Jahre alte Säulenkakteen wachsen. Am Fusse dieser Insel schlugen wir (3 Deutsche und ich) unser Zeltlager auf. Da das Salzmeer auf 3‘600 M.ü.M. liegt, wird es in der Nacht bitter kalt. Als ich am Morgen um 6 Uhr aufstand, zeigte das Thermometer -8 Grad an. Aber das grandiose Erlebnis war, zu erleben, wie die unter- und aufgehende Sonne die tagsüber strahlend weisse Ebene in den Abend- und Morgenstunden in rosarote Farbtöne verwandelt. Die Oberfläche des Salars ist von Hexagone (sechseckige Flächen), die durch aufsteigende kapillare Salzlösung entlang von Trockenrissen gebildet werden, übersäht. Ihre Ränder sind ein paar Zentimeter hoch und durch die tiefstehende Sonne, ergibt das ein wunderschönes Schauspiel mit den kleinen Schattenwürfen. Das ganze surreal erscheinende Bild, löste ein weiteres, schwer beeindruckendes WOW-Erlebnis aus…

GS: Vielen Dank Thierry für das Teilen dieser Augen- und Einblicke.

Im nächsten Teil wird uns Thierry über seine zweite Etappe erzählen. Eine Reise, die ihn durch Syrien führte, wenige Monate bevor der Krieg ausbrach. Er berichtet von Begegnungen mit Iranern und wie sie dem gängigen Bild, das wir im Westen von ihnen und ihrem Land haben, überhaupt nicht entsprechen und vielen weiteren abenteuerlichen Erlebnissen.

Im nächsten Teil wird uns Thierry über seine zweite Etappe erzählen.