Nico Schaerer Fotografie Portrait

Text Martin Hoch, Bild Nico Schaerer
Der Sound ist auf Vollstrom. Da rutscht er mir wieder raus. Irgendwie will der linke Ohrstöpsel nie so recht im Ohr bleiben. Ein blöder Vagabund, Rebell, Flüchtling und Nomade ist dieses kleine weisse Ding da, dass auch nur weiss ist, weil Steve Jobs dachte dies sei eine clevere Marketingidee. Mit meiner linken, nassen Hand stosse ich den Stöpsel zurück in den Gehörgang, lass Bruce Springsteen weiter rocken und kümmere mich wieder um den Abwasch meines Campinggeschirrs.

Gerade als ich fertig bin mit meiner Arbeit, haut Bruce so richtig rein, Lied Nummer 3, Mr. and Mrs. McGrath – die Musik vermischt sich geradezu überharmonisch mit der umliegenden Landschaft des Pumalin Nationalparks im Süden Chiles. Ich schiesse ein inneres Foto: Links ein paar grüne, hohe Bäume, um mich herum allerlei Farne und auf der rechten Seite des Bildes, hinten am Horizont, ein Vulkan. Rundherum Asche und abgestorbene Bäume. Ich halte alles für meine Erinnerungen fest. Natur und Freiheit.

Das ist die Gegend in der ich den Fotografen Nico Schärer kennenlerne. Der Süden Chiles besitzt eine wilde Landschaft und ein raues Klima, das passt zum naturverliebten Zürcher. Am Abend kochen wir uns etwas zusammen. Eine Rösti. Dazu geniessen wir was Süsses: ein Mousse au Chocolat, gezaubert aus einer Fertigmischung, die wir nur mit Wasser anrühren mussten. Garniert haben wir das schmackhafte Essen mit interessanten Gesprächen und viel herzhaftem Gelächter über Anekdoten aus früheren Reisen.

Ich halte alles für meine Erinnerungen fest. Natur und Freiheit.

Der Betrachter soll für sich definieren können, was er in einem Bild sieht.

GS: Wie würdest du deine Fotografie beschreiben?

Nico: Ich möchte mit meinen Bildern dem Betrachter ein Fenster in die eigene Fantasie öffnen. Meine Fotos sollen möglichst wenig direkt beschreiben, um dem Betrachter die Möglichkeit des selber Entdeckens zu eröffnen. Der Betrachter soll für sich definieren können, was er in einem Bild sieht. Zudem sind Fotografien ein Mittel um Emotionen zu transportieren. Auch Fotos, die eine klar detailliert abgebildete Landschaft zeigen, sollen dem Betrachter Spielraum für eigene Gedanken lassen, denn jeder assoziiert mit Bildern unterschiedliche Emotionen oder Erlebnisse.

GS: Landschaftsfotografie begeistert dich. Was fasziniert dich an der Natur?

Nico: Die Natur ist zeitlos, absolut, ein Faktum. Sie stellt einen sicheren Wert dar – man hinterfragt sie nicht. Die Natur war vor uns hier und wird auch nach uns noch hier sein. Gleichzeitig sind wir ein Teil von ihr, wenn auch ein sehr kleiner.

Doch ich will mich fotografisch nicht nur mit der Natur beschäftigen. Genauso begeistern mich Design, Architektur und Menschen. Ich bewege mich gerne zwischen den verschiedenen Feldern. Beschäftige ich mich zu lange nur mit einem Thema, geht der Reiz verloren und dadurch die Lust, etwas optisch zu entdecken und festzuhalten. Ebenso spüre ich den Drang nach etwas Distanz, die Natur oder auch andere Bereiche, wie ein Schwamm wieder in mich aufzusaugen.

GS: Obwohl dir die Natur so lieb ist, wohnst du nicht im Grünen, sondern mitten in Zürich, der grössten Stadt der Schweiz. Weshalb?

Nico: Ich liebe die Natur, aber genauso das urbane Leben und das kulturelle Angebot einer Stadt. Ein weiterer Faktor ist das soziale Leben. Eine Stadt ist ein Knotenpunkt, an dem viele Menschen zusammen kommen, somit der ideale Ort, um ein Netzwerk auf natürliche Art zu pflegen – ein nicht unwichtiger Aspekt für mich als freischaffender Fotograf. Zudem verbringe ich durch meine Arbeit und meine privaten Reisen viel Zeit in der Natur. Dieses Jahr hielt ich mich nur während drei Monaten in der Stadt Zürich auf.

Die Natur ist zeitlos, absolut, ein Faktum. Sie stellt einen sicheren Wert dar.

In der Schweiz fehlt es einem an kaum etwas.

