Text und Bild Martin Hoch
Ich bin 33 Jahre alt, habe bereits in 11 Wohnungen gehaust, bin in mehreren hundert Unterkünften abgestiegen, habe unzählige Flugzeuge bestiegen, bin in dutzende Länder ein- und wieder ausgereist, benötige fast jedes Jahr einen neuen Reisepass wegen Platzmangels für Visen und hatte bereits neunmal meinen letzten Arbeitstag. Abschiednehmen ist für mich nicht gerade eine Routine, aber es war schon immer ein Bestandteil meines Lebens.

Ich habe den Abschied selten zelebriert, ein fester Händedruck und ein einfaches „bon voyage“ ist mir jeweils am liebsten – das Tränenreiche überlasse ich gerne anderen. Eine Arbeitskollegin meinte dieses Jahr: „Don’t say goodbye – let’s just say, see you again“. So mag ich’s.


Luzern

Torres del Paine

Doch heuer gab es jemanden, von dem ich mich gebührend verabschieden wollte – ein intensives Auf-Wiedersehen-ich-bin-dann-mal-weg sollte es werden. Es musste so sein, denn diese Beziehung, eine junge und intensive, geprägt von Gezänk und Lobdudelei, von Staunen und Verachtung, Bewunderung und Belächeln, wuchs mir in den letzten Jahren besonders ans Herzen – meine Liebschaft mit der Schweiz.

Doch wie sagt man einem Land Auf Wiedersehen? Und vor allem, wo tut man dies in der Schweiz am besten? Naheliegend wäre Bern, unsere Bundeshauptstadt, da könnte ich dem Bundeshaus symbolisch eine Kusshand entgegenschleudern. Ich könnte dies aus meiner Heimatstadt Basel tun, schliesslich ist dies mein Hafen, wenn ich in der Schweiz weile. Am verlockendsten wäre es bei Sonnenschein aus der Sonnenstube der Schweiz, von Locarno aus, unter einer Palme stehend, Arrivederci zu rufen. Wäre es nicht soweit von zu Hause aus entfernt, wäre auch das Engadin eine Möglichkeit gewesen, im Herbst mit Indian-Summer Feeling. Nein, das ist alles zu wenig passend, denn bei einer leidenschaftlichen Beziehung küsst man sich mitten ins Gesicht, direkt auf den Mund – und in der Mitte der Schweiz liegt nun mal Luzern. Irgendwie perfekt, viel schweizerischer geht’s eigentlich auch gar nicht.

Früh morgens besteige ich den Zug, im Gepäck den Frühstücks-Tipp von Luzern Tourismus: das Seebistro Luz mit herrlicher Sicht auf den See. Ich gehe die paar Schritte vom Bahnhof aus rüber zum See. Vor mir ein Pärchen aus China, das schnurstracks geradeaus zur Bootsanlegestelle der Schiffsrundfahrten geht und die legendäre Kapellerbrücke zur linken Seite nicht mal wahrnimmt. Schliesslich stehe ich vor dem Seebistro Luz – es beschreibt sich selbst als „Eine Luzerner Perle, wiederauferstanden seit 2009: Das Luz Seebistro ist ein wunderbar filigraner Bau aus dem Fin-de-Siècle, mit einer Aussicht bei welcher Touristen wie Einheimische ins Schwärmen geraten.“ Tatsächlich strahlt das kleine Bistro eine warme Atmosphäre aus, die dazu einlädt in Gemütlichkeit ein kleines Frühstück zu verspeisen und genüsslich durch die Tageszeitung zu blättern. Obwohl ich mitten in Luzern sitze, in einem Bistro, das die Herzen der Touristen höherschlagen lässt, ist nichts von hektischem Treiben und kein störendes Geplauder zu vernehmen.

Bei einer leidenschaftlichen Beziehung küsst man sich mitten ins Gesicht, direkt auf den Mund …

Man kann sich kaum von der Schweiz verabschieden ohne THE City, das pulsierende Zentrum Europas, zu besuchen …

Mein Blick gleitet über den See, da sehe ich vor mir das Rundfahrtschiff, das die Chinesen wohl angesteuert hatten. Bereits vor Abfahrt tummeln sich einige Touristen ganz vorne auf dem Deck rum, um ihre Fotokameras warm zu schiessen. Wahrscheinlich erreichten sie Luzern heute Morgen von Paris aus kommend und werden abends bereits durch die Gassen Venedigs flanieren. Das Schiff mitsamt ihrer Ladung legt ab und fährt direkt vor mir in Richtung See, da sehe ich die grossen Letter auf dem Schiff: EUROPA. So heissen heutzutage die Schiffe in der Innerschweiz – na dann: Bon voyage Europa, ich hätte nicht gedacht, dass ich mich heute in der Früh auch noch von dir verabschieden werde. Luzern, the place to be – hier trifft sich die Welt.

Zurück im Bahnhof besteige ich den Zug in Richtung Zürich. Ja, auch wenn wir Restschweizer es nicht gerne hören, man kann sich kaum von der Schweiz verabschieden ohne THE City, das pulsierende Zentrum Europas, zu besuchen. Die Restschweizer haben’s alle verstanden, aber: Liebe Zürcher, den letzten Satz bitte nicht gleich für bare Münze nehmen, es war ein eher ironischer Ausdruck. Aber keine Angst irgendwann werde ich Zürich, euren Egos zuliebe, auch noch als die schönste, beste und most sexy Stadt der Welt küren. Das dürft ihr dann ein Jahr lang jedem mit geschwollener Brust erzählen.

Ich, der Restschweizer, wollte nun, nach Tagen des Vorbereitens, Packens und Organisierens, eigentlich nur noch eins: RELAXEN. Und zwar so richtig! Da mir kürzlich zu Ohren kam, dass im Puls5 in Zürich dieses Jahr ein neues SPA eröffnete (richtig, auch ein Restschweizer kann up-to-date sein), steuere ich gleich die Gegend um den Escherwyss-Platz an. Hier ensteht seit einigen Jahren ein neuer Stadtteil, über dem der Prime Tower thront – genau, in Zürich kann ein Turm nur PRIME heissen, wie auch ein Flughafen hier nur UNIQUE sein kann – ist halt so, wenn’s die Leute nicht selber wahrnehmen, muss man es eben anschreiben. Es tut mir leid, aber wenn ich verspannt bin, kann ich ziemlich giftig sein.

Und hier im Ease Design SPA versprechen sie genau dieses Dilemma zu lösen – ihr Slogan: einfach entspannen. Genau mein Ding. Mehr will ich nicht.

Ich betrete das SPA und werde äusserst freundlich von einem der Geschäftsinhaber willkommen geheissen. Mit einem fruchtigen Smoothie in der Hand betrachte ich das kalte moderne und gleichzeitig ruhig wohltuende Ambiente, dass der Raum ausstrahlt. Die Mischung scheint mir gelungen. Vom Beautybereich aus geniesst man eine Sicht auf den neuen Stadtteil und Mr. Prime persönlich. Schliesslich darf ich mich auf die Massageliege legen und geniesse eine wohltuende und äusserst professionelle Massage. So muss es sein. Einfach entspannen. Ich gebe es zu, ich bin nicht der kritischste SPA-Besucher – Entspannung tut mir fast immer gut und wenn das Ambiente stimmt, dann ist es um mich geschehen. Aber darum geht es ja irgendwie auch, man will ganz einfach verwöhnt werden. Ein SPA Besuch soll eine Oase im Alltag sein und das war es hier definitiv.

Komplett erholt und frohen Mutes steure ich den nächsten Spot an – die Atelier Bar nähe Paradenplatz. Trinke mit Freunden ein, zwei Drinks und merke auf dem Gang zur Toilette, dass Dieter Meier (ex-Yello) auch bei diesem Gastrobetrieb seine Hände im Spiel hat, denn im Keller stehen überall seine Weinkisten „Ojo de Agua“ rum. Der Dieter, ein richtiger Tausendsassa. Der krönende Abschluss bildet ein gediegenes Abendessen im Restaurant Lumière, wir schlagen die Menükarte auf, begutachten die feilgebotenen Köstlichkeiten und stellen fest: hier kann man richtig gut Fleisch essen. Woher das Fleisch stammt? Genau: von Dieter Meiers Farm. Man kann Señor Meier nicht vorwerfen, er wisse nicht, was die Guten Dinge im Leben sind: Musik, Wein und saftige Steaks.

Schliesslich sitze ich wieder im Zug. Von Downtown Zürich zurück in die Provinz – nach Basel. Meine Schweiz, wir hatten einen schönen Abschiedstag zusammen, kein Gezänk, einfach nur Genuss – ich danke dir: Auf-Wiedersehen-ich-bin-dann-mal-weg!

Auf-Wiedersehen-ich-bin-dann-mal-weg!