GS: Du hältst es nie lange in der Schweiz aus. Während sieben Jahren warst du unterwegs, die Welt mit einem zum Camper umgebauten Bus zu entdecken und momentan bereist du mit deinem Motorrad Südamerika. Wird dir die Schweiz manchmal zu eng? Was gibt es da draussen zu entdecken, dass dir in der Schweiz fehlt?

Nico: Für mich war der Grund des Reisens immer die Neugier und nicht eine Flucht aus der Schweiz. Mir gefällt die Schweiz sehr gut. In der Schweiz fehlt es einem an kaum etwas. Ich staune immer wieder, dass viele Schweizer die Schönheit und den einzigartigen Wohlstand unseres Landes nicht mehr oder nur viel zu wenig schätzen.

GS: Begegnest du deinen Sujets spontan oder planst du deine Reisen konkret, um spezifische Landschaften fotografisch festzuhalten?

Nico: Vor meinen Reisen beschäftige ich mich intensiv mit den Ländern, die ich besuche und recherchiere gründlich. Unterwegs steuere ich die Gebiete, die mich interessieren dann ziemlich direkt an. Im Unterschied zu vielen Reisenden lege ich oft grössere Strecken in kürzester Zeit zurück und schaue mir unterwegs nicht alle touristischen Sehenswürdigkeiten an. Erscheint mir ein Ort aber interessant, verbringe ich auch mal mehr Zeit an diesem, um mich der Fotografie intensiv zu widmen. Doch trotz der Recherche und des Planens geschieht auf den Reisen jeweils vieles spontan. Sehr oft ist es nicht möglich, die Aufnahmen zu planen, denn die Natur hat ihre Launen und da gilt es dann, jeweils bereit zu sein, um im entscheidenden Moment darauf reagieren zu können.

GS: Wenn du eine Landschaft vor dir hast, die du ablichten willst, beginnt die eigentliche Arbeit. Ein professionelles Foto zu schiessen, bedeutet sicherlich mehr Arbeit, als nur den Auslöser einer Kamera zu drücken. Auf was achtest du beim Fotografieren?

Nico: Entscheidend ist sicherlich ein interessanter Bildausschnitt. Ausserdem müssen die Lichtverhältnisse stimmen. Beim Fotografieren fängt man Licht ein. Oft studiere ich einen Ort bereits einen Tag vor einer Fotosession. Es gilt jeweils herauszufinden, um welche Zeit die Sonne das gewünschte Objekt genau so beleuchtet, wie ich es mir vorstelle. Dazu benutze ich auch eine App auf meinem Smartphone, die mir genau anzeigt, wann die Sonne wo stehen wird. Bei beweglichen Objekten, wie zum Beispiel bei der Fotografie aus einem fliegenden Helikopter, gilt es wiederum ganz andere Aspekte zu beachten. Um das gewünschte Bild einzufangen, gibt es nicht nur einen, sondern verschiedenste Wege.

Um das gewünschte Bild einzufangen, gibt es nicht nur einen, sondern verschiedenste Wege.

Die Berge ziehen mich immer an – wie ein Magnet.

GS: Und danach werden die Fotos noch nachbearbeitet – eine Kunst für sich? Wie viel Zeit benötigst du für die Nachbearbeitung?

Nico: Die Nachbearbeitung ist sehr zeitintensiv. Es beginnt bereits bei der Vorselektion der Bilder. Die Bildbearbeitung selber beansprucht schliesslich schnell drei bis vier Stunden pro Bild. Bildbearbeitung ist tatsächlich eine Kunst und stellt heutzutage auch einen eigenen Beruf dar. Speziell im kommerziellen Bereich beauftrage ich oft externe Firmen, um die Bilder professionell zu bearbeiten. Meine Naturfotografien wiederum bearbeite ich alle selber.

GS: Auch in der Schweiz bist du stets für die Fotografie auf Achse, wo in der Schweiz gefällt es dir am besten?

Nico: Die Berge ziehen mich immer an – wie ein Magnet. Ich mag die Abgeschiedenheit, Gegenden abseits von Menschenmassen. Irgendwann hätte ich gerne einen Rückzugsort an einem ruhigen Ort, irgendwo in den Schweizer Bergen.

Doch gleichzeitig gilt auch hier: Abwechslung macht das Leben spannend. Genauso wie ich oft die Ruhe in der Natur suche, geniesse ich die Zeiten beim Kitesurfen am Silvaplanasee, Konzertbesuche oder eine Bootsfahrt mit Freunden auf dem Zürichsee.

GS: Du bist wahnsinnig aktiv. Treibst viel Sport, bist ständig auf Achse, hast ein grosses Netzwerk, dass es zu pflegen gilt und musst fotografisch wie auch kommerziell immer am Ball bleiben. Woher nimmst du diese Energie?

Nico: (lacht) Das frage ich mich manchmal auch. Nicht zu vergessen, dass auch meine Beziehung zu meiner Freundin nicht zu kurz kommen soll. Es ist tatsächlich so, dass einem dieser Job einiges abverlangt. Erst noch flog ich von Zürich aus für vier Tage nach Sao Paulo für ein Fotoshooting, zurück in Zürich folgte gleich die nächste Session und schon am nächsten Tag reiste ich für einen weiteren Auftrag für vier Tage nach Kenia. Nach getaner Arbeit in Kenia warteten bei der Rückkehr in Zürich bereits weitere drei Shootings und kaum waren diese abgeschlossen, bestieg ich ein Flugzeug nach Uruguay. Das viele Fliegen und die verschiedenen Klimazonen sind doch ziemlich beschwerlich.

GS: Was ist deine Oase in solch hektischen Zeiten?

Nico: Ich versuche nach intensiven Phasen auch immer Ruhepausen einzubauen. Dazu gehören jeweils eine gesunde Ernährung und genügend Schlaf. Auch lege ich beim Reisen immer wieder mal die Kamera zur Seite und geniesse einfach meine Freizeit. Generell verschwimmen bei mir die Grenzen vom Fotografieren, der Arbeit und dem Reisen stark. Dieser Lebensstil funktioniert nur, wenn du mit dir im Reinen bist und ein solides Grundvertrauen in dich selbst hast.

Generell verschwimmen bei mir die Grenzen vom Fotografieren, der Arbeit und dem Reisen stark.

Die Natur ist zeitlos und somit wie ein Fels in der Brandung, wenn es rundherum kriselt.

GS: Nebst der Natur- und Reisefotografie bist du auch stark im kommerziellen Sektor tätig. In den vergangenen Jahren warst du für viele renommierte Firmen tätig – nur ein Geldjob oder auch eine Leidenschaft?

Nico: Am Anfang lagen diese zwei Gleise, die Natur- und Reisefotografie und die kommerzielle Arbeit weit auseinander. Es war aber immer mein Ziel, dass sich diese Felder in meiner Arbeit annähern. Zum Beispiel mit der fotografischen Arbeit für Valserwasser und den Valserthermen ist mir dies gut gelungen. Es ist natürlich der Idealfall, wenn kommerzielle Kunden dich für einen Auftrag buchen, weil sie sehen, dass du genau dort, wo du deine Leidenschaft hast, auch deine Stärken hast. Zudem deckt sich meine Positionierung in der Naturfotografie zurzeit stark mit den Kundenwünschen. In Krisenzeiten stellt die Natur einen sicheren Wert dar. Wie zuvor beschrieben, ist die Natur zeitlos und somit wie ein Fels in der Brandung, wenn es rundherum kriselt. Dies ist sicherlich eine Symbolik, die Firmen aktuell marketingtechnisch vermehrt verwenden. Gleichzeitig ist das oft auch ein schmaler Grad für mich als Fotograf und Naturliebhaber. Ich muss jeweils eine Brücke schlagen und darauf achten, dass ich der Natur gerecht werde, die Arbeit ethisch verantworten kann und zugleich den kommerziellen Aspekt nicht aus den Augen verliere.

Natürlich gibt es aber auch die Art von Aufträgen hinter denen weniger persönliche Leidenschaft steckt. Doch ich widme mich auch diesen gerne, denn auch sie tragen zur finanziellen Freiheit bei, mehrere Monate ohne konkreten Auftrag zu Reisen.

GS: Kommerzielle Arbeit ist sicherlich ein Stressjob. Am Set muss alles funktionieren. Eine zweite Chance, um den Klienten zufrieden zu stellen, gibt es nicht. Wie gehst du damit um?

Nico: Hier hilft mir meine Reiseerfahrung enorm. Bei meinen sieben Jahren in denen ich mit meinem Kleinbus durch die Welt reiste, lernte ich zu planen, schnell zu reagieren und zu improvisieren. Ich lernte, dass man den Horizont nicht aus den Augen verlieren sollte und sich nie zu fest auf das Problem fokussieren darf. Nach sieben Jahren reisen, wirft dich ein Problem nicht so schnell aus der Bahn; das Leben in der Ferne gibt dir die nötige Selbstsicherheit, richtig mit Problemstellungen umzugehen.

Wichtig ist aber auch ein gutes Team; es ist eigentlich das A und O in meinem Beruf. Ich strebe mit meinen Berufskollegen, wenn möglich, immer eine langfristige Zusammenarbeit an. Speziell mit einem Assistenten arbeitete ich nun bereits einige Jahre sehr erfolgreich zusammen und weiss jeweils, dass ich mich komplett auf ihn verlassen kann. Und auch hier kommt wieder eine Fähigkeit zum Zuge, die mich das Reisen lehrte – den Umgang mit Menschen. In der Ferne ist man auf gute Kommunikationsfähigkeiten angewiesen. Wenn man an persönliche Grenzen stösst, mit einem Problem beschäftigt ist und die Sprache der lokalen Bevölkerung nicht genügend beherrscht, lernt man ziemlich schnell sich effektiv auszudrücken. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass man durchs Reisen eine ganz neue Offenheit fremden Menschen gegenüber erhält. Auch dies hilft mir in meiner täglichen Arbeit sehr oft.

Schlussendlich ist es aber so, dass nicht nur die Qualität der Bilder gut sein muss, sondern das Gesamtpaket deiner Dienstleistung. Meine Kunden wissen, dass ich stets eine hohe Einsatzbereitschaft zeige und einen starken Servicegedanken besitze. Daher darf ich bei den meisten Kunden auf eine langjährige Zusammenarbeit zurückschauen.

GS: Im Moment befindest du dich in Brasilien. Ist diese Reise ein rein persönliches Abenteuer oder bist du auch für Kunden unterwegs?

Nico: Auf dieser Reise beschäftige ich mich bewusst mit meinem Projekt printedition.ch und arbeite nur wenig an Kundenprojekten. Vor allem soll diese Reise aber auch eine Auszeit sein, um neu aufzutanken. Ich geniesse das Motorradfahren, es ist für mich ein meditativer Akt. Vor drei Tagen fuhr ich stundenlang der wunderschönen Küste Brasiliens entlang und auf einmal stand ich mitten im Stau von Rio de Janeiro bei 42 Grad Celsius, als ein Monsunregen wie eine Sintflut über mir zusammenbrach – solche Momente hauen einem weg. Wahnsinn.

Wenn man an persönliche Grenzen stösst, mit einem Problem beschäftigt ist und die Sprache der lokalen Bevölkerung nicht genügend beherrscht, lernt man ziemlich schnell sich effektiv auszudrücken.

Der Zollbeamte schaute mir nicht mal in die Augen und kehrte zügig wieder zu seinen vier Kollegen vor den Fernseher zurück, in dem ein Fussballmatch zu sehen war. Die ganze Einreise dauerte knappe 30 Sekunden.

GS: Was sind deine ersten Eindrücke von Brasilien?

Nico: In den wenigen Tagen, die ich nun in Brasilien bin, durfte ich bereits schnell erfahren, dass die Menschen hier sehr hilfsbereit sind. Gleichzeitig fällt es mir aber noch schwer mit ihnen zu kommunizieren, da ich kaum Portugiesisch spreche. Was den Verkehr betrifft, ist Brasilien der Wilde Westen. Es scheint keine Regeln zu geben oder zumindest hält sich niemand daran.

Patagonien, eine Region die ich Anfang dieses Jahres bereiste, liegt mir grundsätzlich aber schon näher: Diese wilde Natur eroberte mein Herz schnell. Ich bevorzuge das kühle Klima und kämpfe zurzeit noch etwas mit den tropischen Verhältnissen in Brasilien. Aber ich bin offen und gespannt, es wird sicher auch eine Reise mit vielen neuen, spannenden Eindrücken.

GS: Spürt man im Land bereits die Vorfreude auf die kommende Fussball Weltmeisterschaft?

Nico: (Lacht) Hier scheinen alle Fussballaballa zu sein. Überall sieht man die Jungen dem Ball hinterherrennen – aber wahrscheinlich ist das hier immer so.

Als ich bei der Einreise, auf dem Landweg von Uruguay aus kommend, dem Zollbeamten meine Dokumente übergab, ging es zack-zack und Stempel rein. Der Zollbeamte schaute mir nicht mal in die Augen und kehrte zügig wieder zu seinen vier Kollegen vor den Fernseher zurück, in dem ein Fussballmatch zu sehen war. Die ganze Einreise dauerte knappe 30 Sekunden.

GS: Was sind die nächsten Stationen deiner Reise und auf welchen Spot freust du dich am meisten?

Nico: Ich werde von Rio de Janeiro aus der Küste entlang bis nach Fortaleza zum Kitesurfen fahren. Weiter geht es nach Belém, von wo aus ich nach Manaus in den Amazonas verschiffen werde. Der Amazonas wird sicherlich ein Highlight. Hier möchte ich gerne die unendlich wirkende Landschaft bei Luftaufnahmen festhalten. Weitere Stationen meiner Reise werden dann noch Venezuela und Kolumbien sein. Speziell Bogota und Medellin, in Kolumbien, interessieren mich.

GS: Vielen Dank. Ride on amigo!

Quelle Portraitfoto Nico Schaerer: Amanda Nikolic
Quelle Bilder: Nico Schaerer